Gespräch vor der Abreise und acht Reiseberichte

Christian Herwartz im GESPRÄCH am 30. Juni 2015 in Berlin – Naunynstraße
Ein Beitrag zum Fest des Neubeginns und Abschieds an seinem 73. Geburtstag. Rekonstruiert und notiert von Klaus Roeber am 12. April 2016

Christian Herwartz (C.H.): Endlich hat es geklappt, dass wir uns heute treffen. Ihr habt euch vorgenommen, mit mir über den Anlass und die Ziele meiner Arbeit in der Naunyn-straße zu sprechen. Nun ist es so gekommen, dass das in zeitlicher Nähe zu einem volks-nahen kirchlichen Gedenktag geschieht. Gestern der ‚Tag der Apostel Petrus und Paulus` war. Beide waren Missionare. Beide hatten unterschiedliche Vorstellungen über die Mis-sion, die sich mit ihrer Berufung verband. Die Tradition machte aus Petrus einen Kirchen-fürsten und aus Paulus einen Welteroberer. Manche Leute sehen das locker und sprechen von Peter und Paul. Aber es lässt sich nicht herunterspielen, daß der eine zum Kennzeichen für die römisch-katholische Amtskirche gemacht worden ist und der andere prägte die Leh-re der protestantischen Kirchen in ihrem Widerspruch zur katholischen – wie sie damals sagten – ‚Papstkirche‘.

Christian N. (C.N.): Und ich will daran erinnern, dass es der Tag ist, an dem Christian Herwartz von einer Reise zurückkehrte. Du bist vor dem Bundesgerichtshof gegen die Flughafengesellschaft Berlin-Schönefeld aufgetreten für das Recht, Mahnwachen auf öffentlichen Plätzen durchzuführen. Das ist seit gestern statthaft und rechtens. Hat das nicht auch irgendwie mit ‚Mission‘ zu tun?

Klaus Roeber (K.R.): Das sehe ich auch so. Wenn Glauben und Handeln zusammenfinden, nimmt die Botschaft Fahrt auf und wird wird in Kirche und Gesellschaft wirksam. Ein energiereiches Spannungsfeld baut sich auf. Die Beispiele dafür sind zahlreich, für Christian und für mich wirkt das Lebenszeugnis von Johannes Gossner in Berlin im 19. Jahrhundert.
Als katholischer Priester hatte er seine Anstellung verwirkt, der protestantische König in Berlin gab sie ihm und Gossner wurde evangelischer Prediger in Berlin an der Bethlehems-kirche.
Er gründete Kindergärten,eine Zeitschrift und ein Krankenhaus. In seinem Pfarramt an der Bethlehemskirche bildete er 1837 Handwerker zu Missionaren aus. Die historische Erinnerung am heutigen Tag ist dabei nicht weit hergeholt, weil sie Ende Juni zu ihrer Aussendung bereit waren. Geschichtlich ist nun bemerkenswert, dass ich heute als ein Freund der evangelischen Gossner Mission mit einem katholischen Arbeiterpriester im brüderlichen Austausch und Gespräch mit ihm an einem Tisch sitze.

C.H.: Ursprünglich hatten wir uns das Ordnen unseres Archivs vorgenom-men, aber nun ordnen wir unserer Gedanken. Gerade in letzter Zeit kommen Rückfragen zu Berichten der Teilnehmer der Exerzitien auf der Straße. Manche lesen darin unterhaltsame Selbsterfah-rungen, aber selten würden von den Teilnehmern ausdrücklich ihre Gotteserfahrungen notiert. Habe ich da zu wenig missioniert?

Iris W. (I.W.): Auch die Archive sind nicht ganz unwichtig angesichts der bevorstehenden Übergabe der Verantwortung in der Naunynstraße in andere Hände. Woher wir kommen ist so wichtig wie die Frage, wohin wir gehen.

C.H.: Ich bedenke das mit meinen Wegbegleiterinnen und Ordensbrüdern angesichts der Werte meiner Kirche. Aber das reicht mir nicht. Der Geist, der hier wehen will und soll, geht über die Grenzen hinaus und ist weiter und größer als die Kirchenorganisationen, in denen die Verantwortlichen Archive verwalten.

K.R.: Wenn Geist und Institution zueinander kommen, entstehen kritische Situationen. Peter und Paul einigten und trennten sich auf dem Apostel-konzil. Für die Menschen in Gottes Mission war das kein Grund zum Jubeln. Das ist auch bis heute in vergleichbaren Situationen so geblieben. So jedenfalls habe ich das auch erlebt als Freund der Gossner Mission in der DDR, in Hamburg als Mitarbeiter des Evangelischen Missionswerks in Deutschland und jetzt im Vorstand der Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte.

C.N.: Da ergibt sich doch die Frage an Euch, Christian und Klaus, was habt Ihr beide einzubringen, außer euren Archiven und Erinnerungen, als Botschafter in Gottes Mission – und ich könnte auch die WG in der Naunynstraße als eine Missionsunternehmung ansehen.

I.W.: Missionsunternehmung – Mission? Ich wohne hier schon länger und fühle mich nicht missioniert und werde auch nicht missioniert.

C.H.: Bei Mission geht es um das Leben und um die Botschaft, die sich mit dem Leben von Jesus verbindet, so wie mein Leben mit seinem Namen verbunden ist, der ich ein Jesuit bin und bleibe. Jesus verkörperte die Botschaft Gottes als der Jude Jesus von Nazareth.
Es bleibt ein Geheimnis um ihn. Als Person weist er auf das Geheimnis Gottes um uns und in uns. Das ist kein dunkles Geheimnis mehr, sondern Gott hat eine anlockende Leuchtkraft. Mein Anliegen ist, für dieses Licht sich die Sinne schärfen zu lassen. Und das ist nötig, denn Menschen leben in einer Grauzone. Es ist mit uns wie an einem herauf dämmerndenTag. Wir können unterwegs im diffusen Licht der Morgendämmerung ins Stolpern kommen. Wenn das geschieht, verstehe ich das als ein Innehalten wie an einer Haltestelle im Nahverkehr meiner Stadt. Wenn ich denke, meine Haltestelle ist schon die Endstation, dann wäre das der Standpunkt: Ich bin eben so – und Punkt. – Das ist ein falscher Standpunkt. Es ist noch wichtiger, zu sagen und zu lernen: Ich setze mich dem Licht Gottes aus, bin unterwegs. So erlebe ich das und bezeichne das als meine Berufung, zu der ich mich bekenne: Ich bin im Werden.

K.R.: Damit sagst Du, was uns von der Bedeutung des Namens Gottes überliefert wird. JHWE – Ich Bin – kann auch bedeuten: Ich Werde Sein … oder auch persönlich und zuversichtlich: Ich werde mit dir sein …

C.H.: … und auch dabei bleibe ich nicht stehen, sondern gehe mit dem, der mit mir ist, auf seinem Weg mit und hin zu den Menschen, mit seinem Volk, das zu einer Menschenge-meinschaft bestimmt ist. Von Gott geht eine gemeinschaftsbildende Kraft aus, oder etwas genauer formuliert:
Es ist eine gemeinschaftsbildende Kraft, die von dem Bekenntnis zu diesem Namen Gottes ausstrahlt. Seit meiner Berufung kann ich nicht mehr anders, als zur Gemeinschaftsbildung im Namen Gottes beizutragen. Ich verstehe allmählich, das ist Gottes Mission. Und diese Mission ist mir anvertraut.

I.W.: Ich erlebe Dich in der Gemeinschaftswohnung hier in der Naunynstraße. Angesichts der vielen Erfahrungen, die hier berichtet werden, wirst Du nach Deinem Bekenntnis erst gefragt, wenn die Fragen zu viel werden und keiner eine Antwort riskiert.

C.H.: Ja, das ist so und gerade kürzlich bin ich wieder einmal angeregt worden, das auszudrücken und zu formulieren. Da machte ich keine Aussage über Gott, sondern spreche von Gott, der mich berufen hat, für andere Menschen da zu sein – auf dessen Namen ich mich berufe und zu dem ich mich bekenne. Einer, der für die Menschen da ist. Das ist mein Verständnis von Gott und Bekenntnis zu ihm in seinem einfachsten Ausdruck.

K.R.: Das ist nicht einfach für die Menschen, die nach der Existenz Gottes fragen.

C.H.: Ich kann nicht einen Beweis für das Sein Gottes konstruieren, sondern ich gebe ein Zeugnis von der Wirksamkeit Gottes an mir und für uns. Die Rede von einem Sein Gottes – das hieße doch: er lebt für sich.
Ich erlebe aber das Wesen Gottes, der in der Gemeinschaft wirksam ist, anwesend in allem Lebendigen. Allmählich lerne ich das zu erkennen. Am Anfang lernte ich zu beten: Herr da bin ich! – Ich habe dazu gelernt. Deshalb bete ich nun: Herr da sind wir, ich mit anderen; und lerne zu sagen: Herr da sind die anderen und ich bin auch mit dabei.

K.R.: Du erinnerst mich an ein Buch mit dem Titel: Herr da bin ich.
Das hat mich sehr beeindruckt als ein Versuch – Weltlich Beten – wie wir es damals nannten. Als junger evangelischer Pfarrer habe ich darüber mit dem Gemeindekirchenrat über dieses Anliegen nachgedacht. Es fand Zustimmung, dass wir Gebete von Michel Quoist in einem ökumenischen Gemeindeabend übernehmen.

C.H.: Der Arbeiterpriester Michel Quoist dachte eher an Gebete an der Werkbank. Ich war ja auch als ein Arbeiterpriester tätig. Wir fassten in Worte und in Gebete, was da alles und wer da täglich auf uns zukam. Unser Beten war eher ein Nachdenken, was das alles mit Gott zu tun hat. Bis wir erkannten: Gott ist schon hier am Arbeitsplatz. Das war eine andere Erfahrung als die Lehre von einem Gott, der in den Kirchen domestiziert und von da aus zu den Menschen gebracht wird. Daraus entstand dann eine kirchliche Erwartung, dass die Leute in die Kirche kommen, um sich dort Gott zeigen zu lassen. Als ob wir Gott mit einer Inszenierung vorführen könnten! Die Arbeiterpriester verkündigten anders. Wir entdeckten Gott in der Arbeitswelt, in der Lebenswelt der Menschen und dankten dafür, wie er sich uns zu erkennen gibt.
Das war eine bestürzende Entdeckung, die wir an die kirchlichen Kreise sendeten: Die Arbeitswelt als ein Lernfeld und Ort der Begegnung mit Gott! Dort wurde mir klar, dass ich nicht sagen müsste: Herr da bin ich – sondern ich lernte den nächsten Schritt und Satz:
Herr, da sind wir! – als Deine Geschöpfe, in Gleichheit aller und in solidarischer Gemeinschaftlichkeit mit den Arbeitskollegen und darüber hinaus mit der ganzen Gesellschaft und Lebenswelt überhaupt. Das ist bis heute eine Befreiung aus der selbstbezogenen Fragerei: Wer bin ich ?
Ich war nicht mehr so sehr an mir selbst interessiert. Eine andere Frage, und die andere Antwort des ‚anderen‘ Gottes ist wichtig:
Ich bin f ü r  e u c h und m i t  e u ch, ein Gott als Quelle des Lebens für die ganze Schöpfung. Als Teil dieser Schöpfung und als sein Geschöpf weiß ich mich befreit von der Sorge um mich selbst. Ich selbst erfahre eine Kraft, die mich in die Lage bringt, die selbst-gebauten Zäune in mir und die in den Kirchen bewachten Hürden zu überspringen.

K.R.: Und dann erlebst du: Entweder springst du nicht hoch genug, dann reißt du Zäune ein; oder du tauchst darunter durch und es wackelt der befestigte Zaun. In jedem Falle könntest du die kirchlichen Obrigkeiten und das geordnete abgestimmte System um uns in Schwierigkeiten bringen.

C.H.: Manche Zäune lassen sich nicht einfach umgehen. Mein Ja zu Gott trägt in sich mein Nein gegen die gemeinschaftsstörenden und lebens-hindernden Kräfte in uns und um uns. Es gab Zeiten, da sah man in den Ordnungswidrigkeiten die gottfeindliche Macht des ‚Teufels‘. Am Leben Jesu erkenne ich daran eher die verborgene Seite Gottes, die uns auf dem Weg des Lebens und in der Nachfolge Jesu begegnet. Wir leben in einer Welt, die Polarisierungen braucht für die Bewegung, in die wir mit ihm gerufen sind. Der Protest gegen die bestehenden Zustände in Kirche und Gesellschaft stammt aus seiner göttlichen Kraft und heiligem Lebens-willen. Sie geht aus von der Quelle des Lebens und nimmt uns in ein geistvolles Leben hinein.
Das ist meine begründete Hoffnung und gewonnene Erfahrung.

K.R.: Es ist die Dynamik von Gottes Wort und unserer Antwort, die von Anfang an wirkt und in den biblischen Geschichten erkennbar ist.

C.H.:Und sie wirkt weiter und lässt mich nicht zur Ruhe kommen und hält mich in Bewegung , auch wenn ich nun auf den Ruhestand zugehe.
Die Umstrukturierung der Naunynstraße ist ein Teil dieser Bewegung.
Sie lebt in der Auseinandersetzung und auch einer Zusammensetzung, aus Suchen und Finden. Wegen der Zukunft der WG bin ich auch ruhelos und lasse mich durch eben diese WG ermahnen zur Gelassenheit – und die anderen mit mir sollten es auch sein.

K.R.: Sie sind es aber nicht, weil sie nicht wissen, wie und ob es weitergeht mit dem Angebot gelebter Gemeinschaft. Hast Du einen Leitspruch, der Dich sicher macht?

C.H.: Ich folge nicht Sprüchen, sondern beteilige mich an Gesprächen. Ich höre einfach zu. Hier sind meine Weggefährten in der WG – davon sitzen zwei mit am Tisch; auch habe ich die Gespräche bei und nach den Exerzitien auf der Straße und konzentrierte Gespräche in der Runde – wie das Gespräch jetzt oder die gelegentlichen Interviews mit einer Redaktion. Und während wir im Gespräch sind, tauchen weniger die Worte und Sprüche, sondern die Gesprächsabläufe aus den biblischen Erzählungen auf. Das sind dann die eigentlichen Schlüsselerlebnisse für mich. Manchmal kann auch ein bestimmtes Wort zum Leitwort werden.

K.R.: Hast Du für uns ein Beispiel?

C.H.: Wichtig für mich wurde das geheimnisvolle Gespräch von Moses am brennenden Dornbusch und die Eröffnung: Ziehe deine Schuhe aus. Das waren Exerzitien im Sand der Wüste – heute sind es die Exerzitien auf dem Pflaster der Stadt, die Erleuchtungen brach-ten für mein Verstehen. Ich legte also auch meine Schuhe ab und habe Bodenhaftung be-wusst gesucht. Die Bibel gab den Impuls. Und durch ihre Geschichten wird mir und den anderen bewusst, dass wir auf der gleichen verbindenden Erde leben. Mit der Bibel entdek-ken wir bodenständige und uns miteinander verbindende Texte. Die Bibel ist ein mensch-heitliches Buch für alle. Ich suche nicht nach einem Leitspruch, sondern habe eine Anlei-tung zum Verstehen und zum Leben derer, die mit mir – barfuß – und einfach gehen.

K.R.: Für die protestantischen Tradition ist die Bibelauslegung und Einzelexegese der Worte sehr bestimmend geworden und prägt die Frömmigkeit.
Wir kennen das aus dem Andachtsbuch der Täglichen Losungen, mit dem vor allem die Evangelischen leben. Da sind Bibelsprüche ausgelost und mit Lehrtexten ergänzt, die die eigene Erfahrung überprüfen helfen.

C.H.: Das gibt es auch in katholischen Kreisen, wo man Losung und Lehrtext der Protestan-ten kennt und liest und in der Weise auch die katholischen Tageskalender ausstattet. Ich beobachte aber auch, wie diese Praxis einen Zaun um Gott entstehen lassen kann; als kön-ne man nur durch die persönliche Betroffenheit eines Bibelwortes eine Lücke finden, um Gott zu begegnen. Die Bibel wird dann zu einem Buch der persön-lichen und privaten Erbauung.
Ich halte das für einen Missbrauch der Bibel, denn ich frage:
Wird damit nicht die Rolle der Experten unterstützt, die in den Kirchen das Wort führen? Wortführer brauchen wir eigentlich nicht in der Kirche, sondern mehr noch Kenner der Wirkung dieser Worte und darum kundige Gesprächsleiter. Dadurch kommt der Glauben zu uns, der nicht im Privaten bleibt, sondern in die Öffentlichkeit drängt. Die Worte der Bibel wenden sich nicht nur meinem sondern unserem Leben zu.
Seitdem ich mich den Bibelworten in dieser Weise aussetze, verstehe ich ihre Botschaft als einen Schlüssel zum besseren Verstehen der Menschen im Gemeinwesen. Und ‚mein‘ Glau-be wird politisch – kommt von ‚polis‘ und das heißt für mich heute ‚Stadt‘ – und ich bestreite die Rechthaberei, die den Glauben einzäunt und vom Politischen ausgrenzt.
Das habe ich in diesen Tagen wieder erlebt. Man hat mir angeboten, bei dem kürzlichen Streit um die Genehmigung der Mahnwachen im öffentlichen Raum, eine gütliche Rege-lung mit der Polizei zu verhandeln. Aber meine Weigerung gegenüber diesem Vorschlag war die Weigerung, den Glauben in die Verinnerlichung und Privatisierung einzuzäunen. Das hätten die Privatisierer des öffentlichen Raumes und ebenso die Ordnungs-mächte wohl gerne so gehabt!
Das befestigt doch nur das Nebeneinander, und eine so begütigende Toleranz führt nicht zur Gemeinschaft im öffentlichen Miteinander.
Mit der Bibel haben wir ein Glaubensbuch, worin steht, wie die Glaubenden sich einmischen mit Aktionen in die Politik der Polis, um das öffentliche Leben mitgestalten.
Das bedeutet Meinungsfreiheit und Glaubensfreiheit – wenn es sein muss, dann auch mit Druck durch Überzeugungskraft, ich mache auch Krawall für dieses Recht. Das ist eine Notwendigkeit und keine Nötigung.
Und die Überzeugungen müssen auch öffentlich ausgesprochen werden können. Das geschieht im lebendigen Dialog, der das Leben fördert.

I.W.: … denn die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, fällt mir als Bibelspruch ein.

C.H.: … und mithin gehört sie allen! So verstanden kann das dann doch ein Leitwort dafür werden und eine Richtschnur für die Wege aller im grundsätzlichen Miteinander. Du erin-nerst an eine Gebetszeile aus dem Glaubensgut der Mütter und Väter, die sich zu einem solchen Glauben ermutigten. Daraus lebte auch Jesus aus Nazareth. Sie nannten ihn einen Rabbi und Meister der Bibelauslegung. Er hat diese Psalmen gebetet, als die Ordnungs-mächte seiner Zeit ihn aus der Engführung der umzäunten Gemeinschaft verstießen.
Schließlich haben sie ihn vor der Stadt gekreuzigt. Aber er kam zurück in die Stadt und zu den verarmten Menschen auf dem Land. Die Begegnung mit diesen biblischen Erzählungen erlebe ich als eine Zuwendung Gottes zu meinem Leben und dann ich wende sie an. Sie sind mir ein Schlüssel zum besseren Verstehen der Menschen, die mir zunächst fremd sind.
Das Zeugnis vom Gott meiner Mütter und Väter lässt mich diesen Gott wieder finden in den Erwartungen und Hoffnungen der Menschen, mit denen ich lebe und spreche und sie bleiben mir nicht fremd.

C.N.: War das auch so bei der fremdartigen Situation, als Du vor den Gerichten auftreten musstest?

C.H.: Die Situation ist vergleichbar, weil es um die gleiche Sache geht: Wem gehört die Erde und was darauf und darinnen ist? Eine Klärung darüber gehört zur Ordnung eines Gemeinwesens. Und das Gericht hat es bestätigt mit seinem Rechtsspruch: Der Glaube äußert sich auf öffentlichen Straßen und Plätzen und schafft sich Gehör und darf das im Sinne des Grundgesetzes. Wer dagegen hält und den öffentlichen Raum für seine Interes-sen privatisiert, der will uns verweigern, dass wir die Not des anderen sehen und bekannt machen. Dem können wir entgegen halten:
Das Gebiet , das diese für sich beanspruchen, bleibt in Gottes Namen ein Gelände für uns alle.

K.R.: Als Initiatoren des Interreligiösen Friedensgebets Berlin auf dem Gendarmenmarkt machen wir deutlich, dass wir eine Mahnwache sind unter offenem Himmel im geöffneten Halb-Kreis. Wir wollen mit der Öffnung als ein öffentlich mahnendes Gebet für die Stadt erkannt werden.

C.H.: Und zwar in der Mitte der Stadt – aber auch am Rand der Stadt – vor dem Abschiebe-gefängnis. Die Gesellschaft ist in vielen Teilen voneinander abgeschottet durch Zäune von Paragraphen. Friedensgebet und Mahnwache stellen die Ansage einer menschlichen Ge-meinschaft in den Mittelpunkt. Unsere einladende Botschaft beim Interreligiösen Friedens-gebet erarbeiten wir im Gespräch in einem Interkulturellen Haus mit einem Muslim als Gesprächsleiter. Das veröffentlichen wir und verbreiten es im Internet. Wir überschreiten den Zaun der Gewohnheiten, um zu den Ausgegrenzten zu gehen und richten es an die, die uns auf Innerlichkeit eingrenzen wollen.

C.N.: Diese Form ist für manche Leute, die euch dabei beobachten, eine befremdliche Selbstdarstellung – muss ich ja mal sagen. Es gibt ja auch Kirchen in der Nähe, wo ihr beten könntet. Wenn ich Dich aber jetzt höre, würde das zu einem Missverständnis des Anliegens führen?

C.H.: Ein Missverständnis dessen,was wir ausdrücken wollen und auch Unkenntnis darü-ber, was die Religionen bewegt. Unser aller Leben ist mit dem Virus der Privatheit des Glaubens infiziert und von der Zuweisung von Standorten durchdrungen. Der Glaube aber mischt sich ein und mischt auch auf. Die sich voneinander abschottende und einzäunende Gesellschaft und in Gebäuden verortete Gruppen haben die öffentlichen Mahnwachen nötig. Wir mahnen betend um Hilfestellung für die Ausgegrenzten, für Schutzsuchende und für die ihrer Personal-dokumente beraubten Menschen. Und die Ursachen für diese entstandene unmensch-liche Situation wird auch deutlich benannt. Und dagegen wird angebetet.

C.N.: Ich will Dir nicht das Wort im Mund umdrehen. Aber bei ‚Anbeten‘ fällt mir Anbetung ein, wie das die Religionen verstehen und auch machen. Und das kommt im Interreligiösen Friedensgebet nicht so oft vor.

C.H.: In den Liedern und Gesängen klingt Anbetung an, vielleicht eher unterschwellig. Weil unser Gott sich nicht mit einem Anbetungsbezirk abgrenzen lässt, ist er mitten unter uns. Deshalb bringen wir in erster Linie die Vergessenen der Gesellschaft in Erinnerung, über-nehmen miteinander deren Anliegen.
Gerade weil sie sonst keine Stimme haben oder sogar verstummt sind, bleibt ihre Sehn-sucht innerlich wach und das Verlangen, dazu zu gehören. Sie wollen in Beziehung leben zu Mitmenschen – und unsere Gottessehnsucht steht gegen die willentliche Gottvergessen-heit der Ausgrenzer.

C.N.: Es gibt auch solche, die das zielstrebig mit einer Stimmung aus der Gesellschaft her-aus betreiben und Angst haben, wenn ihre Ordnung nicht gehütet wird. Die Berichte von Übergriffen gegen Ausländer mehren sich. Auch gegen solche, die lediglich zu Fremden erklärt werden und bedroht sind, weil sie sich befremdlich aufführen.

C.H.: Ich finde, dass die Erfahrung von Fremdheit ein Impuls ist, um sie zu überwinden. Da haben wir alle noch viel zu lernen.
Wir brauchen Orte der Einübung, damit wir nicht Standpunkte beibehalten, sondern gehend, geh-fähig werden hin zu den Aus-ländern.
Wenn sie hier sind, sind sie In-länder.

