Hartmut Kreide, Straße und Kirche gehören zusammen

Die Stadt Berlin ist mir recht gut bekannt – als Ausbildungsort vor vielen Jahren, heute als Wohn- und Dienstort. Damit waren Bedenken und Zweifel verbunden: Wird eine innere Sammlung hier bei den Exerzitien auf der Straße möglich sein, eine innere Stille? Christian sah meine Bedenken eher als Anlass, es unbedingt zu tun und meine Sorgen verschwanden mit der Begrüßung im Haus von St. Michael/Kreuzberg am Alfred-Döblin-Platz. Am Freitag nach dem Abendbrot neben der persönlichen Vorstellung auch persönliche Erwartungen. Christian hatte im Einladungsbrief angeregt, einen Gegenstand sprechen zu lassen, der die persönlichen Erwartungen verdeutlichen kann.
Ich reichte eine kleine griechische Ikone herum, die das Abendmahl darstellte. Für mich unbedingt auch das Bild für jede Gemeinschaft und für mich selbst: Habe ich JESUS eingeladen, nehme ich IHN wahr und wer bin ich in dieser Runde? Da sehe ich zuerst auch gern das, was mich abhebt und so grenze ich aus. JESU Antwort auf meine Frage – Bin ich‘s? – wird wohl kaum ausgrenzen. Ich bin gespannt und voller Erwartungen. Sicher bin ich: Es wird gut werden.
Zwei Fragen gab es mit auf die ersten Wege, auf die Ankommstrecke: Worüber ärgerst du dich immer wieder? Worüber wirst du regelmäßig traurig? Die Zeit zum Ankommen ist sehr wichtig, denn es darf noch dies oder jenes angesehen werden, wenn ich schon mal in Berlin bin. Es kann auch noch Vergessenes per Telefon oder auf anderem Weg geregelt werden. Dann bin ich innerlich auch frei zum Hören auf die Stille, auf den Ruf aus dem brennenden Dornbusch.
Ich fuhr schnell nach Hause (einige Stunden später wird mir schon deutlich werden: „Schnell mal“, muss nicht sein): Frau, Tochter und Enkeltochter bekamen eine Rose, einige Worte und nach 15 Minuten ging ich zur U-Bahn. In der U-Bahn kaufte ich Frank eine Obdachlosen-Zeitung ab – wir kennen uns, weil auch er kein Auto hat – und fuhr nach Tegel. Der Friedhof der Russischen Orthodoxen Gemeinde mit der Kirche der hll. Konstantin und Helena ist mir ein bekannter Ort. Friedhöfe sind neben Oasen der Stille auch Orte der Auferstehungshoffnung. In der Kirche war nun Zeit und Stille. Ich brauchte nicht „schnell mal“ Kerzen anzünden. Weder Priester noch Kirchendiener erwarteten von mir straffe Zeitplanung. Also Stille, Ruhe, Gebete und Kerzen für CHRISTUS, die Gottesmutter, den hl. Seraphim, für die in Moskau ermordeten Pater Victor Betancourt-Ruiz SJ und Otto Messmer SJ sowie für Vater Alexander Men. Hier ist heiliger Ort, hier ist im Grunde die Erfüllung der Worte Vater Alexanders geheiligt: „Für mich sind alle Menschen GOTTes Kinder.“
Wären nicht der Priester und der Kirchendiener hier: Es ware an der Zeit und dem Ort, die Schuhe auszuziehen. Tu ich es also innerlich: Die Schuhe der Ausgrenzung,des Rechthabens, der eifernden Rechtgläubigkeit, auch der Resignation … Im Tausch: Die Hoffnung der Auferstehung!
Nach meditativen Gedanken an diesem und für diesen Ort will ich mich nun auf den Weg machen. Im Gehen taucht das mir vertraute JESUS-Gebet auf. Christian wird in den nächsten Tagen noch häufig auf das Geführt-Sein hinweisen.
Am Sonntag läuteten die ersten Glocken, als ich die Straße betrat. Ich ging zu Fuß, denn die Stille war wohltuend. Das JESUS-Gebet war wieder da und ich dachte an die Stranniks, diese russischen Pilger und Wahrheitssucher. Der hl. Ignatius ging sehr weite Wege zu Fuß – unterwegs mit JESUS. In der Marienkirche wurde Frederik getauft und seine Großmutter war aus St. Petersburg gekommen. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, war der Impuls für die Predigt. Und Pfarrer Führer wurde erwähnt, der 1989 im Zusammenhang mit den Leipziger Demonstrationen sagte: „Straße und Kirche gehören zusammen.“
