Joseph Mumbere Musanga: Straßenexerzitien in Nürnberg, wahnsinnige Gotteserfahrungen im Restaurant und in der JVA Nürnberg.

Als Ordensmann in der Familie der Comboni-Missionare sind für mich die sogenannten „geistlichen Exerzitien“ etwas Bekanntes. Bis zu den letzten Straßenexerzitien in Nürnberg hatte ich nur die Erfahrung der stillen Exerzitien, die immer mit Stille, Ruhe und mit einem persönlichen Hineinhorchen verbunden waren, um in mich selbst, in meiner persönlichen Geschichte und in den gemachten Lebenserfahrungen Gottes Spuren zu entdecken. Diese Exerzitien waren für mich immer eine besondere Zeit, in der ich viel Kraft für meinen Lebensweg geschöpft habe. Ich denke besonders an die 30 Tage Stillexerzitien vor meinen ewigen Gelübden. Diese 30 Tage haben mir geholfen, alle Ängste und Unsicherheiten in mir vor dem ewigen Ja zum missionarischen Ordensleben zu klären. Ich bin deshalb nach Nürnberg voller Zuversicht gefahren, auch wenn die Entscheidung für Nürnberg nicht einfach fiel.

Ich hatte vor zwei Jahren über die Straßenexerzitien von meinen Mitbruder und Freund Juan erfahren. Was ich davon wusste, war nur dass sie wunderschön sind. Mehr wusste ich nicht. Vor zwei Jahre wollte ich sie schon machen, es ging aber nicht. Heuer hatte ich von Juan und Brigitte erfahren, dass die Exerzitien in Nürnberg stattfinden werden. Aber für mich war eine Entscheidung für die Straßenexerzitien nicht einfach zu treffen, da ich die Diplomarbeit zu schreiben hatte, und dazu hatte ich zwei lockende Einladungen von zwei Gruppen von den Pfadfindern, die ich in Rom begleite. Die einen baten mich, sie nach Jugoslawien für einen zehntätigen Dienst in einem Flüchtlingslager zu begleiten. Die anderen nach Köln zum Weltjungendtag. Ich musste eine schwierige Entscheidung zwischen diesen zwei Einladung und den Exerzitien treffen. Nach einer Zeit des Ringens um die richtige Entscheidung habe ich mich mit einer gossen inneren Unruhe für Nürnberg entschieden, auch wenn ich mir die beiden Einladung lockender und lebendiger als die Straßenexerzitien vorstellte. Ich hatte nämlich Angst, später bedauern zu müssen, mich für Nürnberg statt für Jugoslawien oder Köln entschieden zu haben. Am Ende der Straßenexerzitien sagte ich mir: „tja, Joseph, du hast dich richtig entschieden. Das war gerade die Erfahrung, die du brauchtest, bevor du nach Kongo zurückgehst!“ Nun was habe ich in Nürnberg erfahren? Viele wahnsinnige Gotteserfahrungen: in den Kirchen und auf den Strassen Nürnberg unter Menschen, die einkaufen gingen, im Restaurant, im Gefängnis, in der Moschee beim Gebet mit Muslimen, von den Erfahrungen meiner Mitexerzitanten in den Austauschrunden am Abend, in den Gebeten und Liedern, in den Eucharistien, usw. Die Straßenexerzitien waren erfüllte Tage. Ich möchte nur einige von diesen Erfahrungen nun zusammenfassen.

