xxx Exerzitien auf der Straße – Wege nach Bolivien

Zunächst möchte ich mich bei allen Menschen bedanken, die mich in diesen wichtigen Tagen begleitet haben oder mir in Begegnungen wichtige Antworten gegeben haben. Alle die mich kennen und diesen Text lesen, können mich ab und zu dazu ermutigen wieder an diese Zeit zu denken.

Donnerstag, zweiter August

Ich komme gegen sechs Uhr abends in der Wohnung an und werde an der Tür von Jacques nett begrüßt. Zusammen mit Christian, der meine Exerzitien begleiten wird trinken wir erst einmal einen Kaffee. Die Wohnung ist eine sehr ungewöhnliche. Bestehend aus zwei Wohneinheiten leben auf vielleicht 90 m² 10 Menschen unterschiedlicher Herkunft, Geschichte und Alter auf unterschiedliche Zeit zusammen. Von Ihnen allen wird im Laufe meines Textes sicherlich noch erzählt werden. Mein Zimmer ist das Gästezimmer und die Bibliothek. Es ist schmal und mit zwei Betten, einem Schrank und den Büchern ziemlich ausgefüllt, aber trotzdem ein Rückzugsort. Christian bietet mir nach dem Essen ein Gespräch an. Für mich ist es sehr ungewöhnlich wieder einmal selbstverständlich mit ihm das Vater unser zu beten und über Gott zu sprechen. Als Einstieg in die Exerzitien soll mich die Frage begleiten, worüber ich mich in meinem Leben am meisten ärgere. Dieser Ärger bildet meine Sehnsucht ab, also Träume und Tatsachen unter deren Nichtexistenz ich leide. Als zweite Anregung steht die Frage, wen ich darum bitten kann, für mich zu beten.

Ich gehe also recht bald auf die Straßen von Kreuzberg, diesem mir eigentlich völlig unbekannten Stadtteil von Berlin, da er abseits meines langjährigen Berliner Lebens liegt. Ich versuche mich auf meine Wahrnehmung zu konzentrieren, zu sehen, zu hören, zu riechen. Ich beobachte die türkischen Frauen am Fenster, entdecke alternative Läden und Projekte, die Emmauskirche, von deren Modellcharakter ich schon viel gelesen haben und vor der hinter einer Absperrung ein Moslem betet. Dann gehe ich in den Görlitzer Park, der mich von Anfang an fasziniert. Punks, türkische Jugendliche, schwule Paare, Musik und Grillgeruch vor dem Hintergrund eines Sommerabends. Ich setze mich in das Amphitheater und versuche innerlich ruhig zu werden. Gestört werde ich durch einen jungen Türken, der mich etwas flapsig anspricht, ob er sich zu mir setzen könne? Ärgerlich weise ich ihn zurück, was mir sofort leid tut. Ich nehme mir vor, das nächste Mal nur auf mein Schweigen hinzuweisen und nicht darauf zu bestehen, dass rechts und links von mir niemand sitzt. Ich gehe zur Telefonzelle und rufe Richard an. Ich bitte ihn für mich zu beten, als Vertrauensbitte und gleichzeitig, um ihn auch mit meiner Woche zu konfrontieren. Die Frage nach dem Wie lasse ich deshalb bewußt offen. Dann schlendere ich weiter durch den Park und werde prompt ein zweites Mal angesprochen. Wie überlegt, bestehe ich nur darauf, nicht zu einer krampfhaften Konversation gezwungen zu werden. Der junge Mann ist Algerier, arbeitet in einem Fastfoodrestaurant und nachdem wir geklärt haben, dass ich nicht an einer Beziehung interessiert bin wird doch aus dieser Begegnung ein schönes Gespräch. Ich staune darüber, dass er gerne in Deutschland ist und sehr optimistisch seinen Weg sieht. An politischen Diskussionen hängen wir uns leider etwas fest und ich merke, dass Politik für mich ein gutes Thema ist, aber auch sehr weit weg. Ich kann viel sagen ohne viel zu sagen. Mit diesem Gefühl gehe ich nach Hause und ins Bett.

Freitag, dritter August

Ich stehe zeitig auf und gehe mit voller Begeisterung auf die Strasse. Als Zielpunkt habe ich die Wohnung meiner Freundin, da ich mich entschieden habe, ihr beim Umzug wenigstens eine Stunde lang zu helfen. Ich möchte mich während der Exerzitien nicht gänzlich der Welt entziehen. Ich entdecke das Engelsbecken mit seiner hinduistischen Steinfigur, die Michaelskirche, das Heizkraftwerk an der Jannowitzbrücke mit seinem biblischen Spruch über die Gerechtigkeit, freue mich über einen afrikanischen Gärtner, der sich nett mit Rentnern unterhält und suche mir als meinen ersten bedeutenden Ort, die Eingangstür zum Wohnhaus meiner Tante aus. Seit mehreren Jahren besteht kein Kontakt mehr zu ihr, trotz mehrerer Versuche lehnt sie diesen ab und so ist dieses Haus ein Symbol von Ohnmacht für mich. Ich setze mich vor die Tür und versuche zu beten. Dann gehe ich weiter zu meiner Freundin, schleppe eine Stunde lang Schränke und Regalbretter. Auf dem Rückweg versuche ich zu überlegen worüber ich mich ärgere und denke dabei zuerst an meine Arroganz. An meine Arroganz gegenüber Menschen, die sich bei Penny Bierbüchsen kaufen oder in Anzug mit Handy über den Alexanderplatz laufen. Ich gehe weiter Richtung auswärtiges Amt und setze mich dort mitten in die überdachte Vorhalle. Wie sind die Menschen, die hier elegant gekleidet durch die Gänge eilen? Ist es sozial zu verurteilen, im Hilton Hotel am Gendarmenmarkt zu übernachten? Fühlen sich die Bolivianer mir gegenüber genauso, wie ich mich gegenüber den Menschen fühle, die selbstverständlich in teuren Boutiquen einkaufen gehen? Ich schlendere über die Friedrichstraße zum Haus des Springer-Verlages, um festzustellen, dass dieses nur noch mit Firmenausweis zu betreten ist, also keinen öffentlichen Raum mehr bietet. Ein paar Kinder schimpfen mich Hure oder so ähnlich, was mich doch leicht ärgert. In der Wohnung angekommen habe ich als Punkte meiner Ärgernis im Kopf: Ich bin zu arrogant, denke zu kompliziert, sehe oft eher das Negative und ärgere mich, wenn das Leben zu banal ist. Ich sehne mich, mich öfters einmal fallenlassen zu können und mutiger zu sein, auch wenn erst einmal negative Konsequenzen folgen. Als Idee über meinen Glauben, finde die Sehnsucht, dass irgend etwas anders sein kann, dass ich irgendwie weitergehen muss. Warum aber zweifle ich soviel an? Habe soviel Angst etwas zu verpassen?

Ich schlendere noch über den Platz an der Emmauskirche, wo ein alternativer Markt stattfindet. Die Kreuzberger Alternative, jetzt oft schon im stolze Mütter und Väter, gehen dort Biogemüse und Brot einkaufen. Sie verkörpern einen Traum von mir, bewußt zu leben, vielleicht in einer Kommune und nicht dem Mainstream zu folgen. Ein kleines Kind fragt alle Menschen selbstbewußt um deren Namen, ein Gitarrist spielt für einen Jungen ein Lied, ein Mann unterhält sich mit einem Freund über alternative Heilmethoden und mein Nachbar versucht Didgeridoos zu verkaufen. Ich vergleiche immer wieder diese Welt mit Kaulsdorf, wo ich großgeworden bin: ein Weltenunterschied.

Um 17 Uhr treffe ich mich mit Christian zu meinem Gespräch. Worüber habe ich mich ganz konkret geärgert. Vielleicht doch, dass mich der Türke angesprochen hat? Es bleibt alles unklar und verkopft, irgendwie geht es in die Richtung von Beziehungen auf gleicher Ebene. Ein schöner Gedanke ist für mich, dass Sehnsüchte wichtig sind. Selig sind die, die hungern nach Gerechtigkeit, die immer hungriger in ihren Sehnsüchten werden. Das berührt mich, da ich oft das Gefühl habe, dass meine Träume realitätsfern sind, naiv und nicht geerdet. Christian holt ein Buch mit dem Titel „Die hundert Namen Gottes“. Gott hat in der Tradition des Islams neunundneunzig Namen, nach den auch die Kinder oft benannt werden, zum Beispiel „der Gütige, der Wahrhaftige…“ Diese Namen repräsentieren einen Wunsch aber auch einen Auftrag. Der hundertste Name ist aber dein persönlicher. Dieser stellt den Teil von Gott da, den Du in der Welt vertreten kannst. Deine Sehnsucht und Deine Aufgabe. Es kann schmerzhaft sein, diesen zu entdecken, meint Christian, ermutigt mich aber gleichzeitig am nächsten Tag, dem noch einmal nachzugehen.

