Hermann Kappenstiel, Ein ausgebildeter Begleiter sieht 2001

Der folgende Erfahrungsbericht versucht, den Weg nachzuzeichnen, den ich während der Exerzitien auf den Straßen in Kreuzberg gegangen bin. Der Bericht ist also ganz subjektiv gefärbt; ich habe ich zunächst nur für mich selbst geschrieben; in erster Linie dient er der persönlichen Aufarbeitung meiner Erfahrungen. Einige aus meinem Bekannten- und Freundeskreis haben Interesse an dieser Art Exerzitien signalisiert. Aus diesem Grund habe ich versucht, den äußeren und inneren Rahmen dieser ‚Exerzitien auf der Straße‘ zu skizzieren und etwas ausführlicher zu schildern. – Dem einen oder anderen mag er als Anregung dienen.

I. Arrangement der Exerzitien

1. Teilnehmerlinnen: 2 Jesuiten – 2 Ordensfrauen – 3 Pfarrer
2. Leitungsteam: P. Christian Herwartz SJ / Sr. Teresa Jans-Wenstrup ULF / Annette Westermann (Frauenreferentin Bistum Berlin) / P. Klaus Mertes SJ
3. Unterbringung: Pfarrheim St Michael (Berlin-Kreuzberg) im Winter-Not-Übernach- tungsquartier für Obdachlose. – Impulse: Orte in Berlin (mögliche Heilige Orte).
4. Zeitrahmen und Tagesordnung:
8.00 Uhr: Morgenlob — anschließend Frühstück
Selbstverpflegung ist angesagt; z.T. bekommen wir unsere Lebensmittel von der Berliner Tafel. Einkauf und Vorbereitung von Frühstück und Abendessen wird nach Absprache von den Tln besorgt
ab 10.00 Uhr: Jede/r geht seinen / ihren eigenen Weg.
17.00 Uhr: Eucharistiefeier in der Kirche oder im Gruppenraum
18.00 Uhr Abendessen

II. Geistlicher Rahmen

Drei Leitgedanken prägen die Exerzitien:
1. Heilige Orte: Gott offenbart sich dort, wo Menschen nicht mit ihm rechnen. Aus dem Dornbusch heraus ruft Gott dem Mose zu: Zieh deine Schuhe aus; denn der Ort wo du stehst, ist heiliger Boden. In den Exerzitien nehmen wir das wörtlich. Dort, wo wir uns aufhalten werden, in den Straßen Kreuzbergs und anderswo in Berlin, ist damit zu rechnen, dass Gott sich offenbaren will. – Vgl. dazu Anlage II (Artikel von Klaus Mertes: Ex 3,1ff.: Der brennende Dornbusch)
2. Der hundertste Name Gottes
In der geistlichen Tradition des Islam sind neunundneunzig Namen Gottes offenbart. Der hundertste Name Gottes wird jedem Gläubigen persönlich gegeben. In den Exerzitien soll jede/r Teilnehmer/in in sich hineinhorchen und sich fragen: Welcher Name Gottes wird mir in diesen Tagen mitgeteilt?
3. Einsatz für Gerechtigkeit
P. Christian erzählt von seiner Arbeit mit Leuten in dem Projekt JEV (Jesuit European Volontärs). Vier Merkmale kennzeichnen die Spiritualität dieses Projekts: Gemeinsam leben – Einfach leben – Geistlich leben – der Gerechtigkeit verpflichtet.

Fragen, die uns durch diese Tage begleiten sollen:
Was stört mich? – Worüber rege ich mich auf? Diese Fragen und unsere Empörung können uns hellsichtig und hellhörig machen für Ungerechtigkeiten in der Welt, in der wir leben und uns bewegen.

III. Der Prozess in den ‚Exerzitien auf der Strasse‘

Eine Frage, die immer wieder gestellt wird, lautet: Wodurch unterscheiden sich “Exer-zitien auf der Straße” von traditionellen Exerzitien? — Den entscheidenden Unter-schied sehe ich darin, dass es keine Wortimpulse durch die Exerzitien-begleiter/innen gibt. Im Konzept von ‚Exerzitien auf der Straße‘ gibt es eine Leer-Stelle, die jede/r Teil- nehmer/in selber zu füllen hat.
Die Zeit zwischen 10.00 und 17.00 Uhr wird persönlich gestaltet.
* Es geht darum, sich in dieser Zeit der Wirklichkeit auszusetzen – der Wirklichkeit des Stadtbezirks Kreuzberg und anderer Orte in Berlin, die gesellschaftliche Schwachstellen und Wunden offenbaren, an denen die ungerechten Verhältnisse sichtbar werden.
* Es geht nicht darum, möglichst viele Orte zu besuchen, sondern an einer Stelle zu beginnen, sich konfrontieren zu lassen und die Botschaft dieses Ortes “für mich” zu entdecken.
* Im geistlichen Austausch am Abend kann dann u.a. überlegt werden, wie der nächste Schritt aussehen kann, welcher Ort für den nächsten Tag angemessen sein könnte.
* Wichtig ist dabei die persönliche Erfahrung mit dem Ort und den Menschen, die dort sind; im Vordergrund steht die Frage: Was sagt der Ort, was sagen die Menschen mir persönlich? Zu welchen Einsichten über mich selber komme ich?
* Dass sich in dieser Auseinandersetzung auch eine neue, veränderte Sicht der Gesellschaft und des persönlichen und auch kirchlichen – pastoralen Handelns entwickelt, muss nicht verwundern. Aber: Meines Erachtens geht es nicht in erster Linie um gesellschaftliches Handeln (‚Was mache ich mit denen, die mir begegnen?‘), sondern um Wahrnehmung meiner Lebenswirklichkeit, der Welt, in der ich lebe.
* Dass eine neue Sicht der Wirklichkeit auch Folgen für mein persönliches und pastorales Handeln hat, damit muss ich rechnen. Gerade die extrem andere Situation des Stadtteils Kreuzberg und der anderen ausgewählten Orte konfrontiert mich mit meinen eigenen Wahrnehmungs- und Beurteilungsschemata.
*Der jeweils erste Schritt ist also, sich der konkreten Situation auszusetzen, sich von ihr ‚ansprechen‘ zu lassen und “mit ihr ins Gespräch zu kommen”; dass es auch um Gespräche mit konkreten Menschen gehen kann, versteht sich dabei von selber.
* Die wahrgenommene Wirklichkeit zu deuten, nach ihrer Bedeutung für mich zu fragen, ist der zweite Schritt. Er geschieht gewissermaßen in biblisch geprägter ‚Voreingenommenheit‘: Der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden (Ex 3). — Im Menschen Gott begegnen (Mt 25).
* Besonders wichtig erscheint mir, dass dieser geistliche Prozess einen entsprechenden Rahmen hat. Getreu dem Grundsatz ‚Die Gnade setzt die Natur voraus und bringt sie zur Vollendung!‘ ist es notwendig, sich — wenigstens auf Zeit – der erlebten Wirklichkeit anzunähern und unter möglichst einfachen Bedingungen zu leben: Gemeinschaftsunterkunft – Selbstverpflegung – einfaches Essen.
* Der konkrete Weg mag auf den ersten Blick sehr unübersichtlich erscheinen, die Logik der einzelnen Schritte nur schwer erkennbar, das Ergebnis eher unklar und verwirrend sein – das Leitmotiv ist (getreu dem Wort des Heiligen Ignatius): In allen Dingen Gott suchen und finden. Für mich selbst habe ich versucht, meinen Weg während der Exerzitien anhand meiner Notizen nachzuzeichnen, die Erlebnisse und Begegnungen, die Gedanken und Empfindungen auf diesem Weg festzuhalten und zu beschreiben. Es erscheint mir als sehr schwierig, das ‚Be-weg-ende auf diesem Weg zu vermitteln. Ein Versuch sei trotzdem gewagt, auch wenn Erzählen die besser Weise und notwendige Ergänzung ist!

