Streiflichter

Exerzitien auf der Straße 15.06. – 17.06.2012 Die Teilnehmer schildern uns ihre Eindrücke:

„Exerzitien auf der Straße“ – was ist denn das? Diese Frage kann ich nur ganz individuell beantworten:

Wir haben uns am Freitagabend mit Christan Hertwartz getroffen. Christian hat schon in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen „Exerzitien auf der Straße“ angeboten. Exerzitien, das sind geistliche Übungen. Klingt komisch, ist aber so.

Für mich persönlich war schon der Beginn sehr spannend. Bei geistlichen Übungen, spirituellem Erleben wurde ich noch nie gefragt, worüber ich mich denn eigentlich ärgere. Dies war die Einstiegsfrage. Als wir uns über die persönlichen Ärgerpunkte austauschten, haben wir in einem zweiten Schritt geguckt, welche Sehnsucht hinter dem jeweiligen Ärger steht. Und auf Grund der Sehnsüchte haben wir ganz persönliche (sicher auch vorläufige) Gottesnamen formuliert. Diese begleiteten uns dann in ganz unterschiedlicher Weise am Samstag.

Am Samstag trafen wir uns um 10.00 Uhr in unseren Gemeinderäumen. Nach einem kurzen Einstieg machten wir uns einzeln auf den Weg, auf die Straßen Moabits oder auch anderenorts in Berlin. So unterschiedlich wie wir als Personen waren, so unterschiedlich waren auch die Erlebnisse, die jeder für sich so machte. Nach einem gemeinsamen Essen gab es dann viel Zeit, so dass jeder von seinen Erfahrungen berichten konnten. Mich hat es sehr berührt, den anderen zuzuhören und mich hat es ebenso berührt, wie mir zugehört wurde.

Ich würde es auf jeden Fall wieder machen, denn ich habe ganz tiefe Erfahrungen gemacht, die mein Leben und auch meine Sicht auf Moabit verändert haben. Wenn Ihr wissen wollt, was ich erlebt habe, dann sprecht mich doch einfach an. Ich erzähle es Euch gerne.

Dorothea Gützkow
Christian Herwartz zu erleben, war beeindruckend. Ein so bescheidener Mann der mit seinen knapp 70 Jahren in einer kleinen Wohnung in Kreuzberg lebt, wo er mit sieben Männern zusammen in einem Raum schläft…

Mit wenigen und sehr dosierten Informationen am Freitag Abend wurden wir vorbereitet, um am Samstag auf die Suche zu gehen.

Offen sein für die Begegnung mit Menschen und Orten, offen sein für neue Erfahrungen und neues Denken inmitten scheinbar gewohnten Lebens in Moabit.

Ich selbst landete erstmalig in der neu gestalteten Markthalle, erfreute mich am dort zu findenden Gebetomat, sah sehr lange einer Töpferin zu, aß in der Halle fish and chips und wanderte dann zur Oldenburger Straße weiter, um dort das erste Mal nach 21 Jahren die Dominikansche Kirche zu betreten, was für ein Wechsel nach der Markthalle! Es tat gut in dieser großen Kirche dem Klang einer Klarinette zu lauschen und dabei die ganze Kirche zu durchschreiten mit ihrem beeindruckenden Raumklang. Am Ende zog mich eine Skulptur in den Bann, in der die Beweinung Christi dargestellt ist. So ausdrucksstarke Gesichter konnte ich entdecken und war tief bewegt als der alte Pater Thomas mich dann ansprach. Ein kurzer Kontakt, denn kurz danach fand eine Trauung statt.

Ich habe die Stunden in den Straßen in Moabit als reich erlebt, die Öffnung für Impulse als sehr wohltuend und war fasziniert, am Nachmittag zu erfahren und auszutauschen, was die anderen erlebt hatten.

Volker Tepp
Im Vorfeld war es nicht leicht, mich auf diese Veranstaltung einzulassen, weil ich so viel im Kopf hatte. Sie hat mich nicht, anders als ich dachte, dazu gebracht, anderen zu begegnen, sondern meine Beziehung zu Gott zu erleben. Außerdem bin ich entschleunigt worden und mein Kopf wurde freier. Ich nehme diesen Impuls mit, anders auf der Straße zu gehen.

Valérie Sebag

Exerzitien auf der Straße – Impressionen

Ich war auf der Suche nach etwas, das ich nicht gefunden habe. Das hat mich erst enttäuscht und ich fand dann in dieser Enttäuschung eine alte Frau im Rollstuhl, die zu der Musik eines Straßenmusikers getanzt hat, auf ihre ganz spezielle und auch eingeschränkte Weise. Sie hat irgendwie gestrahlt und diese Stimmung ließ mir die Tränen in die Augen steigen. Ich hätte am liebsten mit der Frau Kontakt aufgenommen und mitgetanzt. An dieser Stelle war ich eingeschränkt, weil ich das nicht konnte und die Frau hatte mir etwas voraus. Sie hat mich durch ihr Strahlen beschenkt.

Sebastian Leenen
Mich hat beeindruckt, wie schnell ihr euch alle auf die Exerzitien eingelassen habt, die in dieser Form für alle doch neu waren. Anderthalb Tage sind für einen Exerzitienprozess doch sehr kurz, doch ihr seid sofort auf die Spur mit eurer Sehnsucht gekommen und habt sofort eure Gedanken mit großer Offenheit und Tiefe geteilt. Für mich als Begleiterin war es eine Freude, diesen Prozess miterleben zu dürfen; ich fühle mich durch euer „Sharing“ reich beschenkt. Danke !!

Inga Hoolmans
Für mich waren diese Exerzitien wie verliebt zu sein. Es war wundervoll, auf dem Spielplatz zu schaukeln und das zu lieben, was ich tue und wahrnehme. Christian Herwartz sagt, Exerzitien sind zuerst Heilung, das ist aufregend und hat eine tiefe Sehnsucht geweckt, diesen Weg, den Jesus gegangen ist, der wahr ist und ins Leben in der Fülle führt, auch zu gehen. Gern möchte ich die Buchtipps von Christian Herwartz weitergeben aus der Reihe Ignatianische Impulse, erschienen im Echter Verlag: „Auf nackten Sohlen, Exerzitien auf der Straße“ und „Brennende Gegenwart, Exerzitien auf der Straße“.

Carola Marquardt