Christian Herwartz, Das Geschenk der Straßenexerzitien auspacken

Mitte der 90er Jahre klopften einige Menschen in unserer Wohngemeinschaft in Berlin-Kreuzberg an, die ihre jährlichen Geistlichen Übungen bei uns machen wollten. Das konnte ich mir nicht vorstellen, da wir keinen Stilleraum haben und unser Leben oft turbulent ist. Wie soll da jemand Aufmerksamkeit üben und innerlich hörend werden? Doch die Gespräche am Ende des jeweiligen Tages zeigten mir, dass dies gut geht. Wie jemand in diese innere Stille kommt, weiß ich bis heute noch nicht. 1998 kam ein Je- suit, der einen Exerzitienkurs im Stadtteil anbieten wollte, da Ignatius von Loyola ja auch seine ersten Exerzitien auf den Straßen entdeckt hat. Er wohnte in einer Höhle am Fluss und begegnete in diesen Monaten den Menschen in Manresa. Während die- ser Zeit entdeckte er in sich eine Entwicklung, der wir in seinem Exerzitienbuch nach- gehen können. Die Wärmestube der evangelischen St. Thomasgemeinde gab uns in der Sommerpause Unterkunft. Drei Jesuiten ließen sich auf das Experiment ein. Im Jahr 2000 gab es dann zwei Einladungen: In Hamburg trafen sich fünfzig Leute aus den verschiedenen Exerzitienwerken der katholischen Bistümer. Sie suchten bei ihrer Jah- resversammlung nach der Beziehung von spirituellen und sozialen Fragen. Einen Tag besuchten die TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen soziale Einrichtungen und halfen dort mit. Die TeilnehmerInnen einer anderen Gruppe gingen einzeln durch die Stadt und suchten für sie interessante Orte auf: Sie verweilten vor einem Gefängnis oder vor Schiffen, die Asylsuchende beherbergten. Einer setzte sich mit einer Bierflasche im Bahnhof auf eine Treppe zu einer Gruppe Obdachloser. Viele Menschen strömten an ihnen vorbei und sahen sie nicht. Darunter waren auch KursteilnehmerInnen. Staunend sagte er anschließend immer wieder: „Ich habe drei Stunden nicht existiert.“ Erfüllt von den Erfahrungen dieses Tages, die am Abend ausgetauscht wurden, fuhr ich nichts ahnend wieder nach Berlin zurück. Dort fand im Sommer desselben Jahres ein zehntägiger Exerzitienkurs in Kreuzberg statt. Die TeilnehmerInnen wohnten in der winterlichen Notschlafstelle im Keller des Gemeindehauses von St. Michael. Aus der Berliner Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ übernahmen zwei Frauen und zwei Männer die Begleitung der beiden Untergruppen. Diese Ordensleute luden schon seit einigen Jahren regelmäßig zu Gottesdiensten vor der Abschiebehaft ein und besuchten anschließend die Gefangenen. Sie kannten das Staunen an einem solchen Ort und die Veränderungen, die dadurch in ihrem Leben begonnen hatten. Zum Abschluss der Tage sagten mir die drei anderen Begleiter eindringlich: „Christian, du bist arbeitslos geworden und hast jetzt Zeit, auch im nächsten Jahr zu solch einer Besinnungszeit ein- zuladen.“ Wir waren alle sehr beeindruckt von den Erlebnissen dieser Tage und ich hatte einen Auftrag bekommen.
Schon im nächsten Jahr waren es zwei Kurse in Berlin und Münster, zu denen wir ein- luden. Noch im selben Jahr wurde ich von der Ordenszentrale in Rom angefragt, von diesen Exerzitienerfahrungen zu berichten. Der Text erschien Ende 2001 weltweit im Jahrbuch der Jesuiten. Die Exerzitien in Kreuzberg wurden jetzt Exerzitien auf der Straße genannt. Der „zufällig“ gefundene Ort der Gottesbegegnung irgendwo wurde um den Heiligen Ort in uns selbst ergänzt, wo Gott auch brennt und nicht verbrennt. Er begründet ja unsere Würde. Zehn Jahre später konnte nach Paarexerzitien noch ein dritter Heiliger Ort benannt werden: Das Staunen und Entdecken der andauernden Liebe in der Beziehung zu einem anderen Menschen, die brennt und nicht verbrennt. In den nächsten Jahren kamen viele Orte im In und Ausland dazu, an denen 10tägige Exerzitien auf der Straße angeboten wurden. Dazu kamen einzelne Tage manchmal für große Gruppen, z.B. für 80 GefängnisseelsorgerInnen in Magdeburg. Einer der Teil- nehmer dort suchte den grausamsten Platz der Stadt. Er fand ihn an einem Denkmal für die Gefangenen eines Konzentrationslagers. Dort wurde ihm klar: Den Gefangenen, denen er im Gefängnis begegnet, ihnen wird wohl nie mit einem Gedenkstein gedacht.