K.R.: Gehfähigkeit und Bewegungswilligkeit – das können echte Störfaktoren in einer Gesellschaftsordnung werden.

C.H.: Es gibt nur einen Störfaktor. So jedenfalls habe ich Gott erlebt.
Der lebendige Gott ist für die reibungslos funktionierende und eingeschliffene Gesellschaft ein Störfaktor. So war das auch bei der Geschichte vom Turmbau zu Babel. Unsere Turmbau-Gesellschaft fördert die Eigensucht. So wie die Turmbauer von Babel sich untereinander anstachelten, sehe ich auch uns gefährdet. Als die von der eigenen Tüchtigkeit Verführten, sind wir anfällig für Überheblichkeit bis hin zur Selbstherrlichkeit. Ich meine die Festung Europa. Darum ist es an der Zeit, dass Gott als Störfaktor bekannt wird. Das ist ein Antrieb für die Religionen, damit sie gegen den Trend miteinander nach Gemeinschaft trachten und nach der offensichtlich verlorenen Sprache der Liebe suchen. Solange wir nicht miteinander suchen, bleibt jeder festgelegt auf die eigene Sprache und Kultur.
Wir sind dann nicht etwa fest, sondern wir halten ‚etwas‘ fest und werden starr in dem, was wir haben.
Dann ist es Zeit aufzubrechen. Ob das wirklich der Störfaktor Gott ist, der diese Situation entstehen lässt oder vielleicht ist doch unsere Störung im Verhältnis zu Gott?
Wer das beantworten will, der lerne zu hören auf die Sehnsucht der Menschen nach dem Anbruch einer anderen Zeit. Und das ist keine religiös-romantische Befindlichkeit.
Wenn es an den Umbau und Wieder-Aufbau der Gesellschaft geht, sind wir auf der göttlichen Spur, die mit den Zeugen des Glaubens sich eingräbt in das Pflaster unserer Städte.
Und warum das so ist – darüber wollte ich mit euch nachdenken.
Und ich bin jedesmal erwartungsvoll, ob meine Weggefährten in den Spuren des Lebens und auf den Spuren Gottes in der Geschichte andere oder ebensolche Erfahrungen machen und bin immer wieder gespannt, was sie berichten werden.
Mit Euch brachte das anregende Gespräch für mich alte und neue Einsichten zutage. Ihr habt mir Zeit gelassen, darüber zu reden. Sonst lasse ich die anderen reden. Aber das reichte einigen nicht – wie wir am Anfang bemerken mussten.
Also, Danke fürs Zuhören und Mitschreiben und Weitergeben

Reiseberichte

Brief 1

10.5.16
Liebe FreundInnen und Bekannte,

heute schreibe ich Euch den ersten Rundbrief nach dem großen Fest zum Generations-wechsel in der Naunynstraße am 16/17. April 2016. Überraschenderweise habe ich dort  40 Jahre meines Lebens eingebracht. Wir drei Jesuiten wollten dort nur wohnen. Nach und nach haben wir das Geschenk bekommen, dort mit sehr vielen Menschen zusammen zu leben – aus über 70 Ländern und mit sehr sehr unterschiedlichen Lebenswegen. Das war eine gegenseitig wachstumsfördernde Herausforderung, die oft zur Herzerweiterung führ-te. Danke, danke, danke Euch allen, die ihr die Prozesse von nah und fern mitgetragen habt.

Etwa 350 Menschen aus allen Etappen dieser 40 Jahre waren gekommen. Ich konnte nicht alle begrüßen, doch ich habe anschließend mit viel Freude einige Erzählungen von den Begegnungen untereinander gehört. Mit dieser Freude und Dankbarkeit über die vielen Menschen, die dieses Fest ermöglicht haben – alle aus der WG-Naunynstraße, die Gastge-ber im Refugio, den Gäste oft von sehr weit her aus der Schweiz, den Niederlanden, Nord-irland, … und den Berlinern mit ihrer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft -, bin ich dann aufgebrochen.

Der wichtigste Moment war für mich in dem Zeichen zusammengefasst: die Übergabe der Tischplatten am Samstag und der Gottesdienst um diesen Tisch der Gemeinschaft mitten in der St. Michaelskirche (Kreuzberg), zu dem viele etwas beitrugen, bis hin zu Roi, der einen Text aus seiner hinduistischen Tradition gesungen hat. Diese gelebte Offenheit Menschen verschiedener Religionen und Kulturen gegenüber soll sich auch in der Zukunft fortsetzen, haben Iris Weiss und Michael Peck immer wiederholt. Dem hat sich spontan auch Dorothea Hofmann angeschlossen, die im September nach Berlin ziehen will. Und sie haben immer neu dazu eingeladen, dieses Anliegen mit zu unterstützen. Das Samstagsfrühstück wird weiter eine Gelegenheit der Kontaktaufnahme sein.

Eine andere Gelegenheit ist die Streuung des zum Generationswechsel erschienen Buches „Einfach Ohne“. Es ist im Selbstverlag in einer Auflage von 3000 Exemplaren erschienen und hat keinen Verkaufspreis. Ihr könnt auch mehrere Exemplare in der Naunynstr. anfordern und eine Euch angemessene Spende zu den Druckkosten auf das neue Gemeinschaftskonto überweisen:

Michael Peck IBAN: DE37 4306 0967 1189 9752 00, BIC: GENIDEM1GLS

Auch die Exerzitien auf der Straße sollen hier am Entstehungsort fortgesetzt werden. Die Übenden halten die Suche aller offen.

Wenn die Unterstützung des Jesuitenordens nach und nach zusammen schmilzt, wird der Rückhalt bei Freuden und anderen Institutionen um so wichtiger sein, wenn weiter Schutz-suchende dort ein Zuhause finden sollen. So bitte ich Euch um die Unterstützung, die Euch möglich ist. Sie beginnt mit dem Wahrnehmung der notwendigen Veränderungen, die jetzt sichtbar werden. Dazu sind Besuche eine Chance aber auch das Lesen/Abonnieren der Webseite der Gemeinschaft: naunynblog.wordpress.com

Während meiner nun begonnen Reise habe ich mein, „Basislager“ in der Jesuitengemein-schaft am Canisiuskolleg aufgeschlagen und wurde dort sehr herzlich aufgenommen: Tiergartenstr. 30/31, 10785 Berlin. Am 22. April ging es dann los zum Treffen der Arbei-tergeschwister in der Nähe von Frankfurt/M., dann ins Saarland zu drei Lesungen aus unserem neuen Buch „Im Alltag der Strasse Gottes Spuren suchen“. Mit diesen Präsenta-tionen begann ich ja schon im Februar in Flensburg und setzte sie mit Rolf (Musik) einige in Berlin fort.

Leider bin ich nicht ganz gesund aufgebrochen und wollte auch nicht sofort auf die Schmerzen hören. Meine GastgeberInnen haben mir aber geholfen, bis ich nun endlich auch die Botschaften, die in dieser Krankheit liegen, hören konnte. Dazu habe ich mich in den Kurort St. Blasien zurückgezogen und Klaus Mertes besucht, der uns in der Naunyn-straße oft unterstützte. Diese UnterstützerInnen zu besuchen ist mir auf der Reise ein wichtiges Anliegen. Montag ziehe ich weiter nach Bühl, wohin ich zu einer Buchpräsen-tation in der Korkordiagemeinde von Sonja Hannemann eingeladen wurde. Danach geht’s weiter in die Gegend von Ravensburg, wo einige der Unterstützerinnen wohnen. Den weiteren Verlauf der Reise findet Ihr auf der Webseite nacktesohlen.wordpress.com unter Terminen.

Vom schönen Saarland kommend war ich zuerst in einem Seminar an der Fachhochschule für Sozialarbeit in Köln von Josef Freise eingeladen. Danach kam ein Klinikbesuch in der Nähe von Würzburg. Ungewöhnlich war dann eine professionell begleitete Buch-Präsen-tation im Domforum in Köln mit anschließender Einladung bei Micha und Birgit zusammen mit meiner Schwägerin Marita und meinen beiden Brüdern Matthias und Michael. Das war sehr schön.

Am nächsten Tag war ich dann in der Studentengemeinde in Karlsruhe und musste an vielen Orten vorbeifahren, wo ich auch gern ausgestiegen wäre.

Ich freue mich auf die Begegnungen mit Euch während der weiteren Reise, die mir gerade-zu von meiner Behinderung geschenkt wird, da ich auf allen Regionalzügen und in anderen öffentlichen Verkehrsmitteln freie Fahrt mit einer/m Begleiterin habe.

Deutlich bemerkte ich schon vor der Reise das Interesse in mir, mich dem Thema „Jesus auf der Straße“ zu stellen, in allen drei Dimensionen:

Welche Vorstellungen aus seiner Tradition haben ihn dabei begleitet – bis hin sich Straße/Weg zu nennen?

Wie höre ich ihn in der Öffentlichkeit, denn er hat ja meist auf der Straße gelehrt?

Wie begegnet er mir heute unterwegs?

Gestern begann ich im Johannesevangelium zu lesen: Jo 1,19-28. Johannes der Täufer wird aufgesucht und von einer Abordnung aus Jerusalem befragt, was er im Schilde führe. Johannes grenzt sich zuerst von falschen Gleichsetzungen mit Menschen aus der Geschich-te ab. Erinnert dann an einen Satz des Propheten Jesaja bis er zu einem für mich nachös-terlichen Satz kommt: „Mitten unter Euch steht der, den ihr nicht kennt.“ Ja mitten unter uns steht der Überraschende, der Auferstandene in immer neuen Gestalt. Das ist die Botschaft der Straße.

Für diese immer neuen Begegnungen in mir und in der Öffentlichkeit will ich offen sein und freue mich auch über Eure Erzählungen. Ich versuche über Mail regelmäßig erreichbar zu sein.

Unterdessen bin ich vorgestern wieder frohgemut von St. Blasien (oben im Schwarzwald) aufgebrochen und wurde von Sonja H. Nach Bühl in die Gemeinde eingeladen. Es waren über 30 Leute gekommen und ich habe unser Exerzitienbuch vorgestellt. Der Boden war durch die Erzählungen von Sonja vorbereitet und ich war der 2. Zeuge, der zur Bestätigung wichtig ist. Und dann fiel bei einigen der „Groschen“. Es war eine durch und durch gast-liche Aufnahme. Leider war mein Mitbruder Lefrank verreist. Er war der Dritte, der 1996 bei uns in Kreuzberg Exerzitien auf der Straße machen wollte und gleichzeitig einen Kurs für Jesuiten aus schrieb.

Herzliche Grüße von unterwegs
Christian

Brief 2

22.6.16

Liebe Freunde und Bekannte,

diesen Rundbrief schreibe ich aus Berlin. Gerade ist der Exerzitienkurses für PastorInnen der Nordkirche zu ende gegangen – die Vereinigung von drei evangelisch lutherischen Lan-deskirchen über die ehemalige Grenze zwischen Ost und West hinweg entlang der Ostsee von der dänischen bis zur polnischen Grenze. Das war ein mutiger Schritt.

Die Übenden kamen aus den verschiedenen Bereichen aus den Städten wie Hamburg oder Flensburg und den vielen kleinen Ortschaften. Alle brachten eine große Fröhlichkeit mit. Das Exerzitienprozesse auch durch schmerzhafte Phasen gehen, will ich hier nicht ausführen. Doch danach erlebe ich eine große Dankbarkeit über das neue Land in unserem Leben, dass wir während dieser Zeit betreten dürfen.

Die Verschickung dieses Rundbriefes wird auf Schwierigkeiten stoßen, da während der Reise alle Mailadressen und auch andere Funktionen verloren gingen. Ich bitte Euch um Nachsicht, wenn Ihr entdeckt, dass Ihr den Rundbrief nicht erhalten habt oder Eure Exerzitienanmeldung untergegangen ist. Meldet Euch bitte, denn ich kann die Ausfälle nicht alle ahnen.

Viele Antworten habe ich auf den Rundbrief 1 bekommen, den ich nach der Lesung in Bühl (9.5.16) verschickte. Danach war ich leider nur eine Nacht in Germersheim (gegenüber von Karlsruhe auf der anderen Rheinseite) bei Ibrahim auf dem dortigen Campus der Hochschule. Er hat lange in Kreuzberg gewohnt und dann diese Uni gefunden, die auch nicht muttersprachlichen Studenten eine Chance gibt, Übersetzer zu werden. Voll Dank-barkeit bin ich dann Richtung Ravensburg aufgebrochen und wollte das Kloster Kellenried besuchen. Dort wurde all die Jahre für uns gebetet. Doch die Schwester Hedwig, mit der ich 1973 auf den Spuren von Paulus in Griechenland war, war wieder so krank, dass ich meinen Besuch leider verschieben musste. Stattdessen besuchte ich Michael Schindler, der mir seine Dissertation über die Straßenexerzitien mit einer Widmung schenkte. Das Lesen darin macht mir viel Freude und lässt mich vieles neu entdecken. Seine Frau war leider nicht da, aber seine Kinder konnte ich begrüßen. Am nächsten Tag sah ich bei einem Fest der Franziskanerinnen Schwester Paulin, eine Freundin von Schwester Hedwig. Sie brachte mich auf den Bauernhof von Maria und Roland ins Allgäu. In der sehnsüchtigen Erwartung auf einen Bauernhof malten wir zu dritt vor vielen Jahren an dieses Zukunftsziel an eine Wand in unserem Wohnzimmers. Viele Jahre wohnten die Beiden in einem Bauwagen auf dem Acker, den sie bearbeiteten und dessen Gemüse und Kräuter sie auf dem nahen Markt verkauften. Dort bekamen sie auch ihre Kinder. Dann bauten sie wirklich – jetzt habe ich es gesehen – einen neuen Bauernhof auf einem Hügel mit Alpenblick und ihre Felder liegen ihnen zu Füßen rundherum: Ein geräumiges Wohnhaus für zwei Familien und viele Prakti-kanten und ein Arbeitshaus/“Scheune“, wo die Markttage vorbereitet werden, und ein Stall mit einigen Kühen und 2 Bullen….. Viel zu schnell fuhr ich weiter nach Ravensburg in eine größeren Gemeinschaft. Dort war die nächste Lesung.

Am nächsten Tag konnte ich meinen dritten Beitrag für die Zeitschrift Jesuiten schreiben und abschicken „Kommt und seht!“ Dieser Satz Jesu markiert im ersten Kapitel des Johannesevngeliums den Übergang vom verborgenen Leben Jesu zum öffentlichen. Das ist ein dramatischer Übergang für mich, zu dem er jede/n von uns einladen kann.

Von Ludwigshafen, der Zeppelinstadt am Bodensee, brach ich am zweiten Pfingsttag in den Norden auf. In die Basisgemeinde Wulfshagener Hütten nördlich von Kiel war die nächste Lesung. Diese mich beeindruckende Gemeinschaft hat einen Ableger in Berlin in der Dun-kerstraße und ist mit den Bruderhöfen vor allem in den englisch sprechenden Ländern be-freundet. Nördlich des Nord-Ostsee-Kanals leben sie in einem heruntergekommenen Guts-hof davon, Kinderspielzeug für Kindergärten usw. herzustellen. Sehr beachtlich nicht nur wegen der modernen Maschinen und den vielen Arbeitsplätzen auch für behinderte Men-schen aus der Umgebung, sondern auch wegen ihres Friedenseinsatzes seit vielen Jahren. Auch bei ihnen läuft seit einigen Jahren ein Generationswechsel. Vom Gründerehepaar lebt die fast 80jähre aktive Frau weiter dort. Ihr Mann ist schon länger gestorben.

Weiter fuhr ich dann nach Schleswig ins Bibelzentrum. Auch dort eine herzliche Aufnahme. Überraschend war Iris aus Berlin angereist. Mit ihr habe ich ja die letzten 16 Monate in Berlin zusammen gewohnt, sie schätzen gelernt und zu dem Vertrauen gefunden, ihr zusammen mit anderen eine besondere Verantwortung für die Gemeinschaft in der Nau-nynstr. zu übergeben. Sie hat auf Grund ihrer Lebensgeschichte, die Auswirkungen der Ausrottung der Juden im Dritten Reich und ihres eigenen religiösen Weges als Jüdin zu einer interreligiösen Offenheit gefunden, die sie die bestehende Gemeinsamkeit in der Ver-schiedenheit sehen lässt. – Nach der Lesung wurde ein Eimer Wasser vor mich gestellt und eine wasserfeste Bibelausgabe hineingeworfen. Es war ein Geschenk für mich.

Zwei Tage später war ich in dem Benediktinerkloster Nütschau zwischen Hamburg und Lübeck eingeladen. Den noch jungen Prior Bruder Johannes kenne ich seit einigen Jahren. So durfte ich in einer Zelle unter den Brüdern in der Gemeinschaft schlafen und konnte ihnen noch am Samstag Abend etwas von der Dynamik der Straßenexerzitien erzählen. Am Sonntag nach dem Gottesdienst war ein Tag der Begegnung mit FreundInnen des Klosters zum selben Thema. Auch dazu waren viele Brüder gekommen.

Danach hatte mich Björn in die Jesuitenkommunität in Hamburg eingeladen und in die St. Ansgar-Schule. Als Jugendlicher war ich von Kiel aus einige Male dort. In etwa 11 Klassen stand ich dann am Dienstag und Mittwoch Rede und Antwort auf ihre Fragen. Donnerstag fuhr ich dann zum Katholikentag in Leipzig. Zu gut besuchten Veranstaltungen trug ich et-was bei: Zweimal mit etwa 60 Personen und über 10 BegleiterInnen zu Exerzitien auf der Straße und für ein Podium zu dem Thema „Kampf und Kontemplation“ in einem überfüll-ten Saal.

Ihr findet einen Bericht unter: https://motetus.wordpress.com/2016/05/31/strassenexerzitien/
Die Stände von den Jesuiten, Combonies usw. habe ich besucht. Beim Anstehen vor einem Stand mit heißen Kartoffeln habe ich einem Ehepaar aus Münster den Erfahrungsbericht von Hans in 2000 Hamburg auf den ersten Seiten unseres Buches vorgelesen – die Ge-schichte mit den Armreifen – und sie erzählten mir, dass Hans nun schon etwa 75 Jahre alt den Armreif noch immer trägt. Doch sie wussten nicht, wann und warum er ihn bekommen hatte. Hans war lange ihr Chef.

Sonntags bin ich mit Dorothee, die im September in die WG Naunynstraße einziehen will, nach Frankfurt gefahren und war mit ihr abends im Studentengottesdienst in St. Ignatius, wo ich auch zum Priester geweiht wurde. Anschließend wurden wir dort von den Mitbrü-dern zu einem Gas Wein eingeladen. Fast alle waren versammelt und einige meiner alten Lehrer in der Theologie. Eine sehr interessierte Atmosphäre.

Montag ging es weiter in den Kölner Raum zu den Familienresten in Meckenheim. Am Mittwoch war dann der Besuch in der Obdachlosenkirche in Köln dran. Schwester Franziska, die mich vor allem eingeladen hatte, konnte an dem Tag nicht sprechen. Doch dafür um so mehr eine Französin, die auf mich gewartet hatte. Sie lud mich zu einem dreitägigen Aufenthalt in Rom ein zusammen mit etwa 6000 Menschen in prekären Lebensphasen, die der Papst für den 11. bis 13. November eingeladen hatte. Ich soll nach ihrer Vorstellungen am zweiten Tag eine Bibel-lese mit den aus Deutschland Angereisten machen. Ähnliches war nun auch in Köln vorgesehen. Wieder eine schöne Runde in der alten Kirche der Franziskaner, die ihnen unser jetziger Berliner Bischof Koch anvertraut hatte. Sein Bild fand ich im Versammlungsraum.

Von dort fuhr ich in die Jesuitenkommunität an der Schule in Bad Godesberg, mit der mich einige Geschichten nicht nur durch den Blog zum sexuellen Missbrauch verband. Auch dort bin ich zum Unterricht eingeladen worden und dann am nächsten Tag mit Johannes nach Stuttgart zu einem Treffen von 200 Rektoren katholischer Schulen in Stuttgart gefahren. Von der Leitung des Bundeskongresses mit dem Thema „Verantwortung wahrnehmen – Ge-sellschaft gestalten“ waren wir angefragt am Nachmittag neben den diversen Arbeitsgrup-pen für eine Gruppe Exerzitien auf der Straße anzubieten. Wir rechneten mit einigen Inter-essentInnen und reisten mit sechs BegleiterInnen an. Reich beschenkt wurden wir mit den Erzählungen der fünf Übenden, die wir zusammen anhörten und ins nachfragende Ge-spräch kamen. Danach eilte ich zum Bahnhof, denn ich wollte am späten Abend in Thun/Schweiz sein.

Conny und Christine waren die Gastgeberinnen. Am ersten Tag luden sie ihre Freunde vor Ort ein, mit den Exerzitien auf der Straße eigene Erfahrungen zu machen. Am nächsten Tag predigte ich im Sonntagsgottesdienst. Im Evangelium wird erzählt, dass der einzige Sohn einer Witwe zu Grabe getragen wird (Lk 7,17-37). Da sprang der Lebensmotor Jesu an, als er den Leichenzug am Stadttor in Nain sah. Jesus ging innerlich in Beziehung mit der Mutter und hatte Mitleid mit der Frau. Nun treibt ihn die innere Kraft weiter und er sagt ihr: „Weine nicht!“ und hielt den Leichenzug an. Der Weg vom Tod zum Leben begann neu. Wann springt unser Lebensmotor an, damit wir den Mut haben mit anderen aus hoff-nungslosen, toten Situationen ins Leben zurück zu kehren? Wann riskieren wir unseren guten Ruf, unsere Ruhe, unser Leben um eine verfahrene Situation um zudrehen? Auf die-se spannende Frage wurde ich in den nächsten Tagen noch einige Male angesprochen. – Direkt nach dem Gottesdienst war im Gemeindesaal eine Buchvorstellung mit vielen jungen und älteren Zuhörern. Danach wurde ich von den beiden Frauen zu der Einsiedelei von Bruder Klaus mitgenommen, den Franz Keller, mein im letzten Jahr verstorbener Mitbru-der, so verehrte. „Mit ihm“ bin ich den steilen Weg hinunter ins Tal gegangen. Ein mich bewegender Zeitabschnitt, denn Franz sprach oft von diesem eigentümlichen – National- heiligen, der nach der Geburt seines 12 Kindes mit Einwilligung seiner Frau in diese Einsiedelei zog. – Danach kehrte ich nicht nach Thun zurück, sondern verließ das milde Klima am Thuner See und besuchte die Familie von Conny. Sie ist mit einem Bergbauern verheiratet. Er fuhr am nächsten Tag mit mir auf die Alm oberhalb der Baumgrenze, wohin die Tiere in einigen Tagen gebracht werden. Die Aufregung war schon zu spüren. Das Recht wie viele Tiere auf der Alm Platz haben, musst zusammengekauft, die Steine auf den Wiesen aufgesammelt … werden. Dann kann das Gras in der Nähe des Bauernhofes wach-sen und auf dieser Höhe einmal im Jahr zum Heuen geschnitten werden. Zwischen diesen beiden Arbeitsstätten spielt sich das Leben in den Sommermonaten ab. Auf der Alm das Melken der Tiere, die Verarbeitung der Milch zu Käse, die Tiere den Tag über im Stall zur Ruhe legen, also sie vor den stechenden Insekten zu schützen und im Tal all die anderen Arbeiten wie das Heuen.

Nach diesem Ausflug auf fast 2000 m fuhren wir am nächsten Tag nach Bern zu einer wei-teren Lesung und dann am nächsten Tag das pastorale Team mit den Regeln Jesu (Lk 10,3f) der Gegend zwei Stunden in die Stadt zu schicken und dann uns mit ihnen in zwei Gruppen über die Erfahrungen auszutauschen. Die KollegInnen von Conny und Christine waren teilweise von weit her angereist. Die erstmaligen Begleiterfahrungen haben sie dann beflügelt mich am nächsten Tag nach Basel zu bringen und Christoph Albrecht zu besu-chen, der schon einige Kurse zusammen mit anderen in der Schweiz begleitet hat. Das war eine schöne Begegnung, der ich beiwohnen durfte.

