Dora Maria Teidelt, Sich einer unvertrauten Situation aussetzen

Ich habe eine Fortbildung gemacht, bei der es darum ging, sich einer unvertrauten Situation auszusetzen. Ein Pfarrer – das kennt ihr ja – lebt so in der Gemeinde und macht Konfirmandenunterricht, Gottesdienste u.s.w. Manchmal geht er auch in einer Suppenküche vorbei und grüßt die Leute ganz freundlich. Aber ich habe gedacht: „Ich kann nicht nur in eine Suppenküche gehen und den Leuten austeilen, ich muss auch mal selber dorthin gehen, mal fühlen, wie es ist, wenn man in einer anderen Rolle ist.“
Jemand hat mir dann Christians Adresse gegeben und ich habe ihn besucht. Das war schon alles eine Zumutung: er wohnt in einer Wohnung über einer Kneipe, die „Tor zur Hölle“ heißt. Ich habe gedacht: „Oh, Herr….“, bin aber raufgegangen – sie waren überhaupt nicht vorbereitet – und traf diese WG, 14 Betten in zwei kleinen Wohnungen.
So habe ich auch Christian kennen gelernt, einen ungewöhnlichen Exerzitienmeister. Er hat mir alles gezeigt und gesagt: „Geh mal in die evangelische Kirche, die Thomaskirche, setz dich dorthin und bete. Dann überlegst du dir, ob du wirklich kommen willst.“
Ich war erstmal skeptisch, bin aber in die Kirche gegangen und habe mich hingesetzt. Ich hatte nur einen Rucksack dabei und hatte irgendwie die ganze Zeit das Gefühl, ich muss ihn festhalten. Völlig beknackt! Und habe geschwankt zwischen Angst und dem Gefühl, dass es etwas ganz Wichtiges ist.
Ich habe ein paar Nächte darüber geschlafen, danach angerufen und gesagt: „Ich komme.“ Ich bin eingezogen und viele Tage durch Kreuzberg gegangen mit dem Gefühl, die Menschen von der Straße wollen Jemanden wie mich gar nicht kennen lernen. Wie mache ich es bloß, mit so Jemandem ins Gespräch zu kommen, sodass sie nicht denken: „So eine blöde Etablierte, was will die von uns?“ Aber das war meine eigene Angst.
Ich habe dann irgendwann einen Kuhhandel mit dem lieben Gott gemacht: Es war November und hat viel geregnet, da dachte ich: wenn es am Kottbusser Tor trocken und eine Bank frei ist, dann setze ich mich dahin. Da, wo die ganzen Alkoholiker und Drogenabhängigen sind. Und dann kam ich dorthin: es war trocken und eine Bank war frei. Na ja, dann musste ich mich hinsetzen.
Das habe ich auch gemacht, mit hochgezogenen Schultern. Ich habe mich am Anfang gar nicht so wohl gefühlt. Aber das war mein Problem und nicht das der Anderen. Und irgendwann sah ich an einem dünnen Baum einen Zettel hängen. Ich habe geguckt, bin aufgestanden, dorthin gegangen und habe gelesen, was darauf stand: Jemand hatte einen Zettel aus einem Ringblock gerissen und mit Tinte in relativ kindlicher Schrift – mit Datum – geschrieben: „Liebe Ute, wir trauern um dich.“ Und ganz viele Unterschriften.
Ich war sehr erschrocken, weil ich dachte: „Da ist Jemand gestorben und die war vielleicht gar nicht so alt“ Ich hatte das Gefühl, dass es eine junge Drogenabhängige war, die sich den Goldenen Schuss gesetzt hatte. Ich war sehr berührt, dass es unter diesen Junkies Leute gibt, die sagen: „Wir nehmen das wahr: uns fehlt die Ute und wir schreiben das auch auf, wir machen es öffentlich“
Ich saß dort eine Zeit lang, da kam ein Mann mit seinem Hund: er las den Zettel, tastete sich ab, ging weg und kam nach einer langen Zeit wieder. Er hatte sich einen Kuli besorgt und schrieb dann seinen Namen und den von seinem Hund unter diese Todesanzeige. Das hat mich sehr berührt!