IV. Die Frage nach dem Ertrag der Exerzitien

Am Ende der Exerzitien frage ich mich: Was nehme ich mit? Was folgt (mir) aus den Exerzitien (in meinen Alltag)? – Mit ein paar Sätzen versuchen, eine vorläufige Bilanz zu ziehen.
* ‚Das ist nicht meine Welt!‘
Diesen Satz habe ich spontan oft gedacht oder gesagt. Das ist nicht meine Welt – die Welt der Junkies und Alkoholiker, die Welt der Obdachlosen und der Ausländer. Diese Welt ist mir fremd. Normalerweise bewege ich mich woanders. Meine Welt sieht anders aus.
In einem der ersten Abendgespräche habe das auch so gesagt: Das ist nicht meine Welt – der Obdachlosentreff an der Straßenecke am Flaschencontainer, die Suppenküche an der Wrangelstraße, der Drogenumschlagplatz am Kottbusser Tor. — Die kritische Rückmeldung aus der Gruppe: Wieso ist das nicht deine Welt? Du lebst doch auch in der Welt, in dies alles wirklich ist. – Gibt es das alles nicht – dort, wo du alltäglich lebst? Oder kommt es in deinem Alltag nur nicht vor? – Meidest du bewusst oder unbewusst den Kontakt mit dieser fremden Welt?
* Diese (für mich fremde) Welt hält mir einen Spiegel vor; sie zeigt mir, was ich sonst eher ausblende.
Natürlich gibt es das alles auch in der Welt, in der ich lebe: Drogenproblematik (vor allem bei Jugendlichen), Alkoholismus (eine große Zahl von AA- und Kreuzbund-gruppen), Obdachlose, Nichtsesshafte (mein Kontakt beschränkt sich fast immer auf Gespräch an der Haustür). Das Arrangement der Exerzitien zwingt mich, zu sehen, was ich sonst ausblende. Nolens volens erweitert sich (wenigstens für ein paar Tage) meine Wahrnehmung.
Ich frage mich, was ich tun kann oder muss, um zuhause das hier Wahrgenommene nicht aus dem Blick zu verlieren; ich bin mir bewusst: Meine alltäglichen Aufgaben und Verpflichtungen schaffen per se ein anderes Umfeld. Wenigstens erinnern muss ich mich – täglich!
* Diese fremde Welt steckt in mir. Sie repräsentiert das Fremde in mir und erinnert mich an mich selber!
Du sollst deinen Nächsten lieben. Er ist wie du. Diese Übersetzung des Hauptgebotes der Liebe kommt mir in den Sinn und beunruhigt mich. Wenn diese Übersetzung gilt, dann habe ich nicht die Wahl, in welchen Spiegel ich schaue. Dann sagen mir die Erfahrungen der Exerzitien (was ich theoretisch schon oft gedacht habe), dass das Fremde dieser mir hier begegnenden Welt zugleich das Fremde in mir selber ist: meine dunklen Seiten, mein Schatten, das Unversöhnte in mir, das Verdrängte, meine Schuld, meine uneingestandenen Wünsche und Sehnsüchte. Das alles macht mich unruhig! Unruhe in mir ist ein unübersehbares Phänomen dieser Exerzitientage.
– Ich bin nicht obdachlos, sage ich und zugleich stehe ich vor der Frage: Wo bin ich zuhause? Wo ist meine Wärmestube? Wo habe ich mehr als vier und ein Dach über dem Kopf? Mit welchen Menschen bin ich vertraut? Mit wem lebe ich?
– Ich bin nicht drogenabhängig, bin kein Alkoholiker; sage ich und zugleich stehe ich vor der Frage: Wie frei bin ich in Wirklichkeit? Wovon bin ich abhängig? Wonach bin ich süchtig? Süchtig nach Arbeit? Getrieben von einem übertriebenen Verantwortungsgefühl?
* Ich laufe ziellos durch die Gegend!
In meinem Beruf arbeite ich zielstrebig. Die Ziellosigkeit und Zufälligkeit meiner Wege in Kreuzberg lässt mich fragen, welches Ziel ich in der Geschäftigkeit meines Alltags vor Augen habe? Ist es nicht so, dass ich mich mit der Fülle der Arbeit manchmal regelrecht betäube, selber verhindere, dass Fragen hochkommen?
Ich leiste es mir nie oder doch selten, mich einfach irgendwo hinzusetzen und zu sehen, was ist. Ich nehme mir wenig Zeit für langsame Anwege zu meinen täglichen Zielorten. Meine Zeit ist durchgeplant, da bleibt wenig Raum für das ‚Zufällige‘, für eine überraschende Wahrnehmung.
* Der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden.
Mit Gott rechnen, wo ich ihn nicht erwarte, wo er nach meinem Ermessen nicht vorkommt. Gott in Kreuzberg?! Christus am Kottbusser Tor?! Reich Gottes ausserhalb der Kirche?! Wer ist mein Gott? Welches Bild von ihm bestimmt mein Tun und Lassen? Wenn es stimmt, das Gott auf der Seite der Opfer steht, auf der Seite der Armen und Schwachen, dann habe ich in diesen Tagen mehr als sonst Gelegenheit, Gott zu begegnen. – Und in meinem Alltag?
* Meinen Alltag mit anderen Augen sehen.
Wird ich dich noch mit neuen Augen sehen… singe ich im Kirchenlied. Dazu muss ich nicht unbedingt nach Kreuzberg fahren. Kreuzberg ist überall – auch in Südoldenburg, auch im katholischen Milieu. Es ist eine Frage der Sichtweise, und die ergibt sich vom Standpunkt her, den ich einnehme. – Die Frage, die mich begleiten wird, lautet: Von welchem Standpunkt aus sehe ich die Wirklichkeit, in der ich lebe? – Mit welchen Menschen habe ich Umgang? Wo tauche ich als Mensch, Christ und Priester auf? Wem leihe ich mein Ohr? Von wem lasse ich mir etwas sagen? Wessen Brille setze ich auf? Welche Schuhe ziehe ich mir an?
* Option für die Armen: Gefordert ist ein Standortwechsel, wenigstens aber eine neue Perspektive.
Der sog. soziale Brennpunkt Kreuzberg stellt meine Pastoral, meine pastoralen Perspektiven in Frage. Rückkehr der Kirche in die Diakonie?! Dieses Schlag Wort beschäftigt mich seit langem; was mich beunruhigt, ist die Frage, ob es auch praktisch wird. Die Exerzitien haben mir eine bleibende Unruhe eingepflanzt. — Sie ist manchmal schwer auszuhalten. Zur Ruhe kommen ist wichtig. Vielleicht sollte ich statt Unruhe lieber Wachsamkeit sagen. Mir fällt ein Wort von Meister Eckhart ein: Dass ein Mensch ein ruhiges Leben hat, das ist gut; dass ein Mensch ein mühe volles Leben mit Geduld erträgt, das ist besser aber, dass man Ruhe hat im mühevollen Leben, das ist das allerbeste. Wie kann ich wachsam leben, ohne dass die Unruhe mich kaputt macht. Theoretisch weiß ich es: Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir! Die Auseinandersetzung mit der Not der Menschen (auch mit meiner eigenen Not!) führt mich direkt zur Frage nach Gott und zu meiner Gottesbeziehung. – Ich halte es in der Welt bei den Nöten der Menschen nur aus, wenn ich in Gott verwurzelt bin.
* Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt.
Während der Exerzitien bin ich oft (scheinbar) ziellos herumgelaufen. Verblüffend finde ich, wie nahe ich dabei Fragen gekommen bin, die ich schon lange mit mir herumtrage. Besonders bewegt mich, dass ich am Ende in der Thomaskirche lande – unter dem Bild von der Begegnung des Apostels Thomas mit dem gekreuzigten Auferstandenen: Wen ich nicht die Male der Nägel sehe und nicht meine Hand in seine Seitenwunde legen kann… Mir wird bewusst, wie sehr mein pastorales Handeln (oft mehr unbewusst als bewusst) von meiner persönlichen Lebens- und Glaubenserfahrung bestimmt ist.
Theoretisch ist nicht neu, was ich aufgeschrieben habe. In meinem Erleben hat alles ein größeres Gewicht bekommen – mit welchen Konsequenzen, weiß ich noch nicht! – Eines steht fest: Die Exerzitien auf den Straßen in Kreuzberg sind noch lange nicht zu Ende!
* Am Ende der Exerzitien: Sonntagsgottesdienst in Kreuzberg.
Bevor ich mit meinen beiden Freunden in Urlaub fahre, nehmen wir am Sonntagsgottesdienst der Gemeinde St. Michael (West) teil. Eine Handvoll Leute ist hier versammelt. Menschen, denen die Not im Gesicht steht, denen man ansehen kann, dass sie nicht zur bürgerlichen Gesellschaft gehören. Die Spontaneität des Betens, die starke emotionale Beteiligung der Mitfeiernden beeindruckt….
Sieht so die Gemeinde der Zukunft aus?

