Priesterweihe in Vietnam

Petrus Nguyên Nhur Thao war Oberministrant in Berlin, jetzt ist er Priester in Vietnam

Einst abgeschoben, jetzt geweiht

Berlin/Vinh. Als der Vietnamesenseelsorger Stefan Taeubner in den 90er Jahren Petrus Nguyên Nhur Thao kennenlernte, verdiente der sich seinen Lebensunterhalt mit illegalem Zigarettenhandel in Berlin. Am 14. November war der Jesuit zu Gast bei Thaos Priesterweihe in Vietnam.

Nach vietnamesischem Brauch schmücken Gratulanten den neu geweihten Priester mit Blumenkränzen. Im Bild ist – unter Sonnenschirmen – der Neupriester Thao mit seinem Vater und Pater Stefan Taeubner inmitten der Festgemeinde auf einem zentralen Platz der Bischofsstadt Vinh zu sehen. Fotos: privat

Seine Lebensgeschichte klingt  wie ein Roman-Stoff: Um seiner Familie in einer ländlichen Region Nordvietnams aus bitterer Armut zu helfen, war Thao 1992 mit Hilfe von Schleusern nach Berlin gekommen. Wie viele seiner Landsleute ohne Aufenthaltsstatus versuchte er sein Glück im illegalen Zigarettenhandel. Seinem Glauben blieb der Katholik dabei treu, betete und ging regelmäßig zur Kirche.
Nachdem er an Straßenexerzitien des Jesuitenpaters Christian Herwatz teilgenommen hatte, sprach er mit ihm und anderen Jesuiten über seinen Wunsch, künftig seine ganze Kraft für die Kirche einzusetzen. Dass sich der Wunsch mit seinem damaligen Broterwerb nur schlecht vertrug, war ihm selber bewusst, und doch fiel ihm die Entscheidung, mit dieser Etappe seines Lebens von heute auf morgen abzuschließen, nicht leicht. Gern hätte er zuvor wenigstens noch 1000 Mark verdient, um seinen Eltern in der Heimat aus dem Gröbsten herauszuhelfen …
Fortan half er ehrenamtlich im Jesuiten-Flüchtlingsdienst, übernahm Verantwortung in der Asylbewerber-Gruppe „Hoffnung“, die Pater Taeubner in der St. Josephs-Gemeinde im Stadtteil Wedding mit ins Leben gerufen hatte, wurde Oberministrant, fuhr gemeinsam mit anderen katholischen Vietnamesen 1997 zum Weltjugendtag nach Paris. Stefan Taeubner, der als Vietnamesenseelsorger mittlerweile in Dresden lebt, hat eine Ausgabe der Berliner Kirchenzeitung vom Oktober 1996 aufgehoben, die von Thaos Ministranteneifer zeugt. Gemeinsam mit ihm und einem weiteren vietnamesischen Ministranten ist er auf einem Foto bei einem deutsch-vietnamesischen Gottesdienst zu sehen. „Er fiel uns durch seine besondere  Frömmigkeit auf und durch seine ausgeprägte Liebe zu Armen und zu allen anderen, die in unterschiedlicher Weise am Rande der Gesellschaft lebten.“
Eines Tages bekam Thao eine Einladung zur Abschiebung: Dafür sollte er sich zu einem festgesetzten Termin im September 1998 freiwillig bei der Polizei einfinden. Da er als Armutsflüchtling galt und für ihn keiner der möglichen Asylgründe zutraf, konnten auch die Jesuiten seine Abschiebung nicht verhindern. Thao wollte nicht untertauchen, er wollte sich stellen. Nach einer unvergesslichen Abschiedsfeier begleitete Stefan Taeubner ihn zur Polizei und besuchte ihn seither ungefähr alle zwei Jahre in Vietnam.
An das Engagement für die Armen und die Frömmigkeit, die sein Leben in Berlin geprägt hatten, knüpfte er in seiner Heimat an. Bald gründete er eine klosterähnliche Brüdergemeinschaft, die sich mit dem Wort Gottes beschäftigte und sich um Arme kümmerte. Nach kurzer Zeit hatten sich ihm 20 Männer angeschlossen. Um ein guter Begleiter für seine Weggefährten sein zu können, durchlief er in zwei verschiedenen Männerorden das Noviziat, insgesamt vier Jahre lang. Der Bischof seiner Diözese Vinh, der für seine offene Kritik  gegenüber dem Regime bekannt ist, unterstützte ihn und vertraute ihm. Andere führende Kräfte des Bistums entschieden, dass er den entstehenden Orden auflösen und seine nunmehr über 30 Weggefährten in andere Ordensgemeinschaften schicken musste.