Die Straßenexerzitien begannen am Freitag 19. August am Abend. Die ersten zwei Tage (Samstag und Sonntag) waren Einstiegstage in die Stimmung dieser Art von Exerzitien. Bei mir begannen die wahnsinnigen Gotteserfahrungen während dieser Straßenexerzitien in Nürnberg am Montag 22. August. An diesem Tag wurde uns die Begegnung Moses mit Gott am Dornbusch (Exodus 3) als Wegbegleiter mitgeschenkt. Die Stichwörter, die in mir danach nachklangen, waren zwei: zunächst war mir neu bewusst, dass der heilige Boden, vor dem man die Schuhe ausziehen soll, jeder Ort sein kann, und dass man auch auf der Straßen unserer ruhelosen Städten diesen heiligen Boden der Gottesbegegnung finden kann; dann brannte mir das Herz mit der Einladung von Christian, den Menschen, denen wir auf der Straßen begegnen und die uns fragen könnten, wonach wir suchen, einfach zu antworten: „Ich suche Gott!“ Die ganzen Straßenexerzitien haben sich dann für mich entwickelt und am Schluss zusammengefasst in: Heiliger Boden – Schuhe ausziehen – Gott an ungewöhnlichen Orten suchen, finden und begegnen.

  1. Wo kann ich Gott begegnen, wo ist der heilige Boden in dieser Stadt Nürnberg?

Die Straßenexerzitien haben mir geholfen, umzudenken von dem, was ich früher als heiligen Ort oder Boden verstand. Am Montag 22. August, nachdem uns die Gottesbegegnung Moses am Dornbusch neu präsentiert würde, fällte mir nichts anders ein, als in die verschiedenen Kirchen Nürnbergs zu pilgern, um dort Gott zu suchen. Die Kirchen waren mein einziger vertrauter heiliger Boden. Dort wird Gottes Wort verkündet und Gottes Mahl gefeiert. Dort war ich sicher, Gott finden zu können. So machte ich mich auf dem Weg und besuchte die St. Antonkirche, die Dreikönigkirche, die Jakobuskirche, die Lorenzkirche, die Frauenkirche, usw. In diesen Kirchen konnte ich mit drei Personen sprechen. Bei allen stellte ich mich nur als einen Gottsuchenden vor. Ich verheimlichte meine priesterliche und missionarische Rolle. Ich wollte mich von anderen, die in den Kirchen verweilen, über Gott belehren lassen.

An die erste Person in der Jakobuskirche stellte ich die Frage, wo ich Gott in dieser Kirche finden könnte. Sie antwortete mir – sehr überrascht von meiner Frage – ungefähr so: „… Na ja… Das weiß ich nicht… Gott können Sie in dieser Kirche nicht finden. Ihn kann man nicht sehen, weil Er im Himmel wohnt. Hier in diese Kirche kommen wir nicht, um Gott zu finden, sondern um zu ihm zu beten. Ich zum Beispiel komme immer hier her, zünde eine Kerze an und bete zu Gott, dass Er meine Familie beschütze, dass Er den Kranken beisteht, usw. Hier kommen Leute, die Ihn schon gefunden haben. Um Ihn zu finden, müssen sie irgendwo anders suchen…“ Das Gespräch mit dieser Frau machte mich darauf aufmerksam, dass ich wahrscheinlich Gott nur an den sicheren Orten suche, wie in den Kirchen, mit allem, was an liturgische Veranstaltungen dazu gehört, und dass ich Ihn auch in den für mich unsicheren Orten sehr wenig wahrnehme und ihn dort nicht suchen gehe. Das war also eine richtige Antwort auf meine Frage. Gott sollte ich irgendwo anders finden und dann in sein Haus kommen, um Eucharistie, Danksagung zu feiern, nachdem ich Ihm irgendwo anders begegnet bin. Aber wo war für mich dieser Heilige Boden der Gottesbegegnung?

