Adriane Reidick, BROT, DAS VOM HIMMEL FÄLLT

Am Morgen stehe ich müde und etwas verkatert um 7.30 Uhr auf. Das Frühstück fällt wegen des üppigen Abendessens anläßlich des Geburtstages einer Freundin klein aus. Außer einer Wasserflasche packe ich keine Vorräte ein, weil ich ahne, dass ich während der Straßenexerzitien wohl ohne Rucksack und Geld unterwegs sein werde. Zusammen mit einer Freundin mache ich mich auf den Weg nach Köln. Am Bahnhof Köln treffe ich gleich noch eine spirituelle Freundin, die auch das Ziel ‚Straßenexerzitien’ hat. Zu dritt laufen wir zum Treffpunkt: der Karmel. Ein gutes Gefühl, sich in Gemeinschaft zu neuen Erfahrungen aufzumachen. Für eine kleine Pause bei einer Tasse Kaffee und Kuchen reicht die Zeit nicht mehr.

Nach Begrüßung und Einweisung in Straßenexerzitien werden wir mit einem Impuls (Aussendung der Jünger) auf den Weg geschickt. Treffpunkt ist zweieinhalb Stunden später in der Nähe des Bahnhofs in der Kardinal-Frings-Straße am Edith-Stein-Denkmal. Mein Gepäck lasse ich da. Zum Barfuß-Gehen kann ich mich nicht entschließen, weil ich Angst vor Schmerzen in meinem schwachen linken Sprunggelenk habe. ‚Ich brauche ja auch Einlagen’, rechtfertige ich mich vor mir.

Ich bin neugierig gespannt, wie es mir mit dem zu erwartenden Durst und Hunger ergeht. Wasser erwarte ich jederzeit – spätestens aus einem Wasserspender in Geschäften oder dem Wasserkran in einer Toilette. Welche Gnade, sicher zu sein, jederzeit seinen Durst stillen zu können.

Ich mache mich also auf den Weg. Ich verlasse die Kirche des Karmel: von links sind wir gekommen – also nach rechts. Ich kaue den Satz ‚Absichtslos gehen’ wider und bemerke, dass ich immer langsamer werde – ein meditatives Gehtempo. Plötzlich lausche ich auf die Gespräche der Menschen um mich herum: eine Frau ruft in den Hausflur, dass sie noch Briefumschläge für den Opa kaufen müsse; er könne doch nicht warten. Ein Vater unterhält sich mit seinem Kind über das Eis, dass sie kaufen wollen. Ein Paar steigt schweigend in ein Auto ein.

Zwei Ecken weiter sehe ich in einem etwas verwilderten Park einen großen Baum. Angezogen von dem unglaublichen Stamm-durchmesser (ca. 3 Erwachsene baucht es, um den Stamm zu umfassen) gehe ich in den Park, betrachte und fühle die Rinde. Dann fällt mir das riesige Blätterdach (400qm?) der Platane auf. Ich blicke lange nach oben und bin beeindruckt von der Höhe und Größe. Ich wende mich wieder dem Ausgang zu, weil ich meine, unter Menschen zu müssen. Auf dem Bürgersteig bleibe ich stehen – und gehe wieder zurück. Ich lege mich auf eine Bank unter der Platane und schließe die Augen. Wie herrlich – so bekomme ich heute im geliebten Naturschatten mein gewohntes Mittagsnickerchen. Ca. 10 Minuten döse ich weg. Beim Zumirkommen nehme ich das Blätterrauschen und die Menschen um mich herum wahr. Meinte ich nicht vorher, ich müsste mich unter Menschen begeben? Warum habe ich sie beim ersten Gang kaum wahrgenommen: ein Pärchen, das sich in einer mir unverständlichen Sprache unterhält. Drei junge Frauen, die auf einer weiteren Bank einen Mittagsimbiss einnehmen und sich dabei leise unterhalten. Zwei Frauen auf einer Decke, die einen faulen, lustvollen Samstag genießen. Eine Gruppe laut palavernder Studenten.

Ich gehe weiter und lande auf der Severinstraße. Ich gehe in eine Richtung, ohne mir Gedanken zu machen. Ich beobachte eine Frau mittleren Alters, die im Generalsschritt mit Einkaufskarre über den Bürgersteig eilt. Sie stößt mit jemandem zusammen, eine Dose fällt zu Boden. Sie hebt die Dose auf, gibt sie zurück, entschuldigt sich und eilt weiter. Sie überquert eine Straße. An der Ecke vor einem Rewe sitzt ein Obdachloser. Sie eilt vorbei, stoppt nach ca. 5 Schritten, holt ihre Geldbörse aus der Einkaufskarre, nimmt Geld heraus, eilt zu dem Obdachlosen und legt das Geld in einen Becher. Sie eilt zu ihrer Karre und rennt weiter. Ich bin beeindruckt!

Ich gehe weiter und frage dann, in welcher Richtung denn die Innenstadt sei? In der anderen Richtung – also wende ich mich um. Warum ? Ich komme wieder bei dem Obdachlosen vorbei, der nun mit einem Kumpel zusammen ein Bier trinkt.

Im Weitergehen verspüre ich Durst und Druck auf der Blase. Ich gehe in ein Lokal und frage, ob ich die Toilette benutzen dürfe. Der Kellner äußert ‚aber selbstverständlich’ und zeigt mir die Türe. Normalerweise würde ich ohne Fragen die Toilette suchen und benutzen. Ich stille meinen Durst aus dem Wasserhahn.

Als ich die Einkaufszone erreiche, merke ich, wie automatisiert ich in die Schaufensterauslagen schaue. Warum? Ich habe doch eh kein Geld dabei. Also lasse ich es. Nur beim Laden von der Maus mache ich eine Ausnahme und betrachte mit Freude die Plüschfiguren: Maus, Elefant und Maulwurf. Wunderbar!!