Wie fügt sich das alles wieder, dachte ich. Und ich erinnere mich auch an den 1.000-Kreuze-Marsch für das Leben, der im September hier bei der Kirche begann. Und ich hörte Menschen einer Gegen-Demo schreien:
„Hätt‘ Maria abgetrieben,
wärt ihr uns erspart geblieben!“
Jeden Abend erzählten wir uns unsere Begegnungen, auch tiefere Gedanken und persönliche Betroffenheiten und Erschütterungen.
Am Montag dann früh der besondere Impulstext: Der brennende Dornbusch, der nicht verbrennt und GOTTes Ruf an Mose (2. Mose 3). Mit dem heutigen Impulstext ausgerüstet im tieferen Sinn, gingen wir nun hinaus auf unsere persönlichen Wege.
Mit U-Bahn, S-Bahn und zu Fuß erreichte ich die Gedächtniskirche vom Karmelitinnen-Kloster Maria Regina Martyrum. Dann suchte ich das Gemeindezentrum Plötzensee auf und nach einer Zeit des Verweilens führte mich ein Weg zur Hinrichtungsstätte. Unweigerlich kam es zu einer Betrachtung des Todes – auch meiner Endlichkeit im besonderen und übertragenen Sinne.
Ich sehe Pater Delp an dieser grauenhaften Stätte am 2. Februar 1945, 15.23 Uhr – perfekte Dokumentation – hingerichtet, oben die Eisenträger, die Haken, unten der Fußboden eigentümlich gefärbt …, ich ziehe die Schuhe aus … eine Stimme …, jedenfalls murre ich heute noch, hege heute noch „Zorn gegen Unbekannt“ wegen der unterdrückten Bildungsmöglichkeiten als christliche Lehrerfamilie in der DDR. Pater Delp SJ und viele Märtyrer beendeten hier ihr Leben – sie waren, sie sind geführt. Und ich in meiner noch aktuellen Wut bin doch auch geführt.
Ich denke auch an Dietrich Bonhoeffer: Am 9. April 1945 hingerichtet. Fünf Jahre später – es ist ein Ostermorgen – komme ich auf die Welt. Jetzt scheint draußen die Sonne, ich setze mich auf eine Bank und sitze zwischen Gefängnismauern. Welche sind es für mich?!
Am nächsten Tag: Morgens wieder zu Fuß, das Kreuz weit sichtbar über unserer Stadt. Der Fernsehturm verdeckt je nach Sichtweise die Marienkirche. Unbeabsichtigt ist das Kreuz jetzt besser sichtbar! Bald stehe ich vor der St. Hedwigs-Kathedrale und bin beim Grab des seligen Bernhard Lichtenberg. Ein mutiger Prediger gegen die Euthanasie-Aktionen. Ich bin wohl sehr lange hier unten – jedenfalls ruft der diensthabende Küster, ob alles in Ordnung sei. Lebensrecht und Euthanasie sind wieder aktuelle Themen. Auf dem Platz vor der Kathedrale wurde während des 1.000-Kreuze-Marsches eine Heilige Schrift angezündet und in der Kathedrale fand der Abschluss-Gottesdienst statt.
Nachher sitze ich mit einem Bettler auf einer Bank (heute ist der zweite der beiden sonnigen Tage – äußerlich) und wir werden belächelt. Er lacht, als ich sage: „Die meinen uns beide“ – und mir fällt die schöne Bezeichnung aus dem Buch „Aufrichtige Erzählung eines russischen Pilgers“ für Bettler ein: Christi Brüderschaft.
Mit jeder abendlichen Tagesauswertung wird mir deutlicher, was es bedeuten kann, geführt zu werden. Auch hat jeder Ort, zu dem ich gelange, etwas mit mir zu tun.
Am nächsten Tage fahre ich sehr umständlich nach Lichtenberg und laufe dann zum Krankenhaus und finde das damalige Kinder-Krankenhaus. Damals, am 26. Oktober 1950, erhielt ich hier die Not-Taufe, weil ich schwer erkrankt war. Heute fiel mir der Text ein, der Taufspruch aus der Losung der Herrenhuter Brüdergemeinde: „Der HERR ist bei dir, dass du dich vor keinem Unheil mehr fürchten musst.“ (Zephanja 3,15) und aus dem Neuen Testament „Nun aber ist CHRISTUS auferstanden von den Toten und der Erstling geworden unter denen, die da schlafen“ (1. Kor. 15,20). Lange konnte ich auf dem Rückweg nachsinnen, wie deutlich oft Führung war und ist.