Ein besonderer Juwel in dieser Geschichte wurde uns auf dem Weg zum Weltjugend- tag geschenkt. Die TeilnehmerInnen bereiteten sich auf die Begegnungen in Köln 2005 mit stillen Zeiten, Pilgern, Begegnungen mit Menschen in Heimen usw. vor. Uns wurde eine Gruppe von 21 jungen Menschen aus Taiwan, Frankreich und Texas anvertraut und wir schickten sie auf die Straßen von Fulda. Wie können wir so viele Menschen, deren Sprache wir meist nicht verstehen, in ihren Exerzitien begleiten? Die Geschichte von Mose vor dem Dornbusch haben wir vor einem Gefängnis gespielt. Dort wurde uns deutlich: Vor diesen Menschen, die uns aus den Zellenfenstern zuwinken, können wir Heiligen Boden entdecken. Die innere Offenheit der Einzelnen wurde durch die große weltumspannende Gemeinschaft gefördert und in den kulturell ganz unterschiedlichen Mahlzeiten gefeiert. Dorthin luden sie spontan obdachlose Menschen ein und feierten mit ihnen die Begegnungen des Tages. Viele fanden überwältigende Erfahrungen auf einem Friedhof. So fand die Abschlussrunde dort statt. Einige hatten den Eindruck, dass die Deutschen ihre Toten in einem Blumenparadies betten. Diese Wertschätzung der Toten waren sie aus ihrer Heimat nicht gewohnt.
Auffallend sind die vielen Geschichten, die TeilnehmerInnen in ihrem alltäglichen Um- feld erzählt und aufgeschrieben haben. In vielen Publikationen ist von den Erfahrun- gen dieser Tage oder Stunden zu lesen. Das kleine Buch „Auf nackten Sohlen“ erschien in der Reihe ignatianische Impulse und zeichnet die Geschichte dieser Exerzitienform nach. Es wurde auch schon in der Schule für Projektunterricht benutzt. Auch gab es eine eindrucksvolle Ausstellung von Herzensbildern, die eine Fotografin in ihren Exer- zitien gemacht hat. Andere haben in wissenschaftlichen Arbeiten versucht, den Exerzi- tien nachzuspüren. Für den Katechetenverein hat Peter Hundertmark die Broschüre „Mit offenen Augen beten“ herausgebracht.
Wichtig ist mir die Aussage einer Teilnehmerin: „Sonst habe ich Exerzitien mit all ihren Vorsätzen immer nach zwei Wochen vergessen. Diesmal gehen sie weiter und ich sehe vieles in meinem Alltag neu.“ In der Freude über dieses Geschenk waren Teilnehmer- Innen bereit Zeit und Kraft zu investieren, anderen bei ihrem Suchen beizustehen und sie während ihrer Exerzitien zu begleiten. In diesen Zeiten werden wir Begleitenden oft neu innerlich glühend und selbst beschenkt. Wie vor eigenen Exerzitien können wir diese Erfahrungen nicht planen. Das Begleiten ist ein Zulassen des eigenen Weges jedes Übenden.
In dieser Haltung wollten wir uns gegenseitig bestärken und unsere Erfahrungen aus- tauschen. Die Begleiterwochenenden entstanden. Die Haltung des Begleitens, die drei Etappen der Exerzitien, der Sinn und die Durchführung der Fußwaschung, der Ablauf des letzten Tages wurden angesprochen. Die Einladungen zu diesen Wochenenden einmal im Jahr werden unterdessen an 75 Personen verschickt, die ihre Bereitschaft zum Begleiten erklärt haben. Die Durchführung geschieht selbstständig an unterschied-lichen Orten und auf ganz verschiedene Weise.
Besonders erwähnenswert sind noch die Exerzitien im Alltag mit Tagen oder Stunden auf der Straße. Die Straße ist ja in der christlichen Theologie ein Bild für Christus. Jesus sagte in den Abschiedsreden: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben (Joh 14,6). Wenn wir in sein Gesicht mit der Dornenkrone sehen, dann finden wir den brennenden und nicht verbrennenden Dornbusch mitten in der Verspottung vor Pila- tus wieder. Das Gesicht Jesu, der uns den Blick auf das Leben immer neu öffnet.
Häufig werden Exerzitien auf der Straße auch alleine gemacht, meist in einer Wohn- gemeinschaft, in der sich die Übenden geschützt fühlen und nicht nur die BegleiterIn haben. Ihr Suchen ist dann auch für die Menschen in der Nähe eine herausfordernde Wirklichkeit.