Das magis-Experiment Fulda: Exerzitien auf der Straße

Vor langer Zeit, als die Planung der ignatianischen Gemeinschaften für ein Vorprogam zum Weltjugendtag 2005 in Köln begann, also wohl im Jahr 2003, habe ich mir spontan gewünscht, bei der Begleitung eines der Experimente dabei zu sein. Bald stießen auch andere dazu: Sr. Teresa, Sabine, Sr. Igna und andere. Wir wollten Exerzitien auf der Straße anbieten, ohne zu wissen, wie sie angestoßen und begleitet werden könnten. So war dann ein Vortreffen mit anderen in Altenberg 2004 sehr ernüchternd. Es gab eine Menge Vorgaben, die mit unserem Anliegen nicht in Einklang zu bringen waren. Andererseits waren wir sehr froh über die Arbeit des magis-Teams in Frankfurt. Sie hatten von ihrer Aufgabe her einen anderen Blickwinkel und mußten Vorgaben für alle Experimente entwickeln. Exerzitien schienen in diesem Rahmen nicht möglich zu sein.

Doch wir gaben unser Anliegen nicht auf und wollten auch unsere Erfahrungen nicht verraten, dass es bei Exerzitien auf der Straße wie bei allen Exerzitien ganz wichtig ist, dass alle am Abend von ihren Erfahrungen am Tag persönlich  erzählen können. Dazu braucht es kleine Gruppen mit BegleiterInnen, am besten zwei pro Gruppe. Aber so viele BegleiterInnen waren pro Experiment bei magis nicht vorgesehen. Außerdem, welche Aufgabe sollten die Begleiter der Landesgruppen bei einem solchen Experiment haben?
Wir blieben trotz all der Fragen zuversichtlich und trafen uns zu viert Anfang Januar 2005 in Fulda, der Ort, der uns als Ankunftsort zugewiesen war. Dort steht eine Schule der Maria Ward Schwestern, in der alle ankommenden Teilnehmer die erste Nacht – Montag den 8. August – untergebracht werden sollten. Wir fanden eine sehr herzliche Aufnahme durch die Schwestern der Congregatio Jesu.
Aber es gab noch eine zweite sehr herzlich Aufnahme: Oft hatte ich in Berlin von dem Pfarrer Winfried Abel in St. Andreas in Fulda gehört. Die Kirche liegt der Stadt gegenüber auf der anderen Seite des Flusses. Kirche und Pfarrgebäude stammen von einer alten Benediktinerabtei. Zu Pfingsten treffen sich in dieser Pfarrei jeweils etwa 100 Menschen aus Hoch- und Freikirchen, die in ihrem Leben eine soziale und meist auch religiöse Bekehrung erlebt haben. Die Emmausgemeinschaft sammelt Menschen, die aus Gefängnissen, Kinderheimen, Drogen, Alkohol und vielen anderen abgeschriebenen Lebenssituationen kommen. Hier können sie über alle Konfessions- und Sozialgrenzen hinweg Gott preisen und einander beistehen. An diesem Ort dürfen wir nun auch die Menschen aus unterschiedlichen Ländern zu Exerzitien auf der Straße begleiten.
Doch wie sollen wir uns auf diese Zeit über die Quartierfrage hinaus vorbereiten?
Die Exerzitien sollen mit einem Gottesdienst vor dem Gefängnis beginnen, legten wir fest, vor diesem großen Tabanakel, in dem Jesus auf jeden Fall anwesend ist, wie er gesagt hat. Auch in der Kirche ist ja der Tabanakel eine kleine Zelle wie im Gefängnis, die nur von außen zu öffnen ist. Außerdem war uns klar, dass wir bei bis zu 30 Teilnehmerinnen, wie im magis-Program zu lesen war, mindestens für vier Gruppen acht BegleiterInnen brauchen würden. Wir fanden sie bald, ohne zu wissen ob alle wirklich in einigen Monaten Urlaub bekommen könnten. Studienende, Arbeitslosigkeit, … machten Voraussagen ungewiß.
Im Frühjahr trafen wir uns nochmals kurz in Berlin. Auch dieses Treffen ermutigte uns.
Mitten in allen Ungewißheiten fanden wir eine große Ruhe und wickelten die Magis-Formalitäten so gut wir konnten ab. Wir hatten einfach weniger Aufwand als die Pilgergruppen, die nach unterschiedlichen Quartieren, Fahrgelegenheiten, usw. suchen mußten. Diese Ruhe verwunderte manchmal sehr. War da nicht ein Schuß Überheblichkeit drin? Aber es ging nicht anders, wir konnten nicht mehr planen, wenn wir die Exerzitien ernst nehmen wollten.
Am Tag vor der Anreise der magis-Gruppen waren ein Teil der nun nur noch sechs Begleiterinnen – Michael und Claudia waren noch dazu gekommen – schon in Fulda, sahen sich die Stadt an, wurden miteinander warm und bereiteten dann am Montag das Mittagessen für Dienstag – unseren ersten Tag – in St. Andreas vor.