In Kreuzberg suchte ich eine Moschee auf und verspürte deutlich: Wenn hier ein persönlicher Dornbusch steht, so spricht aus ihm die Stimme: „ICH bin auch hier, wenn du MICH hier suchst“ – mir kommt in den Sinn: Wie herrlich, wie groß ist GOTT und wir alle sind des EINEN Kinder.
Schuhe ausziehen? – Ja, gewiss und nicht nur wegen der Moschee. Für mich können es die Schuhe falsch verstandener Rechtgläubigkeit sein. Im übertragenen Sinne auch in Alltagsdingen und auch im Sinne einer Recht-Gläubigkeit. Fehlende Geisteshaltung kann mit Rechtsvorschriften etikettiert werden – da möchte ich auch wachsam sein.
Ein Besuch im Anne-Frank-Haus zeigte mir auch eine (noch) Verständnisgrenze und vielleicht geht es gar nicht um das Verstehen, sondern um das Annehmen göttlicher Wahrheit: Auch Anne Frank ist geführt worden – durch Freude, Glück, viel Elend und viel Leid zum frühen Tod.
Am Ende unserer gemeinsamen Exerzitien stellten sich mir noch drei sehr beeindruckende Ereignisse dar – Ereignisse im tiefsten Sinne: Freitag die Fußwaschung, Samstag der Emmaus-Weg und Sonntag der Gottesdienst mit der Gemeinde.
Auf dem Emmaus-Weg tauschten Christian und Andreas ihre Eindrücke der letzten Tage aus und forderten uns dann auf, besser luden uns ein, mit ihnen zu gehen und unsererseits zu erzählen, was uns anrührte, berührte.
Die Fußwaschung in dieser Form war sehr beeindruckend und für die Gemeinschaft aller Weggefährten auch wichtiger Meilenstein auf dem Unterwegs-Sein.
Am Anfang hatte ich die Abendmahls-Ikone als Bild einer heilen Gemeinschaft im ganz weiten Sinne. Meine Grenzen, mein Abgrenzen wurde mir gezeigt und deutlich das Geführt-Sein.
Bei jeder abendlichen Gesprächsrunde wurde mir deutlich: Es gab keine katholischen Begegnungen, keine evangelischen Eindrücke – aber immer auch in Berlin das Unterwegs-Sein mit JESUS.
Die Exerzitien auf der Straße gehen weiter als Impuls mit vielen persönlichen Eindrücken und Erinnerungen.
Einige Tage später besuchte ich einen Mitbruder, der als Heimleiter in Lobetal tätig war und nun im Krankenhaus lag. „Behütet – wie auch immer“, war sein Abschiedsgruß nach der Besuchszeit. Krankenhaus als der Ort der Heilung und Heiligung. Beim Montagbesuch bei meiner Mutter im Pflegeheim hörte ich vom Pflegenotstand in Brandenburg und verspürte auch seine Auswirkung. Ein persönlicher Dornbusch für die hier tätigen Schwestern und Pfleger. Aber auch für die Menschen, die hier leben. Gelassenheit, Zeit für ein Gespräch mit den zu betreuenden Menschen – die Schuhe „schnell mal“ ausziehen(!) – Zeit zu haben, ist auch schwierig in alltäglicher Zeitplanung. Ein Impuls ist aber da, der deutlich gleich zu Beginn in der Kirche der hll. Konstantin und Helena mir sagte: Du hast alle Zeit der Welt – im Hinblick auf die Ewigkeit.
Nun, und vielleicht ist die Straße ohnehin ein Stück Zukunft unserer Kirche. Die Apostel predigten häufig auf den Straßen und Plätzen, auch der hl. Ignatius tat das mit seinen Gefährten.

Unterwegs mit JESUS in der großen, lauten,
unruhigen Stadt – das geht. Dank IHM.

JESU, geh voran
auf der Lebensbahn!
Und wir wollen nicht verweilen,
Dir getreulich nachzueilen;
führ uns an der Hand
bis ins Vaterland.

Nikolaus Ludwig von Zinzendorf

aus: Geschwister erleben S. 82

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