Ich mache eine Pause auf einer Bank – welch Freude: Ich sitze wieder unter einem Blätterdach. Ich strecke die müden Füße aus und schaue – auf eine Bäckerei! Ja, wie ist es denn mit dem Hunger? Unterwegs hatte der Magen mal geknurrt, aber nun regt sich höchstens Appetit, als der Bäcker seine Kuchenstücke in der Auslage neu arrangiert. Ein Schild weist auf einen Korb mit Brot vom Vortag hin. Ich bin neugierig und denke, wenn Brötchen drin liegen, bittest du um ein altes Brötchen. Es lag aber nur ein altes Brot drin. Also weitergehen. Mir fallen so viele Menschen auf, die Hand in Hand gehen. Eltern mit Kindern, junge Paare, besonders aber eine altes Paar, das sehr langsam dahergeht. Es liegt so viel Frieden über diesen beiden. Ich schaue ihnen nach, bis sie verschwunden sind. Eine junge Frau fragt mich, wie lange die Geschäfte in der Innenstadt geöffnet hätten. Das erste Mal, dass mich jemand anspricht. Ich gebe ihr den Tipp, nach den Zeiten auf den Türen zu schauen.

An Kreuzungen bin ich oft ratlos, wie der Weg weitergehen soll. Ich drehe mich langsam um mich selbst, um den Füßen Zeit zu geben. Irgendwann setzen sie sich dann wieder in Bewegung. Die nächste Pause mache ich am Wallrafplatz vor dem WDR. Ich sitze wieder unter einem Blätterdach mit Blick auf – die Bäckerei Merzenich. Zwei Berliner nur 1 €. Mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Ist jetzt nicht! Auch gut! Es ist die Sicherheit, nach der Veranstaltung am Bahnhof meinen Hunger stillen zu können. Easy!!!

Am Wallrafplatz beobachte ich zwei Amerikaner(?):
einen Herrn 75 – 80 Jahre mit seiner Tochter(?), die grellbunte Rosenkränze verkaufen. Scheußlich! Das Gehen des Mannes sieht mühsam aus und ich spekuliere über seinen Lebenslauf: Warum verkauft er in seinem Alter in Köln Rosenkränze??? Ich spreche ihn nicht an, weil ich mich meiner rudimentären Englischkenntnisse schäme.

Ich gehe weiter über die Domplatte. Ich nehme eine auf dem Boden liegende Tüte wahr. Ich stutze und denke, dass ich üblicherweise solche Tüten nicht beachten würde. Wer weiß, wie lange sie da liegt, wer weiß mit was die Tüte in Berührung gekommen ist. Iiihh!!! ‚Merzenich’ steht auf der Tüte. Ich bin neugierig: Wenigstens mal fühlen, was in der Tüte ist. Ich schaue mich um, ob ich jemanden sehe, dem die Tüte gehören könnte. Niemand da! Also nehme ich sie hoch und spüre sofort: ein Brot! Ich bin sprachlos und gucke hinein: So wie ich es mag mit knackiger Kruste. Nun überfällt mich der Hunger und ich breche ein Stück ab. Ich kaue auf diesem Stück herum und genieße die Sekunden. ‚Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir mangeln …’ steigt aus der Tiefe auf. Wie einen Schatz halte ich das Brot in den Händen und gönne mir noch ein Stück. Diesen Schatz will ich mit zum Treffpunkt nehmen, vielleicht können wir das Brot dann gemeinsam essen.

Ich merke, dass ich etwas früh dran bin und sehe eine Kirche. Ich gehe hin und lese: 24 Stunden eucharistische Anbetung. Oh je, damit habe ich doch solche Probleme. An der Tür steht ein Helfer im roten T-Shirt, der mich freundlich anstrahlt. Also gehe ich hinein. Weit hinten bleibe ich stehen: Da vorne – das eucharistische Brot hier bei mir, mein Schatz – Brot, das vom Himmel vor meine Füße gefallen ist. Wie vielfältig zeigst du dich, Vater! Ich staune und werde nur still.

Am Brunnen in der Kardinal-Frings-Straße kühle ich meine verschwitzten Hände und werde zum 2. Mal angesprochen: Ein Pärchen bittet mich, ein Foto von ihnen zu machen.

Als meine Freundin zum Treffpunkt kommt, hat sie großen Hunger. Ich biete ihr von meinem Schatz an und sie genießt jeden Bissen. Beim Austausch in der Kleingruppe nehme ich die Vielfalt der Erfahrungen wahr. Beeindruckend! In der Abschlussrunde mit allen TeilnehmerInnen teilen wir das gefundene Brot! Welch ein Zeichen!

Mit dem Begriff ‚Eucharistie’ in diesem Zusammenhang tue ich mich (noch) schwer.

Auf dem Weg zum Bahnhof schließt sich uns drei Frauen ein Teilnehmer an. Ein 40-jähriger mit linksseitigen Lähmungen – durch einen Schlaganfall vor drei Jahren. Wir kommen nur sehr langsam voran. Er hat diese Wege geschafft – am Freitag und am Samstag – und ich habe mir Sorgen wegen meines Sprunggelenks gemacht. Diese Sorgen wirken nun irgendwie lächerlich!

Nachtrag vom 9.6.2013: Die Texte des Tages
. Gal 1, 11-19: Paulus fragt nicht bei den Aposteln nach, sondern vertraut seinen Empfindungen
. Lk

Erfahrungen bei den Straßenexerzitie am 8.6.2013 von 13 bis 19 Uhr in Köln (Eucharistischer Kongress) “Das Brot des Lebens auf der Straße des Lebens -Gott suchen in den Dornbüschen unseres Lebens”