Der Mitbruder, mit dem Christoph zusammen wohnt, erzählte mir am nächsten Morgen von unserer Lesung in Bern. Eine Frau hatte ihm ausführlich erzählt. Auch für mich war sie etwas besonderes, denn ein langjähriger Mitbewohner aus Cambinda Bartolomeu Capita tauchte dort auf und schenkte mir sein neustes Buch „Save the Congo, to stop World War III“ (gedruckt in der USA). Er lebt immer noch ohne Papiere und ein positives Ergebnis seiner Mission scheint aussichtslos, nämlich der Freiheitsbewegung seines Landes Gehör zu verschaffen. Es wurde mit all seinen Bodenschätzen von Angola einverleibt. Die UN konnte die Eigenständigkeit nicht schützen.

Dann ging es zurück nach Berlin zu einer Lesung in der Basisgemeinde und zu dem Exerzi-tienkurs für PastorInnen der Nordkirche. Von Iris, die zur Zeit weiter den Übergang in der Wohngemeinschaft maßgeblich gestaltet, wurde ich zum offenen Samstagfrühstück in die Naunynstr. eingeladen. Das war eine ganz warme Begegnung, bei der ich nochmals spüren konnte, wie die Bewohner und Freunde sich über meine Freiheit freuten und mich aus dem Alltag vor Ort freisetzten. Trotz dieser Distanz konnte ich sehen, welch schöne Schritte sie in den letzten Wochen gegangen sind. Diese Freude wurde durch keinen Problembericht vernebelt.

Jetzt ist für einige Tage der Provinzial, also der Verantwortliche im Jesuitenorden für Deut-schland und Schweden, Stefan Kiechle zur Visite in Berlin, seinem letzen Jahresbesuch. In Kürze fährt er mit anderen Delegierten nach Rom, einen neuen Generalbevollmächtigen für die weltweite Gemeinschaft zu wählen.

Herzlichen Gruß an Euch alle
Christian

Brief 3

2.8.16

Liebe FreundInnen und Bekannte,

diesen Rundbrief schreibe ich Euch wieder nach einem Exerzitienkurs auf den Straßen Ber-lins. Und die Adressenkartei habe ich leider immer noch nicht wieder ganz fit bekommen. Alle Versuche sind bisher fehlgeschlagen. Manche von Euch haben den Rundbrief an Ver-gessene weitergeleitet. Herzlichen Dank.

Wie ist es am 24. Juni bei mir weitergegangen? Abends war ich eingeladen in Villingen. Die letzte Etappe dorthin war besonders schön, aus dem Rheintal kommend führt die wun-derschöne Bahnstrecke quer durch den fast unberührt erscheinenden Schwarzwald in diese mittelalterliche Stadt. Etwas außerhalb der Stadtmauern fand dann die Präsentation unse-res neuen Buches zu den Straßenexerzitien im Gemeindesaal der Bruder-Klaus-Gemeinde statt: „Im Alltag der Strasse Gottes Spuren suchen“, hrg. von Christian Herwartz, Maria Jens-Wenstrup, Katharina Prinz, Elisabeth Tollkötter und Josef Freise im Neukirchener Aus-saat-Verlag. Barbara Braunagel hatte dazu eingeladen. Es macht immer wieder Freude, die in diesem Buch gesammelten Erfahrungen zu hören.

Am nächsten Tag war ich bei der Familie von Corinna in München. Sie wohnen neben einer weithin bekannten neuen orthodoxen Kirche – geradezu eine Kathedrale für die ver-streute Gemeinde. – Am Nachmittag fuhr ich nach St. Martin zu Andreas Ebert und war da auch zum Abendgottesdienst und über Nacht. Gern hätte ich am nächsten Tag einiges im Provinzialat der Jesuiten geregelt. Doch der entsprechende Mitbruder war auf Reisen. So bin ich weitergefahren nach Freilassing zu Hainer mit seiner Familie, um dann am Montag Morgen nach Steyr weiter zu fahren. Dort fand vom 28. Juni bis zum 1. Juli eine Aktion der katholischen Jugend unter dem Stichwort „sichtbar“ statt. Jeweils am Vormittag gab es in der Schule Workshops zu verschiedenen Themen. Mittags konnten alle auf dem Markt-platz in der Begegnungszone vor einer Kirche essen. Danach waren an allen drei Tagen neben vielen anderen Einladungen von 14 bis 19 Uhr Straßenexerzitien angesetzt. Das Rahmenprogramm begann jeweils mit einer musikalischen Nachspeise in der Stadtkirche, anschließenden wurden Kirchenführungen in allen drei Kirchen der Stadt angeboten. Dann folgten recht unterschiedliche Aktionen. Am Montag war der Bischof bei allen Veranstaltungen dabei und feierte am Abend mit uns einen Gottesdienst, am Dienstag Abend fand eine Podiumsdiskussion Jugend & Religion statt, am Freitag begann schon am Nachmittag ein Riesen-Wurzzler Turnier, das mit einer HotDogParty abgeschlossen wurde.

Anfangs fand nur eine kleine Gruppe von etwa fünf Jüngeren zu den Exerzitien. Am zweiten Tag verdoppelte sich die Zahl, weil einige Erwachsene dazu fanden. Am dritten Tag kamen aus beiden Gruppen eine kleine Auswahl. Sie ließen sich mit viel Freude auf dieses Experiment ein. Für mich hatte dieser Abschlusstag noch zwei weitere Überraschungen: Ich wurde zu einer Gesprächsrunde mit Gefangenen eingeladen, die sich in einer längere Haftzeit bewähren sollen. Am Donnerstag Abend folgte eine Buchvorstellung im Gemeindehaus, das auch das Elternhaus meiner Gastgeberin Katharina ist.

Am nächsten Tag lud mich Florian nach Freiburg/B zu einer Lesung in die Studentengemeinde ein und am Tag darauf zu eintägigen Staßenexerzitien. Viele nahmen an beiden Angeboten teil. Da wir am Samstag um 16 Uhr fertig wurden, fuhr ich kurzentschloasen mit den für mich kostenfreien Regionalzügen zum Sonntagsgottesdienst nach Köln. Während einer Unterbrechung in Mainz konnte ich das neugeborene Kind von meiner Nichte Maria und ihrem Mann Thomas bewundern. Ein sehr schöner Zwischenstopp.

In der alten Kölner Stadtkirche St. Peter zog nach den Ministranten mit ihren bunten Gewändern der Pfarrer mit seinem Gast beide – in Anzügen – ein. Statt Predigt sprachen sie – Navid Kermani und mein Mitbruder Werner Holter – am Anfang über Petrus anhand zweier Bilder, auf denen die Kreuzigung Petri dargestellt wird. Jeder Besucher bekam diese Darstellungen von Michelangelo Merisi da Caravaggio (Rom) und von Peter Paul Rubens. Das Werk hängt in dieser Kirche. Im ersten Bild (1604) treten alle Begleitpersonen in den Hintergrund und im zweiten barocken Werk (1638) sind viele Motive angesprochen. Im Gespräch ging es vor allem um dass Thema, wie kann eine Mensch mit seinen Schwächen für andere zum Fels werden. Es war mir eine Freude, den beiden zuzuhören. Immer wieder sah ich im letzten Jahr den Fernsehbericht mit der Rede von Navid Kermani in der Frankfurter Paulskirche. Der Preisträger des deutschen Buchhandels sagte darin einen für mich wichtigen Satz und belegte ihn in seiner Rede mit der Darstellung von christlichem Verhalten in Syrien. Er lautet in etwa so: In die Aussagen einer anderen Religion kann ich mich verlieben, der eigenen gegenüber muss ich kritisch bleiben. Ja das erfahre ich auch so, so sehr ich andererseits alle Einsichten meines Glaubens spontan zu verteidigen suche, aber nicht jede Lebensäußerung meiner Mitchristen.

Nach dem Gottesdienst traf ich Michael Schnegg und sprach mit ihm über meinen Wunsch, gründlicher dem Geheimnis nachzugehen: Jesus der auf der Straße lehrte, darüber zur Straße wurde und dort von uns auch heute entdeckt werden kann.

Danach besuchte ich Benedikt Kaesberg in Paderborn, der schon oft seit seiner Wanderschaft als Zimmermannsgeselle in der Naunynstr. war. Er blickte von dort kommend auf meine gerade stattfindende „Missionsreise“. Seine Freude war ein großes Geschenk.

Montag Abend hatte mich Athos-Diether zu einer Lesung in eine große Buchhandlung in Paderborn eingeladen. Die Buchhändlerin war skeptisch, ob dazu jemand kommen würde. Doch wir blieben nicht allein und das Gesicht von ihr wurde immer heller. Anschließend fuhr ich mit ihm aufs Land, wo er umschlossen von einem Truppenübungsplatz wohnt.

In der Naunynstraße heißt Diether Athos-Diether, weil er sehr oft in den Klöster auf dem Athos ist und gerne davon erzählt, selbst Ikonen malt und diese Frömmigkeit wertschätzt. Nach einem sehr guten Frühstück – leider habe ich seine Frau nicht gesehen – brachte er mich zu einem Bahnhof, denn die für diesen Tag vorgesehenen Straßenexerzitien waren nicht zustande gekommen. Von dort aus fuhr ich nach Dortmund, wo ich von der Familie Fisch erwartet wurde. Der Höhepunkt war am Freitag die Taufe ihres jüngsten Sohnes Rafael, mit vielen Freunden und Nachbarn. Aber auch die Abende vorher war ich mit ihnen unterwegs in einem mehr privaten Kontext und einer Veranstaltung des Sozialinstitutes Kommende, wo Andreas arbeitet. Sein Kollege befragte mich in der Reihe „Querdenker im Interview“ zu vielerlei Themen.

Nach diesem langen Aufenthalt bin ich nach Duisburg gefahren, wo ich mich mit Nadine Sylla auf dem Bahnhof traf. Es gab viel zu erzählen. Dann gingen wir zusammen zur Hochzeit von Elisabeth und Markus. Vier Chöre hatten sich eingefunden den Gottesdienst zu unterstreichen und das Jawort der beiden in Erinnerung zu halten. Markus ist Chorleiter und hat vielleicht schon alle vier Chore dirigiert. So fühlte es sich für mich an. Nach dem Festessen brachen wir nach Aachen auf, wo Nadine wohnt. Dort will auch Ibrahim in den Semesterferien eine Arbeit suchen. Das Ende seines Studiums kommt langsam in Sichtweite.

Auf der anschließenden Fahrt mit vielen Umsteigern fiel mir auf, wie die Angst vor Anschlägen schon den Alltag beherrscht, sodass die Züge wegen der Auflagen ihre Ziele nicht pünktlich erreichen. Bahnpolizei wird um Unterstützung gebeten, wenn Koffer am falschen Platz stehen, denn die Fluchtwege müssen frei bleiben. So musste ich zweimal auf schnellere Züge umsteigen, um dann den Zug nach St. Blasien im Schwarzwald noch pünktlich zu erreichen.

Dort habe ich mich ausgeschlafen. Ich war müde allein schon wegen dem großen Luftwechsel. Meine Exerzitien konnten beginnen.

Nicht mehr für den Krieg zu üben – Eine Vision des Propheten Jesaja – hörte ich in der Laudes und sie wurde mir zum Leitmotiv in den ersten Tagen. Wie oft verlassen wir die Einheit und wollen im Vergleich mit dem anderen besser sein, sie übertrumpfen oder sogar ausschalten? Auch gegen uns selbst können wir kriegerisch vorgehen und berechtigte Interessen beiseite schieben. So wurde mir das Reden mit meinem behinderten Bruder in mir immer wichtiger. Ich spürte die Einheit mit ihm, der mich mit dem Parkinson so sehr verlangsamt. Ich möchte mit ihm weiter im Frieden leben und lernen auch die andern Geschwister mit ihren Behinderungen zu achten. Klaus Mertes, der mich begleitete, gab mir drei Texte aus den Paulusbriefen, die mich weiter in dieser Auseinandersetzung mit den eigenen Begrenztheiten begleiteten: Gal 4,12f; 1 Kor 9,12; Phil 3,7-21. Dazu las ich etwas in dem herausfordernden Kommentar von Norbert Baumert zu den Briefen an die Galater und an die Philipper. Er gab dem Buch den Titel „Der Weg des Trauens.“ Ja Gott traute Paulus zu nach der ausgewiesenen Erfüllung des Gesetzes einen Schritt weitere zu gehen, ohne die Achtung vor dem Leben davor zu verlieren. Ja auch uns ruft Gott einen weiteren Schritt weiter ohne Verachtung auf diesem Weg des Zutrauens zu gehen.

Mir wurde noch deutlicher, dass ich schon einen Auftrag habe, nämlich weiter im Kontakt mit dem Geheimnis der Straßenexerzitien zu bleiben. Gerade ist wieder eine pastoraltheo-logische Dissertation zu diesem Thema erschienen: „Gott auf der Straße.“ Ich spüre, dass ich nicht nur die schwarze Schrift lesen soll, sondern weiter nach den Botschaften in den Zwischenräumen, der weißen Schrift, suchen soll. Keiner kann sagen, welcher Satz der Bi-bel Jesus zu der Selbstausage motiviert hat: „Ich bin Straße, Wahrheit und Leben.“ Doch ich möchte gern nach einer Antwort für mich suchen und andere unterstützen Ähnliches zu tun.

Zum Abschlussgottesdienst bin ich – ebenso Klaus Mertes – nach Berlin gefahren, denn am 20. Juli findet regelmäßig ein Gottesdienst mit den Nachfahren der Opfer unter dem Gal-gen in Plötzensee statt. Ihre ökumenische Praxis im Gefängnis und ihre Reflexion ist mir richtungweisend.

Doch die Übungen waren noch nicht zu ende. Ich musste nochmals mein Unvermögen wahrnehmen und wurde davon geschüttelt. Paulus schreibt auch davon und spürt darüber den Zwang das Evangelium zu verkündigen. Ja da ist eine scheinbare Unfreiheit, dieser Botschaft treu zu bleiben.

In den Tagen wurde mir deutlicher, von was ich mich alles antreiben lasse und wie uns doch zugetraut wird, uns aus unserm Inneren heraus führen zu lassen. Die wild gewordenen Geister in mir haben mich nochmals „unter Wasser“ gedrückt. Meine Parkinsontabletten wurden für mich unerreichbar und so konnte ich nur noch schwankend gehen, meine Müdigkeit blockierte vieles, doch es begann ein neuer Exerzitienkurs und die Erfahrungen der Übenden riefen mich zusehends neu ins Leben. Gott sei Dank.

Am Sonntag war der Abschlussgottesdienst in Kreuzberg in der St. Michaelskirche, wo wir am 17.4.16 den Gottesdienst feierten, der mich auf den Weg/die Straße brachte, auf dem ich nun so vieles erleben darf. Wir vier BegleiterInnen legten im Gottesdienst spontan das Evangelium aus und stellten uns nach dem Gottesdienst den Erfahrungen der Besucher.

Morgen breche ich nach Flensburg auf, wo am Freitag ein neuer Kurs Exerzitien auf der Straße beginnt.

Ganz herzliche Grüße an Euch alle

Christian

Brief 4

7.9.16
Liebe Bekannte und FreundInnen!

Am 3. August bin ich wieder aufgebrochen, diesmal gen Norden und da bin auch geblie-ben. Nach einer kurzen Anwärmphase in Neukirchen, am äußersten Ende der Flensburger Förde, gegenüber von Sonderburg in Dänemark, ging es weiter nach Flensburg ins Gemein-dehaus der katholischen Kirche St. Marien. Dort wurden wir sehr freundlich aufgenommen. Doch von den fünf angemeldeten TeilnehmerInnen trafen nur drei ein und eine von ihnen fuhr schon nach kurzer Zeit wieder ab. So wurde der Kurs aus meiner Sicht ein sehr inten-siver mit zwei Übenden und zwei Begleitern. Einer davon war Saku ein Pastor aus Finn-land, der mit zwei Geschenken von Orten kam, die ihm sehr wichtig sind: Ein farbiger Tischläufer von Gefangenen gefertigt (Saku war lange Gefängnispfarrer mit einer Sehn-sucht dorthin zurück zu kehren. Dort hat er auch Exerzitien begleitet) und eine Unterlage für heiße Töpfe gefertigt von Behinderten, die er heute begleitet. Saku machte schon an verschiedenen Orten Straßenexerzitien und wollte diesmal mit begleiten. Vielleicht haben wir bald einen Ableger in Finnland. Die
Gottesdienste feierten wir schon mal in der Regel auf Finnisch und konnten ihren Fortgang gut an den Gesten folgen. Zum Abschluss fertigte Saku leckere Ohrfeigen (s.u.).

Es gab noch eine Besonderheit bei diesem Kurs: Die Straße nahm an den Gottesdiensten, dem Essen und auch dem Austausch in der Person eines Afrikaners teil, dem in der Gemeinde Kirchenasyl gewährt wurde. Wir befreundeten uns so sehr, dass er uns einmal ein afrikanisches Essen kochte.

Die bayrische Landjugend will ein Heft zu der Umweltenzyklika Laudate si herausbringen mit zwei Artikeln zu den Straßenexerzitien. Diese Texte habe ich in dieser Zeit geschrieben. Sie stehen – wie die andere Artikel – nach Erscheinen des Heftes auf der Webseite unter Veröffentlichungen: http://www.nacktesohlen.wordpress.com

Von der Dynamik der Tage geben die Bibeltexte bei den Gottesdiensten
eine kleine Ahnung:
Samstag:      Der persönlicher Gottesname          (Gen 16,7–13; Lk 10,3 – 4)
Sonntag:      Das Nein und das Ja         (1Sam 3,1–11; Lk 4,1–13; Mt 4,1- 1)
Montag:        Das Feuer Gottes im Dornbusch        (Ex 3,1 – 14; Jo 19,1 – 5)
Dienstag:      Fabel der Bäumen, Seligpreisungen   (Ri 9,8 – 15; Mt 5,3 – 10)
Mittwoch:    Der lernende Jesus                     (Ges 28,12 – 18; Mk 7,24 – 30)
Donnerstag: Thema Frieden        (Jes 11,5 – 11; Gal 4,8 – 14; Lk 22,35 – 38)
Freitag:         Abschluss 2. Exerzitien-Etappe      (Mt 26,6 – 13; Jo 13,1 – 30)
Samstag:      Die Straße nach hause                                       (Lk 24,13 – 36)

Beim Abschlussgottesdienst in der Pfarrkirche durfte ich zu dem Evangelium predigen:
„Denkt ihr, dass ich gekommen sei, Frieden auf der Erde zu bringen? ein, sage ich euch, sondern vielmehr Entzweiung. Denn es werden von nun an fünf in einem Hause entzweit sein: drei werden wider zwei und zwei wider drei entzweit sein. Ich bin gekommen, Feuer auf die Erde zu werfen; und was sollte ich lieber wünschen, daß es schon brenne.“           (Lk 12,40. 51. 52)
Dieser Text lud mich ein, die Gemeinde mit „Liebe Feuerspezialisten“ anzusprechen. Ich habe an das Feuer im Dornbusch (Ex 3) erinnert, das brennt und nicht verzehrt, an die brennenden Herzen der Emmausjünger und das Pfingstereignis. Nach und nach wurde über diesen Einstieg das Evangelium zu einer frohen Botschaft, das mir eine Entscheidung zumutet, mich ganz auf dieses Feuer der Liebe Gottes einzulassen.

Die freundliche Atmosphäre in der Gemeinde lädt ein, hier nochmals für einen Kurs anzuklopfen. Katharina Prinz bereitete ihn vor und war auch zur Begrüßung dabei, aber sie blieb dann zu Hause, weil sie noch nicht wieder bei Kräften ist. Ich habe sie anschließend besucht und ein wenig im Garten gearbeitet, bin sogar eine paar Schritte in die Ostsee gegangen.

In der Nähe der Kirche außerhalb des Dorfes am Rand der Steilküste fand mit viel Engagement ein Jugendlager für ca. 200 Kinder und Jugendliche statt, die sich auf ihre Konfirmanden vorbereiten. In die abendliche Andacht gingen wir manchmal. Die schulische Situation hat sich so entwickelt, dass die Jugendlichen in der Woche keine Zeit mehr haben, regelmäßig in der Gemeinde an einem Unterricht teil zu nehmen. So wird der Unterricht in die Woche des Zeltlagers verlegt, in dem die Gemeinschaft untereinander und mit den unterstützenden Teamern und PfarrerInnen ein günstiger Lernort ist. Neben den Konfirmanden werden durch eine eigene Betreuung junge zukünftige Teamer ausgebildet (Konfirmanden der letzten Jahre) und die Musiker nutzten die Zeit zum Training. Sie trugen einen wichtigen Teil zum Gelingen bei. Im ersten Moment erschien mir das ganze Unternehmen wie ein Event, was es sicherlich a u c h war. Ja Begeisterung war spürbar. Doch kamen auch ernste Themen vor. Besonders deutlich hörte ich sie beim großen Sonntagsgottesdienst nach einer halben Woche, der auf einer abschüssigen Wiese statt fand, mit Blick auf die Fördre voller Segelschiffen. Das war ein wunderschönes „Altarbild“. Hier kamen neben der Freude über die erlebte Gemeinschaft auch die Themen der Welt zur Sprache. Und viele Verwandte waren gekommen. Oder bei der letzten Andacht kam die vorbereitende Gruppe einige Zeit später. Die Musikanten überbrückten die Zeit geschickt, so dass ich die Verzögerung nicht bemerkte. Der begleitende Pfarrer erklärte, dass sie sich zerstritten hätten und sich erst versöhnen mussten. Das hätte einige Zeit gedauert. Das Evangelium forderte sie dazu auf.
Besonders beeindruckend war am Ende des Sonntagsgottesdienst die Prozession – der Gesang brach auf dem Weg, unterstützt unterwegs von vielen Musikern, nirgendwo ab – die Steilküste hinunter ans Wasser. Dort wurden die jungen Menschen im Wasser der Ostsee getauft – teilweise ließen sie sich ganz untertauchen -, bei denen dieser Schritt noch aus stand. Eine sehr schöne und würdige Feier.

Nicht weit entfernt noch zum selben Ort gehörend wohnt ein Freund, mit dem ich Anfang der 80er Jahre in Berlin Friedensaktionen im amerikanischen Viertel durchführte. Schon vor vielen Jahren hat er von den Mitstreitern die Köpfe modelliert. Seit Jahren lag er mir mit einem ähnlichen Anliegen in den Ohren. Ich wusste nicht recht, was ich davon halten sollte. Jetzt habe ich mich auf den Prozess eingelassen. Bis zur Fertigstellung werden wohl noch zwei Sitzungen benötigt.

Die vierte Meditation 2016 für die kostenlose Zeitschrift „Jesuiten“ ist fertig. Ihr könnt sie bestellen: https://www.jesuiten.org/angebote/publikation-jesuiten/bestellformular.html  Auch hier will ich die Erstveröffentlichung nicht durch einen Internetauftritt gefährden. Also etwas Geduld, bis ihr die Gedanken zu meinem Lieblingsthema „Die EmmausjüngerInnen“ lesen könnt.