An die zweite Person in der Lorenzkirche stellte ich dieselbe Frage, wo ich in der Kirche Gott finden kann, nachdem ich mich als ein einfacher Gottsuchender vorgestellt hatte. Mit derselben Überraschung und Peinlichkeit auf meine Frage antwortete mir der Kirchenwächter, den ich angesprochen hatte, ungefähr so: „…Das ist eine schwere Frage… Sie suchen nach einem Ort in dieser Kirche, wo sie Gott begegnen können…Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen soll, und wo ich Sie schicken soll… Ich denke, dass sie Gott in sich selbst suchen sollen, in ihrer Lebensgeschichte… Ich weiß es nicht. Wenn Sie wirklich auf der Suche nach Gott sind, schlage ich Ihnen vor, dass sie zum Gespräch am Donnerstagabend mit einem Experten, mit einem Pastor kommen… Er könnte Ihnen besser antworten und helfen…Ich könnte Ihnen nur etwas über die Gemälde erklären, die von dem Glauben in der Kirchengeschichte sprechen…“ Auch die Antwort dieses Mannes, der mich darauf aufmerksam gemacht hatte, dass ich Gott in mir selbst, in meiner Lebensgeschichte und in der Geschichte des Glaubens zu suchen habe, zeigte mir einen heiligen Boden, an dem ich zu dieser Zeit gar nicht dachte. Das ich und meine Lebensgeschichte heiliger Boden der Gottesbegegnung sein kann, war für mich eine wahnsinnige Überraschung. Ich dachte, dass heiliger Boden nur mit Orten zu tun hat, wo man eine außergewöhnliche Erfahrung macht. Aber nein, ich selbst, so wie jeder andere Mensch, kann heiliger Boden sein. Das war die erste wahnsinnige Überraschung der Straßenexerzitien.

Die dritte Person in der Frauenkirche, an die ich dieselbe Frage stellte, antwortete mir einfach so: „…Sie suchen Gott, gut… Setzen sie sich auf einer Bank hin und beten Sie…“ Bei dieser so einfachen Antwort der Frau in der Frauenkirche sagte ich mir: Das war’s, nicht Gott hin und her suchen gehen, sondern sitzen und hinhorchen, weil Er schon da ist. Ich bin nicht derjenige, der Ihn suchen soll, Er ist immer schon da, der mich sucht und mir begegnen möchte, wenn ich auf Ihn mit neuen Augen und offenem Herz warte. Ich sollte einfach meinen blinden Augen eine neue Sichtweise schenken, und mein Herz für alle und alles offen halten, dann hätte ich überall und in allem, was lebt, einen heiligen Boden gefunden.

An diesem Tag konnte ich erkennen, dass ich in diesen Exerzitien andere heilige Böden entdecken und erfahren werden, die ganz anders und wahnsinnig sind, als alles, was ich für heiligen Boden hielt.

  1. Schuhe ausziehen auf dem heiligen Boden: Restaurant „Weißer Löwe“ und Gefängnis…

Am Montag suchte ich nach dem heiligen Boden in den Kirchen, Orte die wir alle, auch ohne daran zu denken, als heilige Orte bezeichnen. Ich suchte Gott in dem sicheren und bekannten heiligen Boden. Dort wurde ich irgendwie auf anderes hingewiesen, besonders in mir selbst und in meiner Lebensgeschichte zu suchen. Ich war gespannt was für Erfahrungen ich in den nächsten Tagen machen werde. Ich fand dann den heiligen Boden an zwei sehr verschiedene Orten, wo niemand erahnen kann, dass dort Gottesbegegnungen stattfinden: mein heiliger Boden, auf dem ich die Schuhe ausziehen konnte, war ein Restaurant und ein Gefängnis. Ist das nicht etwas Wahnsinniges! So waren diese meine zwei besonderen Gottesbegegnungen während der Straßenexerzitien in Nürnberg:

  1. Restaurant „Weißer Löwe“: Achtung, heiliger Boden. Bitte Schuhe vor dem Eintritt ausziehen…

Am Dienstag 23. August während des Morgengebetes hörten wir im Evangelium, wie Jesus 72 Jünger in Städte und Ortschaften aussandte. Dieses Evangelium hatte einen konkreten und klaren Auftrag Jesu: „Geh! Ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe. Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorrattasche und keine Schuhe! Grüßt niemand unterwegs! Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt den Leuten: Das Reich Gottes ist euch nahe. Wenn ihr aber in eine Stadt kommt, in der man euch nicht aufnimmt, dann stellt euch auf die Straße und ruft: Selbst den Staub eurer Stadt, der an unseren Füßen klebt, lassen wir euch zurück; doch das sollt ihr wissen: Das Reich Gottes ist nahe.“(Lukas 10,3-11). Zunächst während des Morgengebetes sprach mich dieser Auftrag Jesu nicht besonders an. Ich hörte dieses Evangeliums, wie es oft bei mir passiert, mit dem Gedanken, dass dieser Auftrag Jesu nur für seine Zeit galt, in der man vieles ohne Geld tun konnte, und in einer Zeit, in der man aus dem Wert der in Sitten verankerten Gastfreundschaft zum Essen in jedem Haus bekommen konnte. Trotz diesem Gedanken entschloss ich mich am diesem Dienstag, mich auf den Weg ohne Geld zu machen, um wahrzunehmen, was in mir geschieht.

Nach einigen Stunden des Gehens auf verschiedenen Straßen der Altstadt Nürnbergs mit dem Gedanken der Gottes Suche in mich selbst und in meiner Lebensgeschichte, fühlte ich mich sehr müde. Ich ging in die Lorenzkirche, um an dem Ort, wo man eine Kerze für Frère Roger aus Taizé angezündet hatte, im Gebet auszuruhen. Während des Gebetes bekam ich so Hunger, dass ich ihn einfach nicht aushalten konnte. Ich wusste nicht, was ich tun sollte, da ich kein Geld hatte. Ich wollte einfach nach Hause mit der U-Bahn schnell fahren und dort, was zum Essen suchen.

Als ich am Ausgangstor war, kam mir plötzlich ein Gedanke an den Auftrag Jesu: „Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als erstes: Friede diesem Haus! Und wenn dort ein Mann des Friedens wohnt, wird der Friede, den ihr ihm wünscht, auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, hat ein Recht auf seinen Lohn.“ Und vor mir stand das „Weißer Löwe“ Restaurant, das die Werbung hatte: „Junge fränkische Küche mit einer großen Auswahl frisch gezapfter lokaler Biere.“ Ohne viel nachzudenken, ging ich in dieses Restaurant. Ich wurde von einer Kellnerin empfangen und erklärte ihr mein Problem, essen zu wollen ohne Geld zu haben. Sie sagte mir, dass ich mit ihrem Chef sprechen sollte. Sie rief den Chef, der mich fragte, was ich wollte. Ich sagte ihm, dass ich unterwegs auf den Strassen Nürnberg mit eine Gruppe von 11 Personen bin, und dass wir die sogenannten „Straßenexerzitien“ machen, indem wir Gott auf der Strasse suchen. Ich erklärte ihm meinen Hunger und dass ich ohne Geld da bin und bitte ihn, um etwas zum Essen. Ohne mir irgendeine andere Frage zu stellen, sagte er zu mir: „Ich kann schon etwas für Sie finden. Kommen Sie, nehmen Sie Platz. Ich werde Sie bedienen…“ Das war eine wahnsinnige Antwort, die ich nicht erwartete. Der Herr Zuonko Beric bediente mich als einen Ehrengast. Ich aß und trank in seinem Restaurant ohne Geld zu haben. Ist das nicht ein Wunder! Nachdem ich so gut gegessen und getrunken hatte, bedankte ich mich und sagte zum ihm bei der Verabschiedung: „Gott möge ihre Arbeit segnen!

Als ich wegging, war ich selber erstaunt über die unglaubliche Erfahrung mit dem Auftrag Jesu an seine Jünger: ich durfte konkret erfahren, dass der damalige Auftrag Jesu auch heute erfahrbar sein kann, wenn ich Schuhe der Überheblichkeit, des Stolzes, des Reichtums, der Hemmung ausziehen, und mich als einer erfahren, der in allen Bereichen mitmenschliche Hilfe suchte. Das war etwas Wahnsinniges. Ich suchte Gott in den sicheren und vertrauten Orten. Er begegnete mir in einem Restaurant, das für mich heiliger Boden geworden ist. Das sind Straßenexerzitien.

