Mabel, Von Jerusalem nach Berlin

Als Startpunkt der Strassenexerzitien in Berlin kann Jerusalem als merkwürdig er- scheinen. Für mich handelt es sich darum die inneren Möglichkeiten auszubreiten, um zu sehen, was so unterschiedliche Orte und Erfahrungen verbindet. Eine Art Globalisie- rung des Lebens, ein Phänomen das Diversität zur Einheit führt. Die Globalisierung ist nicht nur ein wirtschaftliches, politisches oder kulturelles Phänomen, ein zu lösendes Problem oder etwas Hinkendes hinter einer kybernetischen Welt der Geschwindigkeit. Die Globalisierung ist eine epochale Veränderung, die uns in Rich- tung des einzigen Zentrums – außerhalb von Raum und Zeit – stösst, in dem sich alles vereinigt. So macht sie Platz für das Unsterbliche, für das echte Licht.
Wir sind noch in der Osterzeit, dieses Licht dringt in mich ein, es zieht mich erneut an. Berlin und Jerusalem sind die Verankerungen des Lichtregenbogens, er besteht aus dem Versprechen der Liebe und des Lebens. Ich ging zwei Tage im letzten Sommer nach Jerusalem, um dort einfach Zeit vor einer großen Entscheidung zu verbringen. Ich erwartete auf Antworten von Gott an diesem heiligen Ort, Antworten, welche die Richtung zeigen sollten. Aber Jerusalem stürzte alle meine Pläne um. Statt der Via Dolorosa zu folgen, wie ich es mir vorgestellt hatte, war es, als ob ich Strassenexerzitien im Voraus erlebte. Aus einem bestimmten Grund, den ich noch nicht kenne, lies ich mich führen, so dass es schien, als hätte ich das Ziel meines Besuches verpasst. In der Tiefe, in dem Herzen dieser inneren Welt, passierte doch etwas Neues. Es ist Jesus, der zweitausend Jahre früher auf diese gleiche Steine, auf diese gleichen Strassen trat, der mir eine Botschaft übertrug : „Wieder vor vorn, vor dem Kreuz, von dem tiefsten Punkt des Kalvarienberges aus anzufangen und Gott zu vertrauen in dem Getsemani meines Lebens, Gott zu vertrauen, ohne etwas zu verstehen.
Einige Monate später in Berlin angekommen, war es wie eine Wiederholung von Jeru- salem. In ganz anderem Kontext und anderen Räumen, aber in dem tiefsten Aufruf, dem Leben zu vertrauen. Berlin wurde die andere Verankerung des Regen-bogens. Das hätte mir auch nicht seine Farbe zeigen können, wenn es nicht an einem Ort so uner- wartet wie die Hauptstadt Deutschlands gewesen wäre. Nachts angekommen mit einer Schwester-Freundin, wurde ich sofort überrascht von dem türkischen Viertel, wo die Gemeinschaft der Jesuiten lebt. Ein Stadtviertel, das uns nachts mit der Ambiguität einer Nachtbar begrüßt, und zwar gerade unter der Wohnung der Jesuiten und die „Das Tor zur Hölle“ heisst. So fingen die Strassenexerzitien mit der Betrach- tung der Hölle an, sichtbar an den degradierten Strassen. Dann kam der Eintritt in der Gemein-schaft. Eine unerwartete Vorstellung, Christen, Moslime, Junge, Alte, Priester, Schwes- tern, Obdachlose, Flüchtlinge, Leute, die einfach klingeln, um Hilfe zu bekom- men. So ist die Gemeinschaft, die dich mitten in der Nacht empfängt. In diesem Haus fing ich an das Leben, das Versprechen, die Liebe zu erleben. Eben durch die Einfach- heit, die Echtheit der Beziehungen, in der Schönheit eines einfachen Ortes, allen geöffnet, wo die einzige Kapelle das Menschliche ist, und die Stille sich im Inneren aufdrängt.
So wie in Jerusalem wurde die Wirkung in Berlin, durch diese Lebensart der Strassen-exerzitien, so erschütternd. Danach erklärte Pater Christian, einer der beiden Jesuiten, der in der Naunynstrasse lebt, wie man Strassenexerzitien erleben kann. Spüren was uns am meisten ärgert, und das nutzen, als Beleuchtung unserer tiefsten Sehnsucht nach Gott. Dies tun, in der inneren Stille der Strasse mit all ihren Empörungen, auf- merksam für alles und alle und die Tiefe des Lebens. Ich fing skeptisch an und ent- deckte bald, dass das einzige Geräusch das der planenden Gedanken war, das keinen Platz für das Leben lässt. So war es mir fast sofort klar, welchen Namen ich Gott geben würde. Einen Ausdruck der Zärtlichkeit, der Freiheit, der Empfindsamkeit und des Verständnisses. Dieser Gott, der sich mir seit Jahren offenbarte, seit ich seine Anwesen- heit in meinem Leben entdeckte. Er breitete sich wieder in mir aus, wie der Geliebte vergangener Tage, mit diesem besonderen Namen: „Mein“. Das Geschenk von Berlin wurde, dass ich wirklich „ich“ sein konnte, um mit diesem Namen die erneuerte Liebe wieder zu entdecken, die Steine dieser Stadt zu fühlen, einer Stadt so gefoltert von der Geschichte, deren Steine leben, heilig, wie die von Jerusalem.
Die Begegnungen mit Passanten, Obdachlosen, Alten, Sterbenden, mit Mönchen, Karmeliterinnen, Benedktinerinnen, mit den Orten des Holocaust, so wie mit dem Geist der Stadt, heute Ort der Barmherzigkeit geworden, das ist das Leben. In Berlin fing es an, dass ein Licht zu leuchten begann, gerade aus diesen zertrampelten Steinen mit ihrer Farbe, das ihr Leben verbrannte in einem der absurdesten Ereignisse der Geschichte. Diese Steine fingen an, mir zu erzählen, was in und hinter jedem Leben existiert, von einem Opfer, das nicht vergebens war, ähnlich wie das 2000 Jahre vorher in Jerusalem war. Diese von den Steinen erzählte Geschichte ließ mich jedes Leben von meiner eigenen Warte aus ansehen, als eine Ort der Transformation, als Chaos und Harmonie, wie die Spannung zwischen der Absurdität der Existenz und der Erlösung, die sich erfüllt im Ostermysterium, gerade dann wenn alles verloren scheint.