Dann kamen nachmittags und abends 150 Teilnehmer in die Schule. Es war eine große Freude die vielen offenen Gesichter zu sehen, Menschen aus Kroatien, der Slowakei, Frankreich, Taiwan und Texas, wenn ich mich recht erinnere. Sie waren voller Erwartung, schrieben sich in die Listen ein und bekamen einige Materialien, wie das Pilgerbuch von magis. Dort hat mich besonders gleich zu Anfang das magis-Gebet angesprochen. Auch das Lied „Here I am, Lord“ konnten wir gut nutzen. Viele andere Dinge waren mehr fürs Pilgern bestimmt und damit eine Art Begleitung unseres Experimentes.
„Fulda 1“, so wurde unsere Gruppe genannt, in der 7 Französinnen/Franzosen, 7 Taiwanes(inn)en und 9 Texaner(inn)en zusammen einen Weg gehen wollten. Viele hatten sich genau dieses Experiment gewünscht und waren froh, dass dies möglich sein sollte. Ein junger Texaner dankte beim ersten Tischgebet dafür, dass sie hier in Fulda neue religiöse Erfahrungen machen dürften. Schnell wurde auch deutlich, das die Gruppenbegleiter/innen selbst gerne Exerzitien machen und nicht auf eine begleitende Aufgabe festgelegt werden wollten. Sie suchten die Egalität und ließen teilweise andere Sprecher wählen. Aber besonders Po-Jen Wu, ein Jesuit aus Taiwan, mußte bei den Treffen oft übersetzen und war mit diesem Dienst eine wichtige Stütze auf dem Weg.
Nach dem Frühstück und einem Aussendungsgottesdienst am nächsten Morgen auf dem Michaelsberg waren die 6 Gruppen frei für ihre unterschiedlichen Wege. Die Freude darüber war deutlich zu spüren. Mit einem schönen Blick über Fulda verabschiedeten wir uns voneinander und verabredeten uns für das Treffen auf der Lorelei am Samstagabend. Vier Gruppen pilgerten auf verschiedenen Wegen Richtung Lorelei und eine fuhr nach Würzburg, um dort unterschiedliche Orte der Zerstörung und des Lebens in Würzburg aufzusuchen.

Alles Gepäck hatten wir in das Auto von Michael eingeladen und konnten nach dem Gottesdienst in 5 Gruppen ohne Eile durch Fulda bummeln und zwei, drei Orte aufsuchen, um einen Eindruck von der Stadt zu bekommen. In St. Andreas fanden wir uns zum Mittagessen – wir hatten die Tische in dem Saal in einem großen Karré aufgestellt – ein und bezogen dann unser Quartier. Am Nachmittag begrüßte uns der Pfarrer und jeder stellte sich mit seinen Anliegen vor. Es war eine Runde der Dankbarkeit hier sein zu dürfen. (Einen ähnlichen Eindruck hatte ich auch von den Teilnehmern, und Begleiterinnnen der anderen Gruppen am Abend vorher.)

