Christian Herwartz, Aufmerksam werden

In den letzten zehn Jahren wurde bei Kirchen- und Katholikentagen eine Aufmerksamkeitsübung angeboten. Jeweils etwa fünfzig Menschen gingen zwei oder drei Stunden auf die Straßen der Stadt. Als Hilfestellung bekamen sie zwei Sätze aus dem Lukasevangelium (10,3+4) mit auf den Weg. In diesem Bibeltext bereitet Jesus 72 JüngerInnen darauf vor, in die Städte und Ortschaften zu gehen, in die er noch kommen will.
Anschließend erzählten die TeilnehmerInnen in kleinen Gruppen von ihren überraschenden Erfahrungen. Ähnlich nahm Jesus sich die Zeit, den Jüngern zuzuhören. Bei uns hörten jeweils einige BegleiterInnen mit Erfahrungen aus Straßenexerzitien zu. Jetzt möchte ich Sie, die LeserInnen dieser Zeitschrift, einladen,
sich auf solch eine Zeit der Aufmerksamkeit einzulassen. In den nächsten Heften will ich noch mehr über den Einstieg in die Exerzitien auf der Straße schreiben.
In der biblischen Vorlage weist Jesus zuerst auf die Situation hin, die die Jünger vorfinden werden. Ähnliches gilt auch für uns. Sie gingen aus dem geschützten
Kreis der Jünger hinaus in ein oft feindlich gesinntes Umfeld. Hier hatten sie sich im Schutz von Jesus, der wohl jeden zu Wort kommen ließ, eine Stellung erarbeitet. Doch das wird sich auf der Reise ändern. Ihr überschreitet eine Grenze. Legt deshalb alle Besserwisserei ab. Hört aufmerksam zu. „Nun geht! Ich sende euch wie Lämmer mitten unter Wölfe,“ sind die Worte Jesu.

Dann gibt Jesus noch vier Anweisungen:
1. Lasst das Futter für die Wölfe weg: „Nehmt keinen Geldbeutel mit.“ Ohne Geld seht ihr besser eure Geschwister, die auch ohne Geld auf der Straße sind, und könnt ihre Bedürfnis spüren: Durst, Hunger, den Zugang zu einer Toilette, Regenkleidung. Dann seid ihr keine Kunden mehr, deren Bedürfnisse auf Zuruf befriedigt werden. (Auch andere Abhängigkeiten, die uns zur Beute von Wölfen werden lassen, können wir wenigstens für einige Zeit weglassen: die Uhr, Handy, online-Präsenz …)
2. Kauft kein Überlebenspaket ein. „Lasst auch den Rucksack weg,“ steht im Text. Die JüngerInnen dürfen jede Absicherung vermeiden, als sich ganz auf die Frohe Botschaft Jesu verlassen.
3. Geht in die Achtung vor euren Gastgebern. „Zieht Eure Schuhe sofort aus,“ nicht erst beim Betreten der Häuser, sondern schon hier. Vertagt eure Geste der Achtung nicht!
Legt die Schuhe der Distanz weg: Die Schuhe mit hohen Hacken, mit denen wir auf andere hinabsehen können – die Turnschuhe, mit denen wir oft bei Konflikten schnell weglaufen – die Schuhe mit Stahlkappen, mit denen wir zutreten können …. Jeder von uns trägt andere Schuhe (des Herzens), die eine Distanz zum Boden und zur Wirklichkeit vor Ort herstellen.
4. „Und grüßt nicht unterwegs.“ Wie können wir diese Anweisung verstehen? Als ich in einer überschaubaren Runde, den Text aus dem Lukasevangelium vorlas, sprang eine ältere Ordensfrau auf und schrie geradezu: „Ich will doch nicht unhöflich sein!“ Auch diesen Ratschlag müssen wir in unseren Alltag übersetzen. Ich schlage vor: Lasst euch von einengenden Regeln nicht aufhalten und grüßt vielleicht mal diejenigen, die ihr sonst nicht grüßt. Mit manchen Höflichkeitsregeln können wir den Ruf Gottes in den Hintergrund drücken. Er wird in vielen Alltagskonventionen beiseite geschoben.
Was sehen wir alles – auch in gewohnter Umgebung – neu, wenn wir einige vertraute Dinge weglegen? Anschließend hilft ein Gespräch mit FreundInnen die Erfahrungen zu sichten. Manchmal weitet unseren Blick das Lesen der Erfahrungsberichte auf der Webseite: http://www.strassenexerzitien.de

entnommen: Einfach ohne, Seite 77