  1. JVA Nürnberg: Gotteserfahrung im Knast…

Der Freitag 26. August war für mich ein besonderer Tag, weil ich an diesem Tag vor vier Jahren zum Priester geweiht wurde. Ich wollte diesen Tag ganz ruhig und in der Besinnung verbringen, indem ich vor Gott eine persönliche Auswertung der als Priester gelebten vier Jahre machen wollte. Ich wollte die Formel meiner ewigen Gelübde neu meditieren und neue Gotteskräfte für meinen weiteren Weg als Priester und Comboni-Missionar schöpfen. Das war mein Vormitagsprogramm, denn am Nachmittag sollte ich mit der Comboni Schwester Assunta ein Heim für meist afrikanische Flüchtlinge besuchen. Dieses Programm hatte ich am Donnerstag für Freitag gemacht.

In meiner kleinen Austauschgruppe ist Bram aus Holland gewesen, der unbedingt ins Gefängnis wollte. Am Mittwoch 24. August wollte er irgendeinen Holländer besuchen, der im Gefängnis sein könnte. Er hatte alles Mögliche versucht und getan, um ins Gefängnis zu kommen, aber es ging nicht. Am Donnerstag den 25. hatte er von Juan den Namen von Frank Leibl bekommen, denn man konnte nur mit einem konkreten Namen ins Gefängnis kommen. Er war glücklich, endlich jemanden im Gefängnis von Nürnberg während der Straßenexerzitien besuchen zu können. Leider für Bram, gerade am Donnerstag kann man keinen Besuch gestatten. Und noch schlimmer, er musste am Freitag nach Holland zurückfahren. Es ist ihm also nicht gelungen, ins Gefängnis zu kommen, deshalb hatte er mir am Freitag früh den Namen von Frank so einfach in die Hände gedrückt und gesagt: „Joseph, hier ist der Namen von Frank. Ich konnte ihn nicht besuchen, aber du kannst es vielleicht auch für mich tun…“ Gerade an meinem Priestertag sollte ich ins Gefängnis gehen, so lautete der Gedanke, der in mir da war. Trotz dieses Gedanken habe ich Bram ja gesagt, dass ich ins Gefängnis gehen werde. Damit war das ganze Programm durcheinander gebracht, das ich für meinen Priestertag vorbereitet hatte.

Sofort, nach dem von mir geleiteten Morgengebet machte ich mich auf dem Weg Richtung Gefängnis. Da ich gar nicht wusste, dass es verschiedene Eingänge (für Männer, Frauen und Jugendlichen unter 18 Jahren) gibt, bin ich sofort in den ersten Eingang hinein. Ich wurde ganz freundlich von den Beamtinnen empfangen. Als die ganzen Formalitäten (Name und Identitätsdokumente eingeben) fast abgeschlossen waren, fragte mich die Polizistin, ob ich eine Frau besuche. Ich antwortete, dass ich einen Frank besuche. Sie sagte mir, dass ich zu den Männern gehen sollte und erklärte mir sehr freundlich, wie ich dahin kommen kann. Ich ging zum Eingang für Männerbesuche. Ich war nun aufgeregt. Ich kam hinein ohne Problem, alle so stark zugeriegelte Tore des Gefängnisses schienen, als ob sie sich vor mir so einfach auftun. Niemand fragte mich, warum ich Frank besuche, ob ich ihn kenne… Alles ging so glatt, als ob dieser Ort kein Gefängnis wäre.