Paul Nguyên Thai Hop, Bischof von Vinh, mit dem Weihekandidat Thao, einem von 39 Männern, die er am 14. November zu Priestern weihte.

Er akzeptierte diese Enscheidung. Unterdessen hatte er seine Berufung zum Priestertum erkannt. In der Hauptstadt Saigon, die zugleich Bischofssitz der Erzdiözese ist, begann er als 40-Jähriger, Theologie und Philosophie zu studieren. Im Auftrag seines Bischofs verwaltete er ein großes Haus, das die Diözese Vinh in Saigon betreibt. Dabei kümmerte er sich weiterhin um Arme, besonders um Wanderarbeiter, die in großer Zahl aus ländlichen Gebieten in die Metropole strömen und dort oft den Halt verlieren.
Nach erfolgreichem Abschluss des Studiums lehnte der Priesterrat seine Aufnahme ins Priesterseminar ab. Als Seiteneinsteiger, der sich nicht allein um das kirchliche Binnenleben kümmerte, wollten  ihm viele in dem Leitungsgremium nicht so recht trauen. Thao akzeptierte auch diese Entscheidung und kümmerte sich in Saigon weiterhin um die Armen und um das Haus des Bischofs.
Gemeinsam mit seinen Berliner Mitbrüdern schrieb Stefan Taeubner der Bistumsleitung von Vinh daraufhin einen Brief. In Berlin genieße Thao bis heute einen hervorragenden Ruf, hieß es darin unter anderem. Aus Berliner Sicht gebe es im Blick auf seine Eignung zum Priester nicht die geringsten Bedenken. Schließlich erhielt Thao die Zulassung ins Priesterseminar. Als ältestem von 39 Kandidaten der Diözese Vinh spendete Bischof Hop dem 48-Jährigen am 14. November das Weihesakrament. Die Zahl der Diözesanpriester stieg damit von 200 auf 239. Im nächsten Jahr werden voraussichtlich 30 weitere Priester geweiht, erfuhr Stefan Taeubner, der an dem dreieinhalbstündigen Weihegottesdienst teilnahm. „Besonders in den ländlichen Regionen gibt es sehr lebendige kinderreiche Gemeinden mit einer guten Jugendarbeit. Die Familien freuen sich, wenn eines ihrer Kinder Priester wird. In mancher Hinsicht ist die kirchliche Situation dort mit der unsrigen in den 50er Jahren vergleichbar“, erläutert der Pater. Als priesterlicher Mentor war es seine Aufgabe, dem Neugeweihten das Messgewand anzulegen. Da die Bischofskirche nur einen Bruchteil der rund 20 000 Mitfeiernden gefasst hätte, fand die Feier im Freien statt. Die Bühne, die man dazu eigens aufgebaut hatte, wurde tags darauf noch für einen großen Bistumsjugendtag genutzt.

Stefan Taeubner schenkte Petrus Nguyên Nhur Thao zur Priesterweihe einen 20 Jahre alten gerahmten Zeitungsbericht über einen deutsch-vietnamesischen Gottesdienst in Berlin-Hohenschönhausen. Auf dem Zeitungsfoto zu erkennen sind Pater Taubner, der den Gottesdienst leitete und zwei Ministranten. Es handelt sich um den Neupriester und um den links abgebildeten Mann, der ebenfalls von Berlin nach Vietnam zurückkehrte.

Pater Taeubner begleitete Thao und seine Familie nach der Weihe zur Primizfeier, die in der Nähe von Vinh stattfand. Wo er künftig tätig sein wird, erfährt der Neupriester erst am Neujahrstag. „Vergiss deinen Impuls für die Armen nicht!“, hat der Pater ihm zur Priesterweihe in Erinnerung gerufen. Sein langjähriger Wegbegleiter würde sich freuen, wenn sich Thao weiter um die Arbeiter in Saigon kümmern dürfte.

Von Dorothee Wanzek