Mein Exerzitienweg

Im Folgenden geht es um meinen persönlichen Exerzitienweg. – Beschrieben ist für
jeden Tag
(a) der geistliche Impuls am Morgen
Jeweils ein/e Teilnehmer/in bereitet den geistlichen Einstieg in den Tag vor.
(b) der konkrete Weg
Orte und Begegnungen sind kurz skizziert; um eine Vorstellung davon zu vermitteln, wie die Zeit zwischen 10.00 und 17.00 Uhr gefüllt war; hinzu kommen Gedanken und Empfindungen auf dem Weg
(c) Gedanken; Fragestellungen und Impulse aus der abendlichen geistlichen Reflexion
Das Gespräch findet in zwei konstanten Gruppen statt – begleitet von jeweils einer Frau und einem Mann des Leitungsteams.

Freitag (Ankunft)
Ich bin durch zwei Anstöße dazu gekommen, an diesen Exerzitien teilzunehmen. Einer meiner Freunde hat im vergangenen Jahr einen Tag mit P. Christian Herwartz SJ in der Weise der ‚Exerzitien auf der Straße‘ erlebt und davon sehr anregend erzählt. Eine Ordensfrau, die selber an solchen Exerzitien teilgenommen hat, gibt mir einen Erfahrungsbericht zu lesen, der mich ebenfalls motiviert.
So kommen wir – zwei meiner Freunde und ich – am Freitagnachmittag in Berlin an; wir suchen den Weg zum Pfarrheim St. Michael. Ich habe viele Fragen und gemischte Gefühle, bin zugleich neugierig, aber auch zuversichtlich.
Wir beziehen unser Quartier; die fünf Männer schlafen im Keller, der große Raum sauber und liebevoll hergerichtet – für jeden einer Matratze mit Bettzeug und einen Stuhl – und Blumen auf einem kleinen Tisch. Tageslicht kommt nicht in diesen Kellerraum, die Luftfeuchtigkeit ist relativ hoch. Jeweils ein Waschbecken, eine Dusche, eine Toilette für Frauen und Männer im ersten Stockwerk. Hier befindet sich auch die kleine Küche.
Das Leitungsteam hat bereits ein schmackhaftes Abendessen vorbereitet.
Der Pastoralreferent der gastgebenden Gemeinde St. Michael macht uns nach dem Essen ein wenig vertraut mit der Geschichte der Gemeinde und ihren Räumlichkeiten.
Die Kirche wie auch die Kapelle der Franziskanerinnen, die in der angrenzenden Wohnung leben, stehen uns für Gebet und Meditation zur Verfügung.
In einer kurzen Einführungsrunde machen sich Leiter/innen und Teilnehmer/innen miteinander bekannt. Der Rahmen für den ersten Tag wird abgesprochen – ein erster geistlicher Impuls.