Mit diesem Gedanken gehe ich nachdenklich wieder Richtung Görlitzer Park. Ich versuche Menschen zu entdecken, die mir etwas sagen können. Zwei Männer meditieren und ich setze mich in die Nähe und überlege mir, welchen Namen Gottes sie haben könnten. Türkische Kinder mit kurzgeschorenen Köpfen rennen um mich herum. Dann werde ich wieder von einem jungen Türken angesprochen. Ich lasse mich auf ein Gespräch ein, um enttäuscht bei den Fragen: möchtest Du meine Freundin sein bzw. bist Du noch Jungfrau zu landen. Lang und breit erkläre ich ihm, warum eine solche Anmache bei Frauen nicht sehr positiv wirkt. Ich erfahre doch einige Details über die Türkei, aber das Gespräch endet mit einer fast erpressenden Forderung nach einem Kuss, so dass ich ihn einfach stehen lasse und nach Hause eile.

Samstag, vierter August

Wohin, wohin soll ich gehen? Ich gehe zuerst einmal Brötchen holen und warte, dass jemand wach wird. Schließlich frühstücke ich alleine und gehe dann Richtung Kottbuser Tor. Dieser Platz beherbergt die Drogenszene von Berlin. Kaputte Menschen, wohin man schaut, denke ich mir und kann mich nicht dazu überwinden, mich auf eine dieser dreckigen Bänke zu setzen. Es würde sehr eigenartig aussehen, dies zu tun, wenn es doch andere Möglichkeiten gibt. So setze ich mich auf die Verkehrsinsel und esse gekaufte Birnen. Ich entschließe mich zum Zoologischen Garten zu laufen, als einen Ort, den ich immer innerlich gemieden habe, wo ich mich nie wohlgefühlt habe. Mittlerweile habe ich meine „Exerzitienlaufgeschwindigkeit“ erreicht, dass heißt ich krieche wie eine Schnecke, aber es lässt viel Raum, sich umzuschauen. Ich laufe entlang der U1, entdecke die Stelle für islamische Medienarbeit, ein Café der Toleranz. Der Satz: Selig sind die, die hungern nach Gerechtigkeit geht mir nicht aus dem Kopf. Der Zusammenhang zwischen Hungern(Nahrung) und Sehnsüchten wird mir plötzlich bewusst. Generell bin ich verwirrt, ich versuche meine Ärgernisse zu finden und meine Sehnsüchte. Ich ärgere mich, wenn andere Menschen arrogant mir gegenüber sind, ich ärgere mich, wenn ich bestimmte Distanzen zu anderen Menschen nicht überwinden kann. Ich ärgere mich, wenn sich nichts verändert. Andererseits habe ich gerade in Beziehungen große Probleme mit Veränderungen, so zum Beispiel, wenn jemand geht, Angst Freundschaften sich verlieren. Gleichberechtigung ist auch wichtig, da ich oft unter meiner Arroganz oder unter Komplexen leide. So bastele ich mir auf dem Weg meinen Namen, irgendwie muß er die Überwindung der Distanz beinhalten, Nähe, Gleichberechtigung und Bewegung. Vielleicht: Ich bin die, die gleichberechtigte, bewegte Nähe sucht. Gott ist der, der gleichberechtigte bewegte Nähe gibt. Es klingt für mich sehr schön und entspricht meiner Sehnsucht nach Freundschaften.

Ich gehe am Verkehrsmuseum vorbei, Richtung Kurfürstenstrasse und am Wittenbergplatz ins KADEWE, da ich eine Toilette suche. Wie soll ich die Distanz zu diesem Reichtum überwinden? Werden diese vielen Lebensmittel wirklich gekauft, oder der Steiffteddybär für 100 Euro? Wie kann ich die Menschen verstehen, die von diesem Kaufhaus begeistert sind? Ich weiß es nicht. Die Gedächtniskirche ist auch kein Ort für mich und so gehe ich Richtung McDonalds. Normalerweise verabscheue ich Fastfoodrestaurants und führe hochmoralische Diskussionen. So setze ich mich jetzt bewusst hinein und stelle fest, dass es hier immerhin international zugeht. Aber der Manager, der mit seiner Videokamera in der Hand hastig seinen Burger verschlingt, passt trotzdem in meine Schubladen. Draußen auf dem Breitscheidplatz fängt eine Demonstration der Jagd-Gegner an. Ich erhalte ein kostenloses Essen, verstehe aber nicht, wie ein so großer Aufwand für eine Forderung betrieben werden kann, die angesichts globaler Probleme doch unwichtig ist. Wieder eine Distanz. Auch die Hare Krishna verstehe ich nicht. Ich unterhalte mich mit einem Mitglied und er erzählt mir, dass sie ihr Fest der Liebe für sich feiern, nicht als Zeichen für Frieden für die Welt. So verstehe ich ihn jedenfalls und bin enttäuscht, dass er sich schnell von mir abwendet. Ich schlendere zum Ausgang der U-Bahn neben dem Ullrich, da sich dort immer Drogenabhängige befinden. Mein Verweilen versuche ich mit dem Schauen auf meine Uhr als Warten zu tarnen. Ich stelle erfreut fest, dass die Menschen miteinander lachen können. Es kommen ab und zu Menschen, die Dealer zu sein scheinen. Etwas abseits steht ein älterer Mann, ich lächele ihn vorsichtig an, um Kontakt aufzubauen. Dann gehe ich auf die andere Strassenseite, er folgt mir und spricht mich etwas später an. Ich freue mich auf ein unübliches Gespräch, aber sein erster Satz lautet: Möchtest Du mit mir ein bißchen spielen, ich biete Dir zwanzig Euro. Verdammt! durchzuckt es mich. Immer wirst Du auf dein Geschlecht reduziert. Du kannst mit vielen Menschen nicht normal umgehen, weil du sofort nur als Frau gesehen wirst und in deiner späteren Arbeit immer wieder gesehen werden wirst. Außerdem sehe ich nicht wie eine Prostituierte aus, und seit wann ist Prostitution hier so billig!!. Ich renne weg, suche die kostenlosen Toiletten, von denen ich in einer Strassenzeitung gelesen habe. Diese sind aber erst ab 14 Uhr geöffnet. So gehe ich zu dem alten Mann zurück. Frage ihn, warum er mich als käuflich gesehen hat, obwohl ich mich doch nur mit ihm als Mensch unterhalten wollte. Ich möchte ihn wenigsten erstaunen, aber er versteht mich nicht. Er scheint aus Russland zu kommen und einsam zu sein, lässt sich aber auf keine Unterhaltung ein.

Ich setze mich neben einen Penner und einen Touristen auf eine Bauminsel im Busbahnhof. Der Tourist ist doch Berliner und wir unterhalten uns über Ost-West-Unterschiede. Er erzählt mir von dem typischen Ostgeruch und dass er nicht verstehen kann, wie Menschen ein totalitäres Regime aufbauen können. Ich erzähle ihm von meinen Unverständnis gegenüber den Umständen während der 68Jahre (Axel Springer). Dann stellt sich heraus, dass er ein Hauptschullehrer ist. Ich frage ihn, wie er mit Grenzen umgeht, wenn er feststellt, dass einige Jugendliche keine Chance im Leben haben. Jeder hat Selbstverantwortung ist seine Antwort, aber man muss den Kindern ihre Möglichkeiten zeigen, sie stolz machen auf das, was sie können. Begeistert erzählt er mir, wie er mit Kindern ein großes Projekt auf die Beine gestellt hat, ich freue mich über einen solchen Menschen, der noch viel Idealismus und Menschenliebe allem Versagen gegenüberstellen kann. Dann gehe ich Richtung Toiletten, dort gibt es keine Distanz fällt mir ein , alle Menschen müssen auf Toilette. Auch gegenüber den Punks auf dem Breitscheidplatz habe ich keine Berührungsängste, sie scheinen glücklich zu sein. Ich schlendere Richtung Kreuzberg. In einem christlichen Krankenhaus suche ich wieder eine Toilette und dann die Kapelle. Ich stolpere mitten in eine Versammlung von Franziskannerinnen hinein. Vor ihren Reihen sitzt wie ein Lehrer, ein Jesuit und erzählt über das Gleichnis vom Unkraut. Toleranz und die Vermeidung von Urteil, was gut und was böse ist, sei wichtig erzählt er. Ich bin innerlich wütend. Toleranz gegenüber allen lässt sich leicht erzählen. Aber wo ist die Grenze zur Gleichgültigkeit. Gibt es Werte, die sich trotzdem vertreten lassen und auf die man nicht verzichten kann. Kann es nicht auch ein Zeichen von Zuneigung sein, wenn ich hoffe, dass andere die eigenen Ideen verstehen und übernehmen, die ich als elementar erfahren habe? Viele Fragen kommen in meinem Kopf auf, aber nach kurzer Zeit beendet der Pater die Stunde und entschwindet. Ich finde ihn nicht mehr und gehe so leicht wütend weiter.