Ich kam in den Warteraum hinein. Ich setzte mich, und erst dort regte ich mich sehr auf. Ich begann, über die Begegnung mit Frank nachzudenken. Ich fragte mich, wie wird er reagieren, dass jemand ihn besucht, den er nicht kennt, der schwarz ist, der sich gar nicht gemeldet hat. Ich begann Angst zu haben. Mit mir im Warteraum kamen andere Leute, die Verwandte, Freunde oder Bekannte besuchten. Ich konnte nicht mit ihnen ins Gespräch kommen, da ich fast von meinen Gedanken über die Begegnung mit Frank terrorisiert war. Fast alle gingen hinein, auch diejenigen, die nach mir angekommen waren. Dieses Warten machte mich wahnsinnig. Gott sei Dank, kam ein schwarzes hübsches Mädchen. Sofort fragte ich sie, woher aus Afrika sie stammt. Sie sagte mir, dass sie Amerikanerin sei und ihren Bruder besucht. Als wir so das Gespräch anfingen, wurde ich aufgerufen. Frank war da und wartete auf mich.

Ich kam in den Raum hinein und schaute nach jemandem, der allein saß. Ich ging zu ihm und fragte, ob er Frank sei. Er sagte Ja. Ich stellte mich vor, dass ich gekommen bin, um ihn zu besuchen. Er war schockiert, er konnte es nicht fassen. Unsere Begegnung war für ihn und auch für mich ein Schock. Er konnte am Anfang nicht fassen, so einen Besuch von einem unbekannten schwarzen Mann zu kriegen. Er konnte es nicht fassen und hat gemerkt, dass mir auch die Worte fehlten, um ihm zu erklären, wie es zustande gekommen ist, dass ich zu ihm auf Besuch komme. Er hat mich total erstaunt angeschaut und gefragt, wie ich zu seinem Namen gekommen bin, und warum wollte ich dich besuchen. Ich wusste nicht, was ich ihm sagen sollte. Er hat oft nur gesagt „das ist Wahnsinn; es ist nicht zu fassen“. Es kam mir nur den Gedanken, ihn zu fragen, an wen er gedacht hat, als die Behörde ihm ankündigte, dass er einen Besuch hat. Ich schien ruhiger zu werden. Ich war auch innerlich ruhiger geworden. Er hat mir geantwortet, dass er gedacht hat, dass es seine Freundin sein könnte, die heute Geburtstag hat, oder dass es seine ehemalige Frau mit seiner Tochter sein könnte. Wir blieben einige Minuten in Stille. Es war so schwierig für mich weiter zu fragen. Ich war vor ihm wortlos.

Nach einigen Minuten Stille kam mir die Idee, ihn zu fragen, was aus seiner Erfahrung am wichtigsten für einen Menschen im Gefängnis sein sollte. Ich merkte, dass er mir langsam Vertrauen schenkte, dass er mir gegenüber ganz sanft geworden war. So antwortete er mir, dass es die Liebe sei. Denn es ist für ihn nur die Liebe seiner neuen Freundin, die ihm Kraft gibt, so dass er die 8 Monate, die er noch im Knast verbringen muss, voller Hoffnung erwartet, dass sie schnell vorübergehen. Er erzählte mir, dass er, wenn er draußen ist, einfach versuchen wird, lieben zu lernen. Ich war wieder wortlos. Was könnte ich noch fragen, nachdem ich im Knast nicht von Hass sondern von Liebe mit einem Gefangenen sprach. Er fragte mich nach Zigaretten. Ich hatte leider voller Aufregung vergessen, die Euro Münze mitzunehmen. Ich konnte ihm keine Zigarette schenken, weil ich nur drei Euros Münzen mit mir hatte und nicht vier, um Zigaretten im Gefängnis zu kaufen. Das hat mir sehr Leid getan. Er hat mich beruhig, die Hand gereicht und gesagt: „es macht nichts!“ Die letzte Frage, die ich ihn stellte, war, ob er noch Besuch bekommen kann. Er sagte mir, dass man nur einmal im Monat Besuch kriegen kann. Da ich bei ihm im August war, kann er erst im September einen neuen Besuch bekommen. Nach seiner Antwort, war die Zeit schon um. Ich musste Frank verlassen: ich sollte in die so genannte „Freiheit“ zurückkehren und Frank musste in seine Zelle.