Samstag
(a) Morgenimpuls: Ps 42/43
(b) Ich gehe einfach los. Bin das erste Mal in Kreuzberg, versuche, die mich umgebende Wirklichkeit wahrzunehmen: Häuser, Straßen, Menschen, Tiere…, besondere Gebäude, Kirchen, Parks, Gaststätten, Cafés. Ich achte auf die Graffiti, die überall an den Häuserwänden zu sehen sind. Ein Spruch bleibt mir besonders in Erinnerung: Besieg dein Zögern, bevor es wächst und sich in Angst verwandelt! Gegen Mittag bin ich an der Johannesbasilika, unmittelbar daneben die Nuntiatur – eine moderner Neubau, das Gelände eingezäunt…. Ich gehe zurück und lande am U-Bahnhof Kottbusser Tor. Ich setze mich auf einen freie Bank: Älterer Mann bietet mir einen Flasche Wasser an und beginnt zu erzählen; er ist Witwer – wohnt in Kreuzberg, kommt jeden Tag und beobachtet die Junkies, spricht positiv von ihnen, mitfühlend, aber doch distanziert; haben ihm geholfen, als er einen Kreislaufkollaps hatte, ist bei einer Demo von Polizisten verprügelt worden: ist einsam, kaum Kontakt zu den Kindern; Nichtwähler, hat was für Gisy übrig. ‘Jeder muss selber sehen, wie er klarkommt!- lautet seine Devise. ‚Ich sitze jeden Tag hier und beobachte die Leute!‘ sagt er. Ein betrunkener jüngerer Mann setzt sich zu uns auf die Bank. Der Altere kennt ihn, wohnt im selben Haus (dort wohnen fast ausschließlich Türken). – Er erzählt von Ingo, der unter Brücke ‘wohnt‘, alle Angebote für eine feste Bleibe ablehnt.
Ein anderer jüngerer Mann setzt sich auf die Bank, als der Alte gegangen ist. Ich spreche ihn an: Er ist Polier aus Aachen, arbeitslos, hatte eine Freundin aus Bakum….
Ich verabschiede mich nach gut einer Stunde, gehe weiter und lande an der alten St. Michaelskirche im früheren Ostteil Berlins. Hier sind wir oft gewesen im Rahmen der Jugendarbeit. Treffpunkt war damals das Marienstift neben der Kirche.
(c) Abendrunde
Heute treffen wir uns in der großen Runde Alle erzählen, wie sie den Tag verbracht haben. Die Eindrücke sind zahlreich und vielfältig. Christian Herwartz und Klaus Mertes geben geistliche Impulse (vgl. oben).

Sonntag
(a) Morgenimpuls: Ps 34
(b) Gemeinsam mit Hans fahre ich zur Gedenkstätte Plötzensee. An der letzten Busstation fragen wir nach Plözensee; keiner weiß, wo das ist… In der Kirche Maria Regina Martyrum betrachten wir das Altarbild von Georg Meistermann: Himmlisches Jerusalem, nehmen am Mittagsgebet der Schwestern des Karmel teil: Ps 118.
Zu Fuß gehen wir zur Gedenkstätte Plötzensee – vorbei an einer riesigen Kleingartenanlage und ebenso ausgedehnten Strafvollzugsanstalten. Die Gedenkstätte ist Teil des alten und neuen Gefängnisbereichs.
Wir sind allein an der Gedenkstätte. Der Ort, wo du stehst, ist heiliger Boden! Wir ziehen die Schuhe aus. Ein Gewitterregen zwingt uns, länger zu bleiben…- Zeit zur Besinnung! Mir kommt Alfred Delp, der hier den Tod fand, in den Sinn…, seine Überlegungen über die Rückkehr der Kirchen in die Diakonie.
(c) Abendrunde:
Das Wort von der Rückkehr der Kirche in die Diakonie hat sich festgesetzt. Ich denke an die Menschen, die mir gestern begegnet sind.
Bin ich in der Kirche an der richtigen Stelle? — Für wen, für was engagiere ich mich? – Habe ich die richtige Perspektive?
Ich werde mit der Frage konfrontiert: wie trittst du den Obdachlosen, den Süchtigen, den Kranken gegenüber? Als der Gesunde unter Kranken? Als der Sesshafte unter Obdachlosen, als Unabhängiger unter Abhängigen und Süchtigen
Ich frage mich: Sind diese Menschen nicht ein Spiegel? Ich als Obdachloser, Süchtiger, Kranker.. .Wie steht es um meine Beheimatung? Wo bin ich zuhause?
Für morgen soll nicht in erster Linie die Frage sein Was tun?, sondern Wer bin ich in dieser notvollen Welt? Wie sehe ich mich selber? Was lasse ich mir von den Menschen sagen und zeigen, die mir über den Weg laufen?
Vielleicht gehe ich wieder zum Kottbusser Tor. Gestern hat der alte Mann mir geholfen, indem er mich angesprochen und mir Wasser angeboten hat..!
Was bedeutet für mich Rückkehr in die Diakonie? Dem Verstiegenen nachsteigen, sagt Delp. Was heißt das konkret für ich?
Für mich deutet sich evtl. schon ein roter Faden an: Meine eigene Spur wahrnehmen, diesseits und jenseits aller Funktionen. – Liebe deinen Nächsten, er ist wie Du!
Ich bin Teil dieser Welt, auch wenn ich mich fremd fühle.
Ich spalte ab, was ich nicht so gut haben kann, was aber doch zu mir gehört.
Fremde beherbergen: Dem Fremden in mir Obdach gewähren, auch wenn er (mir) stinkt und ich mich von ihm angewidert abwenden möchte; mich selbst beherbergen… mir selber Raum und Unterkunft geben…

Montag
(a) Morgenimpuls: Ex 3, 13-14: Gott, der immer da ist… Ob mein 100. Gottesname nicht lauten könnte Der IMMER-SCHON-DA…? Ich bin nicht der, der Gott zu den Menschen bringt, sondern, der ihn in den Menschen findet!
(b) Ich gehe zum U-Bahnhof ‘Kottbusser Tor‘, setze ich zu einem älteren türkischen Mann … in der Nähe der Junkies, sie nehmen keine Notiz von mir… Dann kommt der Alte von Samstag, setze mich zu ihm; ein Bekannter kommt hinzu… Als die Junkies kommen, fühle ich mich unbehaglich. Gehöre nicht dazu, bin außen vor! Bin froh, dass der Alte kommt, mir wieder eine Flasche Wasser anbietet (Er hatte Geburtstag!). Er spricht wieder freundlich über die Süchtigen, aber distanziert… “bevor ich so werde, häng‘ ich mir uff”.
Bleibe bis 12.00 Uhr, gehe zur Wrangelstraße zur Suppenküche der Mutter-Teresa-Schwestern in der Gemeinde Liebfrauen. Essen gibt es erst um 15.00 Uhr. Was soll ich bis dahin tun? Gehe zur nächsten Straßenecke: An einem Müllcontainer ein paar Männer und Frauen: Obdachlose? Arbeitslose? Sie trinken Bier. Ich fühle mich verloren, bleibe trotzdem…, bin in der Beobachterrolle; die auf der anderen Straßenseite kennen sich, sprechen miteinander – die Zeit vergeht unheimlich langsam: Was mache ich hier eigentlich? Wer bin ich? Ich bin hier der Außenseiter! Keiner nimmt Notiz von mir -schon gar nicht, die, die wir als Außenseiter der Gesellschaft bezeichnen? Bin in der Versuchung, einfach wegzugehen, aber wohin? Sehe gegenüber einen motz-Verkäufer, gehe rüber… kaufe eine Zeitung, kurzes Gespräch… Dann kommt ein Mann – Mitte dreißig – er redet ununterbrochen, erzählt aus seinem Leben, von seiner Familie, seine Krankheitsgeschichte, von der Ungerechtigkeit der Welt. Ich komme kaum dazwischen, höre fast nur zu. Ich verabschiede mich, weil ich rechtzeitig in der Suppenküche sein will. Danke fürs Zuhören! – sagt er.
Eine halbe Stunde Warten vor der Suppenküche… Ganz unterschiedliche Menschen stehen hier – junge und alte, verhältnismäßig gut Gekleidete und solche, denen man ansieht, dass sie auf der Straße leben. Es wird kaum gesprochen. Ich fühle mich unwohl. Was soll ich sagen, wenn mich jemand fragt, weshalb ich hier bin? Aber es fragt niemand. Das Essen geht sehr geordnet. Alle nehmen Platz. Jemand liest das Tagesevangelium, wir sprechen das Vater unser… an meinem Tisch beten kaum jemand mit. Wieder Schweigen. Ich gehe, als ich meinen Teller leer habe.
(c) Gesprächsrunde am Abend:
Ich bin müde, als wenn ich Schwerstarbeit geleistet hätte… Keine erkennbare Spur.
Ich bin von der Rolle! sage ich zu den anderen. Tatsächlich, eigentlich habe ich heute gar keine Rolle gespielt; und wenn – dann eine, die mir völlig fremd ist.
Für morgen: Nachspüren, was in mir los ist, nichts Neues in Angriff nehmen… Ich bin noch lange nicht fertig mit dem Erlebten…

