Christoph Soyer, Exerzitienbericht (2007)

Die Weihen standen bevor. So war auch mein Thema für die Straßenexerzitien klar: Halte ich es aus in der Öffentlichkeit zu stehen? Kann ich öffentlich das Wort ergreifen? Packe ich es, in der ersten Reihe zu stehen? Alles Fragen, die mit Angst besetzt waren. Die ersten Tage der Exerzitien habe ich ganz bewusst Orte aufgesucht, die Macht und Öffentlichkeit repräsentieren: Den Reichstag, das Bundeskanzleramt, die Babelsberger Filmstudios. Das blieb unbefriedigend, „mein“ Ort war nicht dabei. Am vierten oder fünften stellte mir in der abendlichen Austauschrunde jemand die Frage: Suchst du Gott? Blöde Frage, dachte ich erst, natürlich suche ich Gott. Und doch war es genau die richtige Frage. Nach und nach habe ich mir eingestehen können, dass ich alles Mögliche suche, aber nicht Gott. Ich suchte ein guter Prediger werden, selbstsicher auftreten können… aber nicht Gott. Ich war zutiefst erschrocken über mich. Im weiteren Verlauf der Exerzitien sind mir dann zwei Dinge geschenkt worden. Erstens: Alles ist möglich, wenn ich wirklich Gott suche. Zweitens: Gott lässt sich genau da finden, wo ich nicht hin will, wo ich Widerstände spüre; Situationen, die ich lieber vermeiden würde. Aber genau da muss ich hin, und zwar nicht still und leise durch die Hintertüre schleichen, sondern mutig und entschlossen den Haupteingang nehmen.