Simone Roeder, Exerzitien auf der Straße in Rostock 12. bis 21. August 2011

Als eine von sieben TeilnehmerInnen kam ich Freitag in Rostock an. Das Pfarrhaus, unser Zuhause für diese Tage, war eine Überraschung. Ich dachte ja, wir würden irgendwo in einem feuchten Keller ganz eng zusammenwohnen, auf einem Camping-kocher Nudeln kochen und uns mit einem Kaltwasserhahn zum Waschen begnügen.., das Ganze natürlich an einer dröhnenden Hauptverkehrsstraße…
Stattdessen fand ich ein großes, wunderschönes Haus mit Garten in ruhiger Lage. Irgendwie war ich schon etwas erleichtert, gebe ich zu.
Und so verbrachten wir 10 Tage mit unseren drei BegleiterInnen in diesem Haus und in dieser Stadt.
Eingerahmt vom gemeinsamen Gebet am Morgen und am Abend und den allabend-lichen Austauschrunden, zogen wir tagsüber allein durch die Stadt.
„Werde still, werde langsam, lausche deiner Sehnsucht und lass dich von ihr an Orte und hin zu Menschen führen, die dich anziehen oder die du sonst eher meidest, viel- leicht begegnest du Gott dort, wo du ihn am wenigsten erwartest.“ Unsere Erfahrun- gen waren sehr unterschiedlich.
Für mich als absolutes Landei war es ungewohnt, in einer mir völlig unbekannten Stadt zu sein. Mit viel Zeit, ohne bestimmte Pläne auf der Straße, fielen mir schnell die Menschen auf, bei denen das auch so ist. Die, die auf Bänken sitzen, weil sie nichts anderes zu tun haben oder alt sind und langsamer ticken als die anderen oder betteln oder krank sind und mir fielen die auf, die nicht „reibungslos funktionieren“, nämlich die RollifahrerInnen, die Behinderten, auch die Traurigen, die „Verrückten“, ich sah ge- schlagene Frauen mit blauen Flecken im Gesicht, Flaschensammler, oder Gruppen von Punks. Auch bei den „ganz normal“ wirkenden Menschen sah ich viel Leid, Überan-strengung, Angst, Wut.
Ich sah nicht, schnell registrierend, über all das weg. Ich sah hin.
Verweilte in den Wahrnehmungen. Und erstaunlicherweise kamen mir die Menschen innerlich näher, bis ich in ihnen meine eigene Einsamkeit, Leere und Angst erkannte und bis mir klar wurde, dass auch ich in manchem wirklich behindert bin, vielleicht an anderen Stellen…aber ja, ich bin nicht weniger menschlich, unsicher und bedürftig in dieser Welt als sie.
Und so wurde auch ich von manchen Leuten offenbar wahrgenommen und gerade mit einigen von den scheinbar Ärmsten gab es Momente von innigem Augenkontakt, ein Lächeln, ein respektvolles Nicken und eine kleine Freude.
Dies waren die Momente, in denen ich innerlich „die Schuhe auszog“, wie Moses vor dem brennenden Dornbusch. Diese Momente haben mich glücklich gemacht und den so fremden Menschen zum Bruder oder zur Schwester werden lassen, für den Augenblick.
Und so sehe ich die Sehnsucht nach Gott für mich auch als eine Sehnsucht nach einer Welt, in der Menschen nicht übersehen oder einfach abgestempelt werden, sondern ihre ganz besonderen Gaben als wertvoll wahrgenommen werden, so wie ich es mir auch für mich selbst wünsche.

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