Olav Hamelijnck, So viel Zeit!

Erfahrungen bei Straßenerxerzitien

Unser Ordensgründer Leo Dehon war davon überzeugt: „Wenn man einen Menschen lieben will, muss man ihn kennen. Wenn man ihn kennenlernen will, muss man ihn aufsuchen“. Jetzt oder nie – dachte ich mir im Frühjahr 2014 vor meiner Veränderung vom Hausoberen zum Oberhausener und entscheide mich für Straßenexerzitien. Mit den zwei Frauen und den zwei Männern, die uns begleiten, sind wir zu zwölft. Am Ende der Woche bekommen wir Gläser geschenkt, um daraus zu Hause mit jemand Tee zu trinken und ihm von unseren Erfahrungen zu erzählen. Dann erzähl ich auch hier mal was.

„Komm rein! Willst du ´nen Kaffee?“ werde ich in den Räumen der Altkatholischen Gemeinde in Berlin begrüßt, die uns hier unentgeltlich – wie immer bei Straßenexerzi- tien – gastfreundlich beherbergen wird.

Tage später sitze ich in einer Kirche; sie kommt mir gerade recht. Schuhe aus; die heiß gelaufenen nackten Füße auf dem kühlen Fliesenboden – herrlich! Dann muss ich la- chen. Das zieht mir die Schuhe aus: ausgerechnet in eine Kirche bin ich geflohen, um mal einen Augenblick Ruhe vor Gott zu haben! Denn in diesen Tagen, beinahe ständig draußen auf der Straße, kann ich Alfred Delp Glauben schenken: „Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren quillt er uns gleichsam entgegen“. Aber jetzt brauche ich mal eine Pause – zu viel des Guten!

Zugegeben, ich kenne das auch anders: Alle Poren scheinen verstopft. Da hilft schon mal ein Sakralbau mit seinem mystischen Licht, seinem Geruch, seiner Stille. Aber in Exerzitien auf der Straße finden solche porentiefe Dornbuscherlebnisse wie bei Mose vor allem draußen statt. Manches wird auf den Kopf gestellt oder besser gesagt: mein Kopf und mein Herz scheinen freier für neue Erfahrungen und dafür, wie Jesus „der Weg“, in diesem Fall wohl eher „die Straße“ ist.

Das hat mir schon der erste Tag verheißen. Als ich mich von dem Laternenpfahl löse, an den ich mich endlos lang lehnte, um ein wunderschönes Schaufenster zu genießen, entdecke ich, dass mir die ganze Zeit ein Werbezettel im Nacken saß: „Entrümplungen aller Art“. Nur zu, von mir aus gern! Ein paar Meter weiter lasse ich mich auf einer Bank vor einem Frisörsalon nieder und schaue nach oben. Übergroß hängt sie über meinem Kopf: Die Schere, auf die mich Joe vor Jahren aufmerksam machte. Denn was für Mose „zieh deine Schuhe aus“ hieß, lautete für mich damals: „Nimm doch mal die Schere aus dem Kopf!“ Ist sie jetzt endlich draußen? Keine Denkverbote mehr? Dann hab ich gerade wohl doch nicht nur endlos lang ein wunderschönes Schaufenster ge- nossen, sondern vor der Buddha-Statue meditiert, die dort zum Verkauf stand. Von der Zen-Übenden Ursula Richard sollte ich eh noch lernen, dass eine Haltung von Acht- samkeit, Offenheit, Anteilnahme und Verbundenheit spirituelles Erleben ausmachen.

Lachen befreit. Ich muss viel lachen in diesen sechs Tagen. Kein Wunder also, dass ich vor der Einkaufspassage stehen bleibe, wo ein paar junge Leute mit roten Pappnasen Unterstützer für die Aktion „Clowns im Krankenhaus“ suchen. Man ahnt die häufigste Antwort der Passanten auf ihre Frage: „Haben Sie einen Augenblick Zeit?“ Nach zwan- zig Minuten vergeht mir das Lachen. Jetzt stehe ich schon so lange hier und keiner von diesen Pappnasen spricht mich an! Ich gehe auf einen von ihnen zu und sage: „Aber ich hab Zeit.“ Es entspinnt sich ein zu Herzen gehendes Gespräch. Eine Einsicht keimt auf: Es ist göttlich schön zu erleben, wieviel Wunderbares sich ereignen kann, wenn ich Zeit habe; oder sagen wir: wenn ich mir Zeit nehme; nein – jetzt hab ich’s: … wenn ich die mir von Gott geschenkte Zeit gut zu nehmen weiß.

