JAN RINKE, Ein Straßencredo

Am Ende der Straßenexerzitien war ich in Hochstimmung. Vielleicht kann man es manisch nennen. Wie schon bei früheren Straßen-exerzitien dachte ich, nun mit jedem Menschen in Austausch treten zu können. Dann begegnete ich dieser kleinen dicklichen Alkoholikerin, die dafür, dass sie mein Gepäck vor der Abreise gegen andere Obdachlose verteidigt hatte, Finderlohn forderte.
Sie brauche Geld für die nächste Übernachtung im Haus für obdachlose Frauen.
Bargeld hatte ich keins bei mir und so begleitete sie mich zu zwei Geldautomaten, die allerdings nichts herausgaben. Mein Konto war so gut wie leer. Ihr „Lass mich mal versuchen!“ wusste ich abzuwehren. Es gibt Grenzen, die ich in den letzten Tagen nicht verteidigen musste.
Unterwegs erzählte ihr von der Gottsuche unserer Gruppe auf der Straße. Das Gespräch wurde herzlich. Und als in ihrem Lächeln einmal eine überwältigende Wärme zum Vorschein kam, empfand
ich als Zeichen von Gottes Gegenwart. Nachdem ich sie vorher nicht abschütteln konnte, lief sie nun davon. Ich wollte ihr noch folgen, aber meine Gehbehinderung machte den Versuch zwecklos. Wieder zu Hause erzählte ich der Äbtissin des Klarissenkonvents nach der Vesper im Dom: „Ich war wieder zu Exerzitien unterwegs.“ „Auf der Straße?“, strahlte sie. „Ja. Und ich glaube, im Lächeln einer verwahrlosten, obdachlosen Säuferin Gottes Gesichtszüge erkannt zu haben.“ –„dann haben Sie ihn wirklich gesehen.“ Wow. Schwester Ancilla zähle ich zu den Menschen, die sich relativ gut mit Gott auskennen. Sie ist Profi. Ich habe ihn also gesehen. Und so erkläre ich mir, dass mir in den paar Wochen danach alles plötzlich sehr klar erschien. Ich war zu fast allem motiviert.
Morgens auf dem Weg zur Arbeit, den ich jetzt nicht mehr mit Widerwillen ging, begann ich zu reimen. Mein kleines Credo zu Begegnungen mit Gott auf der Straße und seiner Solidarität mit uns:

Christ ist vielfältig Nächster; auf Straßen dieser Welt:
Nackt, krank und durstig lebt er, von uns nicht ausgewählt.
Mal drängt er und dann flieht er; oft ist er uns so fremd.
Glauben wir seiner Liebe, schenkt er sein letztes Hemd.

Melodie: „Gott ist dreifaltig einer“ (GL 354) September 2014