Danach ging Einer von der Nachbarbank zum Pinkeln und der Andere guckte sich ebenfalls diesen Zettel an. Und plötzlich stand ich neben ihm und fragte: „Haben Sie diese Ute gekannt?“ Er antwortete: „Nö! Aber ham’se ma’n Euro für mich?“ Auf einmal stand ich da und sprach mit ihm, und es war genau das, worauf ich all die Tage gewartet hatte.
Ich sagte: „Ich habe kein Geld, weil ich auf der Straße unterwegs bin wie Sie.“ Er antwortete: „Sie auf der Straße? Hör’n se ma: um fünf kommt hier die Heilsarmee, die hat heiße Suppe und Kaffee und Tee, umsonst!“
Das hat mich total berührt, weil diese Menschen mich mit in ihr Leben hinein genommen haben, mir gesagt haben, wo es etwas gibt, obwohl ich sie gar nicht kenne. Sie haben mich mehr in ihr Leben hinein genommen als ich sie wahrscheinlich in meines genommen hätte. Das hat mich sehr angerührt und deshalb musste ich weg. Ich konnte diese Situation gar nicht mehr aushalten.
Ich war aber um viertel nach fünf wieder da. Da war der ganze Platz voll von Männern, mindestens 50. Die Beiden von vorhin standen ganz vorne an der Essensausgabe und schrien zu mir: „Hey, komma rüber!“ und ich bin zu ihnen hingegangen.
Die Gerüche unter den Männern auf der Straße haben es mir schon schwer gemacht – einerseits. Andererseits waren da diese beiden Männer, die mir ganz vorne einen Platz freigehalten hatten, für mich gesorgt hatten. Es war noch ein Anderer, der mir sagte, wo man sauber duschen könne, wo es für Frauen gut sei, u.s.w. Das hat mich total fasziniert.
Ich habe es abends Christian erzählt, der darauf sagte: „Heute Nacht um zwei Uhr aufstehen und beten.“ „Hmh“, habe ich da gedacht, „das habe ich ja noch nie gemacht.“ Ich bin aber aufgestanden, habe mich wieder auf die Bank gesetzt und gedacht: „Ja, jetzt sitze ich hier…“ Und habe die ganze Zeit einfach gesessen. Plötzlich kam mir die Idee: „Das ist wie wenn ich für die tote Ute, die ich überhaupt nicht kenne, Totenwache halte“ Aber diese Frau hat mir die Türe geöffnet zu den Menschen, vor denen ich so eine Angst hatte. Das hat mich total bewegt. Ich habe dann gerne da gesessen und konnte gut für diese Frau beten und auch sehr dankbar sein, weil sie mich etwas ganz Wichtiges gelehrt hatte.
Am nächsten Tag bin ich zu dem Friedhof gegangen, auf dem die Obdachlosen beerdigt werden. Ich habe mich einfach hingesetzt und wieder für sie gebetet, weil ich dachte: „Das sind Menschen, die oft durch alle Raster fallen und denen ich auch mit Angst und Unsicherheit und daraus vielleicht so etwas wie Hochmut begegne. Daraus entsteht eine Überheblichkeit, das habe ich bei mir selber gemerkt. Es ist ja eher etwas Unangenehmes, wenn man das merkt; mir ist es jedenfalls sehr unangenehm.
Aber man sollte sich sagen: „So etwas habe ich auch, es gehört zu mir und es ist gut, dass mir das deutlich geworden ist.“ Es ist etwas, das immer wiederkommen kann. Es ist ja nicht so, dass ich mir vornehme: „Von jetzt an bin ich nicht mehr hochmütig, arrogant oder ähnliches.“ Es ist ja in einem drin. Und darum ist es mir ganz wichtig, eine Zeit bei Menschen auf der Straße zu zubringen. Mit Menschen, die selber diese Erfahrungen machen.
Am nächsten Tag bin ich noch einmal zum Kottbusser Tor gegangen, wo dieser Zettel an dem Baum hing – und er war abgerissen. Das kam mir so gewaltsam vor! Dieses Stück Menschlichkeit, dass da Leute sagen: „Ja, Ute, du bist gestorben, aber du gehörst zu uns und das wollen wir öffentlich machen“, hatte irgendjemand so – wie im Vorbeigehen – abgerissen. Da habe ich richtig geweint. Aber es hing noch so eine Ecke, ein Fitzelchen Zettel mit einem rostigen Reißnagel. Das habe ich abgemacht und mir aufgehoben. Ich habe es immer noch.

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