Der erste Tag

Um 18 Uhr begannen dann die Exerzitien mit einem Gottesdienst mit Blick auf das Gefängnis in Fulda. Wir hatten beim Ordnungsamt an einem ungünstigen Ort eine Kundgebung mit dem Titel“ Ehrfurcht vor unseren gefangenen Brüdern und Schwestern“ angemeldet. Freundlicherweise erlaubte uns eine Frau, auf ihr Grundstück zu kommen. Nun lag das ganze Gebäude vor uns und wir sahen auch Gefangene, die uns zuwinkten. Bald kam die Frau und brachte eine Stuhl für Sabine, eine der Begleiterinnen, die hochschwanger war. Ein schönes Zeichen des Willkommens.
Zentral bei diesem Gottesdienst war das Erzählen der Geschichte, wie Mose beim Hüten der Ziegen seines Schwiegervaters einen brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch sah. Er ging hin. Wurde dann aber aufgehalten und sollte seine Schuhe ausziehen, weil der Ort heilig sei (Ex 3). Diese Geschichte mitten aus dem Alltag sollte die Anleitung für die ganzen Exerzitien werden. Wo mag der heilige Ort für jeden Einzelnen sein, an dem Gott mit uns reden will? Welche Schuhe der Distanz, des Besserseins, der Flucht, … sollten wir ablegen. Als wir dann alle vor dem Gefängnis ohne Schuhe standen wurde es ganz still. Nach einiger Zeit der Meditation begannen einige laut zu sprechen und beschrieben den dornigen Ort, an dem wir standen. Auch eigene Not wurde ausgesprochen, aber vor allem der Schmerz über die Gewalt der Ausgrenzung, die an diesem Ort so greifbar ist. Dann hatte am Ende das magis-Gebet – bei diesem vorsichtigen Besuch der Gefangenen hinter der Mauer – einen besonderen Klang.
Am Ende kam die gastgebende Frau wieder, um den Stuhl abzuholen. Sie dankte uns – auch im Namen ihrer 92jährigen Mutter, die mit ihr während des Gebetes mitten unter uns auf dem Balkon war -, dass wir hier einen Gottesdienst gefeiert haben.
Nach diesem Einstieg in die Exerzitien gingen wir in einen Park in der Nähe und suchten einen Platz, damit sich alle lagern könnten. Dabei mußten wir über einen kleinen Weg gehen, der von einer Gruppe belegt war, die dort ihr Bier trank. Die Männer sprachen uns an und einige von uns blieben, um sich mit ihnen zu unterhalten. Als sie nachkamen, fragten wir sie nach ihren Erfahrungen mit den Menschen, die im Alkohol gefangen sind. Welche Schuhe mußten sie in der Begegnung ausziehen, um auf sie hören zu können? Sie erzählten ausführlich und wir konnten schon einmal mitbekommen, um welchen Erfahrungsaustausch es in den drei Exerzitiengruppen an den Abenden gehen würde. Wir stellten uns als BegleiterInnen für die einzelnen Gruppen vor und erklärten den Ablauf des nächsten Tages. Damit die drei parallelen Exerzitienkurse beginnen konnten, sollten sich alle für eine Gruppe entscheiden. Außerdem baten wir darum, dass immer einige für uns alle das Abendessen kochen mögen.
Zuhause waren die entsprechenden Listen schnell ausgefüllt. Am ersten Abend wollten die Franzosen, dann die Taiwaner und zum Schluß die Texaner kochen. Einen Laden für asiatische Lebensmittel hatten wir neben dem Gefängnis schon gefunden.