Am Potsdamer Platz bekomme ich noch ein Geschenk: Die Matthäuskirche hat gerade geöffnet und ich kann mir so von dem Turm einen wunderschönen Blick auf Berlin, spielende Kinder und viele Touristen verschaffen. Dann eile ich durch für mich noch unbekannte Strassen zurück Richtung Kottbusser Tor, begegne vielen festlich gekleideten muslimischen Frauen, schaue mir die Betonghettos an und überlege, ob ich mich nicht in den Trinkteufel (eine harte Kneipe) wagen sollte, aber wozu? Farouk erzählt mir, dass er italienische Nonnen mehr schätzt als islamische und dann ist die Zeit für mein Gespräch mit Christian da und dieses überrennt mich:

Ich erzähle Christian meinen Tag und meine Namen Gottes, die ich mir vorstellen kann. Ganz nebenbei erwähne ich dabei auch, dass ich es wichtig finde, andere Menschen schön anzuschauen in ihren Möglichkeiten. Und meine Namen mit Distanz und Nähe und Gleichberechtigung sind meine gewollten Namen, aber nicht mein Richtiger. Mein richtiger Name ist: Die, die Gott schön anschaut. Die, die die Menschen schön anschaut. Die, die von Gott schön angeschaut wird. Dieser Name berührt mich tief. Er entspricht meinen Verletzungen, als ich in meinem Leben nicht als schön angeschaut wurde, sondern gemobbt wurde. Er entspricht meinem häufigen Gefühl, hässlich zu sein. Er entspricht meinem Wunsch andere Menschen schön (nicht arrogant) anzusehen. Ich weiß in dem Moment, dass es mein Name ist und bin sprachlos. Christian gibt mir als zweiten Impuls die Geschichte von Moses und seiner Gottesbeziehung.

Moses, ziehe Deine Schuhe aus, denn der Boden auf dem Du stehst ist heilig. Siehe, ich habe Deine Not gesehen.

Schuhe ausziehen, die Schuhe der Lüge, der Arroganz, der Titel. Und einen heiligen Boden suchen, einen heiligen Boden als Platz, wo der Dornbusch brennt. Der Dornbusch als Symbol für Fragen und Probleme und Sehnsüchte, die nicht verbrennen, die uns immer wieder finden, auf die ich immer wieder stoße. Christian erzählt mir von dem Mann, der seinen heiligen Ort in der Säuglingsstation für Frühchen gefunden hat mit dem Bezug, eine Fehlgeburt seines Kindes erlebt zu haben. Plötzlich ist mir klar, dass ich einen Ort suchen muss, der einen Bezug zu mir hat, an dem ich mir gegenüber und anderen die Schuhe ausziehen muss. Ich überlege zuerst noch, einen Platz wo Menschen wegen ihres Aussehens oder ihrer Körperlichkeit verachtet werden, vielleicht ein Behindertenheim, oder der Straßenstrich? So gehe ich in den Görlitzer Park und weiß plötzlich meinen Ort. Ich weiß es einfach und dies ist ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl, was mich aber noch die nächsten Tage begleiten wird, vielleicht Intinution, es ist aber auch nicht so wichtig. Ich will am nächsten Tag in die Charité gehen.

Sonntag, 5. August

Früh eile ich Richtung Charité. Ich merke, dass jetzt nicht mehr das Laufen sondern das Ankommen wichtig sind. Schon kurz vor neun Uhr bin ich da. Als erstes fahre ich mit dem Fahrstuhl auf die Neurologie, wo mein Vater behandelt worden ist. Ich setze mich in den Wartebereich vor die Station und überlege, was die Krankheit oder der Tod eines nahen Menschen auslösen. Vielleicht, dass man selber krank sein möchte, ein Stück Lebenswillen verliert, den Glauben an die Konstanz des Lebens. Vielleicht zweifelt man das Leben an. Die Station ist noch nicht aufgewacht, nur ab und zu staunen Schwestern vorbeieilend über meine Anwesenheit. Ich schaue aus dem Fenster und weiß, dass ich erst einmal noch zum Krankenhaus Moabit gehen muss. Ich nehme ein Stück den Bus und versuche mich zu erinnern, wie ich das Krankenhaus bei meinem einzigen Besuch kurz vor dem Tod meines Vaters erlebt habe. Ich hole Geld, um mir einen Kaffee leisten zu können und gehe dann durch das Krankenhausareal zum Hauptgebäude. Verwundert stelle ich fest, dass kaum Menschen anwesend sind, vielleicht ist es noch zu früh am Morgen. Auch der Eingangsbereich ist leer, aber die Toiletten sind gut und auch die Getränkeautomaten sind gefüllt. Nachdem ich Informationstafeln über die Wichtigkeit von Strahlenmedizin gelesen habe, gerade bei Kindern, nehme ich den Fahrstuhl zur Station Nuklearmedizin. Ich steige aus und alles ist leer. Rechts und links strecken sich abgeschlossen die dunklen Stationen. Das Krankenhaus existiert, lebt nicht mehr. Dieser Ort der so viele Menschen betroffen hat, auch meine Familie existiert nicht mehr, ist tot, ein Unort. Ich sitze vor dem Fahrstuhl, der ab und zu geisterhaft benutzt zu werden scheint und fühle einfach nur das Wort Tod. Dann gehe ich die Treppen hinunter, stelle fest, dass es noch einige Arztpraxen zu geben scheint und verlasse schnell das Gelände Richtung Charité, vorbei an frühstückenden Menschen und Touristen am Lehrter Stadtbahnhof. An der Charité angekommen, muss ich erst einmal einen Kaffee trinken und setze mich dann einige Minuten in den Raum der Stille, auf den Gebetsteppich. Ich lese im Gästebuch von einer Frau, die um die Rückgabe ihrer Kinder bangt.

Vor dem Hauptportal der Charité spiegelt sich das Leben pur. Träume werden zerstört, Leben verändern sich radikal, eine magersüchtige Frau sitzt neben einen Mann, der seinen Tropf mit sich herumfährt. Ich sitze und versuche, die Menschen schön anzuschauen. Ein Mann mit entstellten Gesicht und missgebildeten Armen setzt sich verschämt und verbittert hin. Ich versuche Blickkontakt aufzunehmen, er schaut weg, dreht sich um, lässt sich nicht anschauen. Seine Augen sind klein und zusammengekniffen. Dann bemerke ich einen Rollstuhlfahrer, dessen Anblick mich trifft. Nach meinem Blick würde ich ihn für einen Junkie halten, etwa in meinem Alter und wo bei anderen Menschen ein Fuß ist, hat er nur einen Stumpen. Plötzlich weiß ich, dass ich genauso wie er bin, mit meinen Esstörungen nahm (nehme) ich meine Selbstzerstörung hin und diese Sucht macht keinen Unterschied zu seiner. Auch ich könnte mich Konsequenzen wie er gegenüber sehen. Wer weiß was für Ursachen er hat, wenn es diese lineare Sicht überhaupt gibt ( Tod, Mobbing, zerstörte Liebe…?) Und was ist mit den Menschen, die unverschuldet krank werden. Wie kann ich mich ihnen gegenüber stellen. Als sich noch ein alter Mann neben mich setzt und einer Bekannten von seiner Alkoholtherapie erzählt, muss ich gehen. Ich weiß, dass ich aufhören muss, kein Recht habe mich so schlecht anzusehen. Das Gott mich vielleicht schön ansieht und damit auch den Rollstuhlfahrer und den Mann ohne Hände. Dass die Verletzung durch den Tod meines Vaters, meiner Klasse, meiner ersten Beziehung nicht geheilt ist, obwohl ich äußerlich mich in einer super glücklichen Situation befinde und auch psychologisch genaustens über Sucht Bescheid weiß. Diese Frage wollte ich aus den Exerzitien lassen und sie hat mich mit meinem Namen gefunden.

Ich gehe Richtung Wahlquartier der PDS, um meine Mails anzuschauen und da ich weiß, dass Richard vielleicht da ist. Ich erzähle ihm über meine ersten zwei Tage und wir reden über Politik. Beim Gehen merke ich, dass ich ihm vielleicht über meine Bulimie erzählen sollte. Aber benutze ich ihn als Mittel, um meine Entscheidung gegen sie öffentlich zu machen? Er möchte trotz dieser Bedenken alles hören, wofür ich ihm sehr dankbar bin, auch dass er nichts dazu sagt, sondern meinem stockenden Bericht geduldig zuhört, mich in den Arm nimmt und dann auch wieder gehen lässt. Erleichterung verspüre ich nicht, nur Erschöpfung. Aber auf dem Weg zur Charité wird mir klar, dass dies vielleicht wirklich ein Endpunkt ist und das Reden besser ist als es zwischen mir und anderen schweigend stehend zu haben. Als Schuhe der Unehrlichkeit kann man sagen. Ich scheine einen wichtigen Schritt getan zu haben. In der Charité setzt sich eine Frau neben mich, die sich als die Mutter des Rollstuhlfahrers entpuppt. Ich lausche ihrem Gespräch über Handys und weiß, dass ich mich morgen mit dem Rollstuhlfahrer – er wird Andreas genannt- unterhalten möchte. Dann gehe ich nach Hause, wo ich froh bin, dass Ramon in der Küche sitzt, Koran liest und mir einfach einen Tee anbietet, ohne dass ich groß etwas erzählen muss.

Montag, 6.August

Heute morgen frühstücke ich zum ersten Mal mit Jacques und Christian. Es gibt Brot von der Berliner Tafel. Dann habe ich mein Gespräch mit Christian und erzähle ihm von meinem letzten Tag und meinen Zweifeln bezüglich Richards Rolle. Er beruhigt mich und bittet mich, in der Charité in den Raum der Stille zu gehen und um Heilung zu beten. Mir meinen Vater vorzustellen, wie er mich schön anschaut und vor allen Dingen ruhiger zu werden.