Ich nehme mir Zeit, den verwirrt und obdachlos wirkenden Mann, der mich mit: „Na, hier sehen die Rabatten gepflegter aus als bei uns“ anspricht zu fragen, wo denn „bei uns“ sei, statt mit einem „Ja, ja“ eilig weiter zu gehen. Dadurch bin ich später vor mei- nem entrümpelnden Meditations-Schaufenster gelandet. Denn Peter erzählt und meint irgendwann: „Geh mal in die Grunewaldstraße“. Gesagt, getan – schließlich mach ich Straßenexerzitien: ohne Plan aufbrechen und aufmerksam den Impulsen folgen, die mir zwischen Morgenandacht und Abendgottesdienst draußen auf der Straße zufal- len. Wohin zieht es mich? Wovor habe ich Angst? Wofür nehme ich mir Zeit? Welche Schuhe muss ich ausziehen, um den „Ich-bin-der-ich-bin da“ an mich ranzulassen? Oder wie lautet mein Gottesname derzeit?

Hätte ich mir keine Zeit genommen, mit dem Pförtner zu sprechen, wäre mir die Ermu- tigung für mein zaghaftes Vorhaben, einfacher zu leben, entgangen. Ich finde die auf dem Stadtplan eingezeichnete Diabetes-Fachklinik nicht. Stattdessen steht an der Tür: „Psychiatrisches Krankenhaus“. Christian, einer unserer Begleiter, hat uns empfohlen: „Geht mal an Orte, um die ihr sonst eher einen Bogen machen würdet; und seid ehr- lich, wenn die Leute euch was fragen“. Also rein: „Entschuldigung, ist das hier kein Diabetikerkrankenhaus?“. Der Pförtner antwortet: „Nee, wen suchen Sie denn?“. Soll ich an diesem Ort wirklich ehrlich sein? Na gut: „Also eigentlich suche ich Gott“. Am besten schnell weiter reden: „Und weil ich gerade eine Diabetesdiagnose gestellt be- kommen …“. Er unterbricht mich: „Da sind Sie bei mir genau richtig. Ich hab nämlich auch Diabetes“. Für seinen Vortrag muss ich mir lange Zeit nehmen. Er endet mit: „Kurz gesagt, Sie müssen sich vorstellen, dass Sie ab jetzt auf dem Armutstrip sind“. Na also, dann schein ich ja über Umwege auf die richtige Spur gekommen zu sein und hab hier irgendwie auch Gott gefunden, der mir sagt: „Jetzt häng das mit dem ‚einfach leben‘ mal nicht so hoch. Tu es einfach; ist eh gesünder für dich!“

Hätte ich der Leiterin des Forums an der Gedächtniskirche, die wohl für ein Segens- gebet aber sonst eigentlich keine Zeit für mich hat, weil gleich drei ehrenamtlich Mit- arbeitende ausgefallen sind, nicht angeboten: „Ich hab Zeit und könnte einspringen“, dann hätte ich Gott um die Gelegenheit gebracht, mir das beste Kurzzeitpraktikum zur Vorbereitung auf meine bevorstehende neue Aufgabe im Oberhausener ökumenischen Kirchenzentrum zu schenken.

Hätten wir zwölf uns nach der Rückkehr in unser einfaches Matratzenlager nicht täg- lich so viel Zeit genommen, um Gottesdienst zu feiern, das Abendessen zu kochen und zu genießen und uns danach in der Gruppe über das Erfahrene auszutauschen, hätte ich nie diese tiefe Dankbarkeit empfunden, so selbstverständlich zu unserem „armse-ligen“ Kreis dazu zu gehören. „Selig, die Armen“; das waren jetzt nicht mehr irgend-welche anderen, sondern so selig fühlte ich Armer mich hier. Ich freute mich, dass es auch Jesus vergönnt war, um sich in die Runde zu blicken und zu spüren: „Das hier sind meine Schwestern und Brüder“. Wie der Mann, der nachmittags auf mich zukam, dessen ersten Satz: „Du guckst so freundlich, du hast ein gutes Herz“ ich für einen Trick hielt, mir gleich bettelnd Geld aus der Tasche zu ziehen. Weit gefehlt. Er hat’s ernst gemeint und mich damit reich beschenkt. Verabschiedet hat er sich mit: „Tschüs, Bruder!“

Eine Strophe von Marita Lersners Lied, mit dem sie ihre Straßenexerzitien-Erfahrungen in Worte kleidet, singe ich seitdem besonders gern: „Auf Gott will ich vertrauen, weil er so menschlich ist. Er will auf Menschen bauen, die man sonst oft vergisst. Für ihn sind Schiefe schön, die Ausgegrenzten wichtig, und die Verwirrten richtig, die Lahmen wer- den gehn“.

Ich erlebe das weiter in meinem Oberhausener Alltag und habe hier Brüder und Schwestern gefunden, die ihre Erfahrungen mit Exerzitien auf der Straße weiter wir- ken lassen wollen. Die rote Clownsnase, mein Mitbringsel aus Berlin, erinnert mich notfalls daran, „die mir von Gott geschenkte Zeit gut zu nehmen“. Abwarten und Tee trinken. Mal sehen, was geschieht – mit der Zeit.

Veröffentlicht in „Dein Reich komme. Die Zeitschrift der Herz-Jesu-Priester“ Nr.43/2016