Dienstag
(a) Morgenimpuls: Ex 13, 21-22 – Wolkensäule / Feuersäule
(b) Ich brauche einen Ort, an dem ich zur Ruhe kommen kann.
Beim Frühstück hat Hieu von den Vietnamesen in Berlin erzählt: Opfer und Täter sind schwer zu unterscheiden, Legal und Illegale leben zusammen; es gibt viele Banden, Schmuggler, KilIer, Zigarettenverkäufer/innen – auch die Katholiken mischen mit…. Was für einen Welt!
Mit U / S-Bahn zur Friedrichstraße – weiter zu Fuß: Unter den Linden – kurze Rast mitten im Verkehrslärm; eine junge Frau spielt auf der Bockflöte Volkslieder… Ich gehe weiter:
Denkmal der Bücherverbrennung (Inschrift: Das war ein Vorspiel nur, doch wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen! – Heinrich Heine, 1820. In der Mitte dieses Platzes verbrannten am 10. Mai 1933 nationalsozialistische Studenten die Werke hunderter Schriftsteller, Publizisten, Philosophen und Wissenschaftler.)
Weiter zur Hedwigskathedrale – Grab Bernhard Lichtenbergs. Hier setze ich mich in die kleinen Krypta und hänge meinen Gedanken nach: Wer bin ich, wenn ich keine Rolle spiele? Das spielt doch keine Rolle! Der spielt doch keine Rolle. sagen wir, wenn wir ausdrücken wollen: Er / sie gehört nicht zum Ensemble, hat kein Engagement, ist nicht dabei, wenn gespielt wird. Ich merke, wie in mir Widerstand hochkommt: Jede/r spielt eine Rolle…, denke ich, oder gibt es Menschen, die überhaupt keine Rolle spielen. Wer weist wem im Leben seine/ihre Rolle zu?
Welche Rolle spielte B. Lichtenberg? Als Dompropst, er engagierte sich in der Caritas… erhob die Stimme und benannte Unrecht an Juden und Behinderten… Was hat er bewirkt? – Er ist eine Hoffnungszeichen. Jeder Mensch spielt eine Rolle… Stimmt das wirklich? – Auf einem Zettel mit biographischen Notizen zu Bernhard Lichtenberg lese ich ein Wort, das er im Gefängnis geschrieben hat: Alles im Licht der Ewigkeit sehen…
Als ich später draußen auf einer Bank sitze kommt eine Junge; er sammelt für krebskranke Kinder (Berliner Kinderhilfe): ‘Mein Bruder ist an Leukämie gestorben… Ich fühle mich irgendwie verpflichtet… – Der Mann neben mir reagiert abweisend. Was handelt sich diese Junge ein: Kritik, Zurückweisung, Widerstand… Er läßt sich nicht beirren.
Ich fahre wieder nach Kreuzberg, gehe zur Thomas-Kirche…. Es ist niemand da, mit dem ich über das Projekt dieser Gemeinde sprechen könnte… – Mir kommt das Wort vom Morgenimpuls in den Sinn: Der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, des nachts in einer Feuersäule; so konnten sie Tag und Nacht unterwegs sein. – Habe ich heute diese Erfahrung gemacht?
(c) Gesprächsrunde:
Als ich an der Reihe bin erzähle ich meinen Tagesablauf, spreche von den Zufälligkeiten. Unser Begleiter zitiert Max Frisch (Homo faber): Das Zufällige ist fällig!
Wenn ich das ernst nehme, dann kommt es darauf an, die Botschaften des vergangenen Tages zu hören und zu verstehen, die (scheinbaren) Kleinigkeiten, die beiläufigen Begegnungen zu deuten – im Licht der Ewigkeit, als kleine Feuer- und Wolkensäulen.
Ich sage: Jeder Mensch braucht eine Rolle, und jeder spielt auch eine Rolle. Unser Begleiter hält mir entgegen: Ja, aber auch die Gefahr sehen, so die Destabilisierung zu kaschieren. Es ist wichtig, die Unsicherheiten in mir ernst zu nehmen, sie nicht zu überspielen.
Leitfrage könnte sein: Was hat vor Gott Bestand? Jemand aus der Gruppe fasst es so zusammen: Flöte spielen, auch wenn niemand zuhört – Spenden erbitten, auch wenn es Zurückweisung gibt – die Wahrheit sagen, auch wenn dadurch das Leben gefährdet wird.