Zur Betrachtung schlägt er mir das Evangelium vor, in dem Jesus den Blinden heilt. Ich mache mich bald auf den Weg, mit der Erkenntnis, dass ich keine Vorzeigeexerzitien absolvieren möchte, aber gerade die Tendenz zu dem ZU VIEL habe. Mir fällt auf dem Weg ein, wie banal die Heilung des Blinden ist. Er wird mit Spucke und Dreck geheilt. Auch für die Indikation von Sucht habe ich eine Idee. Süchtige machen sich schlechter als sie sind. Sie zeigen dem Leben die Zunge: ätsch ich bin doch schlecht. Aber vielleicht reagieren sie auf die eigene Arroganz oder die Arroganz der Gesellschaft, in dem sie zeigen, dass sie doch verwundbar, nicht besser sind als die anderen? Vielleicht braucht eine perfekte Gesellschaft Krankheit? Ich eile zur Charité mit dem Gedanken Andreas zu treffen. Mein erster Weg ist allerdings der Raum der Stille. Dort lese ich im Evangelium und versuche passende Stellen zu finden. Vielleicht die Frau, deren Blutungen durch das Anfassen an Jesus Gewandt geheilt werden? Oder die Stelle nimm dein Bett und geh… dass jeder nicht einfach geht, sondern mit seiner Geschichte gehen kann. Aber was sagt die Stelle, dass die Dämonen wieder zurückkehren? Ich denke nicht weiter daran, sondern versuche zu beten, dass Gott mich schön anschaut in Situationen, wo ich mich selbst verletze und sei es nur in Gedanken beim Blick in den Spiegel.

Dann gehe ich wieder in die Eingangshalle und beobachte die Menschen. Ein alter Mann erzählt seinem Nachbarn, dass seine Wirbel zerstört sind und er deshalb nicht mehr reden kann. Jackie ein Kind aus meinem Praktikum in Binz läuft kurz an mir vorbei. Sie ist nierenkrank und kommt aus Magdeburg. Die Mutter grüßt kurz, Jackie sieht mich nicht. In Binz hieß es immer, ihre Eltern können nicht für sie richtig sorgen…

Ich hänge der Idee nach in die psychosomatische Abteilung für Jugendliche zu gehen und raffe mich dazu auf. Dort lese ich ein Schild „Patientencafé von 15-17 Uhr“ und ich entscheide mich wiederzukommen, nachdem ich Geld geholt habe. Andreas sehe ich nur kurz und auch der Mann ohne Hände sitzt immer woanders, es regnet…

Im Patientencafé treffe ich nur zwei junge Männer aus der Psychiatrie. Der Kuchen und Café ist aber sehr lecker. Ich lese im Spiegel einen Artikel über die Computerbearbeitung von Photos. Makellose Modelle sind oft nur Kunstwerke von Graphikexperten.

Ich versuche noch einmal in die Jugendpsychosomatik zu gehen, aber die Türen sind verschlossen. In der Erwachsenenpsychosomatik treffe ich nur eine Frau, die wie verrückt auf einem Fahrrad fährt.

Wieder in der Eingangshalle setze ich mich auf einen der Metallstühle und werde daraufhin von dem Mann neben mir angesprochen. Meine Erklärung, was ich in der Charité mache, fasst er in dem Wort Wallfahrt zusammen, was mich erstaunt, da er keinen religiösen Bezug zu haben scheint. Er wirkt eher unscheinbar und spricht etwas unbeholfen. Aber er kann etwas sagen über die Abscheulichkeit der Werbewelt, die Falschheit des Strebens nach Erfolg. Er erzählt mir, dass er seit 28 Jahren krank ist und es noch keine Therapie gibt. Er erklärt mir nicht genau seine Krankheit, sie scheint aber ernsthaft auf Lunge und Herz zu gehen. Nicht arbeitsfähig, nicht leistungsfähig, wahrscheinlich uninteressant für Frauen. Wir setzen uns mit einem Capucchino auf eine Bank zwischen Toilette und Getränkeautomat. Ich erzähle ihm meine letzten Tage und er ist sehr berührt. Irgendwann sagt er zwei Sätze, die mich treffen.

Er meint, er habe ein langweiliges Leben, aber na und?

Ich könnte einen solchen Satz von mir nicht stehen lassen, andererseits besitzt ein solcher Satz sehr viel Weisheit, was will man dagegen sagen. Mein Gesprächspartner scheint trotz seiner Krankheit zufrieden zu sein. Als zweiten Satz meint er zu mir, dass es viele Menschen gibt, die sich immer und immer wieder verändern wollen. Aber irgendwann stellen sie fest, dass sie gar nicht mehr sie selbst sind.

Nach zwei Stunden ums ich Grenzen ziehen, ihm erklären, dass ich ihn nicht wiedersehen werde, er ist trotzdem dankbar über das Gespräch und ich auch. Ich eile aus der Charité in das Haus für Innere Medizin. Dort entdecke ich einen zweiten Raum der Stille und habe das erste Mal das Gefühl wirklich beten zu wollen und zu können. Ich muss mich nicht verändern, ich kann es aber tun, fällt mir ein. Der junge Mann kann in seiner Situation glücklich sein ohne seine Krankheit verändern zu können. Vielleicht ist positive Aggression wichtig um etwas zu verändern, negative Agression gegen sich selbst aber nicht.

Ich komme beim Meditieren langsam in das Gefühl der Tiefe, des Sitzenbleibenkönnens Wieder zurück in der Eingangshalle warte ich noch ein bißchen. Wenn etwas mich finden soll, dann brauche ich es nicht zu suchen, sondern muss nur warten. Ich belausche Mädchen mit Esstörungen, sehe einen jungen Mann mit Rosen vergeblich das Zimmer seiner Freundin suchen. Ein junges Pärchen sitzt da, ein paar Raucher trotzen dem Regen. Andreas fährt an mir vorbei zum Fahrstuhl und schließlich wird auch die Pförtnerin abgelöst. Ich entschließe mich zu gehen.

Auf dem Rückweg fallen mir ein paar Taizélieder ein, so zum Beispiel: Herr, wohin, wohin soll ich gehen. Du hast Worte ewigen Lebens. Nur der Ausdruck Herr gefällt mir nicht. Aber ich bemerke zum ersten Mal, das ich offen und glücklich bin. Ich kann andere Menschen anstrahlen. Es zieht mich Richtung Gendarmenmarkt. Dort spielt ein Geiger Musik und ich entschließe mich, ihm zwar kein Geld aber meine Aufmerksamkeit zu schenken. So setze ich mich auf eine Bank, ziehe meine Schuhe aus als Zeichen, dass ich bleiben möchte und höre seiner schönen Musik zu. Das Konzert im Schauspielhaus scheint zu Ende zu sein und der Gendarmenmarkt ist innerhalb von einer Minute mit Menschen überdeckt. Seltsamerweise geben meist junge Leute Geld in den Geigenkoffer. Als es zu viele Menschen werden, hört der Geiger auf zu spielen. Er weiß, dass er viel Geld verschenkt, erklärt er mir hinterher, aber er könne bei den vielen Menschen keine schöne Musik machen. Ich staune und wünsche mir ein klassisches Lied. So spielt er die vier Jahreszeiten mit nur einer Geige und es klingt trotzdem wie ein Orchester. Eine alte Dame setzt sich mit ihrer noch älteren Mutter auf die Bank. Diese ist fasziniert und weigert sich später nach Hause zu gehen. Sie will bleiben trotz der Zeit ( es geht gegen zwölf Uhr) und der Kälte. Ich bewundere den Trotz dieser alten Frau und ihre Freude an der Musik. Dann warte ich noch bis der Musiker ein Gespräch mit einem Freund beendet hat. Es sieht sicher so aus, als wolle ich etwas von ihm, aber ich will ihm ja auch sagen, dass er gut gespielt hat, wenn er es schon für mich gespielt hat. Aus diesem Satz entwickelt sich mein zweites Gespräch dieses Tages, welches ich als Geschenk erlebe. Der Musiker stellt sich als Ecki vor und ich erzähle ihm wiederum von meinem Tag. Zuerst scheint er das religiöse Moment für schwachsinnig zu halten, aber dann weiß er plötzlich ganz viel zu sagen. Er erzählt mir, dass er beim Musizieren ganz genau spürt, wie es den vorbeigehenden Menschen geht. Er braucht nicht hinzusehen oder hinzuhören, sondern kann aus den Augenwinkeln sogar sagen, ob jemand gerade bei einer Prostituierten war. Er schwärmt über die Power von alten Menschen und von Frauen und erzählt mir von seinen Träumen. Er ist glücklich als Straßenmusiker und hat seine Bewerbungen bei Orchestern aufgegeben. Immerhin kann er so ein Musikstück richtig intensiv spielen und improvisieren, er nimmt sich bis zu sechs Monate Zeit um ein Stück einzuüben. Es macht ihm nichts aus, dasselbe Stück zu spielen, da er es spürt und sich freuen kann, wenn er ein Stück besonders hingebend spielend konnte. In dem Moment wo er es nur noch mechanisch spielt, weiß er, dass er persönlich an einer Wand steht. Deswegen spielt er auch nicht, wenn er merkt, dass das Publikum eine störende Stimmung verbreitet.

