Sr. Marie-Helene, Auf der Straße des Lebens (2005) + Entzauberung (2008)

Auf der Straße zwischen Nirgendwo und Irgendwo trafen sich die Freude und der Schmerz.
Der Schmerz saß zusammen gekauert am Straßenrand.
Freude sagte zu ihm: „Warum sitzt Du da so zusammengekauert?“
Schmerz sagte: „Ich warte“:

Freude: So? Worauf wartest Du denn? „Auf ein Zeichen“ sagte der Schmerz.
„Auf ein Zeichen! Jetzt könnte ich ja weiterfragen, auf welches Zeichen Du wartest“ meinte die Freude.
„Du fragst ja schon, antwortete der Schmerz. Meistens warte ich auf ein Zeichen von Gott. Ich bin so müde!“
„Kein Wunder, wenn Du nichts anderes tust als warten“, sagte die Freude.

„Was soll ich denn anderes tun? Wenn ich wüsste, was ich tun sollte, würde ich hier nicht sitzen und warten.“
„O, es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu tun, anstatt zu warten!“ sagte die Freude.

„Du hast es gut, meinte der Schmerz, du weißt nicht, wie das ist, hier zu sitzen und auf ein Zeichen zu warten. Du bist immer unterwegs die Freude zu suchen.“

„Warum stehst Du nicht auf und gehst einfach mit?“ fragte die Freude.
„Ich kann nicht“, sagte der Schmerz. Ich bin hier an diesem Platz wie angewurzelt.“ „Das gibt es nicht“, meinte die Freude. Man muss nicht angewurzelt da sitzen wie im Schmerz erstarrt“.
Das verstehst Du nicht“, sagte der Schmerz. Du hast ja keine Ahnung davon“.

Die Freude hatte Mitleid mit dem Schmerz und setzte sich zu ihm auf den Boden.
„Meinst Du, ich habe keine Ahnung von dem Schmerz, der Dich so zusammengekauert sein lässt?
Kann es nicht sein, dass Du nur die falsche Brille aufgesetzt hast und jetzt siehst Du das ganze Leben nur durch die Brille des Schmerzes?“
„Was?“ fragte verblüfft der Schmerz.

„Setz die Brille ab, bevor Du hier in diesem Schmerz einfrierst“.
„Ich kann nicht!“ sagte der Schmerz, „Ich brauche die Brille, weil ich sonst nichts erkennen kann.“
„Ach“, sagte die Freude, und ihr Verstehen war sehr tief. „Du hast eine große Begabung, du siehst die Wunden!“ sagte jetzt die Freude.

„Woher weißt Du das?“ fragte der Schmerz.“ „O, ich kenne Dich sehr gut. Du bist meine bessere Hälfte“, sagte die Freude.
Der Schmerz konnte nicht fassen, was er da hörte: „Deine bessere Hälfte?“
„Dann müsstest Du ja meine bessere Hälfte sein?“ staunte der Schmerz.

„Das bin ich auch“ sagte die Freude. Du kannst das in Deiner jetzigen Verfassung nicht erkennen,
weil Du die Schmerz-Brille nicht absetzen willst.
Du hältst den Schmerz für das Göttlichste und darum willst Du ihn nicht aufgeben.“

„Und was ist das Göttlichste?“ fragte der Schmerz.
„Das, worauf Du wartest“ antwortete die Freude. „Das kann ich nicht verstehen“, sagte der Schmerz.

Da richtete sich die Freude auf, nahm dem Schmerz vorsichtig seine Brille von den Augen.“
In diesem Augenblick sah der Schmerz die Freude richtig.
Sie trug ein strahlend weißes Kleid und leuchtete wie die Sonne.

Der Schmerz erschrak heftig als er rote Wunden an den Händen und Füßen von Freude sah.
Freude lächelte ihm zu, nahm den Schmerz an die Hand und ging mit ihm zusammen weiter auf der Straße des Lebens.“

Sr. Marie-Helene MSC,
Freising, 18.1.05

Entzauberung

Seit FREUDE seine Schwester SCHMERZ 2005 zwischen Irgendwo und Nirgendwo gefunden hatte, waren sie eine weite Strecke auf der Straße des Lebens gemeinsam gegangen.

SCHMERZ sagte: Ich brauche einen neuen Namen. Ich will nicht immer so heißen, vielleicht verändert sich an meinen Schmerzen auch deshalb nichts. Du musst mir einen neuen Namen geben. Namen, die einem zugesprochen werden haben mehr Kraft.