Mittwoch
a) Morgenimpuls:
Seit heute morgen 4.00 Uhr habe ich schlecht geschlafen.. bin unruhig… habe einen Traum, der mich beunruhigt… Als Kursleiter in einem Kurs mit lauter fremden Leuten; falle mit der Tür ins Haus, mache einen Fehler nach dem anderen, nehme die Teilnehmer nicht war… Und ich merke sogar, dass es so nicht geht… Werde wach.
Das Morgengebet lässt mich ruhiger werden…
Als Mose vom Berg herabkam, leuchtete sein Gesicht… die Israeliten erschraken…
Ps 27: Der Herr ist mein Licht und mein Heil…
(b) Ich bin unentschieden: Wohin soll ich gehen? Hans und Adelgert wollen nach Regina Maria Martyrum; ich bin versucht, mich anzuhängen… Spüre, ich suche Anschluss… Intuitiv sage ich nein. Auch nicht zum Kottbusser Tor…
Was P. M. von sich gesagt hat, gilt auch für mich: Dauernd in Funktion für andere, ja, aber was tue ich für mich? Das Kind in mir braucht Zuwendung… Ich will meine Spur suchen und finden, entdecken, was für mich gut ist. Denn nur wenn es mir gut geht, kann es anderen mit mir gut gehen… – Du kannst deinen Nächsten nur so lieben, wie du dich selbst liebst. So, meine ich, darf, ja muss ich das Hauptgebot der Liebe verstehen.
ich gehe los.., ohne rechten Plan…
Mir wird bewusst: Was bei konventionellen Exerzitien die Vorträge sind, sind hier die Erfahrungen auf der Straße…
Ich weiß beim Vortrag am Anfang auch nicht, was auf mich zukommt… ich höre zu, notiere das eine oder andere…
Entdecke den Zusammenhang oft erst am Ende…
Die Wirklichkeit, die mich umgibt, die mir begegnet, ist der Impuls, den ich aufnehmen kann, der Vortrag, den ich durcharbeiten soll. Die Straße sind meine Punkte, die Denkanstöße, die Meditationsanregungen. Ich erinnere mich an eine Wort, das Pater Mühlenbrock oft verwendet hat Gott umfängt uns mit der Wirklichkeit
Vom Nordbahnhof gehe ich zur Bernauer Straße. Ein Teil der Mauer steht noch – das Mauerdenkmal… gegenüber die Diakoniestiftung LAZARUS – Krankenhaus -Senioren-heim…
Mein Ziel ist die Versöhnungskirche an der Bernauerstraße – an der Stelle der alten Kirche (mitten im Todesstreifen, von den DDR-Machthabern gesprengt… Vor der Kirche eine Statue: RECONCILATION – geheilte Beziehungen.
Ich setze mich in den luftigen Umgang der Lehmkirche (zwischen Lamellen und Lehmmauer
Die Mauern in mir, zwischen mir und anderen, zwischen mir und Gott. Wie kann ich sie überwinden abreißen? Was ist mit meiner Beziehungs(un)fähigkeit? Mich selbst lieben? Menschen lieben? Was ist mit meinen schlecht verheilten Wunden? Was bedarf der Versöhnung in mir selbst? Mit Menschen, die mir nahe stehen?
Gehe in die Kirche – auf dem Altar die Bibel: Ps 106, 36: Sie dienten ihren Götzen, die wurden ihnen zur Falle… – Gottvergessenheit führt ins Unglück. Wer ist mein Gott? Wie ist meine Beziehung zu Gott? Lasse ich mich mit Gott versöhnen?
Aus der alten Kirche ist ein Retabel erhalten und neu aufgestellt: Fußwaschung nach dem Abendmahl. Versöhnung durch Fußwaschung? Was für ein anspruchsvolles Programm!
Zwei Jugendgruppe kommen in die Kirche, sie sind in der Nähe von Berlin in einem Feriencamp. Ein Mann mittleren Alters erzählt es über die Kirche: Ende des letzten Jahrhunderts wurde die Versöhnungskirche gebaut. Im Arbeiterviertel Wedding – soziale Not – Diakonie – Lazarus – heute auch Hospiz… Der Vortragende ist (ABM Kraft) wirkt unbeholfen und sagt doch Wichtiges: Die Steine im Lehm stammen aus der alten Versöhnungskirche -zermahlene Backsteine. Ein Hinweis auf menschliches Leben? Den Schmerz der unheilen Beziehungen deutlicher spüren – Gott darum bitten, dass er ihn mich spüren läßt, mich davor bewahrt, den Schmerz zu überspielen, ihn zu betäuben… Was spüre ich, wenn ich Schmerz spüre? Was sagt mir mein Schmerz? Mir kommt die Figur in St. Michael in den Sinn: Jesus, der Schmerzensmann… Den Schmerz wahrnehmen und zulassen, so leicht fällt mir das nicht. Vielleicht bin ich ja gerade erst am Anfang, muss noch lernen mich von einer illusionären Vorstellung von einer heilen Welt nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit meinem Empfinden zu verabschieden. Einsehen, dass ich Teil einer unheilen Welt bin, Unheil anrichte…
Ich entschließe mich zu einem Besuch bei G. P.; er wohnt mit seiner Familie im Stadtteil Prenzlauer Berg; er ist Frührentner, leidet an einer schweren Nervenkrankheit; seine Zuversicht ist praktische Predigt, auch wenn (oder gerade weil) er nicht viele Worte macht; wir gehen zur Gethsemani-Kirche; die Christusstatue stammt von der alten Versöhnungskirche im Wedding.
(c) Gesprächsrunde:
Anregung durch die Begleiter: Gott darum bitten, den Schmerz deutlicher zu spüren
– Die kleinen Zeichen entdecken. Es geht nicht um die großen Erfahrungen, nicht um das Spektakuläre; in allen Dingen Gott suchen und finden

Donnerstag
(a) Morgenimpuls: Gen 1: Gott sah: Alles war sehr gut.
(b) Ich gehe drauf los in Richtung Fernsehturm am Alex. Will sehen, wohin mich der Weg führt. Komme an einem renovierten Wohnblock vorbei.
Riesige Wohnsilos: in einem zusammenhängenden Block 544 Wohnungen! Unsere Gemeinde zu hause könnte hier komplett untergebracht werden. Schwer vorstellbar!
Ich stehe vor einem Wohnblock, ein Hund schnuppert an meinen Füßen, eine alte Frau sagt: Der braucht immer jemanden zum Schmusen… – Wohin sie hier? – Die Frage genügt für sie, um zu erzählen, wie sie an den Hund gekommen ist…, von ihren Verwandten, Nachbarn,.. Ich höre nur zu; sie erzählt eine halbe Stunde lang – mir, einem wildfremden Menschen mitten in dieser Großstadtwüste.
Ich gehe weiter und finde mitten in der Stadt ein Braunbärgehege und einen Spielplatz. ich setze mich auf eine Bank und beobachte die Menschen: Zwei Mütter / ein Vater mit je einen Kind: ein Kind ‚erobert‘ die Kletteranlage; der Vater springt drumherum, um zu verhindern, dass es abstürzt; genauso macht es die Mutter mit ihrem Kind. Die Mutter bleibt in der Nähe des Kindes, das ‚auf eigenen Faust‘ die Gegend erkundet…. Der dunkelhäutiger Junge freundet sich mit den Spatzen an… ‚Und ihr seid doch viel mehr wert als alle Spatzen!‘ Die weißen Kinder spielen mit dem dunkelhäutigen Kind. Irgendwann setzt der Vater sich und seinem Jungen einen Helm auf und fährt mit dem Fahrrad weg. Abschied mit Winken! Schließlich säubert die Mutter Schuhe und Socken des Kindes vom Sand… liebevoll und zärtlich.. spricht mit dem Kind… erklärt(?) ihm das Braunbärengehege…
Die Welt – ein Spielplatz? Und wir – spielende Kinder?
Ich gehe weiter – vorbei am Märkischen Museum; das Motto am Eingang: ‚… schaut auf diese Stadt!‘ – Vielleicht die säkulare Version von Jeremias: Kümmert euch um das Wohl der Stadt!‘?? – Am Kanal wende ich mich wahllos (?) nach rechts und lande an der Jannowitzbrücke. Gegenüber der chinesischen Botschaft machen ein paar Menschen auf die Situation der Faloun Gong in China aufmerksam. Ich komme mit ihnen (zwei Russland-Deutsche und eine Berlinerin) ins Gespräch, lasse mir ihr Anliegen erklären, unterschreibe eine Resolution an den chinesischen Botschafter, nehme Infomaterial mit.. .lese, merke, wie wenig Beachtung ich dem Problem bisher geschenkt habe; in der Nachrichten wurde der Eindruck vermittelt, es handle sich um eine Sekte wie Scientology…
Ich gehe weiter zum Alexanderplatz, trinke einen Eiskaffe… sehe die BZ – Werbung ‚Fühlen, was geschieht‘. – Wieso fühlen? Sensibel (sensus!) sein bzw. werden, nicht dickfellig…, sondern empfindsam! – Jesus, der Schmerzensmann, war mitfühlend… kompatibel mit den Leidenden. Ich denke an das Schulprojekt COMPASSIO.
Gehe weiter über den Marx-Engels-Platz vorbei an der Museumsinsel, am ehem. Palast der Republik, am Berliner Dom… Ich verzichte bewusst auf einen Besuch im Dom, sonder gehe zur Hedwigskathedrale… Gebetszeit… Dann zu Fuß zurück nach Kreuzberg… der Weg ist nicht so lang… hatte bisher keine Vorstellung… die Übergänge sind gleitend… von Berlin Mitte in dieses problemgeladene Viertel… Wann bin ich das letzte mal zu Fuß durch eine Stadt gegangen? – Dafür habe ich (nehme ich mir) sonst keine Zeit. Zeillupe statt Zeitraffer.
(c) Gesprächsrunde
Empfehlung der Begleiter: in den Begegnungen des Tages den Schmerz entdecken.
Reue ist Schmerz über verpasste Gelegenheiten und Impuls, die Angebote zum Leben sensibel wahrzunehmen… Jesus der Schmerzensmann – Jesus in der Rast mitten in der Un-Rast des Lebens innehalten. – Wenn ich innehalte, gebe ich mir die Gelegenheit, nach innen zu gehen, die Dinge in mir wahrzunehmen, die Dinge an mich herankommen, in mich eindringen zu lassen…