Am Freitag den 26.8.16 begann das 9. Mal ein Exerzitienkurs auf der Straße in Hamburg Altona. Wir wurden wie all die Jahre zuvor sehr freundlich in St. Trinitatis aufgenommen. Die Kirche liegt oberhalb vom Fischmarkt nahe der Reeperbahn. Die 11 TeilnehmerInnen fühlten sich schnell zu hause und suchten von hier aus nach der Begegnung mit dem brennenden Dornbusch in dem die Liebe brennt ohne ihn zu verbrennen.
Jeden Tag feierten wir BegeleiterInnen mit der Gruppe einen Gottesdienst vor dem Abendessen, die ersten drei Tage als Abendmahls Gottesdienst in der Herberge.
In den nächsten drei Tagen feierten wir ihn jeweils auf der Straße:
1. Dienstag auf dem unter Hitler geschändeten jüdischen Friedhof, der heute mit einer Betonplatte überwölbt ist, auf der die Markthalle Mercado neu gebaut wurde. Im Treppenhaus zum Untergeschoss wird an die Geschichte dieses Friedhofs und das Ringen um einen Kompromiss erinnert. Mitten zwischen den Tafeln mit de n Namen der Verstorbenen steht groß: ZIEH DIE SCHUHE AUS, DU STEHST AUF HEILIGEM BODEN! Nachdem wir dort eine Weile standen, stiegen wir hinab und lasen in der Apostelgeschichte die Rede von Stephanus, der einen Überblick über die Heilsgeschichte gibt und dabei auch die Geschichte von Mose vor dem benennenden Dornbusch
erzählt (7,17-36), bevor er getötet wird.
2. Am nächsten Tag gingen wir über die Reeperbahn und bogen in die Große Freiheit ab. Hier in der letzten dänischen Straße vor dem rein lutherischen Hamburg herrschte Religionsfreiheit. 14 Gotteshäuser wurden hier gebaut. Nach dem Krieg wurde nur die katholische Kirche – nun mitten in der sexuellen Freizügigkeit – wieder aufgebaut. Dort stand eine Christusfigur mit einem großen brennenden Herzen, auf dem ein Dorn-Zweig zu sehen war. Sie musste einem Behindertenaufzug weichen und stand nun in einem Keller. Hier feierten wir unseren Gottesdienst mit dem segnenden Christus auf Augenhöhe, ein großes Geschenk.
3. In der Trinitatis-Gemeinde gibt es eine große, in Palästina geflochtene Dornenkrone mit sehr langen Dornen. Am nächsten Tag nahmen wir sie mit und legten sie mitten auf den großen Platz am Fischmarkt auf ein rotes Tuch. Im Anblick dieses Folterinstrumentes lasen wir im Johannesevangelium (19,1-5), das Pilatus auch mit dieser Tortur keinen Hinweis auf ein schuldhaftes Verhalten Jesu gefunden hat. Doch in seiner Angst vor Machtverlust ließ er Jesus trotzdem kreuzigen. Die Dornenkrone ist ein kleiner Dornbusch, aus dem uns Jesus mit seinem Lebensfeuer schweigend ansieht. Nach einer Zeit der Stille gehen wir zurück ins Gemeindehaus. Auch beim Essen blieb es ohne jede Anweisung dazu überra-schend still.
Am nächsten Tag beschloss ein Fußwaschgottesdienst die zweite Etappe der Exerzitien. Er war für mich besonders intensiv, weil ich beim Salben der Füße erstmalig der Person in die Augen sah. Die dort sichtbaren inneren Kämpfe rüttelten an mir. Die Berührung bei der Fußwaschung macht dieses „Sakrament“ besonders herausfordernd, sich auf die Liebe Got-tes einzulassen.

Eine Teilnehmerin war im Panoptikum und brachte ein Flugblatt der Weißen Rose mit, das die Geschwister Scholl, Hans und Sophie, formuliert hatten. Vier Tage später wurden sie im Februar 1943 enthauptet. Im Flugblatt lese ich: „HJ, SA und SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniforminieren, zu revolutionieren, zu
narkotisieren versucht. ‚Weltanschauliche Schulung‘ hieß die verächtliche Methode, das aufkeimende Selbstdenken und Selbstwerden in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken.“ Dieser Text ist auch heute herausfordernd.

In der dritten Etappe der Exerzitien hilft die Emmausgeschichte im letzten Kapitel des Lukasevanngelium nochmals die Orte zu besuchen, an denen unser Herz brannte und dann im Hören bleibend am Sonntag in der Gemeinde zum Gottesdienst zu gehen. Dort ist es schon Tradition, dass wir BegleiterInnen predigen, einer nach dem anderen. Ohne Ab-sprachen können wir das Gesagte jeweils fortsetzen. Ein sehr schönes Erlebnis von innen heraus die Schrift auszulegen. Die Texte passen immer, weil sie auf die ganze Botschaft der Bibel verweisen. Diesmal wurden wir von dem Matthäusevangelium 6,25-34 herausgefordert: „Sorget nicht!“ Hatten wir diese Sorgenfreiheit nicht dieses Woche erlebt? Und hat uns etwas Lebenswichtiges gefehlt? So ähnlich fragt Jesus die Jünger auf dem Weg zum Ölberg (Lk 22,35).
Nach dem Kirchenkaffee, bei dem die Übenden auch zu Wort kommen und die Gemeinde einiges sagte, verabschiedeten wir uns und aßen die noch die Lebensmittelreste auf. Dann war ich am Ende meiner Kräfte und schlief selig bei den Mitbrüdern am kleinen Michel.

Nachtrag: Am Samstag kam die Bischöfin für Hamburg und Lübeck Kirsten Fehrs zu Klaus Mertes und mir. Sie blieb überraschenderweise 3,5 Std zu einem intensiven Gespräch, da sie sich wie auch Klaus in einer leitenden Position den Opfern des sexuellen Missbrauchs stellte. Mir scheint, das diese Erfahrungen auch für die nichtkirchliche Gesellschaft wichtig sind. Wann mag dieser schwierige Schritt als Dienst angefragt sein? In ökumenischer Verbundenheit könnte er gelingen, wenn die Zeit dafür reif ist. Die Bischöfin verstand dieses Anliege, das ein Ja zu neuen Schmerzen ist.

Auch das ökumenischen Zentrum, dem Arbeitsplatz von Annette Reimers-Avemarius (Geschäftsführerin der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Hamburg) – eine Begleiterin – besuchten wir und konnten dort mit alten Bekannten von der dort wohnenden Gemeinschaft sprechen.

Nebenbei wurde ein Beitrag für den Naunynblog fertig. Ich sollte die Übergabe der Verantwortung in der WG im April beschreiben, bei der ich als Symbol die Tischplatten übergeben habe. (https://naunynblog.wordpress.com/author/wgnaunyn/)
Am Sonntag Abend überraschte das Wahlergebnis der AfD nicht. Doch wann beginnen wir so aufeinander zu hören, das wir Konsequenzen aus dem Gehörten für möglich halten und danach suchen? In Flensburg ist mir aufgefallen, wie die Bauern – auf Ratschlag und Einfluss der Banken – mit vielen Giften und Genveränderungen Lebensmittel produzieren, die uns häufig krank machen.

Am Montag hat mich der Pilgerpastor der Nordkirche Bernd Lohse zu einer Buchvorstellung in die Jakobikirche eingeladen, wo er auch sein Büro hat. Da war ich wieder auf Lesereise mit unserem neuen Buch „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen – Persönliche Begegnungen in den Straßenexerzitien“. In der Jakobikirche herrschte eine gute Atmosphäre. Und mit der frischen Erfahrung waren Annette, ich und auch der gastgebende Pfarrer von der Altonaer Gemeinde ganz lebendig bei der Vermittlung unserer Wahrnehmungen. Das war sehr schön. Als ein Ehepaar die Geschichte aus Paarexerzitien abwechselnd vor las, sah ich bei vielen (Freuden-)Tränen in den Augen. (EINFACH OHNE S. 46-48, https://nacktesohlen.wordpress.com/veroffentlichungen/2016-einfach-ohne/) Wir waren uns im Prozess der Lesung nahe gekommen. Der Pilgerpastor schenkte mir anschließend sein Buch „Franz Alt, Bernd Lohse, Helfried Weyer, Der Aufbruch zur Achtsamkeit – Wie Pilgern unser Leben verändert“.

Am nächsten Morgen fuhr ich zurück nach Berlin und suchte zuerst den Rechtsanwalt mit einer Flasche Wodka auf, der den Prozess „Mahnwache vor der Abschiebehaft im Flughafen Schönefeld“ drei Jahre lang begleitete – mit dem Ergebnis: Wir dürfen auf dem „Privatgelände“ der Flughafengesellschaft unsere Meinung kundtun. Mit dieser bundesgerichtlichen Unterstützung melde ich nun wie im letzten Jahr am Ende der Interkulturellen Woche am 3. Oktober eine Mahnwache vor diesem Haftgebäude an, das zur Zeit als Asylunterkunft genutzt wird. Informationen:https://nacktesohlen.files.wordpress.com/2013/09/handzettel-mahnwache-03-10-2016.pdf
a Predigtkultur (Lutherstadt Wittenberg) in Berlin Zehlendorf eingeladen mit dem Thema: Die drei Reformatoren Martin Luther, Ignatius von Loyola, Jean Calvin. Es war die Veranstaltung des dortigen Pastorenkonventes.

Ein Blick nach vorne:
Zwei meiner Neffen und Nichten heiraten im September und ich fahre eine Zeit lang in die Niederlande und nach Linz zur Exerzitienbegleitung.
Anfang Oktober bin ich nochmals dre Tage in Berlin zum interreligiösen Gebet (2.10.16) und zur Mahnwache auf dem Flughafen (3.10.2016) Infos unter:https://flughafenverfahren.wordpress.com/

Herzliche Grüße an Euch alle
Christian

Brief 5

4. Oktober 2016

Liebe Bekannte und FreundInnen!
Am 10. September – als der 4. Rundbrief verschickt war – bin ich wieder von Berlin aufge-brochen zur Hochzeit meines Neffen Lukas und seiner Frau Vanessa. Ein schönes Fest bei sommerlichem Wetter im Freien mit vielen Freunden und Verwandten. Die Beiden hatten sich einer sensiblen Frau anvertraut, die auf angenehme Weise ein ausführliches Zeugnis für die Beziehung der beiden abgelegte: Ihr seid ein Paar und wir können uns mit Euch freuen, dass ihr dazu steht. Dann wurden wir auch selbst zu Zeugen ihrer Liebe, denn das Brautpaar gab sich in unserer Mitte ihr Jawort. Erwartungsgemäß verstand ich auf die Entfernung die Worte nicht. Doch die Gestik war für alle wahrnehmbar und löste große Freude auf.
Während der Fotopause übten die Gäste ein Lied für die beiden. Viele der Gäste machten sich Gedanken, um das Fest mit zu gestalten. Doch erst einmal wurde zusammen gut gegessen. Nun bestätigten der Vater der Braut und mein Bruder Michael und meine Schwägerin Marita, also die Eltern von Lukas, wie die beiden in die Familien hinein wuchsen und alle darüber froh sind. Die ausgesprochene Hoffnung auf eigene Kinder verstärkte die großelterliche Vorfreude. 

Wir waren auf das weitere Programm vorbereitet, denn Christoph, der Bruder von Lukas, bat um Bilder und Filmsequenzen, die er zu einem kleinen Film zusammen stellte und die andere Familie bereitete ein Fragespiel vor, zu dem wir um Einschätzungen gebeten wurden, z.B., welchen Namen das Brautpaar wohl ihrem ersten Kind geben würden. Sie sollten nun unsere Wahrnehmungen erraten. 

Viele kleinere Gespräche stimmten mich froh: so erzählte mir eine Frau, dass sie nach dem Tod ihres Vaters ihre Schwester neu sehen konnte, sie wurde ihr neu geschenkt. Welch eine Freude!
Leider habe ich nach dem Ratespiel das Fest verlassen. Meine Nichte Lara ging mit mir zum nahen Bahnhof. Ihre Hochzeit ist in zwei Wochen geplant und ich kann leider nicht kommen, da an dem Termin Staßenexerzitien in Rosenheim angekündigt sind.

Aachen
Mit dem letzten Zug fuhr ich nach Aachen. Dort empfing mich Nadine und Ibrahim herzlich in der Nacht nach ein Uhr am Bahnhof. Bis Montag blieb ich bei ihnen und konnte erst einmal ausschlafen. Beim Frühstück bemerkte ich: Wir könnten zusammen einen guten Klassenkameraden von mir besuchen. Er wechselte mit dem nachgeholten Abitur vom Schlachtermeister im eigenen Betrieb zum Jurastudium und stannt in seiner strafrechtlichen Kanzlei vielen Gefangenen bei. Vor nicht langer Zeit starb seine Frau.
Er wohnt überraschend nur ein paar Straßen weiter. Doch als wir drei bei ihm klingelten, machte keiner auf. Wir gingen also zurück. Aber wir kamen nicht weit, denn die Ankündigung von Ibahim wurde wahr, dass wir uns wie bei Stassenexerzitien keine Sorgen um das Programm machen sollten. An der nächsten Ecke rief mir eine Radfahrerin fragend Christian zu. Ich bejahte und sie stieg vom Rad ab. Doch wer war sie? Sie war die Frau eines Gastes, der mit auf das Standesamt in Kreuzberg zu der uns überraschenden Hochzeit von Nadine und Ibrahim kam. Ihr Mann erzählte so eindrücklich davon, dass sie jetzt noch voll Freude davon erzählte. Und sie konnte nun die beiden selbst sehen.
 Wir hatten meine Handynummer bei Franz an die Tür gesteckt. Sein Sohn, mit dem er im Garten saß, fand den Zettel. Einige Minuten später klingelte das Handy. Umgehend kam er uns mit dem Auto entgegen und wir verbrachten eine schöne Zeit mit ihm im Garten beim Resteessen. Wieder zurück war es bald Zeit, nach dem Gebet von Ibrahim gen Mekka, zusammen in die Kirche zu gehen. 
Die Predigt über das Evangelium vom barmherzigen Vater (Lk 15) öffnete mir nochmals die Augen für die Situation am Vortag, in der ich alles Vergleichen beiseite legte. Der Vater nimmt seinen zurückkommenden Sohn auf, der das Erbe durchbrachte, und feiert mit ihm ein rauschendes Fest. Doch der bei ihm gebliebene Sohn wird darüber ärgerlich und will nicht dazu kommen. Dem Prediger war wichtig mehrfach zu sagen: Das Vergleichen ist ok, doch mit dem Vergleich einen eigenem Vorteil zu begründen, verfestigt einen trennenden Streit. Mein Erfahrungs-hintergrund: Das zentrale Anliegen bei unserem monatlichen interreligiösen Gebet ist die Achtung des Anderen. Das Vergleichen der Religionen ist uns kein Anliegen, sondern das Entdecken gemeinsamer Anliegen. Der Frieden ist eines der zentralen Anliegen aller Religionen. Wir werden damit beschenkt die unterschiedlichen Bemühungen zu sehen, zu würdigen und uns gegenseitig in diesem zentralen Anliegen herauszufordern.

Die Niederlande

Am nächsten Morgen fuhr ich in die Niederlande. Dieses reiche Land ist voller Wasser. Es liegt manchmal unter dem Meeresspiegel. Auch große Schiffe fahren durchs Land, in dem ich wenig Zäune gesehen habe. Ein kleiner, von weitem nicht erkennbarer Graben trennt die Weideflächen unterschiedlicher Tiere und Getreidefelder. Ich war sehr angetan von der Schönheit dieses Landes.
Warum fällt es mir da so schwer, die drei Gepäckteile – Rucksack, Laptop und Stock – im Auge zu behalten? Den Stock vergaß ich gleich zweimal irgendwo.
Vor vielen Jahren fuhr ich vom Arbeitsplatz aus nach Rotterdam zu einem Treffen. Vorm Bahnhof überkam mich am Ufer eines Kanals ein tiefer Ekel über meine Oberflächlichkeit. Da gab es keinen Trost für mich. Eine nie vergessende Stunde. Dann ging ich zum Treff-punkt und konnte mich nur sehr langsam auf die Begegnung einlassen. Heute bin ich für diesen Tag im letzten Jahrhundert dankbar und fuhr wieder in dieses schöne Land.
 Beson-ders fen besonders geschützt. Sie haben praktisch immer Vorfahrt. Die Autofahrer müssen die vielen Radfahrer an der Ampel vorlassen, auch wenn sie dann erst wieder beim nächs-ten Grün eine Chance bekommen. Ebenso werden den Autofahrern lange Umwege und hohe Parkgebühren zugemutet. So lassen viele ihr Auto im städtischen Bereich außerhalb stehen. Der öffentlichen Transport ist gut ausgebaut. Eine sozialistische allen mir die vielen Radfahrer ohne Helm auf. Sie sind durch verschiedene MaßnahmRegierung begründete diese Praxis Anfang der 70er Jahre.
In den folgenden 10 Tagen fand ich mein Stammquartier in der Amsterdamer Gemein-schaft der katholik workers, im Noelhuis. Oft hörte ich von ihnen. Dorothy Day ist eine bekannte Frau aus der Gründergeneration, die in der USA vor dem 2. Weltkrieg eine Gemeinschaft begann, die soziales (Suppenküchen) und auf den Straßen sichtbares politisch Engagement (Demonstrationen) mit Gruppen auf dem Land und in den Städten zusammen brachten. Die Gemeinschaft Brot und Rosen in Hamburg war mir immer ein Ansporn.
Ich danke Anne-Marieke aus unserem Kreis der Arbeitergeschwister, dass sie mich dort untergebrachte. Die Gastfreundschaft dieser etwa 30 Menschen – Frauen, Männer, Kinder – begegnete mir immer neu mit ihrer Freundlichkeit. Wir aßen, beteten zusammen. Ausdrücklich katholisch war vielleicht nur einer unter ihnen.
Sie stellten lange im Voraus für mich ein Besuchsprogramm zusammen. Dazu kontak-tier-ten sie auch meinen ganz aktiven 80jährigen Mitbruder Brennigmeyer, der oft von uns Kreuzberger in der Zeit seines Provinzialates hörte. An zwei Tagen zeigte er mir viel Inter-essantes in der Stadt: Neben seinen Wohnorten, seinem Engagement erinnere ich mich gern an den Besuch in einigen Häusern einer großen Wohngruppe mit etwa 70 Menschen im Rotlichtviertel. Sie wird heute geleitet von einem anglikanischen Pfarrer mit der Kernge-meinschaft von etwa acht Personen. Diese tragende Gemeinschaft engagiert sich dort schon in der dritten Generation. Sie haben eine große Erste-Hilfe-Station, in der viele Ärzte ihre Hilfe kostenlos einbringen; aber auch eine Kapelle, die von unterschied-lichen christlichen Glaubensrichtungen genutzt wird, die alle ihre neuen Gemeindemit-glieder in einem Was-serspiel von miteinander verbundenen Becken für Kinder und Erwachsene, also im selben Wasser, taufen. Ein handgreifliches Einheitssymbol. 
Die alles tragende Gemeinschaft von etwa acht Menschen lebt dort jetzt in der dritten Generation. Die zweite ist ganz verloren gegangen, weil – so wurde mir gesagt – das Gründerehepaar vor Ort blieb und nicht los-lassen konnte.
Viele christliche Gemeinden in Amsterdam überlebten nach der Reformation in einer Art „Hinterhofkirchen“, die in Bürgerhäusern in den oberen Stockwerken „versteckt“ waren. Eine in einem Museum erhaltene und manchmal noch genutzte besuchte ich mit meinem Mitbruder. Ich wurde geradezu in die Zeit vor dem Konzil versetzt, denn all die Geräte und Bilder kannte ich aus meiner Jugendzeit.
Nach diesem Tagesprogramm fuhr ich am Abend mit der Bahn nach Amersfoort, wo mich sozial engagierte Gruppen (Sant’Egidio, Strassenpastorat, etc.) erwarteten, um unsere Er-fahrungen in Berlin mit ihnen zu teilen. Ich bekam eine Fahrkarte und ein Handy, saß auch im richtigen Zug, doch die Strecke war unterwegs unterbrochen. Die Blockierung konnte ich mit zweimaligen Umsteigen umfahren. Da ich die Sprache nicht verstehe, war das ein kleines Abenteuer. Die gut organisierte Bahn mit vielen Umsteigemöglichkeiten – oft am selben Bahnsteig zwischen Metro und Bahn – lernte ich schätzen. Die Zentralbahnhöfe sind dadurch entlastet.
 Nach einem zweiten Stadtbummel mit Brenningmeyer feierte ich abends im Jannette Noelhuis mit der Gemeinschaft zusammen einen Gottesdienst.
Am Donnerstag besuchte ich Barbara Terlau von den Missionsärzlichen Schwestern in Til-burg. Ich hatte sie in der Gruppe der Arbeitergeschwister kennengelernt. Sie wirkt jetzt nach längerer Krankheit zufrieden mit sich und der Nachbarschaft und freute sich über ihre Rente. Mit ihr ging ich in einen sozialen Brennpunkt, wo sie weiter regelmäßig einen Dienst übernimmt. Ich staune immer wieder über die Umgebung, die mir als Gast erschlos-sen wird. Abends traf ich mich mit den katholik workers und ihren Freunden zum Thema Strassenexerzitien.
Am nächsten Tag fuhr ich in den Norden nach Groningen. Mark und Anne feierten ihre Hochzeit in Kreuzberg mit unserer Gemeinschaft. Elemente der Sufibewegung, der sie an-gehört, und der katholische Tradition des Mannes vereinigten sich im Gottesdienst. Jetzt durfte ich sie besuchen. Mit einem schönen Flugblatt luden sie zu einem Tag Exerzitien auf der Straße in Groningen ein und zu einem interreligiösen Gebet am Tag drauf. Zuvor sollte ich mit einem Sufilehrer das neue Haus segnen. Er ging durch das ganze Haus mit Räu-cherstäbchen und öffnete jeden Raum und Behälter. Jedesmal wiederholte er den Wunsch nach Frieden und Glückseligkeit. Danach sollte ich spontan mit der Haussegnung fortfah-ren. Ich erzählte die Emmausgeschiache, in der das Paar am Auferstehungstag Jesu zwei-mal nach hause ging. So konnte ich dem Haus und allen die darin ein und aus gingen den Segen wünschen und für sie beten. Spontan nahmen wir beiden Liturgen uns danach in den Arm und ein Mann kam zu mir, stellte sich als Buddhist vor und erzählte voll Freude, dass einer aus der Runde ihm mit Zustimmung seiner Frau geholfen habe, dass sie nun zwei Kinder hätten.
Am nächsten Tag begleitete ich die ersten Straßenexerzitien in den Niederlanden. Nach dieser Erfahrung im eigenen Land wünschten zwei von den Übenden, die schon einmal in Deutschland einen Kurs mitmachten, nun selbst zu diesen Übungen einzuladen.
Mitten in der Friedenswoche 2016 organisierten die beiden am nächsten Tag mit der interreligiösen Plattform vor Ort ein Friedensgebet. Mitglieder verschiedener Religionen kamen zu Wort. Dann sollte ich sprechen und zum offenen Gebet einladen. Dazu bat ich den Rabbiner jeweils am Ende jedes Gebetes mit uns Schalom zu singen. Da kam eine Fröhlichkeit ins Gebet. Wenn ich es recht verstand, war ich nach den ersten 30 Minuten der erste Christ, der das Wort ergriff. Das christliche Abendland ist oft nur noch eine geschicht-liche Größe. 
Abends war ich wieder in meinem Basislager in Amsterdam.
Am Montag fuhr ich vormittags in einen Kreis von mehr älteren Menschen in Breda, die mich im Rahmen der Friedenswoche einluden. Das Leitwort in diesem Jahr hieß „Vrede verbindet“ (Frieden verbindet). Meist wurde mein Deutsch in die Landessprache übersetzt, obwohl wir uns immer auch ein bisschen verstanden. So kam es zu einer wirkungsvollen Wiederholung.
Am Dienstag fuhr ich nach Utrecht in das Trainingszentrum Kor Schippers. Hier waren Stadteilpastoren versammelt. Ihre Arbeit wurde vom Bischof aus der pastoralen Arbeit ausgegliedert. Doch die Freude über ihr Engagement – verstreut über das ganze Land – spürte ich deutlich. Oft hatten sie einige Zeit in Lateinamerika gelebt. Und hier waren wir in der Trainingsstätte versammelt, wo sie die für sie notwendige Aufmerksamkeit einübten. Entsprechend wissbegierig fragten sie nach der Wahrnehmung bei den Straßen-exerzitien. Zu ihren Erfahrungen brachten Titus Schlatmann und Rob van Waarde ein Buch heraus, das sie mir in der englischen Übersetzung schenkten: That’s the Name of the Game! On Empowerment and Community – On Account of Practical Research – (Van der Ros Verlag Dutsch 2012, English 2014). Ihr fachliches Nachfragen freute mich sehr. – Holland beging den Prinzentag: Guus, der mich vom Bahnhof mit einem großen Hut abholte, brachte mir auch einen mit. An diesem Tag ist es Brauch, dass die Parlamenta-rierInnen mit einem Hut kommen, der ihre Forderungen nach dem Verlesen der Regie-rungserklärung durch den Prinzen unterstreicht. Die Fotos der Abgeordneten füllten am nächsten Tag die Zeitungen. In Utrecht fahren Hutträger in den Bussen am Prinzentag ohne Fahrschein. Am Nachmittag war bei Anne-Marieke ausreichend Zeit mit den Organisatoren meiner Reise zusammen zu sitzen und einander zu erzählen.

