Werner Grätzer SJ, Meine Exerzitien auf den Strassen von Berlin

Für 2003 waren Exerzitien auf der Strasse in drei Städten ausgeschrieben. Basel war mir zu nahe, Nürnberg zu touristisch. Das ehemals geteilte Berlin lockte als geschichtsträchtige Weltstadt am meisten, und der Termin Anfang August war für mich optimal. Die Kreuzberg-Gemeinde St. Michael, vor 40 Jahren aus der Not hart an der Mauer entstanden, bot Unterkunft (Notschlafstelle), Küche und Kirche an. Fünf Männer und vier Frauen nahmen teil und wurden jeden Abend begleitet von zwei Mitrüdern (Christian Herwartz und Stefan Täubner) aus der nahen -Kommunität an der Naunynstrasse und zwei Ordensfrauen (Petra Bigge und Teresa Jans-Wentrup).

Wie Mose vor dem brennenden Dornbusch wurden wir eingeladen die Schuhe auszuziehen, Sicherheiten, Schutzmechanismen, vorgefasste Meinungen und Urteile abzulegen und auf die Suche nach Gott zu gehen. Seine geheimnisvolle Gegenwart konnte sich uns unerwartet zeigen an ganz gewöhnlichen Orten oder in zufälligen Begegnungen. Sie schenkte sich aber auch in der Meditation an Stellen, die wir bewusst aufsuchten. Die Anregung dazu kam aus dem eigenen Innern, aus dem, was wir in der abendlichen Erzählrunde in zwei Kleingruppen miteinander teilten oder aus den Vorschlägen auf einer Liste von Anregungen für die Suche nach Heiligen Orten in Berlin. Mir wurde es wichtig, jeden Tag neu in der Stille auf meinen persönlichen Weg zu achten oder mich auf eine geplante Begegnung einzustimmen, bevor ich mich auf den äusseren Weg machte. Die tagsüber gemachten Erfahrungen behielt ich in Erinnerung, prüfte ihren Wert und vertiefte sie im Gebet. Einzelne Orte suchte ich bewusst mehr als einmal auf.

So schwärmten wir wie die Bienen jeden Tag aus, um unseren Honig zu sammeln, jede und jeder für sich, bei andauernd sonnigem Wetter und Temperaturen über dreissig Grad. Am Abend fanden wir zusammen zu Eucharistiefeier und Abendbrot und intensivem Austausch. Mit wachen Sinnen sammelte auch ich meine Erfahrungen: auf Strassen und Plätzen, in Parkanlagen, Kirchen und Räumen der Stille wie z.B. am Brandenburger Tor; in türkischen Cafés oder im Anstehen und miteinander Essen in Suppenküchen; in der Meditation vor dem Galgen in Plötzensee, an dem unser Mitbruder Alfred Delp gehangen hatte oder am Grab des mutigen Domprobstes, des seligen Bernhard Lichtenberg in der Hedwigskathedrale; auf weiten Strecken, die ich betend zu Fuss ging, oder im stillen Betrachten der Fahrgäste in U- und S-Bahn. Wo sich die Gelegenheit bot, suchte ich mit ganz verschiedenen Menschen ins Gespräch zu kommen. Zweimal ging ich auch nachts durch mehrere Quartiere. Mehr und mehr wurde für mich das Ganze zu einer einzigen grossen Ausweitung der Betrachtung, um Liebe zu erlangen, wozu uns der Hl. Ignatius am Schluss seiner Exerzitien anleitet.
Und jetzt, mehr als drei Monate später, spüre ich deutlich, wie fruchtbar diese acht Tage in Berlin für mich bleiben.

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