Freitag
Ich werde mit Unruhe wach…
(a) Impuls: Ps 90 … unser Leben währt siebzig, wenn es hochkommt sind es achtzig Jahre.
Beim Frühstück erzählt Hieu wieder von seinen vietnamesischen Landsleuten in Berlin… große kriminelle Energie… in der Botschaft sitzen Verbecher, sagt er. Mir wird schon beim Zuhören übel. In was für einer Weit leben wir? Das ist nicht zum Aushalten…! Trostlosigkeit kommt in mir hoch. Wie kann ich leben, dabei die dunkle Wirklichkeit wahrnehmen, nicht verdrängen und zugleich in der Hoffnung bleiben, guter Hoffnung sein, fruchtbar…
(b) Wohin soll ich heute gehen? Alles in mir sträubt sich gegen einen Ort wie U-Bahnhof Kottbusser Tor..oder Stasi-Gefängnis. Einen Moment verspüre ich den Impuls, ich sollte dorthin gehen, weil ich noch einen neuen Ort vorweisen können sollte…
Mein Gefühl aber sagt mir: Es reicht! – Ich denke an die allzu bekannte Neigung, mich zu überfordern… Ich suche TROST. Ich brauche ein Bild, das tröstet…, ein Wort, das tröstet und befreit…
Fahre zur Kirche Maria Regina Martyrum… von der U-Bahn-Station das letzte Stück zu Fuß… die An-Wege sind wichtig! Ich versuche, die Inschrift an Hofeingang zu entziffern, schwer lesbar – die in Beton gegossenen Buchstaben (lese später in der Broschüre nach). Setze mich an den Anfang des Kreuzweges, bei der ersten Station auf die Erde… lasse die Skulpturen auf mich wirken… niemand außer mir ist auf dem weiten Platz. Bete den schmerzhaften Rosenkranz…, merke, wie ich langsam ruhiger werde… Dabei vermittelt mir der Kreuzweg dunkle Zerrissenheit, Last, Angst.. und trotzdem werde ich ruhiger. Mir kommt der Gedanke, die Betrachtung des Leidens Jesu ist wie eine homöopathische Therapie. Glaube an das Evangelium – eine homöopathische Therapie? Im Hebräerbrief lese ich: Jesus hat durch Leiden … gelernt.
Gehe an den Stationen entlang…. beherrschend ist das KREUZ… Letzte Station: Die Frauen am Grab… darüber befindet sich in der Kirche der Ort der Verkündigung!
In der Unterkirche vor der Pieta: Fürbitte für alle, denen ich mein Gebet versprochen habe.. ich lege die Menschen in den Schoß der Gottesmutter… der Hintergrund glänzt in Gold: Führe uns durch Leiden und Kreuz zur Herrlichkeit der Auferstehung. (Mir fällt die Neue Wache ein, die zentrale Gedenkstätte der Bundesrepublik… ein leerer Raum, in der Mitte eine Skulptur von Käthe Kollwitz: Mutter mit totem Sohn. — Eine namenlose Frau — stellvertretend für Millionen namenloser Frauen.. und eine Frau, deren Namen wir kennen und die zur Trägerin unserer Hoffnung geworden ist!?)
Im Fußboden der Unterkirche eine Inschrift: Alten Blutzeugen, denen das Grab verweigert wurde. Allen Blutzeugen, deren Gräber unbekannt sind. P. ALFRED DELP SJ * 15. Sept. 1907+2. Febr. 1942 / DOMPROPST BERNHARD LICHTENBERG *3• Dez. 1875*5. Nov. 1943 / DR. ERICH KLAUSENER * 25. Jan. 1885 + 30. Juni 1934.
Mir fällt das Wort von A. Delp ein: Wir müssen uns auf jeden Fall in eine solche Verfassung bringen, dass die Dinge nicht deshalb scheitern, weil wir sie Gott nicht zugetraut haben.
Betrachtung vor der Altarwand in der Kirche: Jesus-Gebet mit den Gesätzen des trostreichen Rosenkranzes… Dann versuche ich eine Seh-Übung: Nicht den Blick schweifen lassen, sondern auf das helle Zentrum konzentrieren.., der dunkle Kranz ringsum verschwimmt, ist aber sichtbar im Vordergrund gegenwärtig.
Dann: Den Blick auf die dunklen Blöcke im Vordergrund heften; sie treten geradezu in den Raum, in dem ich mich befinde, aber im Hintergrund scheint das Licht… aus dem Hintergrund heraus in die vordergründige Gegenwart: ‚Dein ewig Licht geht da herein, gibt der Welt ein‘ neuen Schein; es leucht‘ wohl mitten in der Nacht; dies Licht hat uns das Kindlein bracht. Kyrieleis.‘
Die heilen Farben, die Flammen, die Tropfen beherrschen doch das Bild… Einer der dunklen Blöcke ist wie ein Aufgang ins Licht… Stufen in die Helligkeit.. von oben kommt das Licht… das aufstrahlende Licht aus der Höhe… Farben des Spektrums…
(c) Gesprächsrunde
Eine Frage, die mich schon am Anfang der Exerzitien beschäftigt hat: Bin ich in der Kirche am richtigen Ort? Der Ortswechsel allein bringt noch keine wirkliche Veränderung. Ein Perspektivenwechsel muss zum Ortswechsel hinzukommen, sonst bleibt alles beim alten. – Noch einmal der Impuls: Schmerzen wahrnehmen!
Anders fragen, das Alte neu sehen!
Einer aus der Gruppe erzählt von den vielen Häusern in Kreuzberg, die saniert werden: die alten Wohnungen in Kreuzberg – ein Bild meiner selbst?
Soll und kann ich meine ‚Wohnung‘ abreißen? Sanieren? – Mir kommt das Bild der Versöhnungskirche in den Sinn: Gemahlene Ziegel der alten Kirche vermischt mit dem Lehm der neuen… Gott ist der Handelnde. Er nimmt das Unscheinbare in Dienst. Ich frage mich: Welche Menschen nenne ich unscheinbar? Unscheinbar heißt für mich: echt, authentisch, nicht aufgeblasen, einer, der nichts aus sich macht… machen muss, der weiß, dass er nichts aus sich machen muss.