Zurück in Deutschland

In Aachen holte mich mein Bruder Wolfgang mit seiner Frau Gudrun von der Bahn ab und ich verbrachte den Abend bei ihnen irgendwo zwischen Aachen und Köln.
Am nächsten Morgen fuhr ich früh zu einem vom Orden ausgerichteten Treffen mit vielen engagierten Menschen unter Schutzsuchenden in Deutschland, der Schweiz und Öster-reich. Ein reicher Erfahrungsaustausch mit vielen Themen und Sichtweisen. Leider reiste ich am nächsten Tag vorzeitig ab, um pünktlich am Abend in Rosenheim zu sein.
Dort las ich aus unserem neuen Buch im Bildungszentrum vor und starteten am nächsten Morgen Straßenexerzitien unter dem Titel „Wenn die Straße heiliger Boden wird.“ In der Nacht blieb ich bei den Freunden, die oberhalb des Chiemsees wohnen.
Nach den Stunden auf der Straße nahm mich Heiner, einer der Begleiter, mit an die Grenze von Salzburg. Im Nachbarhaus wohnt Wuck, der auch zum Kreis der Arbeiterge-schwister gehört. Das war ein frohes Wiedersehen in der kurzen Zeit zwischen seinen zwei Arbeitsschichten. Wir erzählten uns gegenseitig aus ähnlichen Grundhaltung heraus. Ich zeigte ihm die Bilder vom Übergabefest in Kreuzberg, auf denen er und seine Frau auch zur sehen sind. Sein Gesicht strahlte.
Die Familie von Heiner und Susanne brachte mich dann mit den beiden Kindern zum Bahnhof von Freilassing, von dort aus fuhr ich nach Linz weiter.
Nebenbei bin ich damit beschäftigt, in meinem PC alle Straßenexerzitientexte in eine Schatzkiste zu legen. Sie sollen einmal die BegleiterInnen unterstützen. Diese Arbeit wird manchmal geradezu zu einer Sucht. So hoffe ich auf Unterstützung. Ob nicht jemand die schon veröffentlichten Erfahrungen auf der Webseite oder in den Büchern „Geschwister erleben“ und „Rinfach ohne“ zusammenstellen könnte. Sie finden sich beide im Internet Ein Anfang ist gemacht https://nacktesohlen.wordpress.com/2293-2/4617-2/ Die Texte können mit den Fundorten direkt in diesen Kasten gelegt werden und ich kann die vorläufigen Texte beiseite legen.

Exerzitien auf den Straßen von Linz

Im Haus der Betriebsseelsorge trafen wir vier Begleiter für den fünftägigen Kurs Straßenexerzitien am Abend ein. Er begann am nächsten Tag um 11 Uhr. Wir hatten Zeit uns auszutauschen, wie wir dieses neue Format von fünf Tagen angehen wollten. Welche Elemente sollten wir besser weglassen oder neu gestalten? Eine Frau, die an der anspruchsvollen zweijährigen Begleitung neuer kirchlicher Projekte teilnahm, lud zu diesen Kurs ein. Wir übernahmen in dem ersten Modul dieses Kurses die Gestaltung der ersten drei Tage und lockten ihre Aufmerksamkeit heraus. Sie ließen sich darauf ein und lobten am Ende diesen Einstieg. Aber nun war eine neue Situation ohne Tagungshaus.
13 Teilnehmer aus der Pastoral im Umkreis von Linz und von Graz trafen ein. Sie ließen sich schnell auf die Situation ein und wir spürten nach, wie wir ihnen gut zuhören und sie begleiten konnten.
Vor dem Mittagessen in ihrer Kantine stellten wir uns gegenseitig mit unseren Anliegen vor. Dann begann ihr Tag auf der Straße und wir feierten um 17 Uhr einen Gottesdienst in vertrauter Weise. In zwei Gruppen fand nach dem Abendessen, das uns Jugendliche zubereiteten, der Austausch statt. Die Teilnehmenden wohnten an unterschiedlichen Orten.
Ich bekam die Nachricht, die Polizei in Brandenburg anzurufen, wegen der auf dem Flughafen Schönefeld am 3.10.16 angemeldeten Mahnwache vor dem Gebäude der Abschiebehaft. Da ich keine Verbindung bekam, wußte ich nicht, was sie von mir wollen. Auf meine Mail gab es keine Antwort. Wie die Übenden müssen auch die Begleitenden immer wieder diese Nebengeräusche beiseite legen.
Einen Gottesdienst feierten wir auf der Straße. Noch am nächsten Morgen spürte eine Teilnehmerinnen dort den Heiligen Boden. Ein unscheinbarer Platz vor einem Aldi-Geschäft. Wir erinnerten uns an die Dornen, auf die wir in den Tagen stießen.
Am Tag darauf begannen wir den Gottesdienst mit der Anrufung, der von uns gefundenen persönlichen Gottesnamen. Ja, er ist ansprechbar in unserer Mitte. Mit diesem Gottes-dienst beenden wir die zweite, zentrale Etappe der Straßenexerzitien. Oft geschieht dies mit einem Fußwaschgottesdienst, den wir auf Grund der knappen Zeit fallen ließen. (Ignatius von Loyola gab in der Regel zehntägige Exerzitien und sie endeten meist mit einer Generalbeichte: Gott wird dabei die eigene Not anvertraut und er wird um Befreiung gebeten.) Wir folgten im Gottesdienst den Etappen der Emmausgeschichte: In meiner Wahrnehmung verließen Maria, die Frau des Klopas, die unter dem Kreuz stand (Jo 19,25), und Kleopas (Lk 24,17), der mit den anderen Männern sicherheitshalber das Weite suchte, den Abendmahlsaal, weil sie unter vier Augen miteinander reden mussten: „Glauben wir beide die Botschaft der Frauen von der Auferstehung?“ Ihre Unsicherheit wird deutlich beschrieben: Lk 24,14. Wir machten Halt mit einem Gebet für all die Menschen mit denen wir in den Dornen der Zweifel leben.
Danach erzählten wir das Evangelium weiter (Lk 24,16-30). Eine richtige Straßenexer-zitiengeschichte: Die beiden werden von einem Fremden angesprochen und gefragt, worüber sie sprechen. Kleopas antwortet zuerst etwas von oben herunter und stellt das Unwissen des Fremden heraus. Auf Nachfrage erzählt er dann aber doch von ihrem Schmerz. Und der Fremde – die Straße – antwortet, so wie ich es höre: Habt Ihr die Propheten nur mit dem Kopf gehört und nicht auch mit Eurem Herzen? Er erinnert an ihrer Voraussagen. Die Herzen der beiden begannen zu brennen. (Die Übenden werden morgen nochmals an die Orte gehen, an denen in diesen Tagen ihre Herzen brannten.) In Emmaus luden sie den Fremden eindringlich ein, bei ihnen zu bleiben. Schon im nächsten Satz sind die beiden die Gäste des Fremden, der ihnen das Brot bricht. – Wir werden still und sehen auf der Ikone, die Br. Ansgar OSB aus Nütschau schrieb, nochmals die Etappen dieser Geschichte http://www.strassenexerzitien.de/?page_id=43. Danach lassen wir uns auch das Brot brechen und singen nach dem Mahl: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“
Stehenden Fußes gingen die beiden Jünger wieder nach hause in die Gemeinschaft der Freunde und konnten nun Petrus zuhören, dem Jesus erschienen war. Dann sagten sie wohl den entscheidenden Satz in allen überraschenden Begegnungen auf der Straße oder wenn Menschen z.B. von einem Machtmissbrauch erzählen: „Petrus wir glauben dir.“ Sie erlebten ja ähnliches. Danach lesen wir in der Bibel: (Dieser Satz wird in der Kirche unverständlicherweise an einem anderen Tag vorgelesen) „Während sie noch darüber redeten, trat Jesus selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit Euch.“ (Lk 24,36) – Auch wir feiern sein Kommen jetzt, wünschen uns den Frieden und segen einander.
Am nächsten Tag endete der Exerzitienkurs mit einem Gottesdienst, bei dem sich die Übenden der beiden autonomen Exerzitiengruppen gegenseitig von ihren Erfahrungen erzählten. Dann bekamen alle einen kleinen Engel als Erinnerung an die Zeit in Linz, in der wir auf einen aufwendig installierten Weg über die Dächer eines Stadtteils stießen: „Höhenrausch Anderer Engel“. Im Einladungstext steht: „Engel haben Konjunktur. Längst haben sie den Raum der Kirchen verlassen….“

Wieder in Berlin
Am 1.10.16 kehrte ich nach Berlin in die Jesuitenkommunität am Canisiuskolleg zurück. Es ist für mich eine große Freude die Mitbrüder wieder zu sehen, auch wenn ich dort noch zwischen Umzugskisten lebe. Das oft armseelige interreligiöse Gebet war mir am nächsten Tag Heimat. Anna kam das erste Mal und erzählte, dass sie sich immer über die Einladungstexte freut http://www.friedensgebet-berlin.de/termine.html
Am 3.10.16 feiern wir wieder die Einheit Deutschlands mit den Menschen, die bei uns Schutz suchen, vor der Abschiebehaft auf dem Flughafen Schönefeld. Einladung unter https://flughafenverfahren.wordpress.com/ Das Gebäude wird zur Zeit als Asylheim genutzt. Doch die Sicherheit erlaubte uns nur nach eindrücklichen Bitten mit den Bewohnerinnen durch den Zaun zu sprechen. Doch so standen sie mit ihren Schmerzen über die Situation in der Ukraine und über die Trennung von ihren Kindern, die auf dem -Fluchtweg in der Türkei hängengeblieben waren, in unserer Mitte. Unsere Mahnwache am Ende der interkulturellen Woche unter den Titel „Vielfalt. Das Beste gegen Einfalt“ https://ikw.herden.de/downloads/Interkulturelle_Woche_2016.pdf unterstützte wieder von eine mitreißende afrikanischen Gesangsgruppe, die die Situation der Schutzsuchen-den hier kannten. Wir hatten ein Becken mit Wasser in unsere Mitte gestellt, das uns an den Fluchtweg durch das Mittelmeer erinnern sollte. (Das Wasser wurde in der Zeit der Mahnwache von den Hunden ausgetrunken.) Ähnlich wie das Wasser ist auch das Feuer oft ein todbringendes Hindernis auf der Flucht, z.B. brennende Asylheime. Wir erinnerten an das Zeichen der Liebe, den brennenden aber nicht verbrennenden Dornbusch, an dem Mose seinen Befreiungsauftrag hört (Ex 3) und an das ungeduldige Warten Jesu (Lk 12,34-36) auf das Feuer der Auseinandersetzung zwischen den verschiedenen Gruppen, die wir ja auch im Angesicht der Fremden bei uns wahrnehmen. Ohne diese Auseinandersetzung werden die anstehenden Fragen auch bei uns nur verdeckt. Das ist kein Friede. Mitten in dieser Auseinandersetzung stehen wir vor der Asylunterkunft mit der greifbaren Angst der Menschen jenseits des Zauns abgeschoben zu werden. Nach einer längeren Stille, während der jede/r den Ort auf eigene Weise erkundet, sammeln wir unsere Erfahrungen ein und schließen mit einem „Vater unser“ und dem afrikanischen Gesang. Werden wir im nächsten Jahr wie in all den Jahren das Fest der Einheit wieder mit einem Zaun zwischen uns begehen?
Morgen fahre ich gestärkt weiter den Einladungen an recht unterschiedliche Orte folgend, siehe unter Termine https://nacktesohlen.wordpress.com/lesungen/

Herzliche Grüße an Euch alle
Christian

Nachträge zu den letzten Rundbriefen:
Rundbrief 2: Der Artikel „Kommt und seht“ ist erschienen. 2016 wurden mir alle vier Meditationen in: Jesuiten anvertraut https://nacktesohlen.wordpress.com/veroffentlichungen/4348-2/. Das neue Heft ist hier: https://www.jesuiten.org/fileadmin/Redaktion/JESUITEN/Jesuiten_03-2016.pdf  Die Zeitschrift kann kostenlos abonniert werden https://www.jesuiten.org/angebote/publikation-jesuiten/bestellformular.html weiter Rundbrief 2: Auf dem Katholikentag saß ich auf dem Podium zu dem Thema „Kampf und Kontemplation“. Von uns dreien seht nun jeweils ein Artikel im thematischen Extra-Heft von Publik-Forum: Taizé heute – Das kleine Gleichnis für eine versöhnte Welt. Mein Beitrag S. 13 wurde überschrieben: „Unser Nein leben“ https://nacktesohlen.wordpress.com/veroffentlichungen/2016-unser-nein-leben/

Brief 6

Berlin, den 24.11.2916

Liebe Bekannte und FreundInnen,
ein größerer Reiseabschnitt geht zu Ende. Ich bin ein paar Tage in Berlin. Gern möchte ich Euch allen danken, die mich in dieser Zeit aufnahmen, und will meine Freude über die Begegnungen mit Euch allen auch mit den Zurückgebliebenen teilen. Die Wegabschnitte waren so unterschiedlich, dass ich Überschriften einfüge und Ihr die Abschnitte wie in einer Zeitung lesen oder überspringen könnt.

Die vor dem Bundesgericht erkämpften Mahnwache
Die Situation bei der Mahnwache am 3.10.16 vor der – als Asylheim genutzten – Abschiebehaft auf dem Flughafen Berlin Schönefeld überraschte uns neu: Eine festgehaltene Frau aus der Ukraine hielt ein Papier mit einem Hilferuf von innen ans Fenster. Sie wurde dort wie eine Gefangene gehalten. Unter Andronhung, dieses Verhalten der Betreuer in die Presse zu bringen, durfte die Frau und ihre erwachsene Tochter an den Zaun kommen. Sie klagte ihr Leid über die Lage in ihrem Heimatland und die Trennung von der Familie, da ihr Mann unterwegs festgehalten wird und keine Einreise bekommt. Eine Rückführung in ihre Heimat sei unmöglich. Nachdem wir ihr eine Weile zugehört hatten, begannen wir mit unserem Mahnwachengottesdienst mit dem bewährte Ablauf: Wo Stehen wir? Welches Thema drängt sich heute auf? Wir legen ein Symbol in die Mitte. Stille persönliche Meditation angesichts der Hilfesuchenden, Austausch und Gebet, Nachrichten und dazwischen jeweils Lieder. Später Abschied von den beiden Frauen, die mit ihrem Schmerz in unserer Mitte sichtbar blieben. Einige von uns hielten den direkten Kontakt und lasen ihre Rechtsanwaltspost. Soweit wir sehen konnten waren die beiden Frauen die einzigen Bewohner. Andere waren unterwegs oder wurden vom Personal eingeschüchtert.

Im Schwarzwald
wurde ich auf den Marktplatz KIRCHE – das ökumenische Erwachsenenbildungs-Projekt – in Schramberg eingeladen, also in den Ortsteil von dem badisch-württembergischen Ort in dem Bernadette wohnt. Das war ein frohes Wiedersehen mitten im Schwarzwald in  engen als düster beschriebenen Tal. Das Jahresprogramm trug den Titel „Heimat finden in einer globalisierten Welt“. Im evangelischen Gemeindehaus sollte mir der kath. Pfarrer kritische Fragen zum Thema stellen: „Ich suche Gott – wo finde ich ihn?“ Der Saal war gefüllt, denn die seltenen Veranstaltungen der ökumenischen Initiative sind beliebt.

Danach war Frankfurt/Main
meine nächste Station. Dr. Thomas Wagner lud mich zur Soiréereihe in das Haus am Dom ein die Katholische Akademie Rabanus Maurus ein. Dieser Studienkollege ist jetzt Studienleiter für „Arbeit und Soziales in der Einen Welt“. Ich stellte unser Buch „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“ vor. Manchmal kommen technische Rückfragen, doch überwiegend löst die Präsentation Staunen aus. Und so bitte ich die Zuhörenden meist zum Abschluss reihum zu sagen, mit welchen Anregungen und Gefühlen sie nun wieder nach hause gehen. In dieser Runde werden Themen und Fragestellungen angesprochen, wie ich sie aus der Exerzitienbegleitung kenne. Oft lese ich aus allen drei im Februar erschienen Büchern: Ich beginne häufig mit der Geschichte von Hans in „Im Alltag der Straße Gottes Spuren suchen“ Seite 26ff oder von Urban in „Gott auf der Straße“ Seite 20ff. Dann kann die Frage aufkommen: Mit welchen Erfahrungen begleiten Menschen diese Zeiten der Aufmerksamkeit. Alle Herausgeber unseres keinen Buches haben dazu etwas geschrieben. Erläuterungen aus der Geschichte und zur Struktur der Exerzitien – manchmal auch Musik oder eigenes Singen – hilft weiter zuzuhören. In der Mitte der Präsentation frage ich gern an Hand der Geschichte „In einem Iglu auf dem Tempelhofer Feld“, welche Anregungen oder eigene Sichtweisen in der abendlichen Austauschrunde greifbar wurden, so dass der Übende zu seiner Schlussfolgerung kam, er sei Gott begegnet. Gerne lasse ich zum Abschluss von einem Ehepaar die Geschichte „Einfach ohne Kinder als Paar“ aus dem Buch „Einfach Ohne“ Seite 46ff lesen. Sie zeigt deutlich die Wechselwirkung von Exerzitien und Alltag. In der anschließenden Nacht kam ich in der WG von Freunden in Idstein unter.

Am nächsten Tag in Cochem
an der Mosel war ich eingeladen unser Buch in einer lebendigen ev. Gemeinde vorzustellen. Ich wohnte bei dem Ehepaar Palm aus Kaisersesch. Der Höhenunterschied von dieser Stadt in der Eifel zum Tal war handgreiflich. Oben stehen die Windräder, die Weite der Landschaft fasziniert, und unten erreichten wir nur auf Schleichwegen das enge Flusstal voller Touristen. Die Stadt ist weitgehend für den Autoverkehr gesperrt.
Ich lernte in der Zeit bei ihnen – vor und nach den anschließenden Exerzitien – auch die beiden Söhne kennen, besonders Johannes Fröhlinger, der mit der Mannschaft der Gerolsteiner Radrennen in allen Kontinenten fährt. Die Mannschaft ist so groß, dass sie gleichzeitig bei drei Rennen mitmischen kann. Mir wurde deutlicher, das der Einzelne Sportler zwar alleine täglich trainiert, aber die Sieger der Rennen ganz auf ihre Kollegen angewiesen sind und die Preise ganz selbstverständlich mit ihnen teilen. Auch die sogenannten „Wasserträger“, die von den nachkommenden Versorgungsfahrzeugen das lebenswichtige Wasser nach vorne bringen, leisten einen wichtigen sportlichen Beitrag, ohne den keiner vorne mitfahren könnte.

In Ludwigshafen
fanden vom 10. bis 16.Oktober Exerzitien auf der Straße statt. Wir waren im Heinrich Pesch Haus eingeladen, das auch die Katholische Akademie Rhein-Neckar beherbergt. In den Ferien bot uns das Haus wie in den letzten Jahren die Räume der Behindertengruppe und einen Vorlesungsraum an und viele weitere Annehmlichkeiten. Doch die beiden Städte Ludwigshafen und Mannheim riefen uns auf ihre Straßen und die umliegenden Felder, die abgeerntet noch viel zu unserer Versorgung beitrugen, vor allem Möhren und Kartoffeln. Jeweils eine Frau und ein Mann begleiteten die beiden Exerzitiengruppen. So war genug Kraft da auch Neues zu probieren, denn der Kurs dauerte statt der üblichen 10 Tage nur sieben. Das ist für den Hl. Geist kein Problem. Aber die vier BegleiterInnen müssen neu hinsehen, wie und wo sie mit dieser Gruppe und der gegebenen Zeit Gottesdienste feiern und was sie in die drei Impulsen packen – zum Ankommen, für die Zeit auf der Straße und zur Rückkehr in ihre Heimat. Am Ende dieser Zeit mit den vielen geriebenen Möhren und anderen Reibe-punkten schenkten wir den Übenden jeweils eine kleine Hand-reibe für Muskatnüsse. Beim Abschlussgottesdienst in der Jesuitenkirche in Mannheim kam mein Mitbruder Franz Meures, der lange Novizenmeister und später Provinzial in Köln war. Zwei von uns Begleitern ergänzten seine kurzweilige Predigt.

Zurück in der Eifel
brach ich an den nächsten Abenden nach Trier und Koblenz zu Lesungen auf, eingeladen von Mitgliedern aus der ignatianisch geprägten Gemeinschaft christlichen Lebens (GcL). Ihre Aufmerksamkeit ist auf andere Weise herausfordernd, denn sie kennen Exerzitien. Auch das Gespräch im Anschluss bei einem der Einladenden in Koblenz war herausfordernd, wie es wohl jede Lebensgeschichte ist, in die ich greifbar die Situation des anderen und in seine vier Wänden eintreten darf.

In Frankfurt/M.
kam ich endlich in die neue Gemeinschaft der Steyler Schwestern und ihr Engagement mit jungen Leuten, die sich auf ein freiwilliges Jahr als MissionarInnen auf Zeit (MaZ) vorbereiten und oft mit viel Engagement zurück kommen. Hier finden sie einen Raum des Austausches und der Ermutigung. In den letzten Jahren unterstützte ich sie jeweils in der Karwoche bei der Vorbereitung des neuen Jahrgangs mit einem Tag Exerzitien auf der Straße und einer Mahnwache + Besuch in der Abschiebehaft. Es gibt einen spannenden Film über den Ablauf dieser Wochen. Auch 2017 will ich wieder in Berlin dabei sein. Einen Teil meines Gepäcks konnte ich dort zurücklassen und auch einen Teil meiner Müdigkeit.

Der Flug in den Kosovo
startete in Frankfurt am 20.10. und setzte sich über Wien nach Pristina fort. Dort ist im Süden des Landes ein internationaler Flughafen. Moritz, ein junger Mitbruder aus Berlin, wartete am Eingang auf mich. Er buchte diesen Billigflug auf meinen Wunsch hin, denn mitten in seinem Schmerz, durch den Aufenthalt im Kosovo seine Sendung nach China zu verpassen (die Altersgrenze liegt bei 30 Jahre), versprach ich, ihn dort zu besuchen. Im Mitgefühl mit seinem Schmerz und in Erinnerung an einen eigenen Konflikt auf dem langen Weg nach Kreuzberg, auf den sich auch noch manches klären musste, sagte ich im das. Mir war klar, dass ich ihn damit, an den in seinem Herzen oft gehörten Ruf erinnere, ohne zu wissen, ob er für ihn noch gültig ist. Doch jetzt war erst einmal die Freude über sein Kommen und das Staunen über das mir fremde Land dran. Ist es wirklich ein so sicheres Land, wie die deutsche Regierung behauptet, obwohl deutsches Soldaten dort stationiert sind, um die streitenden Parteien auseinander zu halben?
Vor sieben Jahren ging Smil, der fünf Jahre bei uns ohne Papiere wohnte, dorthin mit Unterstützung vatikanischer Diplomaten zurück.

In Prizren
begann sofort am nächsten Tag ein dreitägiger Exerzitienkurs mit zwei jungen Jesuiten und vier Freiwilligen aus Deutschland, die bei zwei recht unterschiedlichen Organisationen in zwei Städten eingesetzt sind. Diese Zeiten der Aufmerksamkeit unterstützte auf jeden Fall intensive Gespräche der Übenden untereinander, in denen festgefahrene Situationen überwunden wurden.
In der Nähe der Stadt Prizen wurde von Deutschland das Loyola-Gymnasium mit Internat und eine Volksschule geplant und errichtet. Lange lebte der verantwortliche Jesuit alleine. Seit einigen Monaten bildete sich mit seinem Nachfolger eine vierköpfige Jesuitengemeinschaft mit dem Verantwortlichen, zwei Mitbrüdern in der Ausbildung, Moritz und ein Mitbruder aus Kroatien, und dem einzigen Jesuiten aus Kosovo. Sie haben mich alle sehr freundlich aufgenommen und ich habe mich mit meinen Erfahrungen eingebracht. Dann kam Smil einen Tag zu Besuch.