Der 2. Tag

Nach dem Frühstück fanden wir uns zum Morgengebet in der Kirche ein. Im Mittelpunkt stand der Text aus EX 3, den wir vor dem Gefängnis gespielt hatten. Nach dem Gebet verteilten wir eine Liste, die den TeilnehmerInnen helfen sollte, für sie Heilige Orte in Fulda zu finden. Die Orte, an denen sich ihre Herzen bewegen würden, konnten wir ihnen natürlich nicht sagen. Gottes Einladungen ist unplanbar. Auf sie stoßen wir meist scheinbar zufällig, entdeckt sie in der Offenheit des Gebetes. – Nach diesem dick unterstrichenen Hinweis, hatten wir dann einige Orte aufgeschrieben, zu denen sie aufbrechen könnten, um dann vielleicht auf dem Weg, den Heiligen Ort für sie zu entdecken. An einem waren wir ja schon gemeinsam: vor dem Gefängnis. Auf dem Blatt standen noch Treffpunkte von Obdachlosen, die Suppenküche, das Sozial- und Arbeitsamt, Treffpunkte von Drogenabhängigen, das Bordell, die Geriatrie, die Babyklappe, ein Altenheim, die Psychiatrie, ein Behindertenheim, die Pestsäule, der israelische Friedhof und andere. – Neben all diesen möglichen Orten, die im Stadtplan zu finden sind, gibt es jeweils auch einen heiligen Ort in uns selbst, an dem wir aufgefordert werden, in Achtung vor der Gegenwart Gottes in uns die Schuhe auszuziehen. Auch auf diesen Ort wird auf dem dann verteilten Blatt hingewiesen. Wir forderten die Teilnehmer auf, die Liste in den Sprachgruppen durchzugehen und dem nachzuspüren, wohin jede/r Einzelne allein oder mit anderen zusammen aufbrechen wollte. Wir waren bereit mit kleinen Gruppen eine Stunde mitzugehen, wenn dies gewünscht würde, um in die Praxis der Meditation auf der Straße hineinzufinden. Zwei Gruppen machten von dem Angebot Gebrauch.
Um 15.30 Uhr trafen wir uns in der Kirche zu einer Eucharistiefeier mit P. Wu aus Taiwan. Wir wählten als Evangelium den Text über die Aussendung der 72 Jünger und wir erklärten die einzelnen Anweisungen, unter denen auch das Zurücklassen der Schuhe zu finden ist (Lk 10,1-6). Die Tageserfahrungen konnten sich an diesem Text reiben und Bestätigung finden.
Abends hatte die französische Gruppe die Tische in zwei Reihen gestellt, damit wir uns beim Essen gegenüber sitzen sollten. Sie haben uns wunderbar bekocht und dann gab es zum Schluß auch Krepps für alle. Die französische Fahne hatte als Dekoration einen zentralen Ort.
Danach war dann viel Zeit für die Austauschgruppen. Sie waren alle ohne Nachhilfe aus allen drei Sprachgruppen zusammengesetzt. So mußte immer wieder übersetzt werden, auch wenn sich viele in Englisch ausdrücken konnten. Die Übersetzung übernahmen meist die Teilnehmer selbst. Manches blieb trotzdem für mich unverständlich. Dies beeinträchtigte aber überraschenderweise die Begleitung nicht. Ich erkläre mir das damit, dass ja zum Einen Exerzitien „Chefsache“ sind, also Gott selbst mit den Einzelnen einen Weg geht, und zum anderen deutlich wird, dass die nonverbale Kommunikation immer einen sehr viel größeren Anteil bei der Exerzitienbegleitung hat als die verbale. Die Offenheit des Herzens ist wie bei den Übenden auch bei den Begleitenden entscheidend. In dieser Haltung wird das mangelnde verbale Verstehen ausgeglichen und eine fruchtbare Begleitung ist möglich. Die Liebe kennt ja viele Wege die Beziehung vor Gott auszudrücken. Manchmal in einer Frage, die dann weiter hilft, in einer Erzählung oder einem beistehenden Gebet der Austausschrunde.
Vier Orte sind mir in den Erzählungen besonders aufgefallen:
Die Babyklappe: Hier konnte besonders geübt werden der respektvolle Abstand, der in der Meditation und für jede/n neu zu finden war; Auf der anderen Straßenseite, auf den Stufen dorthin, ganz in der Nähe. Das aufnehmende Kinderbett war von weitem zu sehen. Schriften lagen bereit. Wo wird die Nähe bedrückend, mein Verhalten touristisch, wie kann ich mich verhalten, dass mir Gott hier an diesem Dornbusch etwas in mir aufdecken und sagen kann?
Das Bordell: Dieser Ort wurde von mehreren gesucht und nicht gefunden. Wenn dies dann akzeptiert wurde, wurde oft mit größerer Freiheit weitergegangen sich überraschen zu lassen.
Bettler vorm Dom und anderswo: In ihrem Umfeld fanden viele bewegende Erfahrungen statt, wenn die TeilnehmerInnen sich in ihre Nähe setzten. Sie wurden mit Bildern beschenkt, zum Essen in die Suppenküche eingeladen und hab en sie am vorletzten Tag zum Gottesdienst und Essen zu uns eingeladen. Die Distanz war überwunden und sie konnten sich gegenseitig als Boten Gottes erkennen.
Friedhöfe: „Ihr macht die Friedhöfe zu einem Garten Gottes mit vielen Blumen. Sie erinnern ans Paradies.“ Besonders deutlich wurde dies auf dem Friedhof gegenüber erfahren, wo auf der einen Seite kahle Gräber der Bombenopfer sind und auf der anderen Seite viele Blumen auf den Gräbern. Dieses Naturerlebnis forderte heraus, so dass viele hier verweilten, in der Bibel lasen und tiefen Frieden fanden.
Viele waren den Tag über zu zweit oder mehreren gegangen. Abends waren sie oft in verschiedenen Austauschgruppen. Aber es wurde ein den wenigen Beispielen deutlich, dass sie an denselben Orten sehr Unterschiedliches erfahren hatten. Darüber wuchs Staunen und Respekt.
Am ersten Tag hatten sich meist Menschen derselben Sprache gegenseitig begleitet. Dies wechselte dann auffällig und wir sahen bei gegenseitiger Begleitung mehr und mehr sprachlich gemischte Grüppchen und viele, die in der ihnen fremden Umgebung alleine loszogen. Die gegenseitige Begleitung verhinderte den Exerzitienprozess nicht und gab Sicherheit zurückzufinden, wenn man sich verlaufen hatte. Dies kam natürlich einige Male vor, wenn sie sich von ihren Herzen führen ließen.