Ich staune über sein unkonventionelles Leben abseits jeglicher Norm und seiner Zufriedenheit oder besser gesagt über sein Wissen, dass es SEIN Leben ist. Er erklärt mir noch, dass Wagners Musik zwar sehr genial aber krankmachend ist und er die Wiener Klassik langsam zu lieben beginnt, dann verabschieden wir uns. Der Gendarmenmarkt bleibt mit seinen Laternen im orangenen Licht zurück und ich bin glücklich. Zu Hause ist nur noch Farouk wach. Am nächsten Morgen erfahre ich, dass sich alle Sorgen gemacht haben.

Dienstag, 7.August

Heute bin ich erst etwas später wach und frühstücke wieder mit Jacques, Angelika und Christian. Christian erzählt, dass die Emmausleute jetzt auch Exerzitien angefangen haben. Während unseres Gespräches suche ich schon innerlich nach neuen Orten, aber Christian verordnet mir einen Sabbat. Der Satz Gott aber ruhte am siebenten Tag erklärt mir die Symbolik. So gehe ich mit Stiften und Papier ausgerüstet los und Ossmann schließt sich mir an. Wir gehen Richtung Görlitzer Park und nachdem ich ihm erklärt habe, dass ich für ihn zwar eine bonne amie aber nicht eine copine sein möchte, unterhalten wir uns sehr gut. Ich gebe ihm Typs wie Mann Frauen ansprechen kann und er erzählt mir von seiner Familie. So liegen wir am Kanal, er lernt deutsch, ich male und erkläre ihm meine Bilder. Dann spielt er Fußball und ich übe eine Runde Tai Shi und schließlich erzählen wir nur noch. Ossmann erzählt von seinen Träumen von einem Haus und Kindern. Er möchte arbeiten und vermisst das Tanzen und die Musik. Warum empfangen die Europäer die Afrikaner so schlecht, wo man als Europäer in Afrika als Gast behandelt wird? Ich kann darauf nichts sagen, mich nur beschämt zurücknehmen. Dann gehe ich Richtung Thomaskirche und komme so an den Ort, der für die nächste Zeit mein Ort zum Ausruhen wird. Eine Kirche wie ein riesiges Wohnzimmer, mit Spielecke für die Kinder, mit Tischen zum Lesen, einer Bibliothek, wo es immer Kaffee gibt. Und eine Kirche mit einer großen Geschichte. Zeitweilig die größte Kirche in Berlin, dann geprägt durch ihren Standort direkt neben der Mauer, ein Schutzort für die Wagenburgen und die alternative Szene in Kreuzberg direkt. Ein Ort, wo viele verschiedene Menschen hinkommen. In der Kirche treffe ich erst einmal Jens ein EX-JEV, dessen Freund sich bald darauf hinter die Orgel setzt und zu spielen anfängt. Ich setze mich hinter dem Altar auf den Boden, esse Birnen und fange an zu malen, schaue ab und zu zur Kuppel und weiß es ist Sonntag. Weiß, dass ich gerade viel geschenkt bekomme und freue mich einfach. Weiß auch, dass die vorbeigehenden Menschen mich sitzen lassen können. Dann gehe ich ein bißchen heraus Richtung Künstlerhaus Bethanien. Die Kunstausstellungen sind geschlossen und ich bin gerade beim Weitergehen, als mich auf Englisch ein junger Mann anspricht und fragt, ob ich ihm das Haus erklären kann. Er stellt sich als Alexej vor und erzählt, dass er aus Moskau kommt und eine Reise durch Deutschland macht. Er fragt mich, ob ich wüsste, wo er schlafen könne und ich zweifle zuerst, ob er nicht irgendein Partyfreak ist, denke aber, ich muss ihm von unserer Wohnung erzählen und vielleicht ist dort wirklich ein Bett frei. Zuerst ist kein Ansprechpartner zu Hause, beim Gehen aber kommt uns Jacques hinterher und wir entscheiden, dass Alexej abends einfach vorbeischauen soll. Zufrieden mit dieser Regelung gehe ich zurück zur Kirche und lese mir die Fürbitten an dem Holzkreuz, welches an der Seite steht durch. Ein Spiegel des Lebens, von der Bitte nach einem Hund oder einer Promotion bis hin zur Bitte um eine Liebe, Versöhnung mit der Frau oder eine Möglichkeit zu sterben.

Ich habe eine Idee, warum es wichtig ist, andere Menschen gleichberechtigt gegenüber zu treten. Alle Menschen sind enger miteinander verbunden als man denkt, so daß man sich selbst schädigt, wenn man jemanden anderen schlecht ansieht und andere schädigt, wenn man sich selbst schlecht ansieht. Vielleicht läßt sich diese Verbundenheit auch einfach so erklären: In dem Moment, in dem ich jemanden anderen schlecht ansehe oder heruntermache akzeptiere ich unbewußt diese Realität und damit auch die potentielle Möglichkeit, dass ich auch einmal so angesehen werden würde.

Nachdenklich gehe ich zurück, habe die Idee in das Haman zu gehen und finde es mit Hilfe einer Frau aus dem alevitischen Kulturverein auch. Aber der Eintritt ist mir zu teuer. Innerlich bin ich irgendwie unruhig, weiß nicht wohin mit mir, laufe noch einem Punk vom Zoo über den Weg und beobachte einen türkischen Jungen, der seine Freundin derart herunterputzt und dann zum mitkommen kommandiert – sie gehorcht und ich bin ohnmächtig.

Am Kottbusser Tor spricht mit ein alter alkoholisierter Mann an und fragt mich welcher Tag heute ist. Dann erzählt er mir, dass er sich morgen ein Häuschen am Müggelsee kaufen wird. Er habe 25 Jahre in der Bundesdruckerei gearbeitet und viel Geld gespart. So viel Geld, dass er nicht in der Sozialwohnung bleiben darf, deshalb haben sie ihm jetzt sogar das Gas abgestellt. Er möchte seinen Gulasch mit mir teilen und mir sein Bundesverdienstkreuz zeigen. Ich lehne ab, um ihn nicht in Verlegenheit zu bringen, durch den Unterschied zwischen Träumen und Realität getroffen.

Zu Hause angekommen gibt es Kuchen und zwei neue Gesichter. Alexej ist wirklich gekommen und Monika. Monika als Gast von Christian ist mit einem Iren verheiratet und lebt jetzt in Frankreich. Wir unterhalten uns Englisch, Französisch, Deutsch. Ich gehe noch einmal kurz auf die Strasse, um zu merken, dass ich einfach zu müde bin, um noch irgend etwas wahrzunehmen. So beende ich den Tag am Wohnzimmertisch.

Mittwoch, 8 August

Am Morgen treffe ich in der Küche auf Monika. Wir unterhalten uns ein bißchen und sie erzählt mir, dass ihre Mutter in Berlin wohnt und sie heute mit ihr einkaufen gehen möchte. Sie erzählt mir, dass sie ihre Mutter pflegt, wenn ihr Bruder im Urlaub ist.

Sie selber ist seit 30 Jahren mit einem Iren verheiratet und kennt Christian, da ihr Bruder einmal in der Wohnung gewohnt hat. In meinem Gespräch erklärt mir Christian, dass wir viele Gemeinsamkeiten aber auch Unterschiede haben. Beide haben wir sinngemäß gemeint: Dann hatten wir endlich einen Freund…

Während des Gespräches einigen Christian und ich mich darauf, vielleicht dem Gedanken der Gleichheit nachzugehen. Ich wollte sowieso in die Suppenküche und bin erfreut zu hören, dass es auch eine in Kreuzberg gibt. Vorher möchte ich aber noch einmal ein Seniorenheim besuchen.