Berlin gab mir das Geschenk der Gegenwart.
Dabei halfen mir meine geistlichen Begleiter: Pater Christian, Schwester Petra, Schwes- ter Margit, und Sabine. Licht leuchtete auf meine Abwehr, auf das was mich behindert und auf die vollständige Anwesenheit, das heisst, der Ewige. Meine Selbstkontrolle, die Angst vor dem Geschehenlassen sind meine Abwehrkräfte. Nun konnte ich das Wieder-von-vorn-anzufangen und Vertrauen haben. So wurde ich eingeladen, wie Mose vor dem Dornbusch, meine Schuhe auszuziehen. Jeden Abend, nach einem Tag auf den Strassen, halfen mir meine Begleiter, den Dornbusch meines Lebens zu entdecken, so- wie meine Abwehrkräfte zu identifizieren. Gott und das Leben sind keine getrennten Sachen, Gott ist das Leben. In dem Erlebnis in Berlin, glaubend an die Anwesenheit, fand ich erneut die Einladung von Jerusalem, wieder vor dem Kreuz anzufangen, in dem Glauben, dass alles sich wandelt, dass Gott im Leben wirkt, dass die Liebe überall eindringt und über alles, sogar über den Tod siegt. Den Opfern des Holocaust, so wie allen Opfern von menschlichen Ungerechtigkeiten werden in dem Raum der Stille am Brandenburger Tor gedacht. Friedenszeichen für Berlin und für die Welt werden die stillen Zeugen wie die Steine von Berlin oder von Jerusalem. Sie sind Zeugen vom Le- ben, das nicht stirbt, von der Hoffnung, die alles umwandelt, von dem Licht ohne En- de.

Mabel (2006) Übersetzung J.-F. Boo