Brief 9

Brief 9  Ende Februar 2017

Liebe Bekannten und Freunde,

jetzt bin ich schon über einen Monat zurück von meiner Reise, die mit dem wunder-schönen Fest der Übergabe am 16.4.16 in Berlin Neukölln begann. Viele von Euch waren da bei. Die Erinnerung daran ließ mich immer wieder mit Freude weiterfahren, um möglichst vielen für die Unterstützung in den letzten 40 Jahren zu danken. Mit den Rundbriefen, die weiter auf meiner Webseite unter „alle Termine“ zu finden sind, erzählte ich Euch von der freundlichen Aufnahme an vielen Orten in der Schweiz, Österreich, Deutschland, Holland und dann zum Schluss im Kosovo und in Rom. Oft habe ich mir auch zusammen die Filme von dort angesehen.

Im Januar machte ich mich nochmals auf den Weg und besuchte eine Familie in Sten- dal. Eine freundliche, kleine Mailanfrage brachte mich auf die Idee, mit einem Besuch zu antworten. Stendal liegt in Brandenburg und wäre nach der Wende beinahe Haupt- stadt des Landes geworden. Die beiden noch kleinen Jungen in der Familie sorgten für eine schönes Beiprogramm. Das Bild von ihnen im Anhang. Mich beeindruckte der Bischof am Ort, der dem Vater eine Anstellung in seiner Nähe gab, nachdem die direkte Ausbildung zum Pfarrer nach dem Studium gescheitert war.

Doch dann ging die Reise weiter nach Mainz zur Taufe von Jonathan Oskar, in der Mitte eines großen Familienfestes. Fast keiner fehlte aus den beiden Familien Handel und Herwartz. Bei einer Kindertaufe bitten die Eltern und Paten im Vertrauen auf die Entwicklung des Kindes um die Taufe. Und so werden sie selbst nach ihrem Nein zu menschenverachenden oder gar zerstörenden Tendenzen wie z.B. Drogen usw. gefragt. Das Erkennen des notwendigen Widersagens lässt dann auch die Klarheit des dahinter liegenden Glaubens spüren. Diesen Zusammenhang mitten in allen Ablenkungen zu entdecken ist eine Chance und eine besondere Herausforderung. Das Gespräch darüber erfolgte weitgehend über Mails und nun war ich froh, einen Tag vor dem Fest einzutreffen.
Dramatisch war die Ankunft, denn ich vergaß in Frankfurt auf dem Hauptbahnhof  auf dem S-Bahnsteig meinen Laptop. So fuhr ich von Mainz direkt wieder zurück. Doch das Gerät stand nicht mehr dort. War es nun gesprengt worden? fragte ich mich. Nein die Bahnpolizei gab ihn auf dem Fundbüro ab, wo ich ihn sofort am Eingang ent- deckte. Mit dem Passwort klärte ich die Besitzverhältnisse.

Nach der Feier fuhr ich für einen Abend nach Benediktbeuron am Übergang in die Alpen. In der dortigen Hochschule hätte ich beinahe studiert. Jetzt war ich zu einer Lesung eingeladen, erfreute mich an der Aufmerksamkeit der Studenten und der rührenden Gastfreundschaft der Einladenden. Sie holten mich in der verschneiten Landschaft an einer Station auf dem Weg ab, da die Bahngleise danach durch einen verunglückten LKW blockiert waren.

Doch schon in der nächste Nacht war ich bei Claude und meinem Bruder Matthias in St. Augustin bei Bonn, von wo ich am nächsten Tag nach Köln fuhr. Dort besuchte ich die Obdachlosenkirche. Ich wurde von den Rompilgern laut begrüßt. Ein frohes Wiedersehen.
Später fuhr ich weiter in die Hochschule für Sozialarbeit. Josef Friese, ein Mitheraus- geber unseres neuen Exerzitienbuches verabschiedete sich dort in die Rente. Der Se- mesterabschluss begann mit einem gesanglich sehr schön gestalteten Gottesdienst in der Eingangshalle und mit Texten aus der jüdischen, muslimischen und christlichen Tradition, die von den jeweiligen Nachkommen Abrahams und Sahras mit einem anschließenden Gebet vorgetragen wurden.
Während des Festaktes durfte ich zwischen den beiden Kindern von Josef und seiner Frau sitzen. Nach einige kurze Reden hielt ein Professor aus Palästina eine kleine Vorlesung und eine Irakische Künstlerin spielte immer mal wieder am Klavier.
Dann folgte die Vorlesung zur Dialogbereitschaft von Josef. Danach zeigten die DozentInnen einen selbst gestalteten Film mit Lobhudeleien der KollegInnen auf Josef und zwei Studentinnen trugen die anrührenden Ergebnisse einer Befragung ihrer Kommilitonen sehr freundlich aber auch mit großem Ernst vor. Dadurch bekam die Veranstaltung eine geglückt humorvolle Note. Schon die Anwesenheit des Gastes aus Palästina unterstrich das Geschick von Josef, mit viel Freundlichkeit unterschiedliche Netzwerke zu knüpfen. Auch uns unterstützte er ja auch bei der Buchzusammen-stellung mit dieser Gabe. Anschließend sorgte die Kantine für das leibliche Wohl. Zum Abschluss lud mich ein Kollege von Josef ein, bei ihm zu übernachten. Das habe ich gern angenommen. Ich hatte mich um meine Übernachtung noch nicht gekümmert.