Zwei Tage in Gjakov, nahe der albanischen Grenze
bei Smil und seiner Frau. Er bat mich einige Male ausdrücklich darum, allen, die ihn noch kennen, zu sagen: Ich bin glücklich mit meiner Frau. Herzliche Grüße!!!!!
Neuigkeiten: Vor einigen Jahren fühlte sich sein großer Hund beim Fressen durch vorbeigehenden Kinder gestört und lief anschließend auf sie zu. Smil erkannte die Gefahr und stürzte sich über ihn,weil er ihn an der Kette nicht mehr halten konnte, um ihn zu erwürgen. „Er oder ich“, ist die Erinnerung an diesen Kampf. Er erdrosselte den Hund, der im aber vorher so in den Oberarm biss, dass die Fleischfetzen herunter hingen und ein zweites Mal in den Unterarm. Es gab nur Jod für die Behandlung. Die Arztkosten wären unerschwinglich gewesen. Später verließ er seinen Heimatort mit seiner Mutter und seinen Schwestern. Die Männer in der Familie waren bis auf seinen Bruder in der Kriegszeit umgekommen. Damals wurde die Bevölkerung häufig von den Serben, die den Kosovo für einen Teil ihres Landes halten, zusammen getrieben, Frauen und Männer getrennt und letztere wurden dann erschossen. Gegenüber diesem gemeinsame Feind rücken aller Bevölkerungsgruppen dicht zusammen, auch Muslime und Christen (3,5%). Heute hat der Kosovo das jüngste Durchschnittsalter in Europa: 25 Jahre.
Auf einem kleinen Schrank im Wohnzimmer bei den beiden steht eine deutsche Bibel (Smil nahm 3x an Exerzitien teil) auf der einen Seite und auf der anderen ein Koran, den wohl seine albanische Frau mitbrachte. Wir hatten uns viel zu erzählen, auch bei einem Spaziergang durch die Stadt. Smil stellt im Steinbruch Schmucksteine her. Im Nebengebäude der Moschee konnte ich einige betrachten.
In der Straße vor der Moschee fand ich einige Geschäfte mit Hochzeitsschmuck. Dies Goldhändler, wie Smil sagt, sind alles Christen, die ihre Geschäfte beiseite legen wenn zum Gebet gerufen wird. Dieser Respekt sei typisch. So würde der Bau der neuen großen katholischen Kirche durch Spenden von Christen und Muslimen finanziert. Unglaublich oder?

Zurück in Prizen
stand Moritz am Busbahnhof und nahm mich mit zu einem alten Mann, der sehr bescheiden in einem kleinen Pförtnerhaus wohnt. Er begrüßte uns freundlich in seinem einzigen Zimmer und bot uns den im Land üblich einen Kaffee. Wir kamen in einen Austausch über ein Foto, das an der Wand hing. Doch auch Moritz konnte ihn nicht immer verstehen. War es sein verstorbener Sohn oder er selbst, der dort abgebildet war. Über dem Bilderrahmen hing eine Gebetskette, dem Rosenkranz ähnlich, mit der die im Koran genannten 99 schönsten Namen Gottes, angerufen werden. In seiner Freude über das Gespräch ging der Mann hin und schenkte mir diese Kette, die ich jetzt gerne nutze, mich an all die vielen Namen Gottes, die ich in der Begleitung der Straßenexerzitien gehört habe, und die Würde dieser Menschen zu erinnern, die mit dabei so greifbar wurde. Ein großes immer mal wieder erhofftes Geschenk.

Die Liebe zu beiseite gedrängten Romas
durfte ich in den nächsten Tagen erleben. Am Rand der Stadt in der Nähe der Autobahn entdeckten die jüngeren Jesuiten und Eva von den Freiwilligen einige Häuser mit Romafamilien. Sie sind – wie in Deutschland, mit seiner furchtbaren Geschichte der Zigeunertötungen – auch im Kosovo nicht integriert und leben in großer Armut.
An meine Zeit in Toulouse 1976 erinnerte ich mich. Dort besuchte ich oft Anni in einem solchen Viertel. Sie ist eine deutschen Schwester, die in ihrem Häuschen Romakinder aus aus der Nachbarschaft empfing und förderte. Einmal spielten ältere Jungen Fußball hinter den Reihenhäusern (jeweils mit einem großen Raum und einem kleinen im ersten Stock). Auf dem Rücken eines Jungen war groß die Kreuzigung-Szene mit Maria und Johannes ein-tätowiert. Nur einen kurzen Moment sah ich dieses Bild. Welch ein Mut und welch ein Bekenntnis dachte ich mir. Ich spürte meine unvergessene Sehnsucht danach ebenso mutig öffentlich zu handeln.
Nun war ich wieder in solch einem Viertel. In einer der vielen Bauruinen hatten die Jesuiten einen Raum mit vielen Fenstern angemietet. Alles was in ihm geschah konnte von der Straße eingesehen werden. Ich war dabei, wie er als Klassenraum eingerichtet werde. Und dann habe ich in den nächsten Tagen gesehen, wie an jedem Tag acht bis zehn SchülerInnen aus dem Gymnasium nachmittags kamen und die Kinder des Viertels zum Unterricht einluden. Ich stand auf der Straße und sah, wie Jugendliche einen Jüngeren anstachelten, einen Behinderten zu verhöhnen. Er konnte nur hilflos lachen. Wie konnte ich ohne Sprache hier einschreiten? Da ging ich auf den beziehungs-hungrigen Jungen zu und nahm ihn in den Arm. Erst schaute er sich ängstlich nach den Älteren um. Aber dann genoss er die Zuwendung und strahlte. (Die Bilderfolge will ich einmal auf diese Webseite setzen, wenn ich das technische Problem gelöst habe.) In einem zweiten Schritt wiederholte ich den selben Vorgang mit dem Verspotteten. Wieder spürte ich die Freude von uns beiden. Diese und andere Beobachtungen brachte ich dann in die Reflexion der etwas autoritär agierenden Schüler nach ihrem Unterricht ein.
An einem anderen „Schultag“ hatten sich Mädchen den Ablauf ausgedacht. Sie begannen mit einer Art Sportunterricht mit Volksliedern auf der Straße und luden nebenbei die Abseits-stehenden immer wieder ein. Einig konnten darauf eingehen. Dann gingen die jungen „Lehrerinnen“ jeweils mit ihren Klassen in den Unterrichtsraum. Die kleineren Kinder wurden in einer Art Kindergarten in einem anderen Raum der Bauruine unterrichtet. So konnten alle gegenseitig voneinander lernen. Mit viel Freude durfte ich so dieses erst wenige Wochen alte Engagement wahrnehmen.

Abends traf ich mich mit dem letzten Schüler-Lehrerteam
in einem Kaffee, denn sie wollten mir einige Fragen stellen. Ganz schnell kam das Gespräch auf Drogen, die es an der Schule nicht gab. Oder doch? Im Freundeskreis? Sie wollten wissen, wie ich in unserer Wohngemeinschaft mit diesem Thema umgehen würde. Darauf versuchte ich zu antworten. Alles wurde hin und her übersetzt, obwohl viele der Schüler auch Deutschkenntnisse haben. Dann habe ich auch noch nach sexuellen Übergriffen gefragt, mit denen ich mich ja auch ausführlich auseinandergesetzt habe. Deutschland ist nicht nur das Paradies. In der Europäischen Union wird jedes fünfte Kind sexuell missbraucht, sagt die Statistik.

Am nächsten Tag flog ich zurück nach Frankfurt/M
holte mein Gepäck bei den Steyler Schwestern ab, bekam noch etwas Schlaf und ein Mittagessen und fuhr zum Treffen der Arbeitergeschwister im naheliegenden Illbenstadt. Seit 1970 treffen wir uns alle halbe Jahr zum Austausch. Anfangs waren wir nur eine Gruppe kath. Arbeiterpriester aus Deutschland, heute kommen auch Frauen und Männer aus der evangelischen Kirche und aus der Schweiz/Niederlanden dazu, die einmal diesen Schritt über die gesellschaftliche Grenze zwischen „Studierten“ und „Malochenden“ überschritten haben. Alle sind eingeladen, wohin auch immer der Weg weiter ging. Zu den Treffen kommen aus dem größeren Kreis meist zwischen 20 und 30 Personen. Im nächsten Jahr sind wir dran, die Arbeiterpriester aus dem westlichen Europa zu uns nach Deutschland einzuladen. Dieser jährliche europäische Austausch über das Leben jenseits alter Grenzen fordert immer wieder heraus.

Ein kurzer Besuch in Essen
Zwei Jesuiten beginnen in einem ehemaligen Pfarrhaus mit einem Haus des  Willkommens für aus ihrer Heimat geflüchteten Menschen. Es soll den Namen „Abuna Frans Haus“ tragen, also die syrische Anrede von Pater Frans von der Lugt SJ, der mit vielen Kontakten zu unterschiedlichen Religionen in Syrien lebte und es auch in Krisenzeiten nicht verlassen wollte. 1400 Menschen konnte er eine Ausreise ermöglichen. Bald darauf wurde er umgebracht. Dieser Mann des Friedens soll ihnen ein Vorbild sein auch in Essen Brücken zu schlagen, besonders zwischen Muslimen und Christen.
Ludger war da. Ein frohes Wiedersehen mit einem Menschen, mit dem ich in seiner langen Zeit in Berlin beim Jesuitenflüchtlingsdienst (JRS) sehr vertraut wurde. Viele im Ruhrgebiet freuen sich auf diesen Neuanfang und haben die beiden Lutz Müller SJ und Luder Hillebrand SJ schon begrüßt und ganz praktisch unterstützt. Doch noch können sie keine Gäste aufnehmen.

In Hiltrup, einem Ortsteil von Münster,
steht das Mutterhaus der Hiltruper Missionsschwestern. Diese in Deutschland recht klein gewordene Gemeinschaft bereitet ihre Freiwilligen in der Karwoche zusammen mit den Steylern in Berlin auf ihren Auslandsaufenthalt vor. Sie luden mich zu einer Lesung aus unserem Buch über Straßenexerzitien ein.
In den Berliner Wochen lernte ich Anne vom Leitungsteam kennen. Sie war unterdessen länger zu einer Theaterausbildung in Chile, ist mit Claudio aus Chile verheiratet. Inara heißt ihre kleine Tochter. Er durchlief hier eine Ausbildung als Familientherapeut und schreibt Theaterstücke, die er mit einigen Schauspielern einübt, darunter seine Frau. Mit dem nächsten Stück wollen sie bald auf Tournee gehen.

Bei ihnen fühlte ich mich sehr wohl,
und nutzte die Zeit für einige Besuche in Münster:
Andreas Hellgemann lud mich zur Fortbildung der Religionslehrer im November ein. Die Zusage nahm ich wegen der Rom-reise zurück. Doch nun nahm ich an einem kleineren Treffen mit seinen Kollegen in Münster teil.
– Meine Eltern lebten seit etwa 1965 in Meckenheim bei Bonn. Dort engagierten sie sich im Altersheim, in dem sie vor einigen Jahren auch selbst starben. Von der dieses Heim tragenden Schwesterngemeinschaft wurde auch ein Kindergarten betrieben. Als die leitende Schwester während meines Noviziates in Münster dort im Krankenhaus lag, schickten sie mich zu ihr. Mehrmals sahen wir uns unterdessen. Heute lebt sie mit den anderen Schwestern aus Meckenheim wieder dort im Mutterhaus. Es war ein sehr schöner Besuch, bei dem viele meine Eltern kannten, die ja beide schon vor einiger Zeit gestorben sind.
– Auch bei Hans war ich, den ich im Jahr 2000 bei einem Tag auf der Straße in Hamburg kennenlernte. Die bewegenste Geschichte von diesem Tag steht in unserem Buch über die Straßenexerzitien auf Seite 26ff. Heute wohnt er in der Nähe des Bahnhofs, um den an den Rand gedrängten (obdachlosen) Menschen leichter auch mit seinen gesundheitlichen Einschränkungen zu begegnen. Sehr oft habe ich diese Geschichte vorgelesen. Jetzt konnte ich ihm wieder begegnen, zusammen essen und ein wenig schlafen. Dann begleitete er mich zum Bahnhof und ich fuhr an den Rand der Stadt.
– Ein Klassenkamerad, unser Klassensprecher, Innenarchitekt und Entwicklungshelfer in Pakistan, mit dem ich in Neuss Abitur gemacht habe, war Pfarrer in Münster. Heute lebt er fast 80 Jahre alt, quasi als Klinikseelsorger, auf dem Campus der Alexianer mit mehreren psychiatrischen Kliniken, Werkstätten, Übergangshäusern, ein Hotel für die Besucher und einem Kunsthaus. Die Brudergemeinschaft Alexander ist in der Zeit entstanden, in der die Frauen (Beginen) sich zusammen taten. Heute werden unter ihrem Namen in vielen Städten ähnliche Krankenhäuser geleitet. Über meinen Freund voller Tatkraft habe ich mich sehr gefreut.
– Zwischendurch zog ich auf meinem PC alle Dateien mit dem Thema Straßenexerzitien zusammen. Da liegt ein Berg Material. Nach dem Sichten und dem Löschen doppelter Dateien sortierte ich alle Dateien mit Anschriften-listen oder Bildern aus und legte sie in einen Tresor. Den Rest sortiere ich nun nach Themen. Einige dieser Dateien liegen nun in der Schatzkiste „Exerzitien auf der Straße“ auf meiner Webseite – nacktesohlen.wordpress.com. Diese Baustelle könnt Ihr Euch jetzt ansehen. Hier liegt sicherlich auch einiges, was eher auf unsere Seite strassenexerzitien.de gehört. Die dort Verantwortlichen oder anderswo Interessierten können sich also bald dort bedienen.

Im Gasthaus Recklinghausen
war am 1.11.16 die nächste Lesung in der wunderschönen kleinen Kirche mitten in der Stadt. Hier lebt eine kleine Gemeinschaft von Ordensleuten aus verschiedener Herkunft und Menschen am Rande unserer Gesellschaft werden Hilfen angeboten. Sie sind willkommen. Viele werden mit Namen gekannt. Schon vor Jahren war ich dort zu Besuch und ich habe mich wieder über die offene Gastfreundschaft gefreut. Für die Lesung waren alle Sitzgelegenheiten in der Kirche genutzt. Auch einige Bekannte waren gekommen. Emotional war hier der Startpunkt für die anschließende Rom-wallfahrt der 6000 Obdachlosen aus Ländern Europas. Wie aus vielen anderen Städten kam auch eine aus Recklinghausen. Aus Deutschland hatten sich 600 Menschen angemeldet.

In der Kölner Obdachlosenkirche
kam ich endlich am nächsten Tag an. Hier Lud mich vor einigen Monaten Maria – aus der französischen Bewegung Fratello – ein, der Einladung des Papstes an die Obdachlosen in Europa zu folgen. Und sie bat mich, am zweiten Tag mit der deutschen Sprachgruppe in der Bibel zu lesen.
Morgen soll die Reise aus dem Kölner Raum mit zwei Bussen und einer kleineren Gruppe mit dem Nachtzug losgehen. Ich freue mich darauf. Bei der ersten Belegung mit den Mitfahrenden fällt mir auf, dass ich von allen nach meinem Namen gefragt werde. Sie haben ihn auch behalten. Mit dieser Wertschätzung beginnt unsere gemeinsame Zeit. Am nächsten Tag treffen wir uns Mittags vor dem Hauptbahnhof. Ein Fernsehteam (Die Sendung lief am Montag den 14.11.2016 in lokalzeit-koeln/video-obdachlose-erlebten-den-papst doch der mein Link ist beschädigt) fährt bis Frankfurt mit und begrüßte uns dann wieder in Rom, wo sie am ersten Tag bei uns blieben. Sie wundern sich: Alle sind da. Das Filmen war nicht so lästig. Es gehörte mit zu der Wertschätzung, dem einmal wahrgenommen werden, dass die meisten Teilnehmer unserer Pilgergruppe gesellschaftlich selten erleben. Der Film war der nach der Reise ausgestrahlt wurde.

In Rom
holte mich Sr. Gabriella, eine Combonischwester am Bahnhof ab. Ich kenne sie seit ihren Straßenexerzitien in Nürnberg vor etwa 13 Jahren. Der Kontakt ist auch in ihrer Zeit in Brasilien nicht abgebrochen. Nun zeigte sie mir ihren Arbeitsplatz in Rom: Ein Haus in dem sie mit Schwestern verschiedener Kongregationen zum Thema Menschenhandel zusammen arbeitet. Aha, deshalb kann der Papst zur Zeit so oft diese Plage benennen. Am anderen Flussufer sehe ich schon das Gebäude von Radio Vatikan. Da ich einen Auftrag mitbringe – nämlich die gut lesbare pastoral-theologische Promotion über Straßenexerzitien „Gott auf der Straße“ dem Papst zu übergeben (der sehr engagierte Autor Michael Johannes Schindler bat mich darum)- ging ich hinüber zu meinem Mitbruder Bernd Hagenkord, der für die deutschsprachigen Sendungen verantwortlich ist. „Versuchs und sonst suche ich einen anderen Weg. Später kann ich daran anknüpfend eine Sendung mit TeilnehmerInnen zu diesen Exerzitien aufnehmen.“ Er wusste, wovon er spricht, da er auch schon mal Teilnehmer war. Die Mitreisenden aus Köln machten ihre erste Stadtbesichtigung, die mir zu anstrengend geworden wäre. Ich konnte bei ihrem Tempo nicht mithalten, obwohl sich einer von ihnen, der sich in einem Kölner Altersheim engagiert, rührend um mich kümmerte. Abends trafen wir uns in der Unterkunft wieder, die noch im U-Bahnbereich lag. Dort traf ich auch auf andere Gruppen aus Deutschland, wie die Freunde aus Recklinghausen. Auch Rana war dort, mit dem ich in Berlin ein Jahr zusammen gelebt habe.

Mit dem Tag der Audienz bei Papst Franziskus
begann nun das Programm der 6000 Pilger aus den verschiedenen Ländern Europas.
Schwester Franziska und Bruder Markus, beide sind Franziskaner, kannten die sieben Frauen und die sieben Männer aus Köln gut. Manche von ihnen waren noch auf der Straße und andere lebten lange dort und kannten die Verletzungsgefahren und Abhängigkeiten auf der Straße. Wer sie einmal erlebt hat, vergisst sie nicht so leicht. Heute engagieren sich viele von ihnen im Gubbio, der Obdachlosenkirche in Köln an der Zufahrt zur Severinsbrücke. Sie gehörte einmal zu dem nicht vorhandenen Franziskanerkloster. Wir waren an diesem Morgen zeitlich gut unterwegs und wurden am Vatikan wie Schafe in einem Gatter versammelt. Dann kamen wir nach und nach durch den „Flughafencheck“ (das Gepäck und die Kleidung wurden durchleuchtet), durchliefen verschiedene Wartepunkte bis wir dann die große Audienz-halle füllten. Durch glückliche Umstände bekam ich einen Platz am Mittelgang. Im Vorprogramm erzählte uns einer aus der Schweizer Garde, in der von Michelangelo entworfenen bunten Uniform, von seiner Entscheidung aus dem Glauben den Papst und das Leben im Vatikan zu schützen. Ich konnte einige Male beobachten wie diese jungen Menschen ihren Dienst mit klaren Anweisungen taten, mit militärischem Gruß und einem Lächeln. An besonderen Stellen standen sie repräsentativ platziert mit einer auffälligen historischen Waffe in der Hand. Sie gehören zu einer Polizeitruppe ganz eigener Art.
Nun versammelt sich der Begleitschutz am Eingang der gefüllten Halle. Auch eine Kamera ist dabei, über die wir an den beiden großen Monitoren die Begegnungen des Papstes mit einigen von uns miterleben können. Franziskus geht mal rechts und mal links vom Gang auf die Menschen zu und spricht ganz aufmerksam mit ihnen, als wenn gerade nur sie hier anwesend wären. Von diesem Verhalten geht eine Faszination aus. Ich halte die beiden Bücher zu den Straßenexerzitien in der Hand und er kommt auch zu mir, liest den Titel „Gott auf der Straße“ und nickt zustimmend. Beim zweiten Titel braucht er länger, bis er ihn versteht. Doch dann sieht er mich an und sagt mir ganz schlicht: „Bete für mich!“ und ich zeige meine Zustimmung. Das war ein bewegendes Ereignis, ich fühlte mich persönlich angesprochen, auch wenn ich weiß, dass er diese Bitte vielen gegenüber ausspricht. Die Buchtitel haben für sich gesprochen. Ich brauchte mich nicht vorzustellen oder ein Thema an zuschneiden. Diese gut 20 Sekunden der Begegnung könnt Ihr in der Dokumentation des Vatikans verfolgen. Der Papst wurde dann von einem französischen Kardinal und einem Repräsentanten der Bewegung Fratello begrüßt, die das Treffen angestoßen und gestaltet haben. Die Fratellos aus Frankreich waren gut erkennbar und halfen überall. Außerdem gaben zwei von uns ein Lebenszeugnis. Und Franziskus antwortete direkt darauf, denn er las ihre Texte mit. Ihr könnt den ganzen Vorgang verfolgen in den Aufzeichnungen des Vatikans in der Zeit von 3.15 bis 3.38 des Beitrags.

Die Übersetzer in den Kabinen erwarteten eine Rede des Papstes auf Italienisch. Doch er sprach Spanisch. So musste ich seinen Beitrag später nachlesen. Hier ist der Bericht. Als zentralen Satz habe ich verstanden: Ihr seid mit Eurem Leben die Mitte der Kirche.

Weitere Dokumente:
Audienz im Vatikan Tagesschau
 Ihr verhelft uns zur Wellenlänge Gottes

Für mich war der nächste Tag auch sehr herausfordernd.
Vormittags trafen wir uns in Sprachgruppen. Wir 600 Deutschsprachigen in der „Neuen Kirche“ zusammen mit dem in einem der Kölner Busse mitgereisten Weihbischof aus Köln; er ist für die Caritas zuständig.
Nach dem Morgengebet in dieser alten Kirche sollte ich zu allen sprechen. Ein Zeugnis stand im Programm. Ich suchte mir die Selbsterkenntnis Jesu heraus: „Ich bin die Straße, die Wahrheit und das Leben.“ Vieles ging mir in den Tagen zuvor durch den Kopf. Doch jetzt waren alle Vorüberlegungen weg. Ich stand vor den Straßenerfahrenen, die meist recht einsilbig sprechen. Gut das ich nur einen Satz Jesu herausgegriffen hatte.
Zuerst stellte ich mich vor und erwähnte auch die Zeit nach der Wende, als ich nach der Räumung der Wagenburg auf dem alten Grenzstreifen, mit den Geräumten einen Monat auf der Straße lebte. Diese Zeiten auf der Straße sind unvergesslich. Doch was ich danach noch alles gesagt habe, weiß ich nicht mehr. Aber es wurde deutlich: Ich lebe nicht auf der Straße, dafür redete ich zu lang. Trotzdem wurde es sehr still, so dass man eine Stecknadel hätte fallen hören. Mit dieser Sammlung feierten wir anschließend den Gottesdienst mit dem Bischof.
Am Abend war eine Lichterprozession mit Rosenkranzgebet in allen Sprachen im Garten von der großen Basilika „Sankt Paul vor den Mauern“, in der wir anschließend beichten konnten und noch einige Zeugnisse hörten. Es war eine Zeit, in der die vielen Spiritualitäten der Pilger greifbar wurden. Mich hat besonders berührt, dass mich dort am Ende Maria fand, die mich hierher eingeladen hatte. In der Begegnung kam einiges aus ihrem Leben zur Sprache und ich schenkte ihr mein letztes Exemplar des Buches über die Straßenexerzitien.
Am Sonntag
war  die Messe mit den Obdachlosen im Petersdom mit dem Papst. Wir saßen alle dicht neben ihm rechts und links vom Altar im Seitenschiff. Die großen Säulen verstellten aber den Blick auf das Geschehen. Hier waren wir eingezwängt in vielen erstarrten Formen. Eine Großveranstaltung eben. Danach war das Angelusgebet auf dem Vorplatz. Nur aus wenigen Positionen ist das Fenster mit dem Papst zu sehen. Doch eine Ansprache wurde gut übertragen, aber nicht übersetzt.
Anschließend war ich in ihre Gemeinschaft von Sr. Gabriella eingeladen. Zwei Stunden warteten wir beide gegenüber dem Petersdom an unterschiedlichen Orten vergeblich die wir jeweils für die ausgemachten Treffpunkte hielten. Mit diesem Schmerz irrte ich dann durch die Stadt und traf die anderen am Bahnhof. In München trennten wir uns nach einer Tasse Kaffee und einem Gebet. Ich holte mein zurückgelassenes Gepäck ab und fuhr mit Regionalzügen zurück nach Berlin.

