Hans Sanders, In Hamburg …

„(…) In Hamburg hatte ich einen Tag mit wirklich überraschenden Erlebnissen und Begegnungen. Ich will hier und jetzt nur von der letzten und beeindruckenden Begegnung berichten: Gegen Ende des Tages verspürte ich einen großen Hunger und Sehnsucht nach der ersten Maisonne vor dem Bahnhof. Mit einem Döner und einer Dose Bier gewappnet, suchte ich draußen einen Sitzplatz an der Sonne. (…) Ich aß meinen Döner und trank genüsslich mein Bier. Da löste sich plötzlich aus der Gruppe der ‚Penner und Säufer‘ gegenüber ein noch junger Mann, kam zu mir und fragte: ‚Darf ich mich dazusetzen?‘ – ‚Ja natürlich, bitte!‘ Und dann erzählte mir Dieter, wie er sich mir vorstellte, unvermittelt und ohne weitere Umstände sein Leben: Wie er vor Jahren aus der sogenannten bürgerlichen Welt ausgestiegen sei, fast die ganze Welt bereist habe – über Afrika und Indien bis ins Hochgebirge in Tibet! Irgendwann sei er dann ans Rauschgift gekommen und süchtig und abhängig geworden und habe sich mit Aids infiziert. Seit fast zehn Jahren habe er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie, die ihn sozusagen für tot erklärt habe.
Vor einigen Tagen habe er von den Ärzten die Nachricht erhalten, dass er höchstens noch drei Monate zu leben habe. Und dann kam er zum Kern seines Anliegens: ‚Schau‘, sagte er und wies auf die Gruppe, aus der er herausgetreten war, ‚das sind meine einzigen Freunde, die ich noch auf der Welt habe. Und das ist gut so, dass ich wenigstens sie habe. Aber: Wenn ich in einigen Wochen tot bin, dann wissen auch diese Kumpels nach drei, vier Tagen nicht mehr, dass es mich je gegeben hat.
Kein Mensch auf der Welt denkt dann noch an mich! Ich habe doch auch hier auf dieser Erde gelebt. Es muss doch wenigstens einen geben, der um mich weiß, mit meinen Lebensträumen und Hoffnungen. Ich bin doch ein Mensch!‘
Schwer atmend zeigt er mir dann seinen spindeldürren Arm mit vielen silbernen Armreifen und fuhr fort: ‚Wenn ich dir einen dieser Reifen gebe, versprichst du mir, ihn in Erinnerung an mich zu tragen? Ihn eben nicht nur mit in deine andere Welt mitzunehmen, in die Nachttischlade zu legen und vielleicht zufällig einmal im Jahr eine Erinnerung an diesen Tag und einen der Penner in Hamburg zu haben?‘
Nun war ich derjenige, der mit großem Herzklopfen und schwer atmend neben diesem Menschen mit seiner riesigen Bedrängnis saß! In solch einer mir bisher nie begegneten Not konnte ich doch um Himmels willen nicht Nein sagen! Aber, so ging es mir rasend schnell durch den Kopf: Was werden meine Gemeindemitglieder denken, wenn ich als Priester auf einmal mit einem solchen Armreif auftauche, der ja nicht zu übersehen ist, den man auch am Altar und bei Spendung anderer Sakramente sieht? In diese Denkpause hinein fragte der Mann: ‚Was überlegst du so lange?‘ Willst du nicht? Ich erzählte ihm, wer ich sei und welche Fragen mir durch den Kopf gingen, und bat ihn, mir noch einen Augenblick Zeit zu lassen. ‚Denn‘, so sagte ‚ich, ich möchte dich nicht belügen. Wenn ich Ja sage, dann soll es auch ein wirkliches Ja sein, auf das du dich verlassen kannst‘. Und dann nach einer längeren Denkpause sagte ich: ‚Ja!‘
Geradezu andächtig löste Dieter einen seiner Armreife und befestigte ihn an meinem rechten Arm – und hier ist er immer noch. Spontan nahm mich dann der mir eben noch völlig unbekannte Mensch aus einer mir fremden und völlig anderen Welt in seine Arme, drückte mich, so fest er todkrank konnte, und sagte: ‚Jetzt habe ich wieder einen Bruder!‘