Als ich hinaus war, hatte ich ein unbeschreibliches Gefühl. Ich dachte, dass ich Frank einen Brief schreiben soll, über dieses unbeschreibliche Gefühl. Im Zentrum des Briefes waren die Fragen an Frank, die ich ihm nicht stellen konnte, nachdem er mir von Liebe gesprochen hat. Ich schrieb: „Ja, Frank, sag mir, was ist Liebe, wenn man da drinnen im Knast seit zwei Jahre lebt und nur von dicken Mauern umringt ist. Was heißt Liebe, wenn man nur als eine Nummer von den Behörden behandelt wird. Was bedeutet Liebe, wenn man nur ein Mal im Monat einen Besuch kriegen darf. Was heißt Liebe, wenn man kein Mitleid und Vergebung erfahren kann. Dass du an so einem Ort, immer noch von Liebe sprichst und daran glaubst, ist für mich ein wirkliches Wunder.

Ja, das ist das Wunder meiner Straßenexerzitien. An einem Ort der Unwürde, wo „der menschliche Dreck der Gesellschaft“ wie in einen Müllheimer gestopft wird, wo sich, meiner Meinung nach, nur Hass im Herzen eines Menschen entwickelt kann, dort habe ich von Liebe gesprochen. Von der Hoffnung besser lieben zu lernen. Sagt mir, ob das nicht das Evangelium Jesu ist. Sagt mir, ob das nicht die Zusammenfassung der theologischen Tugenden: Glaube, Hoffnung und Liebe ist. Ja, sagt mir, ob die Begegnung mit Frank, die JVA Nürnberg nicht zum heiligen Boden für mich geworden ist. Ja, dort musste ich die Schuhe ausziehen, die Schuhe der Vorurteile und das Urteilen über Mitmenschen. Ich schrieb an Frank: „Ich bin nicht als ein Rechtsanwalt zu dir gekommen, der kommt um zu forschen, was du getan hattest, um ins Gefängnis zu kommen. Ich bin nicht als irgendeiner zu dir gekommen, der da wäre, um dich an das zu erinnern, was geschehen war und auf Grund dessen du in Halft sitzt. Ich bin als ein Suchender zu dir gekommen, einer der gerade auf den Strassen Nürnbergs Gott sucht. In den vergangenen Tagen hat jemand auf meine Frage „Wo kann ich Gott finden?“ geantwortet, dass ich Ihn in mir selbst suchen sollte. Ich habe Gott in meiner Lebensgeschichte gesucht und seine Spuren gefunden. Es war schön für mich diese Spuren Gottes in meinem Leben auf einer neuen Weise wahrzunehmen. Aber ich dachte mir dabei, dass Gott suchen in mir selbst nicht etwas Neues war. Ich sehnte mich nach einer neuen und anderen Art von Begegnung mit Ihm. Das war mein tägliches Gebet. Ich denke, dass Er mir die Antwort geschenkt hat. Aus der Erfahrung unserer Begegnung weiß ich, dass Er besonders dort zu finden ist, wo ein Mensch als Dreck, als Nummer behandelt wird.

Das war etwas von meinen Straßenexerzitien, aber nicht alles. Ich könnte ein Buch schreiben, wenn ich einzelne Erfahrungen niederschreibe. Ich möchte am Schluss nur Danke sagen. Danke an Alois, Andrea, Birgit, Bram, Brigitte, Jutta, Klarissa, Laura, Maria-Anna, Susanne, Christian, Juan, Renate, Urban und Veronika. Mit ihnen konnte ich diese wahnsinnigen Gotteserfahrungen machen. Und sie wissen, dass ich ihre Hände brauche, damit ich immer als ein wahrer und authentischer Gottesdiener wachse.

Rom, 15. September 2005

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