Ich schlendere Richtung Thomaskirche, bin ziemlich aufgewühlt ohne richtig zu wissen warum. Dann suche ich ein Seniorenheim. Aber in Kreuzberg gibt es nur betreutes Wohnen hinter verschlossenen Türen. Ich suche das Mariannenkrankenhaus, welches aber gerade umgebaut wird. Nebenbei entdecke ich Kleinigkeiten, wie ein Laden mit einem Schild „Wir schließen jetzt nachmittags um 16 Uhr, da es ein neues Baby gibt“ Ich freue mich über die Selbstverständlichkeit dieses Handelns. Der Anblick des Kreuzberger Leihhauses gibt mir die Idee wie wichtig es ist, sein Leben nicht zu verleihen, aber auch nicht auszuleihen, etwas Fremdes zu leben. Dann gehe ich noch zu einem anderen Pflegeheim, wo ich ein Gespräch über die miserablen Personalbestände mitbekomme, aber wiederum keinen Zutritt finde. Da es mittlerweile Mittags ist, gehe ich zur Thomaskirche zurück. Die Suppenküche soll an der Schlange von Menschen erkennbar sein und in der Wranglerstrasse. Aber ich sehe sie nicht. Ich suche in einer anderen Strasse, frage Passanten, niemand weiß es. Detlev aus der Thomaskirche kann mir endlich weiterhelfen, obwohl er nicht versteht, warum ich dorthin möchte, er bietet mir ganz nett Brötchen an. Ich renne die Wranglerstrasse hinunter bis zur Nummer 62 sind es gut 15 Minuten. Die Suppenküche befindet sich in einem Kirchhof und wird von den Schwester der Mutter Theresa betrieben. Ich bin wütend, dass es direkt neben Bioläden, einen Platz gibt, wo Menschen ihr Essen quasi erbetteln müssen. Verschämt stelle ich mich in die Schlange, mit dem Gedanken, alle sehen, dass ich nicht hierher gehöre, viel zu gut gekleidet bin. Ein Russe spricht mich an, ich sage kurz, dass ich zum ersten Mal da bin und schaue gleich wieder verschämt auf den Boden. Bitte sprecht mich nicht an!!!! Um 15 Uhr geht dann die Tür auf und alle werden in einen Raum mit gedeckten Tischen gelotst. Auf den Tischen stehen Tassen und an jedem Platz liegt einmal Kochschinken und tiefgefrorene Lachspasteten. Als alle Plätze besetzt sind, wird die Tür abgeschlossen. Meine Nachbarn schauen mich nicht an. Alle nehmen hastig die Lebensmittel und packen sie ein. Ich versuche ebenfalls ausgehungert zu wirken. Dann wird von den Schwestern das Evangelium vorgelesen. Es handelt von den Hunden, die auch Essen bekommen. Hinterher folgen eine Reihe von Gebeten. Einige beten mit, andere nicht. Ich empfinde es als Zwang und bleibe ebenfalls stumm. Plötzlich pocht es draußen an die Tür. Ich schäme mich zu Boden. Die draußen vor der Tür brauchen meinen Platz und ich sitze hier und nehme ihnen den Platz weg, muß vielmehr noch so tun, als würde ich das Essen brauchen. Ich möchte eigentlich nur weg, esse aber dann doch die Suppe, die mehr aus Knochen als aus Fleisch besteht. Ich denke: passend zum Evangelium. Welche Ironie.

Wie betäubt laufe ich zurück, möchte mich mit jemanden unterhalten, aber in der Wohnung finde ich keinen und so lege ich mich einfach für eine Stunde hin. Dann entscheide ich mich zum Alexanderplatz zu laufen, um mir die Ausstellung in der Marienkirche über Simone Weill anzuschauen. Ich nehme ein paar Bücher für die Friedensbibliothek mit. Angekommen kann ich die Bücher zwar abgeben, aber die Ausstellung ist schon geschlossen. Ich erhasche nur den Satz: Das Schlimmste für den Menschen ist seine Entwurzelung.

Dann gehe ich Richtung Hackescher Markt, da ich ins Hedwigskrankenhaus gehen möchte, wo meine Oma gestorben ist. Auf dem Weg entdecke ich ein Hinweisschild für eine Seniorentagesstätte und gelange so auf die Terrassen der Häuser in denen sich auch die Markthalle befindet. Die Seniorenstätte existiert nicht mehr, aber beim Abstieg in den Hinterhof entdecke ich den Platz, wo die älteste Synagoge von Berlin stand.

Das Hedwigskrankenhaus ist neu renoviert und ich finde keinen Ort, wo ich Menschen treffen könnte. Auch die Station meiner Oma ist in sich zu geschlossen. So gehe ich die Große Hamburger Strasse entlang, während sich gerade ein Unwetter zusammenbraut. Deshalb überlege ich nicht lange, als ich ein Schild lese: EVAS –ARCHE- FRAUENZENTRUM, heute 19.30 Meditation und Gottesdienst. Ich weiß, dass Evas –Arche ein ökumenisches Frauenzentrum ist. Der Gottesdienst findet in einem Zimmer statt, welches nobel mit Meditationskissen, Tüchern und Kerzen ausgestattet ist. Neben mir sind noch etwa zehn Frauen, die meisten im Alter von etwa 40 Jahren versammelt. Ich habe das Bild von Frauen im Kopf, die auf der Suche nach sich selbst sind. Wir setzen uns in einen Kreis und die Leiterin stellt sich vor: Sie hat Theologie studiert und eine Psychotherapieausbildung, hat in den letzten fünf Jahren als Supervisorin gearbeitet und leitet seit Anfang August das Frauenzentrum. Der Gottesdienst ist für sie eine Premiere. Ich empfinde Unbehagen und etwas später weiß ich warum. Ihre psychologische Empathie, die therapeutische Sprache ist mir aus meinem Studium sehr gut bekannt, paßt aber überhaupt nicht zu meiner Vorstellung von einem Gottesdienst. Was mich berührt ist das Thema des Gottesdienstes Heilung. Ich überlege, ob ich von mir erzähle, entschließe mich dazu, weiß aber hinterher nicht, ob es richtig war. Die Erfahrungen der anderen Frauen berühren mich, besonders von einer jüngeren Frau, die nach einem Herzinfarkt nur noch mit Krücken gehen kann, aber meint, daß sie nach langer Zeit des Kampfes, jetzt sieht, dass sie das Leben mehr genießen kann.

Nach der Meditation spreche ich noch mit einer Frau, die mit ihrem zwanzigjährigen Sohn nicht mehr reden kann, dann verlasse ich Evas Arche. Es regnet und so treffe ich Ekki am Gendarmenmarkt nicht an. In der Wohnung entziehe ich mich einer Diskussion über Frauen und Männerrollen und unterhalte mich noch ein bißchen mit Alexej, Jacques und zwei Studenten aus München.

Donnerstag, 9.August

Frühmorgens unterhalte ich mich mit Farouk über Sufismus. Ich weiß wenig über diese Richtung der islamischen Mystik und freue mich ein neues Gesicht dieser Religion kennenzulernen. Vor allen Dingen wundere ich mich, dass eine Erfurterin eine der besten Kennerinnen des Sufismus ist und staune über Farouk, der sich mit einem Buch seit sieben Jahren intensiv auseinandersetzt. Was muss ihm diese Lehre geben? Wie kann er so eine innere Konzentration finden, dass er nichts anderes braucht?

Das Frühstück findet heute im Wohnzimmer statt. Ich sitze neben Jacques und Monika wie im Bermudadreieck. Jacques erzählt von seinen Exerzitien, wie er für sich die Quelle wiedergefunden hat. Scheinbar können auch Menschen, die sich ganz ernsthaft mit der Religion auseinandersetzen, ihr innerste Kraft oder Vision zuschütten, auch wenn diese natürlich weiterexistiert. Es ist sehr schön ihm zuzuhören. Auch Monika ist sehr bewegt und ich sage ihr, dass ich es sehr mutig finde, dass sie sich mit bestimmten Fragen auseinandersetzt. Meinem Empfinden nach können wir uns viel sagen.

Christian gibt mir während des Gespräches eine sehr gewagte Interpretation meines letzten Tages. Er meint , dass mein Erlebnis in der Suppenküche die Situation in Lateinamerika widerspiegelt und klar auf meinen Auslandsaufenthalt hinweist. Ich bin mir unsicher, da ich mir auch gerade unsicher bin, ob ich überhaupt nach Bolivien gehen möchte.

Die Situation in Evas Arche spiegelt meine berufliche Laufbahn wieder, die ich gehen würde, wenn ich in dem schönen sicheren Rahmen wie die Frauen bleiben würde. Mich schaudert es bei dem Gedanken so zu werden. Aber ist das nicht wieder Arroganz?

Ich werde heute abermals in die Suppenküche gehen, da die Kreuzberger Küche aber geschlossen ist, werde ich nach Pankow laufen.

Ich gehe mit Monika ein Stück zusammen Richtung Thomaskirche. Ich erzähle ihr von meinen Exerzitien und sie meint: Ich hätte es gut, würde viele Dinge in meinen jungen Jahren erkennen, sie aber sei dreißig Jahre älter als ich. Alles in mir schreit, dass stimmt nicht!!! Auch als sie mir erzählt, sie habe Dystenie und sei deshalb immer gedrückt, schreit es in mir innerlich und ich schäme mich für die klinische Psychologie. Tief bewegt trennen wir uns und ich laufe Richtung Pankow. Ich bin von richtiger Freude erfüllt, kann alle Menschen anlächeln ohne mir blöd vorzukommen, wie verliebt, ein Gefühl, was man viel zu leicht vergißt. Ich habe die Idee bei einer Freundin vorbeizugehen, meine Zeit jemanden zu erzählen, aber sie ist nicht da. Ich versuche sie zu erreichen und trödele auch so etwas auf dem Weg, so daß ich erst relativ spät in der Suppenküche ankomme.

