Exerzitienweg

Ein Versuch über einen Exerzitienweg zu berichten, den ich auf den Straßen in Köln und inmitten einer Gruppe begonnen habe …

Das (Becher) ist ein Abschiedsgeschenk. Ich habe ihn am vergangenen Sonntag zum Ende meiner neuntägigen „Exerzitien auf der Straße“ in Köln bekommen.
Wenn ich aus diesem Becher meinen Kaffee trinke, erinnere ich mich an die, die mit mir an diesen Exerzitien teilgenommen haben, an Mechtild, die Leiterin eines Kinder- und Jugendheimes, an Franziska, eine Altenpflegerin, an Pia, eine Lehrerin aus Wien, an Irene eine 69 jährige Frau und an die Begleiter Christian, ein Jesuit und Alexa, eine Franziskanerin.
Ich erinnere mich an unser ungewöhnliches Quartier. Es ist ein etwas heruntergekommenes Bürogebäude gegenüber einer riesigen Müllverbrennungsanlage. Ich erinnere mich an unser selbst zubereitetes Essen, an die Morgenrunden, an das Unterwegssein und Verweilen in der Stadt, an die schlichte Eucharistiefeier um fünf, an den intensiven Austausch über unsere Wege und Erfahrungen am Abend und an den meist guten Schlaf trotz Lastverkehr und Flutlicht.
Dieser Becher je nach dem ob er leer oder mit einem Getränk gefüllt ist, erinnert mich auch an die überraschenden und echten Begegnungen mit Menschen ohne Obdach für Leib oder Seele oder beides. Manches mal war mein Sprechen völlig ausgetrocknet und mir kamen keine Worte über die Lippen. Mein Blick wurde nicht erwidert. Mein aufmerksames Zuwenden lief ins Leere.

Kennen Sie das?
Ich möchte sie mit diesen Worten ein wenig mitnehmen in meine Erfahrungen. Ich hab mich in der letzten Woche öfters gefragt: Geht das überhaupt? Menschen, die einen ganz anderen Weg als ich in dieser Zeit gegangen sind, von meinen inneren Erfahrungen zu berichten. Und wie viele mag es geben, denen das überhaupt nicht interessiert. Wie dem auch sei, ich bin nun mal angefangen.
Der Anfang meiner Tage in Köln findet sich in der Mosesgeschichte, die wir bereits in der Lesung hörten. Mitten bei der Arbeit sieht Mose etwas Merkwürdiges: ein Dornbusch, der brennt aber nicht verbrennt. Mose wird neugierig. Will sich das Geschehen genauer ansehen und geht hin. Er hört eine Stimme: „Mose zieh deine Schuhe aus. Wo du stehst ist heiliger Boden.“ …

Und Gott erzählt ihm vom Elend seines Volkes und wie es ihm zu Herzen geht. …

Und Mose erfährt den Namen Gottes: Ich bin der „Der da ist.“ …
Wir Exerzitienteilnehmenden haben uns gefragt: Welche Dornbuschorte gibt es für mich? Und damit welche dornigen Themen in meiner Lebensgeschichte, die ich lieber umgehe als sie zu besuchen.

Wir haben uns auf den Weg vorgetastet: Wo spüre ich eine Neugier, solche Orte, an denen Menschen die vielfältigen Dornen des Lebens erfahren, aufzusuchen? Und welche Schuhe gilt es an diesen Orten auszuziehen?
Wer Köln kennt, kann sich vorstellen, dass es an solchen Orten nicht mangelt. Wie bekamen als eine kleine Hilfestellung verschiedene Orte vorgeschlagen, aus den wir wählen konnten. Z.B. Aufenthaltsorte für Obdachlose, Drogenabhängige, Prostituierte und Asylbewerber, die Psychatrie, das Arbeitsamt, die Babyklappe, das Gräberfeld für Nichtsesshafte …

Ein Ort, den ich öfters aufsuchte verbirgt sich hinter dem Code auf dem Becher: F 02. F 02 – so steht es auf einer Besuchermarke für das Gefängnis in Köln-Ossendorf. Für Kölner der neue „Klingelpütz“. Jeder, der einen Gefangenen besuchen möchte, muß zunächst in einem kleinen Wartehäuschen den Besucherschein ausfüllen, eine Marke ziehen und warten. Eine Digitalanzeige gibt dann zu erkennen, wer als nächster dran ist.
Um den Eingang zu finden, musste ich zunächst das Gefängnis einmal zu Fuß umrunden. Die Mauern schienen nicht zu enden. Dieser Knast gehört wohl zu einem der größten: über 1.500 Jugendliche, Frauen und Männer sitzen hier ein.

Am Eingang angekommen setze ich mich in der Wartehäuschen. Viele junge Frauen mit Kinder kommen, ein Punker, der seine Freundin besuchen will, eine Frau und ein Mann, die zu ihrem Sohn wollen. Der Mutter steht die Scham und Angst im Gesicht geschrieben. Manche kennen sich wohl schon und regen sich gemeinsam auf, dass nicht nur die Gefangenen bestraft werden sondern auch die Angehörigen und Freunde. Denn die Besuchskontrollen und Auflagen rauben viel Zeit und zusätzliche Nerven.
Immer wieder blicke ich längere Zeit auf das Gefängnisgebäude. Die Mauern lassen keinen Blick ins Innere zu. Da merke ich wie ich mich im verdunkelte Glas der Eingangschleuse selbst erkenne. Es ist als ob ich in einen Spiegel schaue. Fragen steigen auf: Sitze ich draußen oder drinnen? Wo beginnt eigentlich das Gefängnis? Wer ist Gefangener und wer nicht? Machen das nur die hohen Mauern und der Stacheldraht deutlich?

Wer bin ich, der hier sitzt? Einer, der seine pure Neugier befriedigen will, einer, der besessen ist vom Helfen wollen, einer, der verunsichert ist über die vermeintlich klare Trennung von Gefangensein und Freisein? Ich verabschiede mich mit einem Gebet und gehe.
Am nächsten Tag gehe ich erneut hin und warte. Es regnet zeitweise in Strömen. Zu irgendeiner Zeit ziehe ich meine Schuhe aus und stelle meine nackten Füßen auf dem Boden.
Abends erzähle ich in der Runde, was geschehen war, wie ich gemerkt habe, dass sich der Boden, auf den ich mit meinen nackten Füßen stand, mit dem Boden der Gefangenen verbunden hat. So als wenn sie sich zusammen geschoben hätten. Ich spürte, wir stehen auf einem gemeinsamen Boden.

Die Gefängnismauern bekommen an diesem Nachmittag ein anderes Gewicht. Ihre Macht, die Menschen in Gefangene und Freie zu trennen, verliert an Bedeutung. Ich spüre wie ich mit ihnen verbunden bin. Nicht gleich aber verbunden.
Die Frage, die ich mir stelle, lautet: Welche Schuhe im übertragenen Sinn habe ich ausgezogen? Ich weiß es nicht genau. Vielleicht zu meinen, ich könne helfen.
Bis heute klingt diese Erfahrung in mir nach. Nicht dumpf. Eher erleichternd und befreiend. Gott sei Dank!