Beide tief bewegt hielten wir uns eine gute Zeit so umarmt. Wieder nebeneinander sitzend fragte ich dann diesen Bruder Dieter: ‚Wie bist du eigentlich darauf gekommen, gerade mich anzusprechen?‘
Seine Antwort: ‚Du bist seit Langem der Erste aus der anderen Welt, der uns Penner mit guten Augen angesehen hat.‘
Der Schreck fuhr mir in die Glieder: Welch ein Glück für mich und diesen Menschen, dass wir so gut geistlich vorbereitet in diesen Tag gegangen waren! Nicht auszudenken, wenn ich an diesem Tag ‚schlechte‘ Augen gehabt hätte – wie an so vielen anderen Tagen des Jahres.“

Wir haben Hans gefragt, wie seine ersten Straßenexerzitien im Jahr 2000 heute, fünfzehn Jahre später, nachwirken. Er schreibt:
„Zu Ostern 2000 war ich in einem Gottesdienst, in dem der Prediger fragte: Können wir heute noch dem Auferstandenen mitten im Leben begegnen? Kurze Zeit danach war ich in Hamburg beim oben genannten Treffen der Exerzitienbegleiter_innen. Unser Thema war: Wie können wir Tage der Besinnung so gestalten, dass die Teilnehmenden nicht nach kurzer Zeit erleben müssen: Es waren erholsame Tage, aber was mache ich im Alltag meines Lebens damit, ohne gleich wieder ‚abzustürzen‘? Und dann kam das Angebot für mich: Wir suchen einmal einen Tag lang den Auferstandenen am Hamburger Hauptbahnhof. Und ich habe dabei wahrhaftig den Auferstandenen in ‚Galiläa‘ erlebt; denn die Engel hatten den Frauen am leeren Grab verheißen: Geht nach Galiläa, eurer Heimat, eurem Zuhause, dort werdet ihr ihn finden!
Seit diesem Tag in Hamburg habe ich kein einziges Mal den Armreif, den mir Dieter damals angelegt hat, abgenommen. Im Gegenteil: Straßenexerzitien in Berlin kurz darauf haben mich intensiv darin bestärkt, diese Brüder und Schwestern der Straße nie mehr aus den Augen zu verlieren. Wieder in Münster, bin ich ins Ostviertel von Münster umgezogen und habe intensiveren Kontakt aufgenommen mit einer Stiftung, die sich dort vor Ort intensiv und qualifiziert für diese Menschen einsetzt. Nicht nur, dass ich jährlich einen Weihnachtsgottesdienst mit Menschen, die auf der Straße leben, gestaltet und gehalten habe. Mein Hamburger Dieter hat mir seit dem Erlebnis in Hamburg auch alle Berührungsängste vor wohnungslosen Menschen auf der Ostseite des Bahnhofs in Münster genommen. Inzwischen habe ich eine Reihe von Freunden unter ihnen gewonnen. Mehrfach habe ich von Einzelnen gehört, was mir Dieter in Hamburg schon gesagt hat: Gut, dass es dich gibt! Du hast freundliche Augen.
Inzwischen bin ich in Rente. Mein pastoraler Einsatz beschränkt sich hauptsächlich auf die Kontaktaufnahme zu Menschen auf der Straße. Diese Entscheidung ist auch dadurch verstärkt worden, dass im Osten der Stadt große Gemeindefusionen durchgeführt wurden. Jetzt zählen zu dieser ‚Zentralgemeinde‘ rund zweiundzwanzigtausend Menschen. Ich habe den mitverantwortlichen pastoralen Mitarbeitern_innen angeboten, mich (eben im Kontext der Gemeindepastoral) persönlich, ‚face to face‘, um Menschen zu kümmern, die in unserer Gemeinde am Rande der Gesellschaft leben. Denn wer von ihnen hat bei dieser Größenordnung überhaupt noch Zeit (und den Mut), ihnen sein Gesicht zu zeigen? Nach einigen (nicht unerheblichen) Krankheitsschüben mit Operationen bin ich froh, im Rahmen meiner Kräfte und mit krankheitsbedingt eingeschränktem Zeitbudget diesen Dienst zu tun.“