Routiniert stelle ich mich an, kann der jungen Frau, die die Suppe austeilt, in die Augen schauen und setze mich auf eine Holzbank im Hof des Franziskanerklosters. Mein Banknachbar stellt sich als Mike vor. Er ist ein junger Mann mit einem leichten Sprachfehler, aber wir können uns wunderbar unterhalten über Themen wie Wasserqualität der Berliner Seen, Nitrofenskandal, Buddhismus und Afghanistankrieg. Er meint, was mich sehr verblüfft, das viele Menschen heutzutage verbittert seien. Er hätte gelernt, das Beste aus der Situation zu machen und wüsste auch hier kaum Leute, die griesgrämig seien. Ich fühle mich wohl und merke, dass die Menschen ( wahrscheinlich nicht alle, aber meine Nachbarn auf jeden Fall) sehr humane Ideen und Einstellungen haben. Als nächstes kommt ein älterer gut angezogener Mann und hat bei sich ein dreijähriges Mädchen!!!! Ein schönes Kind mit dunklen Locken und großen Augen, die sofort die Aufmerksamkeit des Tisches auf sich lenkt. Wie weit muss eine Gesellschaft sein, dass Kinder in die Suppenküche kommen? Auf meine Frage, wie sie heißt antwortet sie Lisa, aber ihr Opa nennt sie Retscha. Er ist etwas seltsam, zwischen fürsorglich und sehr unsicher autoritär mit dem Kind. Retschas Mutter kocht nicht und deshalb nehme er das Kind mit in die Suppenküche. Irgendwann nach vorsichtigen Annäherungen habe ich sie auf meinem Schoß, sie spricht trotz ihres Alters nur unverständliche Worte. Der Opa erwähnt, dass er sie immer Jesuskind nennt, da ihre Mutter, den Vater nicht erwähnt. Ich bin auf jeden Fall stark berührt durch dieses Kind und überlege mir, wieviel Aussagen über die Welt in diesen Kinderaugen zu sehen sind. Vielleicht sollte ich doch mit Kindern arbeiten.

Nach dem Austausch von e-mail-Adressen gehe ich Richtung Rathaus Pankow, um eine Toilette zu suchen und auch um mein Gespräch mit Mike nicht endlos in die Länge zu ziehen. Ich bin mir fast sicher, nicht nach Bolivien zu gehen, sondern vielleicht Jacques zu fragen, ob er in Frankreich nichts weiß. Ich möchte kein Prestigeauslandssemester hinlegen.

Im Rathaus Pankow bekomme ich einen Anspitzer als Werbegeschenk und kann damit meine Buntstifte anspitzen. Ich setze mich wieder in den Klostergarten und beginne zu malen. Ein älterer Herr kommt auf mich zu und meint der Garten sei Privat. Irgendwo müssen sie ja Ruhe haben. Ich schaue mir mit einem Blick noch den Parkplatz mit den neuen Autos an, quasi als Kehrseite der Suppenküche und setze mich wieder nach vorne auf eine Holzbank. Immerhin bin ich jetzt schon glaubhaft als Suppenküchengast. Ein älterer Mann mit Hund stellt mir daraufhin die Frage, ob ich ein Gast sei. Ich erzähle, dass ich das erste Mal hier bin und lasse mir Baguettebrote aufschwatzen, sie würden wahrscheinlich sonst wirklich nur hart. Bald darauf bin ich mit dem Mann in ein Gespräch über Weltliteratur verwickelt. Ich versuche mich an französische Schriftsteller zu erinnern, an meinen Deutschunterricht. Peter – so der Name des Mannes – erklärt mir daraufhin den Unterschied zwischen Balzac; Zola, Hugo. Er schreibt mir eine Literaturliste der Bücher, die ich unbedingt lesen sollte. Wir kommen auf die russische Literatur und ich lerne, dass nicht Schuld und Sühne das lesenswerteste Buch von Dostoljewski ist, sondern die Idioten. Auch Tolstoi und Stefan Zweig finden ihren Platz auf der nach Schwierigkeitsgraden geordneten Literaturliste, die ich am Ende in der Hand halte. Es ist paradox: ich sitze in der Armenküche und philosophiere über die Schöne Kunst. Peter schenkt mir dann plötzlich ein Buch von Stendhal und ich verspreche ihm, es zu lesen und meine Meinung zu schreiben. Etwas später erzähle ich Peter, warum ich in Pankow bin und auch dass ich nach Bolivien gehe. Er meint, es sei verrückt in ein solches Land zu gehen. Er selber habe seinen Umzug als Lehrer von Dresden nach Chemnitz bitter bereut. Er gibt mir tausend Warnungen und Ratschläge, kommt aus dem Kopfschütteln nicht heraus und erzählt mir, von seiner Regimetreue in der DDR und dass er Kunstlehrer war. Als Adresse gibt er mir das Franzikanerkloster an.

Tief bewegt vom Tag eile ich nach Kreuzberg, versuche unterwegs Richard anzurufen und habe eigentlich irgendwann nur die Idee, Jacques meine Exerzitien zu erzählen. Neben Christian ist er sozusagen mein zweiter Begleiter, da er als Student sich in einer ähnlichen Lebenssituation befindet, selber gerade die Exerzitien gemacht hat, aber trotzdem er Jesuit ist, selbst noch auf der Suche zu sein scheint. In der Wohnung unterhalte ich mich mit Alexej. Er lernt ziemlich schnell und eifrig Deutsch. Dann kommt irgendwann Jacques und ich frage ihn, ob er Lust hat in den Görlitzer Park zu gehen. Wir unterhalten uns über drei Stunden. Auf meine Frage, ob es eine Intinution, einen Weg für jeden gibt, meint er, dass Gott auch Zufall sein kann. Ich glaube auch, dass es egal ist, wie die Situation von außen aussieht, es ist nur die persönliche Deutung wichtig. Die Gespräche und Menschen passieren wahrscheinlich immer, aber man hört nicht immer aufmerksam hin, sucht nicht nach Begegnungen. Gott kann auch Zufall sein, warum nicht. Wenn man die Offenheit und Freude spürt, stellt sich die Frage nicht, ob alles nur Einbildung ist. Meinen Bedenken mit Bolivien stellt er seine Erfahrungen mit Madagaskar entgegen. Was ist so schlimm, wenn es einem schlecht geht? Man weiß dann, wie es besser sein kann. Hat er Recht? Überlege ich. Ich frage ihn nach seinen Gottesvorstellung und freue mich, dass diese nicht an Kirche und Tradition, sondern eher an Momente der Überraschung, der Bewegung oder Offenheit gebunden ist. Schwer zu begreifen, aber einfacher als Moralvorstellungen. Wir reden über Freundschaften und entwickeln das Bild, dass jeder sich eigentlich immer positiv entwickeln kann, aber ab und zu dieser Blick wie durch Klappen zuklappt und es den Anschein hat, als würde sich alles nur verengen, reduzieren. Vielleicht kann man diese Klappen aber immer wieder ölen? Ich denke die Nacht über das Gespräch nach und glaube jetzt ganz gut nach Bolivien gehen zu können.

Freitag,10.August

Ich bin nach der kurzen Nacht todmüde und habe die Exerzitien innerlich abgeschlossen. Da ich am Abend für die Abschlussfeier der Exerzitien etwas kochen soll, beschäftige ich mich innerlich mehr mit Kochrezepten als mit allem anderen. Im Gespräch fällt mir noch einmal auf, wieviel ich in der Woche geschenkt bekommen habe und wie lieb ich die Menschen um mich herum gewonnen habe. Christian hatte schon einmal früher gemeint, dass auch die WG von Exerzitanten profitiert, ein Gedanke der mich erstaunt hatte, da ich das Gefühl habe, unheimlich viel Unterstützung von allen erhalten zu haben. Monika ist die letzte Nacht nicht dagewesen, will aber wieder kommen und ich freue mich auf sie. Außerdem habe ich meine Freundin nach Kreuzberg, ich würde fast sagen, bestellt. Wir treffen uns um halb vier an der Thomaskirche. So passt es mir eigentlich fast gar nicht, dass ich von Christian gebeten werde, noch einmal zu der Kreuzberger Suppenküche zu gehen. Ich bummele den Morgen etwas herum, unterhalte mich mit Alexej und Jacques über Frankreich und überlege mir, dass ich Polentapizza, Salat und Joghurttiramisu kochen werde. Nach dem Einkaufen gehe ich noch einmal in die Thomaskirche und dann schlendere ich Richtung Suppenküche, wo ich schon eine Stunde zu früh ankomme. Ich unterhalte mich mit einem angetrunkenen Mann, der fünfzig gerade geborgte Euro verloren hat. Eigentlich will er sich nicht ärgern, aber es funktioniert nicht. Dann schilt mich eine Frau, dass ich eine schlechte Tochter sei. Wenn meine Mutter dies wüsste. Sie bietet mir an, bei ihrem Frisör wegen einer Ausbildungsstelle zu fragen. Ich sitze auf der Mauer und fühle mich ganz wohl. Wenn ich mich nicht schäme hier zu stehen, dann brauchen sich die anderen Menschen auch nicht zu schämen, denke ich und wundere mich über diesen lehrbuchmäßigen Gedanken. Die Frau drängt mich, mich anzustellen. Ich unterhalte mich mit einen Jugoslawen, als ich hinter mir zwei Latinos bemerke, ein Vater mit seinem zehnjährigen Sohn. Ich muss sie immer wieder anschauen und sitze dann plötzlich in dem Raum auch neben Ihnen. Als ich sie frage, woher sie kommen, antwortet der Mann: Bolivia und La PAZ. Ich erkläre ihm nur schnell, dass er es nicht verstehen muss ( alle in dem Raum wundern sich, dass ich Spanisch spreche) aber ich fliege in zwei Wochen nach Bolivien. Wir einigen uns, dass ich für ihn etwas mitnehme und dass wir uns morgen um drei nochmal treffen wollen, dann renne ich los, um Ulli rechtzeitig zu treffen. Irgendwie denke ich gar nicht darüber nach, was für eine Einladung ich da gerade bekommen habe. Monika meint später, es sei kein Wink mit dem Zaunpfahl, sondern ein Wink mit dem Gartenzaun gewesen.