Nach den Gesprächen in den Gruppen haben die zwei BegleiterInnen meist einen längeren Spaziergang gemacht, um weiter dem Gehörten nachzugehen. Aber es gab auch treffen von uns allen. Drei von uns hatten noch nie Exerzitien begleitet. So kamen Rückfragen und das Staunen über die eigenen Bewegungen im Herzen. Wie ähnlich sind sie in diesem Dienst denen die Begleitet werden. Auch wir mußten das Loslassen neu entdecken. Aber wir durften auch jeweils die anstehenden Impulse zusammen entdecken. Es war ein freundschaftlicher Austausch, in dem traurige und freudige Aspekte deutlich werden konnten.

Der 3. Tag

Beim Morgengebet um 9 Uhr in der Kirche stand der Text im Mittelpunkt, der von der Frage an die Jünger berichtet: Für wen haltet Ihr mich? (Lk 9,18-20) Es gab einen Gebetsimpuls, wie jede/r den in ihr/ihm liegenden Namen Gottes finden könnte, um mit ihm Gott im Gebet anzusprechen. (Genaueres in: Korrespondenz zur Spiritualität der Exerzitien, Jahresheft 2005, S.19ff) Diese Fundamentbetrachtung konnte von einigen aufgenommen werden. Viele hatten ja noch nie Exerzitien gemacht und waren zum großen Teil unter 20 Jahre, einer sogar erst 15 Jahre alt.
Um 15.30 Uhr fanden wir uns im Saal zum Gottesdienst ein. Wir saßen im Kreis. Ich hatte den Vorsitz übernommen. Wir lasen den Abendmahltext nach dem Evangelisten Johannes. Eine große Aufmerksamkeit war für diese Ergänzung der bekannten Texte vom Brechen des Brotes bei den ersten Evangelisten zu spüren. Es war keine intellektuelle Aufmerksamkeit alleine, denn in der Runde waren schon Anfänge des Osterlachens zu spüren, dieser von innen kommenden Freude. Wir Begleiter waren auch sehr gespannt, ob wir angesichts der asiatischen Kulturen die Grenze des Respektes achten könnten, denn wie wenig kannten wir sie. Das wurde uns immer mehr bewußt. Dann wusch ich der ersten die Füße und zwei Begleiterinnen nahmen die beiden anderen Schüsseln, die Seife und Handtücher und folgten meinem Beispiel. Jede/r bekam die Füße gewaschen und wusch sie dann dem Nachbarn. An diese intensive Zeit schloß sich ein Fürbittgebet das Vaterunser und der Friedensgruß an, bei dem wir ohne Schuhe aufeinander zugingen. Als wir wieder im Kreis saßen kamen zwei Frauen aus Taiwan, die sich in der Stadt verlaufen hatten. Wie können wir sie an dieser Feier noch teilnehmen lassen, dachte ich, als sie nun in der Runde saßen. Da stand eine junge Frau aus Texas und eine aus Taiwan auf, gingen durch den Kreis und wuschen den Beiden die Füße – ohne jede Hinführung. Ich staunte und sah wie es gut war.
In den nächsten Stunden äußerten viele, wie dankbar sie mitten in allem Erschrecken wären – über diese Eucharistiefeier, wie sie sagten.

Das Abendessen bereitete die Gruppe aus Taiwan vor. Sie stellten die Tische in vier Gruppen und verteilten sich. So konnten sie überall bedienen. Die Taiwaner hatten bisher immer zusammen gesessen, da viele von ihnen nicht gut Englisch sprachen. Jetzt spielte das keine Rolle mehr. Sie – die so sichtbar Fremden unter uns und in der Stadt – waren zu Gastgebern geworden. Neben jedem Teller lagen Abziehbilder mit der taiwanesischen Flagge, die ja sehr selten zu sehen ist auf Grund des Konfliktes mit China. Auch andere Kleinigkeiten verschenkten sie. Dieser Wechsel vom Rand in die Mitte hat vieles im Umgang miteinander ab dann verändert. Obwohl sie viel Zeit zum Kochen brauchten, war es auch für sie ein voller Exerzitientag, an dem sich viel für jede/n Einzlene/n ereignet hatte, denn jede/r hatte auch Zeit für sich alleine gesucht.

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