Aus Rom brachte ich den Wunsch mit,
den nächsten Sonntag in Regina Martyrium zu predigen und von der Romreise die Bitte des Papstes mitzunehmen. Das war auch möglich.

Bei einem Besuch in der Naunynstraße
in meiner ehemaligen Wohngemeinschaft spürte ich in mir nach dem Generationswechsel nun deutlich die Hochachtung über das Engagement der jetzigen Bewohner, die das Leben ohne den Rückhalt einiger Ordensmitgliedern gestalten und die aufkommenden Konflikte meistern. Hut ab.

Ich sehe weiter nach vorne
und suche meinen Weg. Mit der Bitte des Papstes ist für mich vielleicht eine Richtung benannt. Denn ich bin ja auf dem Weg in den betenden Hintergrund der Gemeinschaft.  Was dieses Engagement bedeutet wurde mir klarer, als Franziskus am Ende des Gottesdienstes vor der Marienstatue ist verweilte. Maria war immer mehr betender Hintergrund für ihren Sohn. Dieser stille Dienst kann uns schützen und ermutigen. Jesus hat ihn nutzen können und ich habe mich auch oft auf diese Unterstützung verlassen. irgendwann bin ich dran, diesen Dienst intensiver zu leben. Doch bin ich gespannt, welche Themen und Aufgaben mir auf der Straße meines Lebens noch begegnen.
Am Dienstag diese Woche war noch eine Lesung im Frauenbundhaus und heute sind auf Wunsch des Verlages in Hamburg beim Bibel TV drei kurze Beiträge mit mir aufgezeichnet worden.
Heute erfuhr ich: Von unserem Exerzitienbuch wurden etwa 1000 Exemplare verkauft.
Morgen werde ich nach Weimar fahren, um im Zusammenhang mit der Ausstellung vom ACC „Aufmerksam werden“ die Exerzitien auf de Straße vor zu stellen.

Ich werde schon etwas müde. Doch will ich voll Freude wieder aufbrechen und dem sich neu zeigenden Christus entgegengehen.

Herzliche Grüße an euch alle
Christian

Brief 7  Berlin Anfang 2017

Liebe Bekannte und FreundInnen,

dieser lange Rundbrief (lest ihn wieder wie eine Zeitung entlang der Stichwörter, die ansprechen) sollte Euch vor Weihnachten, dann vor Jahresende erreichen, jetzt beginnt er:
Ich wünsche Euch allen ein gutes Jahr 2017.

Meine Entwöhnungsreise aus der Geborgenheit der WG-Naunynstraße geht zu Ende. In der WG konnte ich selbst im Wohnzimmer jederzeit wie auf der Straße von Unbekannten überrascht werden: Dort wird die Haustür weiterhin ohne die Nachfrage “Wer ist denn da?“ geöffnet. Welch eine Freude: Mitten in allen Konflikte – weltweit und im kleinen – geht das Leben in der WG-Naunynstraße mit neuen Herausforderungen weiter. Bewohner wechselten und besonders der Austausch am Samstag Morgen beim großen Frühstück setzt sich fort. Einiges davon ist beim Lesen des Blogs spürbar.

Freudig bedanke ich mich für die Rückmeldungen auf meinen letzten Rundbrief, den ich im Link von meiner Webseite aus  verschickte. Er wurde über 900 Mal aufgerufen (aus verschiedenen Ländern oder sind nur die Server weltweit verteilt?). Hinter drei Aufrufen steht im Durchschnitt eine Person. Viele von Euch nehmen den Brief zur Hand, andere auch nicht, die ihn aber weiter unter dem Stichwort alle Termine auf rufen können.

Die letzte Etappe meiner Reise 2016 begann nach einer Lesung aus unserem schönem neuen Buch über die Straßenexerzitien in einer Kunstausstellung in Weimar. Dort stellten sich fünf Künstler dem Thema „Aufmerksamkeit“. In diesem Zusammenhang durfte ich etwas zum „Aufmerksam werden“ in den Exerzitien sagen. Sehr freundlich wurde ich in dieser Stadt mitten zwischen den Bauten aufgenommen, die mich an das 3. Reich erinnern.

Zurück in Berlin brach ich am nächsten Tag etwas überstürzt – der letzte lange Rundbrief mit den Ereignissen vor allem im Kosovo und in Rom war innerlich noch nicht zu ende geschrieben (einige Nachträge hänge ich an diesem Brief) zu meiner zweiten Reflexionszeit nach Husby bei Flensburg auf.
In den letzten zehn Jahren lernte ich Katharina immer mehr schätzen. Sie ist für mich sehr glaubwürdig in das Leben und den Glauben ihrer Umgebung eingebunden und sieht auf diese Wirklichkeit mit einer mir vertrauten religiösen Hoffnung auf Veränderungen. In dem immer leichter werdenden Kontakt mit ihr, sah ich neue Bereiche des Lebens.
In der Naunynstraße erlebte ich das großes Vertrauen besonders zu Not-leidenden. Ihre (seelischen) Schmerzen bedrängte und überforderte mich oft für einige Tage, in denen ich mich gegenüber anderen Fragen jeweils verschloß.
Nun träumte ich davon, nach meiner Reise mit Katharina von Flensburg aus, also an der Grenze zu Dänemark, i
n einem sozialen, politischen, über-konfessionellen oder gar einem grenzüberschreitenden interreligiösen  Projekt zusammen zu arbeiten. Sie ist im Kirchenkreis Flensburg in der evangelischen Nordkirche (ein nach der Wende erfolgter Zusammenschluss vorher selbständiger Kirchen von Dänemark bis Polen) in Angeln wohnend (der äußerste Norden der BRD entlang der Ostsee) beauftragt, spirituelle,  Gemeinschaft-unterstützende Impulse anzubieten.
Habe ich sie in ihrer Krankheit ähnlich bedrängt, wie Hilfesuchende mich in Berlin
überforderten? Auch den Einfluss meiner Krankheit will ich sehen. Es ist klar: Wir können unseren Traum jetzt so nicht weiter verfolgen.
Wie so oft öffnete sich für mich zuerst ein schmerzhafter Freiraum. Da ist wieder dieser gefährliche, allen Glauben beiseite schiebende Helfer-komplex: Aber ich will mich in einer freundschaftlichen Beziehung nicht helfend über jemanden beugen, sondern von diesem innerlich distanzieren-müssenden Verhalten Abstand nehmen. Ich sah auch meine Anteile, die andere trotz meiner guten Absichten oft überfordern. Ich denke da besonders an meine Mitbrüdern im Orden. Diese „Schwachstellen“ im eigenen Verhalten bemerke ich besonders in meinen Krankheitsphasen. Dann bedränge ich mit meinen blinden Flecken, die mein Herz vor der Not anderer abschirmen, Menschen auf sehr schmerzhafte Weise, auch Hilfesuchende. Diese auch gesellschaftliche Wechselbeziehung wurde mir deutlicher. Diesen Zusammenhang wahr zu nehmen halte ich für einen Gewinn.

Mit dieser Herausforderung im Gepäck fuhr ich zu der mich faszinierenden evangelischen, ehelos lebenden Gemeinschaft in Imshausen, Sie entstand im Widerstand zum III. Reich. Nach dem Krieg nahm sie, an der innerdeutschen Grenze bei Bebra angesiedelt, allein reisende Flüchtlingskinder auf und betrieb eine größere Landwirtschaft. Die Kinder sind herangewachsen. Doch die gesunde Erdverbundenheit der Gemeinschaft ist weiter wohltuend spürbar.
Nun sind die Schwestern und Brüder alt geworden: Die Älteste wird im nächsten Jahr 100 und außer dreien, in deren Hände jetzt schon die Leitung liegt, sind dann alle über 80 Jahre alt. Die Landwirtschaft gaben sie an Jüngere ab. Doch ihre von der Liturgie geprägten Gemeinschaft pflegt weiter ökumenische Kontakte in der ganzen Welt.
Seit vielen Jahren besuche ich die Gemeinschaft meist nur ganz kurz. Nach dem halbjährlichen Treffen der Arbeitergeschwister in Mainz machten wir BerlinerInnen bei Ihnen vor der herausfordernden Fahrt durch die DDR oft einen Zwischenstopp. Isolde, eine evangelische Pfarrerin aus unserem Kreis lebte später ein Jahr mit ihnen.
Nun verabredete die Gemeinschaft unter sich eine dreimonatige Reflexionszeit und lud mich dazu für drei Tage ein, sie im Gespräch untereinander zu unterstützen. Vier von ihnen waren mir bei Straßenexerzitien schon entgegengekommen. Am Ende meines Besuches  schlug ich vor, Abendmahl entlang der Emmausgeschichte (im 24., dem letzten Kapitel des Lukasevangeliums) zu feiern:
Am Anfang steht die Traurigkeit der Jünger und Jüngerinnen nach dem Tod Jesu und dieses Nicht-glauben-können der Auferstehung Jesu.
Wir sahen auf Not in der Welt und die Dornen in unserem Leben.
Zwei dieser um eine Deutung ringenden Freunde Jesu, brachen auf, um nach Emmaus zu gehen. Wir hören die Straßenerfahrungen der beiden: Ein Fremder spricht sie an und gibt ihnen die Antwort auf Ihr Suchen: „Habt Ihr die Aussagen der Propheten nur mit dem Kopf und nicht auch mit Euren Herzen gehört?“ Und der Fremde erinnert an all ihre deutenden Worte. In Emmaus angekommen hören wir ihr einladendes Drängen: Der Fremde, mit seiner befreienden Sicht auf die Wirklichkeit, möge bleiben. Schon im nächsten Satz erlebe ich ihn als den Gastgeber: „Er bricht das Brot und gibt es ihnen.“
Da teilten auch wir Brot miteinander.
Als Kleopas und seiner Frau Maria (für mich wahrscheinlich eine der drei Frauen, die in der Todesstunde Jesu unter dem Kreuz stehen, Joh 19,26) begreifen, sie sind Jesus begegnet, nun brechen sie sofort auf, als noch in der Nacht, und kehrten (das zweite Mal) nach hause (diesmal) in den Kreis der JüngerInnen zurück. Dort konnten die sie nun Petrus zuhören. Er erzählt von seiner Begegnung mit dem Auferstandenen und sie sagen ihm: Wir glauben dir, denn wir haben ähnliches erfahren. Der biblische Bericht endet mit dem Satz (in unseren Bibelausgaben meist durch eine Überschrift abgetrennt): „Noch während sie miteinander sprechen, tritt der Auferstandene in ihre Mitte und wünscht ihnen den Frieden.“
Diesen Frieden wünschten wir uns jetzt gegenseitig und segnen einander.

So gestärkt brach ich nach dem Mittagessen nach Nürnberg auf. Am Abend begann dort im CPH zu einer Lesung aus unserem Buch. Hilmtrud nahm mich einige Tage mit ins Noviziat (Eintrittsort in den Orden) der Congregatio Jesu. Zwei Tage später stand in Nürnberg ein Tag Exerzieren auf der Straße im Programm des Bildungshauses. Eine der drei Gruppen für den Austausch begleitete Hilmtrud, die ein halbes Jahr mit uns in der Naunynstraße lebte. Ihr Orden ist ein in England gegründeter, ignatianisch ausgerichteter Frauenorden mit weltweiten Niederlassungen.
In ihrer Kirche fand ich einen
Kreuzweg. Jeder Station ist ein Bibeltext und ein Zeichen zugeordnet. Seit meinem ersten Besuch in Berlin – ein Künstler lud mich 1968 in seine im Dach einer Kirche, über dem Altar, liegende Werkstatt in der Nähe des Tempelhofer Flughafen ein -, beschäftigte ich mich mit den Themen des Kreuzweges. Rudolf Heltzel wollte einen neuen Kreuzweg mit gesellschaftlichen Bezügen (Grablegung mitten unter den in Konzentrationslagern Ermordeten) schnitzen und bat mich um eine Themenzusammenstellung. Diese Idee ließ er später fast ganz fallen. Sein Kreuzweg hängt in der Kirche Bruder Klaus in Berlin. 2011 schrieb ich den Miserior-Kreuzweg. Gekürzt als Buch. Den ersten Versuch veröffentlichte mein Lehrer in München, P. Benedikt Schwank OSB, 1973 in der Zeitschrift der Benediktiner in Beuron: Erbe und Auftrag.
In der gastlichen Atmosphäre in Nürnberg beendet gerade die einzige Novizin ihre Habilitation (Voraussetzung für eine Professur). Moritz im Kosovo saß in ihren Vorlesungen in der Frankfurter Hochschule St. Georgen.

Von Nürnberg aus fuhr ich nach Ravensburg zu Michael Schindler. Diesmal war auch seine Frau Dagmar da und wir sahen uns das Treffen mit dem Papst an, bei dem ich ihm seine Arbeit „Gott ist Straße“ überreichte. Diesen Wunsch von Michael zu erfüllen, war mir eine große Freude. Aus meiner Sicht wollte er seine Arbeit in die Mitte der Kirche legen, sie Ihr anvertrauen. Und Rom ist ja einer der „Mittelpunkte“ der gespaltenen Christenheit.
Auch Dagmar Schindler schrieb am Ende ihrer Ausbildung in Craniosacral-Therapie eine Arbeit, in der die nötige Aufmerksamkeit beschreiben wird. Das hat mich sehr angesprochen und ich möchte sie nach einer Überarbeitung gern in die entstehende Schatzkiste Exerzitien auf meiner Webseite legen.
In den Gesprächen hörte ich, wie das Ehepaar überlegt, wo sie selbst einmal Paarexerzitien auf der Straße anzubieten können. Dieser Wunsch erfüllt mich mit großer Freude. Meine Schwägerin begann dieses Angebot zusammen mit meinem Bruder. Dieses Engagement, das für die übenden Paare ein großes Geschenk war, ist zur Zeit durch Krankheit unterbrochen. Doch die Tradition konnte von zwei lesbischen Frauen auf ihre Weise fortgeführt werden. Nun gibt es vielleicht wieder für andere Paare eine Chance gemeinsam in der Gruppe Exerzitien zu machen. Diese Zeiten werden sinnvoll wohl nur von Paaren begleitet, die ihre Exerzitienberichte abends mit den eigenen Erfahrungen hören.

Von Ravensburg brachte mich Michel zu dem Benediktinerinnenkloster Kellenried. Diese Gemeinschaft war für uns in der Naunynstraße seit 40 Jahren unser „betender Hintergrund“. Am Anfang meiner Reise bin ich auf dem Weg dorthin auf den Rat der Äbtissin umgekehrt. Sie schütze damals die schwer kranke Schwester Hedwig, die ich von einem gemeinsamen Israelaufenthalt kannte. Erstaunt war ich, wie die Schwestern sich an meinen letzten Besuch vor 35 Jahren erinnerten.
Sie räumten in ihrem dichten Tagesprogramm an beiden Tagen eine Zeit ein, in der ich über die Erfahrungen bei Straßenexerzitien und sogar mit dem Film über die Papstaudienz von der Obdachlosen-Wallfahrt nach Rom berichten konnte. Für mich war es ein großes Geschenk, diese Begebenheiten mit ihnen zu teilen. Die Anzahl der Schwestern schrumpfte seit meinem letzten Besuch auf ein Drittel.
Besonders erinnere ich mich an eine Schwester, die mir das neue Buch über das Kloster im III. Reich zeigte. Die Schwestern mussten das Kloster verlassen. Alle Wertgegenstände holten die Bauern der Umgebung am Abend vorher ab und versteckten sie, so dass sie alles nach dem Krieg zurück bekamen. Die Schwestern wurden bei den Waldarbeiten von der Behörde regelmäßig kontrolliert. Glücklicherweise konnten sie gemeinsam im Haus des Grafen wohnen. Erschreckend wurde mir im Gespräch deutlich, wie auch Theologen mit ihren Kenntnissen in die Rechtfertigung der Judenvernichtung eingebunden waren. Sie wurden wie andere Intellektuelle auch nach dem Krieg weiter gebraucht. Wie sehr sie sich angepasst hatten, zeigt eine Behauptung des Philosophen Heidecker, das Weihnachtsfest sei ein besondere Frucht Deutscher Kultur. Diese Umnachtung unseres Denkens und Handelns liegt weiter „verpuppt“ nicht nur in unserem Volk, wie wir heute erschreckend wahrnehmen müssen. Keiner ist ganz sicher, ob und wann dieses Gedankengut, das scheinbar tot daliegt, wieder zerstörerisch lebendig wird.

Nach einer weiteren Nacht in Ravensburg brach ich zum Arztbesuch nach Berlin auf. Die Ärztin bestätigte mir, dass ich gesünder aussehen würde. Na, zum Bergsteigen habe ich mich trotzdem noch nicht angemeldet.
Aber ich war zum Kommunitätstag in Berlin und diese Kontaktaufnahme mit meinem neuen Zuhause tat gut. Ich bin gespannt, wie ich mich in der Jesuitenkommunität am Canisiusschule ein-lebe. Ich wohne ebenerdig im Kontakt mit dem Schulhof. Ja es macht mir Freude den Kindern beim Fußballspielen usw. zuzusehen.
In Berlin sah ich das neue Heft Jesuiten. 2016 durfte ich in allen vier Ausgaben dieser kostenlosen Zeitschrift einen Geistlichen Impuls zu den Straßenexerzitien schreiben, im November nun eine Meditation der Emmausgeschichte. Bestellungen hier.
Doch ich hörte auch: Jan Wellekens ist gestorben. Schon in meinem Noviziat besuchte ich ihn 1969, da mir die Lebensweise der Kleinen Brüder sehr verwandt schien.
Zusammen mit Michael Walzer und später auch mit Franz Keller fuhren wir regelmäßig zu Jan und seinen Freunden in Hamburg und Jan befragte unser Leben in Kreuzberg freundschaftlich und oft auch sehr kritisch, da wir die Lebensumstände mit unseren Arbeitskollegen durch unser Engagement in Kreuzberg nur gebremst teilen würden. Er war mir in den Jahren ein wichtiger Weggefährte. Die Beerdigung verpasste ich und will sein Grab nun baldmöglichst besuchen.
Auch eine schöne Nachricht hörte ich: Da ich den Prozess vorm Bundesgericht gewann, (die Flughafengesellschaft verbot eine Mahnwache vor der Abschiebehaft auf ihrem Gelände) bekam ich nun die Anwalts- (die Gegenseite unterließ es vorsichtshalber in all den Jahren eine Rechnung zu stellen und mein Anwalt vorm Bundesgericht verzichtete siegessicher auf ein Honorar) und die Gerichtskosten zurück: 3390 Euro. Hurra! – Der Streitwert war zum Glück niedrig angesetzt
und mir blieb die weitere Instanz vor dem Bundesverfassungsgericht erspart, die meine Vorgänger in Frankfurt 2011 auf dem achtjährigen Gerichtsweg – auf den ich auch eingestellt war – durchhalten mussten. Wie mit den Unterstützern abgesprochen, überwies ich das Geld an den Jesuitenflüchtlingsdienst.
Nun ist die Zeit reif, die Erfahrungen der letzten Wochen mit Euch zu teilen. Doch ich war wie gelähmt. Das Schreiben fällt mir ja immer schwer. Und Ihr stellt mir viele Fragen. Wie soll ich darauf eingehen?
Oft ließ ich, wie es auch Eltern tun müssen, liebgewordene Menschen mit guten Wünschen los, damit sie weitergehen können. Wird mir nun meine Meisterstück gelingen? Ich will die Menschen der „Naunynstraße“ nicht vergessen; wir begleiten uns weiter, das entdeckte ich auf dieser Reise neu. Doch ich möchte nicht in der Vergangenheit hängen bleiben, sondern suche nach einem Engagement, mit dem ich mich weiter am Leben beteilige.

Wie immer wartete ich Weihnachten auf die nicht planbare Überraschung: Wann kommt der Moment, an dem ich merke, nicht in einer verschlossenen Herberge zu sitzen, mich im Privaten einzuigelen und auch nicht mit Maria und Josef vorm Haus schmollend sitzen zu bleiben, sondern mit ihnen aufzubrechen und im Stall die Freude über den Neugeborenen zu erleben. Mit dieser Weihnachtssehnsucht entdecke ich jedes Jahr einen weiteren Moment der Menschwerdung Gottes.
Dieses Jahr wartete ich bis zum zweiten Weihnachttag. Am PC sammelte ich die Zeugnisse und Reflexionen der BegleiterInnen von Straßenexerzitien für eine „Schatzkiste“ auf meiner Webseite. Staunend sah ich, das sich die Seite auch mit Namen aus nicht deutschsprachigen Ländern füllte. Ich sah eine Spur der Menschwerdung Gottes unter uns heute. Am nächsten Tag ging das Staunen weiter. Ich gab den Namen Yves Stoessel ins Internet ein und sah sein heutiges Wirken. Er wohnte vor seinem Theologiestudium ein paar Wochen bei uns in der Naunynstraße. Damals ein junger Jesuit aus dem Elsass. Er sprach gut deutsch und nahm an den Straßenexerzitien teil. Während seines Theologiestudiums lud er mich zu einem Exerzitienkurs nach Paris ein.
Er kannte meine Sehnsucht, die Entdeckung der Straßenexerzitien mit Franzosen zu teilen, in deren Mitte ich drei Jahre lernte Arbeiterpriester zu werden. Nun fand ich bei meiner Abfrage eine Zeitungsmeldung über diesen Kurs. Im Jahr darauf lud Yves ganz selbstständig zu Exerzitien auf der Straße in Marseille ein. Dann studierte er in Kanada. Aus dieser Zeit lese ich Zeugnisse von Teilnehmern in dem französischen Buch Nos villes, d‚un coeur brulant, das sie im letzten Jahr – unverdient unter meinem Namen – herauskam. Yves nahm mich im Internet geradezu an die Hand und zeigte mir seine weiteren Reflexionen und Einladungen zu Exerzitienkursen. http://exercicesdanslarue.blogspot.de/, https://gebetswache.wordpress.com/, http://coteaux-pais.net/programme/exercices-spirituels/autre-retraites-selon-les/exercices-spirituels-dans-la-rue, http://www.centremanrese.org/demarche-inspiree-des-exercices-spirituels-dans-la-rue/
Heute lebt Yves in Toulouse als Unterstützer des Gebetsapostulates. Dort begann ich in Frankreich 1975 mit der Arbeit als LKW-Fahrer und Möbelträger. Später bediente ich eine riesige, neu aus Deutschland importierte Presse, stellte Aluminiumprofile her und erlebte nach der Einarbeitung mehrerer Kollegen als Presseführer und dem Eintritt in die Gewerkschaft meine geradezu fristlose Entlassung.

Vor ein paar Wochen sah ich in Rom, wie die Exerzitienerfahrungen in der Comonischwester Gabriel (während ihres Studiums in Nürnberg machte sie dort und in Berlin Straßenexerzitien, lud mich zum Predigen bei der Profess in ihrer Heimatstadt Mailand ein, war dann viele Jahre in Brasilien) immer noch  glühen. Heute arbeitet sie zusammen mit Schwestern aus verschiedenen Gemeinschaften in einem Haus gegen Menschenhandel zusammen. Es brennt in Ihr ähnlich wie bei ihre Mitschwester Laura, die jetzt in Südafrika lebt. Als ich ihre Namen zusammenstellte, begann mein Herz zu leuchten, so sehr freute ich mich über den grenzüberschreitenden Geist Gottes, dessen Menschwerdung sich unter uns fortsetzt und wir ihn immer neu als den mit uns aufbrechendend entdecken dürfen. Diesmal erlebte ich seinen antreibenden Wirbelsturm am PC, also eher an dem Ort meiner Entfremdung. Dort steige ich ja aus der direkten Begegnung aus. Seht selbst einmal auf diese Seite meines Blogs, wo Gott mir dieses Jahr neu begegnete. Dort findet Ihr auch viele andere Zeugnisse von TeilnehmerInnen, aus deren Texten ich dieses Jahr sicher über 50 Mal vorlas.
Am Heiligen Abend kochten zwei Mitbrüder wunderbar und wir ließen es uns nach einem gemeinsamen Gebet schmecken. Danach gingen alle zu unterschiedlichen Gottesdiensten und ich überraschte die noch Anwesenden in der WG-Naunynstraße. Und wir teilten eine große Freude.
Doch dann trat eine Leere ein und ich wartete auf mein Weihnachtsfest: Siehe oben.