Samstag
(a) Morgenlob: Ps 139
(b) Ich möchte heute die Exerzitien zu einem Abschluss bringen. Ich gehe zum Kottbusser Tor – dorthin, wo vor einer Woche alles seinen Anfang nahm. Mie fällt eine Reklametafel: Natürlich sauber. Intelligente Produkte für urbanes Leben. Für Städte. Für Menschen. – Internetadresse: http://www.wall.de. ist das wirklich das Entscheidende? Intelligent und sauber? Ist das urbanes Leben? – Am Ende geben die Werke der Barmherzigkeit den Ausschlag.
Als es Abend wurde, brachte man Blinde, Lahme und Krüppel zu ihm… und er heilte sie alle.
Ich sehen – früh am Morgen – einen betrunkenen Mann, eine schwarze Frau mit schrecklich verkrüppelten Beinen und Füßen; gegenüber auf der Bank (wie jeden Tage) Männer und Frauen, gezeichnet von ihrer Sucht, die Habseligkeiten in ein paar Plastiktüten, der Hund als treuer Begleiter und Lebensgefährte… Bist du es, der da kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? – geht und sagt…: Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf und Armen wir die Frohe Botschaft verkündet Selig, wer an mir keinen Anstoß nimmt! – Die Bibelworte bekommen hier einen anderen Klang…. – Ich bin bei euch! – Jesus am U-Bahnhof Kottbusser Tor!? Das ist für viele – auch für mich! – anstößig: Mein Jesus, unser Jesus bei den Alkis und Junkies.
Ich wandere ziellos durch die Straßen von Kreuzberg…. Gott führte die Israeliten nicht auf dem geraden Weg in das Gelobte Land… (Ex 13, 17-18: Als der Pharao das Volk ziehen ließ, führte sie Gott nicht den Weg ins Philisterland, obwohl er der kürzere war. Denn Gott sagte: Die Leute könnten es sonst, wenn sie Krieg erleben, bereuen und nach Ägypten zurückkehren wollen. So ließ Gott sie einen Umweg machen, der durch die Wüste zum Schilfmeer führte…)
Ps 116, 9: So gehe ich meinen Weg vor dem Herrn im Land der Lebenden (mein Lieblingspsalmvers!) – auch im früheren Todesstreifen…?
Wo bewege ich mich normalerweise, wenn ich zielstrebig unterwegs bin? Was ist mein Ziel, das ich anstrebe…. Der Ziellosigkeit, die ich mir in diesen Tage leiste, auf den Grund gehen…
Ich lande beim Kinderbauernhof: Auf einem unbebauten Grundstück Weide: Hütten, Ställe, Wagen, Ponies, Esel, Ziegen, Gänse, Enten, Hühner…, kleine Gemüsegärten…, Spielgeräte. ..‚ Ein e.V. trägt diese Gegenwelt…, die man anderswo vielleicht Streichelzoo nennen würde… ein großes Provisorium!
Vor der St. Michaelskirche (Ost) nehme ich mir Zeit zum Nachdenken., für einen Rückblick auf die vergangene Woche… Eine Kirchenruine… im zweiten Weltkrieg zerstört, nicht wieder aufgebaut, die Gemeinde trifft sich heute im Querschiff zum Gottesdienst … 12.00 Uhr: ANGELUS – Läuten… Wer hört den Ruf der Glocke in dieser säkularen Stadt?
Ziellos weiter…. durch die Straßen… verfallene und renovierte Häuser nebeneinander… Ich lande zufällig‘ bei St. Thomas.
In der Kirche fällt mein Blick auf das Bild JESUS UND THOMAS; als ich zum erstenmal hier war, habe ich es auch gesehen, aber nicht wahrgenommen.
Ich lese Joh 20: 25b Wenn ich nicht die Male der Nägel an seinen Händen sehe…, glaube ich nicht… 27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger aus …. Mein Herr und mein Gott!
Welche Fügung!? Das ist mein Thema aus den vergangenen Tagen: die eigenen Verwundungen anrühren… – Wie finden Menschen (heute) zum Glauben? Heute – in der Wüste der säkularen Stadt (hier in Berlin) oder auch in der Einöde des ländlichen Raumes (wo ich zur Zeit lebe)?
Thomas zu Jesus: Zeige deine Wunde! – Ich denke an die Installation von Josef Beuys: Zeigen deinen Wunden! – Eine Kirche, die den Menschen den Auferstandenen verkündigen will, muss sich von der ‚ungläubigen‘ Welt sagen lassen: Wenn ich nicht die Wundmale sehe, glaube ich nicht! – Wenn Kirche Jesus Christus verkörpern will und muss, muss sie mit und wie Jesus sagen: Hier meine Hände und meine Seite… meine Wunden… Wir müssen als Christen zeigen, woran wir leiden, unser Verhältnis zu den Wunden Jesu klären (sonst kann es keine Verklärung geben); sichtbar und spürbar machen, wie wir mit Jesus leiden… Compassio! Paulus: Vollenden, was an den Leiden Jesu noch fehlt… Wenn ich Jesus repräsentieren will, muss ich mich von Thomas fragen lassen…, muss ich mich von all den Menschen fragen lassen, die (wie Thomas) leiden, zweifeln und hoffen und glauben möchten… An den Wunden des gekreuzigten führt kein Weg vorbei. In den Wundmalen die Zeichen des Auferstandenen entdecken, den Menschensohn in den Geringsten (Mt 25). – ‚Zufällig‘ führt mich am Ende der Weg wieder zum Schmerzensmann Jesus… Heute morgen bin ich ziellos aufgebrochen, jetzt hat mich mein Weg zum von Wundmalen gezeichneten Jesus geführt!

Ein Bericht von dem zweiten öffentlich ausgeschriebenen Exerzitienkurses an dem sozialen Brennpunkt Berlin-Kreuzberg

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