FREUDE sagte: Gut, ich habe einen neuen Namen für Dich. Ich nenne Dich ab heute ERBARMEN.
Eigentlich müsstest Du anders heißen.

ERBARMEN fragte: Wie denn?

FREUDE fragte vorsichtig: Ist jemand gestorben? Du müsstest TRAUER heißen, denn Du schleichst umher, als wenn einer gestorben wäre.

ERBARMEN meinte: Nein, es ist niemand gestorben im Sinne von Tod. Doch stirbt vieles, vieles in mir stirbt. Da ist zu erst einmal durch den Umzug mein altes Leben gestorben. Sag ja nicht, dass es nicht schlimm ist. Sag ja nicht: „Das ist eben so!“

FREUDE erwiderte:
SCHMERZ braucht immer Akzeptanz.

Das ist das Gegenteil von Verdrängen
oder Wehleidigkeit.

ERBARMEN: Ich wünschte, ich könnte ihn
auch so gut verdrängen wie mein Freund.
Der akzeptiert die äußeren Tatsachen,
arbeitet viel und findet sich damit ab.

FREUDE meinte: Ist doch sehr gut.

ERBARMEN sagte: „Ja, ist sehr gut, akzeptiere ich auch für ihn, nur wünschte ich mir, dass er

meine andere Empfindung auch akzeptiert.“

FREUDE sagte: Aber das tut er doch.
Ich weiß, dass er das tut.

ERBARMEN: Du bist ja auch ein Engel, der in die Tiefen des Herzens schaut. Ich kann das nicht und daraus entstehen immer wieder Missverständnisse. Ich akzeptiere, dass andere anders fühlen und reagieren Kann er nicht einmal sagen: „Ich verstehe das!“

FREUDE: Und wenn er es nicht versteht?

ERBARMEN: Du meinst er versteht nicht,
weil er anders empfindet?

FREUDE: Könnte doch sein, oder?

ERBARMEN: Ja, könnte sein.

FREUDE fragte: Was ist denn noch gestorben?

ERBARMEN: Ich habe Angst, dass die Liebe stirbt, weil wir einer für den anderen so was wie eine Überforderung sind und uns gegenseitig. ohne es zu wollen, verletzen.

FREUDE: Die Angst ist die dunkle Seite aller Kräfte, die wir haben, auch die des Erbarmens.

ERBARMEN: Wem sagst Du das. Ich weiß es und fühle mich doch so elend, einsam und verlassen.

FREUDE: Dann wird es Zeit für eine
neue Geburt?

ERBARMEN: Was? Schon wieder eine Geburt?

Ich habe schon so viele hinter mir im letzten Jahr.

FREUDE: Es geschieht ja auch nur an denen, die bereit sind, immer neu geboren zu werden.

ERBARMEN: Das ist hart und die Schmerzen der „Geburtswehen“ sind schlimm.

FREUDE zeigte ERBARMEN seine Hände mit den roten Wunden.

ERBARMEN stammelte: Du bist ja gar kein Engel!

FREUDE: Es gibt Schutzengel, die diesen Namen tragen, nicht wahr? ICH BIN die LIEBE, die nur in ERBARMEN und GEDULD vollendet wird. Sie fängt da an, wo sie entzaubert ist. Vorher kann Liebe alles Mögliche sein.

Aber die Liebe, die ich meine, die beginnt jetzt, wenn Du hilflos und zerschlagen bist und einsiehst, dass Du aus eigener Kraft nichts mehr kannst.

ERBARMEN fragte: Wie komme ich zu solcher Art ERBARMEN und GEDULD?

FREUDE: ICH habe Dir MEINE Hand gegeben und ICH verspreche Dir, dass Dein ERBARMEN mit Dir und anderen der richtige Weg ist,
Schritt für Schritt die Liebe zu leben.

„ICH BIN die TÜR zum Erbarmen und MEINE Mutter ist die MUTTER des ERBARMENS.

FREUDE nahm ERBARMEN wieder wie damals bei der Hand und so gingen sie weiter auf der Straße des Lebens.

Sr. Marie-Helene MSC, Paffrath, 24. Juli 2008, Fest des Hl. Christopherus.

Fortsetzung von: „Auf der Straße des Lebens“ vom 18.1.05