Etwas überraschend reiste ich am Ende der Weihnachtsfeiertage nochmals nach Husby zu Katharina, um sie zu besuchen, bevor sie drei Monate in die Abgeschiedenheit eines Klosters fährt, um wieder zu Kräften zu kommen. Ich blieb bis Silvester bei ihr. Roland nahm sie und mich sehr freundlich auf. Er war lange Lehrer auf einer Hallig, das ist eine kleine Inseln in der Nordsee, die bei Sturm auch mal ganz überflutet wird. Solange dort Kinder leben, schickt der Staat einen Lehrer hin. Oft haben diese kleinen Inseln keinen Hafen, in dem Schiffe anlegen können. Sie sind bei Ebbe mit einer Lore erreichbar.
Roland erzählt gerne von dieser bewegenden Zeit im Schuldienst und schlägt nebenbei eine Brücke nach Dänemark, wo eine Tochter von ihm Pfarrerin ist. Er selbst gehört zur dänischen Gemeinde. Dänisch ist eine der offiziellen Sprachen in Deutschland. Schleswig-Holstein war lange zu großen Teilen dänisch und die kleine dänische Partei gehört jetzt erstmalig in Kiel zur Regierung.
Roland, dessen Liebenswürdigkeit ich jetzt intensiver kennenlernte und der mir darüber noch mehr ein älterer, auch mit seinen körperlichen Begrenzungen vorbildlich kämpfender fast 80jähriger Freund ist, nahm schon einige Male an Exerzitien teil und kam auch zusammen mit seinem Sohn zu meinem Aufbruch-fest am 16. April 16.
Meine Reise der Dankbarkeit wurde immer mehr zu einer Missionsreise, bei der ich Neues wahrnahm und meine Erfahrungen teilen konnte. Das ist der Kern von Mission: Ein sich Einlassen auf den Fremden, ihn lieben lernen und dann auf das Suchen des Anderen – auch mit der eigenen Erfahrung – unterstützen. Mission ist keine Verkaufsstrategie, denn Glaube hat keinen wirtschaftlichen Wert. Er ist ein Geschenk Gottes. Gott brauchen wir nirgendwohin bringen. Er
ist schon da und in der Sehnsucht aller Menschen erlebbar. Von dort her kommt er auf unterschiedlicher Weise zu Wort. Er wird wohl oft nicht gehört. Deshalb beginnen die Straßenexerzitien für mich mit der Suche nach der eigenen Sehnsucht. Darüber können wir nach dem tieferen Grund unserer Sehnsucht fragen. In dieser grundsätzlichen Offenheit allen Menschen gegenüber – also kurz gesagt: Gott gegenüber. Er ist mit seiner unendlich großen Phantasie in allen ansprechbar.
Seine Spuren überall zu entdecken und darüber ins Gespräch zu kommen, bedeutet für mich missionarisch zu leben. Diesen Ruf nahm ich mit 14 Jahren in einer Missionsausstellung in Fulda
wahr. Damit gab ich meine Lebensplanungen geradezu aus der Hand. Ich suchte suchte nach einer Gemeinschaft, mit der ich diesem Ruf folgen konnte und dem Zugang zur Einheit aller Christen und mehr und mehr aller Menschen. Der Abbau jeglicher Verletzungen zwischen Menschen war mir als Kriegskind selbstverständlich – mit dem dazugehörigen Ringen um gerechtes und barmherziges Verhalten.
Mit dieser Sehnsucht gestärkt will ich nun von meinem Stammquartier in der Jesuitenkommunität am Canisiuskolleg – Tiergartenstraße 30/31, 10785 Berlin – auch 2017 dorthin aufbrechen, wohin ich von der Hoffnung nach Leben gerufen werde. Meine Reiseziele nenne ich weiter auf meinem Blog, um ansprechbar zu bleiben. Ich schreibe dies, obwohl mein Leben sicherlich nun altersgemäß einsamer wird.
Gerne möchte ich Geschichten sammeln, in denen zwischen den Zeilen gelesen werden kann – also dieses Lesen der feurigen Schrift zwischen den schwarzen Buchstaben, wie es im Biblolog gemeinschaftlich geübt wird, wobei der Geist Gottes in unseren Wahrnehmungen zum lebenspendenden Wort werden kann – beginnend bei Geschichten aus der Bibel bis hin zu den Geschichte im Leben der Menschen heute.

Am 4.1.17 reiste ich zu einer Tagung nach MeckPom also zu den Fischköpfen. Dort wurde ich in Stralsund geboren und von dort nahm mich meine Mutter mit zu den Eltern meines Vaters und empfing in dem völlig zerstörten Hildesheim meinen Vater nach seiner Gefangenschaft (in der Nähe des Nordostseekanals mitten in Schleswig-Holstein). Mit ihm und der wachsenden Familie zogen wir dann über Hessen, das Rheinland nach Kiel. Dort sprang ich nach meiner gescheiterten Schullaufbahn vom Familienschiff ab (die Familie kehrte ins Rheinland zurück) und ich wanderte weiter.
Hier im nüchternen Norden, wurde ich nun herzlich aufgenommen und entdecke doch auch eine riesige Mauer, die ich jetzt überwinden soll, um klug zu werden mitten in den gesellschaftlichen, auch kirchlichen, oft nur den eigenen Vorteil bedienenden, viele Menschen ausgrenzenden, also den vielen menschenverachtenden Angeboten. Wie soll dies möglich sein, ohne die spontane Offenheit des Evangelium aus den Augen zu verlieren, in das ich weiter mehr und mehr einschwingen will?
Auch die TeilnehmerInnen
der Mitarbeitendentagung des Evangelischen Kinder- und Jugendwerkes in Mecklenburg und Pommern kennen diese Frage. Das Thema lautete:An deinem Tisch – Gastfreundschaft in der Kinder- und Jugendarbeit“. Ich wurde zu zwei Workshops „Chancen und Grenzen von Gastfreundschaft“ eingeladen. Diese große jährlich stattfindende Veranstaltung wurde mit viel Fantasie durchgeführt.

Zurück in Berlin beende ich diesen Brief endlich mit der Antwort auf eine Eurer Fragen: Wie geht es Dir jetzt? „Ich fühle mich wie nach einer langen, schönen Seereise sehr erfrischt, gehe an Land und schwanke sehr. Der Bodenkontakt fällt mir schwer und ist auf Grund meiner Krankheit Parkinson bleibend unterbrochen. Doch ich erfreue mich an der pilgernd, experimentierenden Spiritualität, die Ignatius vorlebte. Immer wenn ich wieder nach meinem Stock greife, werde ich zur größerer Aufmerksamkeit angehalten und erinnere mich an die mir geschenkten (Mit)Brüder und Schwestern, mit denen ich zusammen durchs Leben pilgere.

Euch allen wünsche ich ein gutes Jahr 2017

Christian

PS Kosovo
Nachträge aus den Tagen im Kosovo mit einer Karte des schönen Landes:

Prisren
liegt im Süd-Westen des Landes. Hier ist das Loyola-Gymnasium, mit der von Jesuiten gegründeten Schule und heute einer kleinen sie tragenden lebendigen Jesuitenkommunität.
Gjakoce liegt nahe der Albanischen Grenze im Westen.
Ferizaj mit dem internationalen Flughafen liegt im Süden des Landes. Hier kam ich an und flog auch wieder ab.
kosovo-karte-20161027_084212– Der Rundbrief von den Eva und Patricia, deutsche Freiwillige (Jev): www.eviundpaddiimkosovo.wordpress.com
Vier Bilder mit einem Roma-Jungen
im Transit http://www.alg-prizren.com/pdfs/2016-12-18-tranzit.pdf
Der Besuch bei Flora und Smil mit vielen Grüße von den Beiden.
noch mehr Fotos

PS Romreise
D
ie-Papstpredigt-bei-der-Messe-mit-Obdachlosen
Der Reisebericht HAMBURG
Aus Münster nach Rom
Predigt des Papstes zu den Obdachlosen

PS Nanynstraße
Priesterweihe
von einem ehemaligen Zigarettenhändller, der auch kurz in der Naunynstraße lebte.
2.2.17 Gedenkgottesdienst für Mark, der diese Woche tot aufgefunden wurde. siehe weitere Termine

Die Diplomarbeit von Dagmar Schinkel, die mich bei der Reinigung meiner Interessen in der Exerzitienbegleitung bestärkte, werde ich nach ihrer Überarbeitung in die Schatzkiste Exerzitien legen.

Brief 8  Ende Februar 2017

Liebe Bekannten und Freunde,

jetzt bin ich schon über einen Monat zurück von meiner Reise, die mit dem wunder-schönen Fest der Übergabe am 16.4.16 in Berlin Neukölln begann. Viele von Euch waren da bei. Die Erinnerung daran ließ mich immer wieder mit Freude weiterfahren, um möglichst vielen für die Unterstützung in den letzten 40 Jahren zu danken. Mit den Rundbriefen, die weiter auf meiner Webseite unter „alle Termine“ zu finden sind, erzählte ich Euch von der freundlichen Aufnahme an vielen Orten in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Holland und dann zum Schluss im Kosovo und in Rom. Oft habe ich mir auch zusammen die Filme von dort angesehen.

Im Januar machte ich mich nochmals auf den Weg und besuchte eine Familie in Sten- dal. Eine freundliche, kleine Mailanfrage brachte mich auf die Idee, mit einem Besuch zu antworten. Stendal liegt in Brandenburg und wäre nach der Wende beinahe Haupt- stadt des Landes geworden. Die beiden noch kleinen Jungen in der Familie sorgten für eine schönes Beiprogramm. Das Bild von ihnen im Anhang. Mich beeindruckte der Bischof am Ort, der dem Vater eine Anstellung in seiner Nähe gab, nachdem die direkte Ausbildung zum Pfarrer nach dem Studium gescheitert war.

Doch dann ging die Reise weiter nach Mainz zur Taufe von Jonathan Oskar, in der Mitte eines großen Familienfestes. Fast keiner fehlte aus den beiden Familien Handel und Herwartz. Bei einer Kindertaufe bitten die Eltern und Paten im Vertrauen auf die Entwicklung des Kindes um die Taufe. Und so werden sie selbst nach ihrem Nein zu menschenverachenden oder gar zerstörenden Tendenzen wie z.B. Drogen usw. gefragt. Das Erkennen des notwendigen Widersagens lässt dann auch die Klarheit des dahinter liegenden Glaubens spüren. Diesen Zusammenhang mitten in allen Ablenkungen zu entdecken ist eine Chance und eine besondere Herausforderung. Das Gespräch darüber erfolgte weitgehend über Mails und nun war ich froh, einen Tag vor dem Fest einzutreffen.
Dramatisch war die Ankunft, denn ich vergaß in Frankfurt auf dem Hauptbahnhof  auf dem S-Bahnsteig meinen Laptop. So fuhr ich von Mainz direkt wieder zurück. Doch das Gerät stand nicht mehr dort. War es nun gesprengt worden? fragte ich mich. Nein die Bahnpolizei gab ihn auf dem Fundbüro ab, wo ich ihn sofort am Eingang ent- deckte. Mit dem Passwort klärte ich die Besitzverhältnisse.

Nach der Feier fuhr ich für einen Abend nach Benediktbeuron am Übergang in die Alpen. In der dortigen Hochschule hätte ich beinahe studiert. Jetzt war ich zu einer Lesung eingeladen, erfreute mich an der Aufmerksamkeit der Studenten und der rührenden Gastfreundschaft der Einladenden. Sie holten mich in der verschneiten Landschaft an einer Station auf dem Weg ab, da die Bahngleise danach durch einen verunglückten LKW blockiert waren.

Doch schon in der nächste Nacht war ich bei Claude und meinem Bruder Matthias in St. Augustin bei Bonn, von wo ich am nächsten Tag nach Köln fuhr. Dort besuchte ich die Obdachlosenkirche. Ich wurde von den Rompilgern laut begrüßt. Ein frohes Wiedersehen.
Später fuhr ich weiter in die Hochschule für Sozialarbeit. Josef Friese, ein Mitheraus- geber unseres neuen Exerzitienbuches verabschiedete sich dort in die Rente. Der Se- mesterabschluss begann mit einem gesanglich sehr schön gestalteten Gottesdienst in der Eingangshalle und mit Texten aus der jüdischen, muslimischen und christlichen Tradition, die von den jeweiligen Nachkommen Abrahams und Sahras mit einem anschließenden Gebet vorgetragen wurden.
Während des Festaktes durfte ich zwischen den beiden Kindern von Josef und seiner Frau sitzen. Nach einige kurze Reden hielt ein Professor aus Palästina eine kleine Vorlesung und eine Irakische Künstlerin spielte immer mal wieder am Klavier.
Dann folgte die Vorlesung zur Dialogbereitschaft von Josef. Danach zeigten die DozentInnen einen selbst gestalteten Film mit Lobhudeleien der KollegInnen auf Josef und zwei Studentinnen trugen die anrührenden Ergebnisse einer Befragung ihrer Kommilitonen sehr freundlich aber auch mit großem Ernst vor. Dadurch bekam die Veranstaltung eine geglückt humorvolle Note. Schon die Anwesenheit des Gastes aus Palästina unterstrich das Geschick von Josef, mit viel Freundlichkeit unterschiedliche Netzwerke zu knüpfen. Auch uns unterstützte er ja auch bei der Buchzusammen-stellung mit dieser Gabe. Anschließend sorgte die Kantine für das leibliche Wohl. Zum Abschluss lud mich ein Kollege von Josef ein, bei ihm zu übernachten. Das habe ich gern angenommen. Ich hatte mich um meine Übernachtung noch nicht gekümmert.

Am nächsten Tag lud mich eine Familie in Iseroh ein. Ihre Tochter Eva ist eine der Freiwilligen, die ich im Kosovo kennenlernte. Sie erzählte ihren Eltern so mitreißend von den dreitägigen Straßenexerzitien, dass sie mich und ihren Freundeskreis einluden. Eine kleine Lesung – vielleicht die 50. – stand an. Das Ergebnis: Sie wollen  Ende Juni selbst Exerzitien auf der Straße in Betel bei Bielefeld machen.

Mein nächstes Ziel war das Treffen der BegleiterInnen von Straßenexerzitien in Duisburg. Diese jährliche Zusammenkunft findet ohne ein vorher festgelegtes Pro- gramm statt. Stattdessen werden am ersten Abend die Interessen eingesammelt und eine kleine Gruppe schlägt dann am nächsten Tag einen Tagesablauf vor. Viele kennen sich. Und die neu Dazukommenden spüren, ob – wie – mit wem sie solche Exerzitien, deren Freude in ihnen anhält, einmal selbst begleiten wollen. Erfahrungsaustausch,  Weiterentwicklung und Verantwortungsübernahme ist angesagt. Mit anderen zusam- men dufte ich bei den Herz-Jesu-Priestern in Oberhausen schlafen. Die Gemeinschaft wurde im Kontakt mit der Arbeiterbewegung gegründet. In Frankreich kamen einige Arbeiterpriester aus ihren Reihen. Diesen Geist durfte ich nun auch in ihrer kleinen Gemeinschaft spüren. Einer ist Lehrer an einer Berufsschule und Olavs Artikel über seine Straßenexerzitien in Berlin waren gerade unter dem Titel „So viel Zeit!“  in ihrer Zeitschrift „Dein Reich komme“ erschienen.
An diesem Ort hörte ich in der Nacht deutlich die Aufforderung, noch ein kleines Büchlein zu den Straßenexerzitien zu schreiben. Der letzte Impuls der Exerzitien mit der Emmausgeschichte und die überraschend entdeckten Gottesdienste im Alltag sollen im Mittelpunkt stehen. Die zentrale Frage: Wie gelingt der Übergang von der intensiven Zeit der Exerzitien in den Alltag mit seinen vielen Herausforderungen? Was soll weitergehen? Was kann für eine spätere Zeit liegen bleiben?
Ich stehe mit meinem Leben ja auch an einem solchen Übergang.
Beim Treffen erzählte uns Michael auf Nachfrage einiges von dem Weg zu seiner beachtlichen Studie „Gott auf der Straße“, die er 2016 vorlegte. Sie endet mit zwölf gesellschaftlichen Optionen, die mir wie ein Anstoß für eine Theologie der Befreiung bei uns vorkommen. Ähnlich wies Josef in unserem kleineren Buch auf die gesellschaft- liche Dimension hin. Ganz vorsichtig fing ich beim Besuch von Lebensgemeinschaften an, diese Optionen fürs Gespräch zu nutzen. Auch in einem kleinen Artikel in einem befreiungstheologischen Rundbrief verfolgte ich diesen Gedanken.

Am Sonntag Abend war ich in Brühl bei meinem Neffen Christoph und Katja zu Gast, deren Tochter unterdessen geboren wurde. Herzlichen Glückwunsch!
Christoph war im Auftrag der TAZ in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof, um von den Ereignissen dort zu berichten. Daraufhin kritisierte ihn Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen als rassistisch. Da schrieb sein „Chef“ bei der taz einen klärenden Artikel. Er lies Christoph nicht im Regen stehen. Ein sehr erfreuliches Ereignis für mich, da ich auf der Arbeit anderes erlebt habe. Die beiden Artikel stehen am Ende des Briefes. Da könnt Ihr euch selbst ein Bild machen.

Am Montag den 23.1.17 fuhr ich nochmals nach Köln ins DomForum. Der 10. Todestag des Gründers der Emmausbewegung, Abbé Pierre, wurde von der dort lebenden Ge- meinschaft begangen. Eine sehr würdige Erinnerung an ihn in dem Forum, wo wir auch unser Buch vorstellten. Bewegende Sätze von Abbé Pierre trugen Mitglieder der Gemeinschaft vor und Rolly Brings unterstrich zusammen mit einem zweiten Gitar- renspieler das Anliegen, die Würde jeden Menschen zu achten. Die Gemeinschaft in Köln mit ihrem riesigen Altmöbelverkauf beherbergte uns einige Male, als wir 2003 in Köln begannen, Exerzitien auf der Straße ausschrieben. Sehr gefreut sah ich Willi Does und seine Frau wieder, die die Gemeinschaft immer noch leiten.         Ein Fimbericht

Ich schlief noch eine Nacht bei Marita und meinem Bruder Michael, von wo ich am nächsten Tag zurück nach Berlin fuhr. Wieder an einem Ort zu wohnen ist ein eigen-tümliches Gefühl. Das Reisen machte mir viel Freude und ließ nicht nur meine Seele gesunden. Viele Menschen hätte ich noch gerne aufgesucht und ihnen gedankt.

Einmal machte ich mich noch auf und besuchte Stefan in Dresden, ein Mitbruder der einige Zeit mit uns in Kreuzberg wohnte. Seit vielen Jahren lebt er mit Vietnamesen zusammen in deren Kultur er sich integrierte. Bald wird er nach Leipzig ziehen. Unter uns war ein Verstehen ohne viele Worte.
Außerdem besuchte ich in Dresden-Hoheneichen Willi Lambert in dem Exerzitienhaus Franz Xaver. Er ist einer der Herausgeber der Reihe Ignatianische Impulse, in der die ersten beiden Bände zu Exerzitien auf der Straße erschienen. Wird das Team der Herausgeber einen dritten Band zu den Straßenexerzitien mit der Frage befürworten: Wie können Übende nach einer intensiven Zeit des Ausstiegs die Früchte dieser Zeit mit in den Alltag nehmen? Oder soll ich mich diesmal an einen anderen Verlag wenden? Verständlicherweise bat er um einen kurzen Text, damit der mein Anliegen mit den Verantwortlichen besprechen könne. Den schrieb ich unterdessen.
Auch der nun schon ältere ehemalige Mitbruder Godehard wohnt mit seiner Frau in Dresden. Sie halten mit großer Treue den Kontakt nach Kreuzberg. Godehard entdeckte damals die Wohnung in der Naunynstraße, in der wir dann einige Jahre zusammen wohnten. Es war eine Freude die beiden wieder zu sehen.

Dann stand am 2.2.17 der jährlich von der CAJ angemahnte Gedenkgottesdienst für Michael Walzer (30. Todestag) in St. Michael (Kreuzberg) auf dem Plan, der mich 1971 nach einer Philosophievorlesung fragte, ob ich mit ihm in der Fabrik eine manuelle Arbeit suchen wolle. Ihm war der Graben zwischen Hand- und Kopfarbeiten sehr bewusst und er brachte Erfahrungen aus der Versöhnungsarbeit zwischen Frankreich und Deutschland mit. Mein spontanes Ja gab meinem Leben seine Richtung. Auch Franz Keller, mit dem ich 34. Jahre zusammenlebte, gedachten wir an seinem dritten Todestag. Nach seinem Tod wurde mir klar, jetzt ist ein Generationswechsel dran. Es gab auch noch Tom, der vor Kurzem von der Fazenda da Esperança kommend für wenige Tage in der Naunynstraße lebte und morgens tot aufgefunden wurde. Ihn zu betrauern kamen einige aus der Gemeinschaft ehemaliger Sucht-kranker aus Nauen. Viele von den Gottesdienstbesuchern standen auf und erzählten nicht nur von den drei Verstorbenen. Anschließend runden wir das Gedenken im Saal ab.
Einige Einladungen in Berlin folgten und ich setzte mich an die Abrechnung, die zum Jahresende fällig gewesen war. Keine einfache Übung. Doch ich will den Blick nach vorn frei bekommen. Mit diesem Anliegen schreibe ich auch diesen letzten Reisebericht. Wohin wird mich das Leben nun führen?
Ankommen. Neues probieren und an Altem anknüpfen: Am ersten Sonntag im Monat ging ich wieder um 15 Uhr zum interreligiösen Gebet auf dem Gendarmenmarkt und auch zur Vorbereitung des nächsten. Die gelungene Einladung ist schon verschickt.
Doch vorrangig lebe ich still. Nur wenige besuchte ich oder kommen hier vorbei.
Mein Zimmer liegt neben dem Schulhof ebenerdig. Ich erfreue mich an den Kindern.

Für die Karwoche kündigten sich wieder Freiwillige an, die als Missionare auf Zeit (MaZ) zu Steyler und Hiltrupper Missionsschwestern nach Übersee fahren. Wie in den letzten Jahren engagierte ich mich bei ihrer Vorbereitung. Oft stand ich mit ihnen vor der Abschiebehaft und lud sie zu einem Tag Exerzitien auf der Straße ein. Die Abschie- bungen von Schutzsuchenden nahmen dramatisch zu, aber das Gefängnis wurde ge- schlossen. Nun finden sie ohne Vorankündigungen aus den Heimen in der Nacht statt. Die „Herrn im Morgengrauen“, wie sie im III. Reich genannt wurden, sind wieder unterwegs. Daran anküpfend verlegen wir den Mahnwacheingottesdienst am Karfrei- tag an das Mahnmal der Sinti und Roma, die heute leicht abschiebbar sind, weil sie aus „sicheren“ Herkunftsländern kommen, wie es in der Sprache der Abschiebung heißt. Spanned wird sein, was wir an diesem Ort in der Nähe von Reichstag und Bran- denburger Tor von der Aktualität der Ermordung Jesu spüren, der ja sterben musste, damit das Volk und ihre Verantwortlichen ihre Ruhe fanden.             Die Einladung

Ich grüße Euch alle am Ende meiner Reise von Berlin aus und bin ganz zuversichtlich gespannt, wohin und wozu ich von Gott noch gerufen werde. Jetzt ist zuerst einmal das Buchprojekt dann, über das ich schon zu vielen neuen Einsichten geführt werde.

Herzliche Grüße Euch allen und vielen Dank für all die Begegnungen und das Teilen von vielen Lebenssituationen

Christian

Fotos von den beiden Jungen in Stendal

2-jubgen-4

Josef Freises Abschied in Köln

Text im befreiunstheologischen Rundbrief Seite 4

Der TAZ-Artikel von Christoph und die folgende Reflexion

Einladung zum Karfreitagsgottesdienst am Mahnmal für Sinti und Roma

Nachtrag

Film der obdachlosen Rompilger aus Frankreich 
und aus Hamburg

Advertisements