Sr. Petra Bigge, Exerzitien auf der Strasse

Vom 19.7.-28.7. habe ich in Berlin Kreuzberg, St. Michael, Exerzitien auf der Strasse begleitet. 13 Personen hatten sich dazu angemeldet und haben auch dort übernachtet. Die 11 Männer haben unten im Keller, in den Räumen der Notübernachtung und die zwei Frauen in einem Gemeinderaum geschlafen. Gelebt haben wir von dem, was die Berliner Tafel nach Kreuzberg St. Michael in dieser Zeit brachte. Wir wollten so leben wie die Menschen am Rande unserer Gesellschaft es tun. Wollten unter ihnen Gottes Spuren entdecken.
Exerzitien auf der Strasse, viele können sich darunter wenig vorstellen und so möchte ich kurz den Ablauf beschreiben:
Von 8-9 Uhr konnten die Teilnehmer/innen frühstücken, um 9 Uhr war das Morgengebet und anschließend machte sich jede/r auf den Weg. Meditiert wurde in dieser Stadt, Gottes Spuren hier und im heute zu entdecken galt es.
Ausgegangen sind wir von der Frage: Wer ist Gott für mich? Um dem besser auf die Spur zu kommen haben wir uns gefragt, was ist die tiefste Sehnsucht, die Gott in mich hineingelegt hat und um diese Sehnsucht wiederum klarer zu sehen, haben wir uns mit unserem Ärger beschäftigt. Was ärgert mich am meisten? Und langsam hat sich dann für einige klarer ihr persönliche Gottesname gezeigt.
Die Muslime haben ihre 99 Gottesnamen, der 100. ist durch mich persönlich zu geben. Oder im Evangelium ist von den 99 Schafen die Rede, dem 100. geht Gott nach, das bin wiederum ich.
Und solch eine Erfahrung hat auch Moose am brennenden Dornbusch gemacht. Während er mit den Schafen durch die Wüste zog hat sich ihm Gott an einem Gestrüpp offenbart. Moose sieht den Busch brennen, zieht die Schuhe aus, macht sich verwundbar und lässt diese Nacktheit, dieses Ausgesetzt sein zu. Gerade dadurch erfährt er Gott, der sich ihm als der „Ich –bin-da“ offenbart.
Und diesem Gott waren auch die Teilnehmerinnen auf der Spur. Er sollte sie in diesen 10 Tagen in und durch diese Stadt führen. Beliebte Orte für eine Meditation waren: der Drogenumschlagplatz in Kreuzberg, die Obdachlosen auf dem Weg, die Suppenküchen in Pankow und bei den Schwestern von Mutter Theresa, der Karmel Regina Martyrum, die Abschiebehaft, die Mauergedenkstätte, Plakate und andere Dinge auf dem Weg etc.
Es waren die Orte die zum Teil sprachen, aber es waren auch die Begegnungen mit den Menschen. So erzählte ein Teilnehmer von einem Drogenabhängigen, der sich zu ihm auf die Parkbank setzte. Er erzählte von seinem inneren Unbehagen, dem Verlangen so schnell wie möglich aufzustehen und wegzugehen. Doch er rang mit sich und blieb. Nach einer Weile zündete der drogenabhängige Mann einen Streichholz an. Und während er ausging sagte er: “So ist mein Leben!– Merke dir das!“ Und wiederum nach einer Weile überreichte er ihm den Streichholz zur Erinnerung.
Am Abend feierten wir die Eucharistie um 17.00 Uhr, aßen anschließend zu Abend und danach teilten wir miteinander in zwei Basisgruppen den Tag. Dazu brachte er den Streichholz mit und erzählte diese Begebenheit.
Ein anderer erzählte, wie er in all den Tagen mit seiner Heimatlosigkeit gerungen hat. Eines Tages bat ihn ein Obdachloser um Geld für Essen. Er sagte, dass er kein Geld habe, wohl aber ein Brot in der Tasche, das auch er jetzt essen wolle und er möchte es mit ihm teilen. Der Obdachlose saß in einer Nische, da es am Regnen war, er lud den Mann ein doch Platz zu nehmen, drehte einen Pizzakarton um, damit er auch schön sauber sitzen konnte. Beide aßen miteinander das Brot und sprachen über ihre Heimatlosigkeit.
Ich habe erfahren, wie Menschen durch diese Meditationen an Leib und Seele geheilt wurden. Als sehr einladend wurde die evangelische Kirche St. Thomas in Kreuzberg empfunden.
Manch einer hatte sich auch nach St. Adalbert verlaufen. Mich hat dabei immer berührt, wenn von der verschlossenen Kirche die Rede war und wie schwer es doch sei, diese Kirche zu finden. Und doch gelang es einem Teilnehmer in sie hinein zu kommen. Und gerade dort fand er ein Faltblatt von Gut Neuhof, das ihn sehr angesprochen hatte. Er fuhr gleich dort hin und diese Begegnung war eine Schlüsselerfahrung – eine Gotteserfahrung – für die gesamten Exerzitien: die Herzlichkeit mit der er aufgenommen wurde, niemand kannte ihn ja, mit am Tisch Platz nehmen zu können und gemeinsam Essen etc……….
Mich haben diese Gottesbegegnungen zutiefst berührt und froh gemacht. Ich bin dankbar an dieser Erfahrung teilhaben zu können und dadurch ist für mich auch der Alltag intensiver als sonst zu Orten der Gotteserfahrungen geworden.

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