In der Thomaskirche erzähle ich Ulli meine Woche und erschrecke über die Situation ihrer Familie. Ulli hilft mir noch mit beim Salatschnippeln, ich kann sie aber nicht zum Bleiben überreden. Aber wenigstens einen Kaffee können wir noch gemeinsam trinken. Monika kommt und hilft genauso wie Jean und Jacques beim Kochen und wie durch ein Wunder ist bis halb acht alles soweit fertig.

Die Messe findet im Wohnzimmer am großen Tisch statt. Vier Männer, die innerhalb der Emmausbewegung eine Ordensgemeinschaft gründen wollen und eine Karmeliterin haben parallel zu mir Exerzitien gemacht. Außerdem sind noch Freunde von Christian anwesend. Nachdem jeder zu Gott in seinem Namen gebetet hat, lesen wir gemeinsam den Text von Moses in einer ungewöhnlichen Bibel, die aber sehr schön geschrieben ist. Dann erzählt jeder etwas über seine Erlebnisse, wie er die Mauern in der Woche zu anderen Menschen niedergerissen hat, zu Jugendlichen, zu Kindern, zu Armen, zu Frauen, zu Punks…

Die Karmeliterschwester, die sich auf eine Probeemiritage vorbereitet, erzählt sehr schön über

Edith Stein, deren Namenstags heute ist. Unter dem Tisch liegt der Hund, der bei der Wandlung statt der Glocken anfängt zu bellen. Es ist ein schöner Gottesdienst, in einer für alle verständlichen Sprache. Einer der Emmausmänner stimmt schöne selbstgedichtete Lieder an, er wird in dem Orden sicherlich für die Musik zuständig sein. Gott, der Distanzen überwindet, Gott der innere Ruhe gibt, Gott der Verletzungen heilt…, an Dich werden viele Fürbitten gerichtet.

Nach dem Gottesdienst darf ich auftischen und wenn die Polenta gewöhnungsbedürftig ist, schlägt das Joghurttiramisu dann doch an. Ich würde mich so gerne mit meinen Nachbarn über ihre Woche unterhalten, bin aber selbst viel zu voll und lasse es so einfach bei dem Gefühl der Verbundenheit. Irgendwann habe ich eigentlich nur noch den Wunsch in den Arm genommen zu werden und gar nichts mehr zu sagen.

Ich frage noch Christian und Jacques, ob die Dinge die die Menschen hier erleben Realität sind, normal sind und beide bejahen dies. Ich habe immer innerlich eine Barriere gegen diese große Religiosität, aber scheinbar scheint diese Realität zu existieren, auch für mich. Sie macht nur auch viel Angst, da sie nicht planbar ist. Aber auch offen und glücklich. Religion kann vielleicht wirklich greifbar sein, erlebbar sein, nicht nur Worte in Büchern.

Samstag, 12. August

In der Nacht schlafe ich kaum. Vielleicht weil ich am Samstag nach Kaulsdorf gehen werde, vielleicht weil ich Richard gebeten habe, zum Samstagsfrühstück zu kommen. Irgendwann um vier Uhr morgens nehme ich ein Bad, dann kommt mir die Idee, mir einen anderen Ort zum Schlafen zu suchen. Vielleicht ist im Schlafraum ein Bett frei. Ich klettere auf ein Bett und bemerke an den Gegenständen, das es nicht frei, sondern das Bett von Farouk ist. Ich bin gerade am Überlegen, was ich denn nun machen soll, als Farouk ins Zimmer kommt. Wie ein Blitz klettere ich herunter, murmele, dass ich nicht schlafen kann und eine Entschuldigung und verschwinde in die Küche. Dort kommt gerade Ossmann von einer Party. Wir unterhalten uns über afrikanische Musik und Trommeln, über unsere Familien und Träume und dann legen wir uns beide ins Wohnzimmer und so schlafe ich noch eine Stunde. Zum Frühstück kommt noch ein amerikanischer Jesuit, und ein paar (Standard)Freunde von Christian. Richard wird gleich mit politischen Fragestellungen empfangen, und ich erfahre, dass man als Nichtwähler im Rahmen einer Kampagne seine Stimme abgeben kann. Es wird über einen buddhistischen Mönch erzählt, der zwar für Europäer viel Blödsinn erzählt aber ein Lächeln hat… Er sei seit zwanzig Jahren glücklich wie frisch verliebt. Christian versucht Richard das Prinzip der Exerzitien zu erklären und auch der amerikanische Jesuit muss herhalten. Ich bin sehr dankbar dafür. Der amerikanische Jesuit merkt den Unterschied zu seinen Exerzitien und auch zu seiner momentanen Unterkunft sehr deutlich. Ich sage zu Jacques: Vielleicht ist er ja Dein Nachfolger und bleibt gleich noch hier. Irgendwann klingt Richard sich aus dem Gespräch aus und ich merke immer stärker eine Distanz zu ihm bestehend aus Fremdheit, Unsicherheit, Angst vor dem Nicht-Verstanden werden. Hinterher spreche ich mit Jacques darüber, den Tränen nahe: vielleicht öffnen sich Türen, wenn ich nur erkläre, aber habe ich die Zeit…? In zwei Wochen fahre ich nach Bolivien….

Ich unterhalte mich mit Monika und beide stellen wir fest, dass sich viel bei uns verändert hat und dies nicht so abbhängig vom Alter. Über diese Erkenntnis freue ich mich. Auch über die Grenzen des eigenen Aushaltens sprechen wir. Wieviel kann man ausgleichen, aushalten in seinem Leben?

Dann gehe ich wieder zur Suppenküche, um mich mit dem Bolivianer Martin zu treffe. Wir haben ein schönes Gespräch, er ist sehr interessiert an meinen Gründen, die mich in die Suppenküche führen und wir diskutieren über globale Gerechtigkeit soweit es mein Spanisch zulässt. Hinterher heißt es sich verabschieden. Ich setze mein Gespräch mit Monika fort, kann mich aber noch nicht von ihr verabschieden, dazu ist sie zu wichtig für mich geworden. So sage ich kurzerhand, dass ich morgen zum Frühstück noch einmal wiederkomme, auch um Alexej Tschüss sagen zu können. Ich eile nach Hause, um rechtzeitig meiner Mutter bei ihrem Gartenfest helfen zu können. Außerdem habe ich mich mit Richard verabredet. Beim Grillfest merke ich meine Grenzen bei der Diskussion über den Neukauf von Autos. So bin ich froh, mir den Hund schnappen zu können und mit Richard spazieren zu gehen. Ich erzähle ihm zwei Stunden meine Woche, ohne zu wissen, was er versteht. Er hört nur einfach zu und sagt kaum etwas. Dann sitzen wir am Biesdorfer See und ich komme auf die Distanz zwischen uns zu sprechen. Ehrlich muss ich akzeptieren, dass wir und ich besonders uns konsequent aus der Beziehung gezogen haben. Wir haben vergessen uns gemeinsame Visionen für die Zukunft zu schaffen und Brücken wischen unsere unterschiedlichen Ansichten zu bauen, die verbinden. Ich habe immer mehr Grenzen und Bewegung gesucht, Richard mehr den Raum, um sich fallen zu lassen….

Sonntag, 13.August

Morgen nehme ich meine Mutter mit nach Kreuzberg und so haben wir auf dem Weg Zeit zum Erzählen. Ich erzähle ihr, was für eine Vision die Wohnung für mich geworden ist. Der Gottesdienst in der Michaeliskirche beeindruckt uns beide, insbesondere die Freiheit der Kinder, das ihr Lachen und Weinen wichtiger ist als die Worte des Pfarrers. Monika hat aus der selben Idee auch ihre Mutter mitgebracht, so ist dann Muttertag angesagt. Meine Mutter wird von allen über meine Bolivienreise beruhigt. Dann heißt es für mich wirklich zu gehen, es fällt mir schwer, da ich innerhalb so kurzer Zeit Menschen so intensiv begegnet bin. Insbesondere der Abschied zu Monika und Jacques fällt mir schwer, aber man muss auch gehen können. Alexej, der Mutige, der auch beim nächsten Mal ohne Geld reisen würde, ist leider wieder nicht da, was mir sehr leid tut.

P.S. Ich hätte viele Dinge insbesondere das Zusammenleben in der Wohnung noch ausführlicher beschrieben, es fehlt mir leider die Zeit, ich werde es gelegentlich nachholen und erst einmal noch per Hand für mich aufschreiben. Auf ist mir in der Woche viel geschenkt worden, insbesondere aber auch das Vertrauen nach Bolivien gehen zu können. Ich möchte allen Menschen, die sich mir so geöffnet haben und denen ich begegnet bin danken und ihnen Mut zu ihren Sehnsüchten wünschen…