Am nächsten Tag lud mich eine Familie in Iseroh ein. Ihre Tochter Eva ist eine der Freiwilligen, die ich im Kosovo kennenlernte. Sie erzählte ihren Eltern so mitreißend von den dreitägigen Straßenexerzitien, dass sie mich und ihren Freundeskreis einluden. Eine kleine Lesung – vielleicht die 50. – stand an. Das Ergebnis: Sie wollen  Ende Juni selbst Exerzitien auf der Straße in Betel bei Bielefeld machen.

Mein nächstes Ziel war das Treffen der BegleiterInnen von Straßenexerzitien in Duisburg. Diese jährliche Zusammenkunft findet ohne ein vorher festgelegtes Pro- gramm statt. Stattdessen werden am ersten Abend die Interessen eingesammelt und eine kleine Gruppe schlägt dann am nächsten Tag einen Tagesablauf vor. Viele kennen sich. Und die neu Dazukommenden spüren, ob – wie – mit wem sie solche Exerzitien, deren Freude in ihnen anhält, einmal selbst begleiten wollen. Erfahrungsaustausch,  Weiterentwicklung und Verantwortungsübernahme ist angesagt. Mit anderen zusam- men dufte ich bei den Herz-Jesu-Priestern in Oberhausen schlafen. Die Gemeinschaft wurde im Kontakt mit der Arbeiterbewegung gegründet. In Frankreich kamen einige Arbeiterpriester aus ihren Reihen. Diesen Geist durfte ich nun auch in ihrer kleinen Gemeinschaft spüren. Einer ist Lehrer an einer Berufsschule und Olavs Artikel über seine Straßenexerzitien in Berlin waren gerade unter dem Titel „So viel Zeit!“  in ihrer Zeitschrift „Dein Reich komme“ erschienen.
An diesem Ort hörte ich in der Nacht deutlich die Aufforderung, noch ein kleines Büchlein zu den Straßenexerzitien zu schreiben. Der letzte Impuls der Exerzitien mit der Emmausgeschichte und die überraschend entdeckten Gottesdienste im Alltag sollen im Mittelpunkt stehen. Die zentrale Frage: Wie gelingt der Übergang von der intensiven Zeit der Exerzitien in den Alltag mit seinen vielen Herausforderungen? Was soll weitergehen? Was kann für eine spätere Zeit liegen bleiben?
Ich stehe mit meinem Leben ja auch an einem solchen Übergang.
Beim Treffen erzählte uns Michael auf Nachfrage einiges von dem Weg zu seiner beachtlichen Studie „Gott auf der Straße“, die er 2016 vorlegte. Sie endet mit zwölf gesellschaftlichen Optionen, die mir wie ein Anstoß für eine Theologie der Befreiung bei uns vorkommen. Ähnlich wies Josef in unserem kleineren Buch auf die gesellschaft- liche Dimension hin. Ganz vorsichtig fing ich beim Besuch von Lebensgemeinschaften an, diese Optionen fürs Gespräch zu nutzen. Auch in einem kleinen Artikel in einem befreiungstheologischen Rundbrief verfolgte ich diesen Gedanken.

Am Sonntag Abend war ich in Brühl bei meinem Neffen Christoph und Katja zu Gast, deren Tochter unterdessen geboren wurde. Herzlichen Glückwunsch!
Christoph war im Auftrag der TAZ in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof, um von den Ereignissen dort zu berichten. Daraufhin kritisierte ihn Michael Wuliger in der Jüdischen Allgemeinen als rassistisch. Da schrieb sein „Chef“ bei der taz einen klärenden Artikel. Er lies Christoph nicht im Regen stehen. Ein sehr erfreuliches Ereignis für mich, da ich auf der Arbeit anderes erlebt habe. Die beiden Artikel stehen am Ende des Briefes. Da könnt Ihr euch selbst ein Bild machen.

Am Montag den 23.1.17 fuhr ich nochmals nach Köln ins DomForum. Der 10. Todestag des Gründers der Emmausbewegung, Abbé Pierre, wurde von der dort lebenden Ge- meinschaft begangen. Eine sehr würdige Erinnerung an ihn in dem Forum, wo wir auch unser Buch vorstellten. Bewegende Sätze von Abbé Pierre trugen Mitglieder der Gemeinschaft vor und Rolly Brings unterstrich zusammen mit einem zweiten Gitar- renspieler das Anliegen, die Würde jeden Menschen zu achten. Die Gemeinschaft in Köln mit ihrem riesigen Altmöbelverkauf beherbergte uns einige Male, als wir 2003 in Köln begannen, Exerzitien auf der Straße ausschrieben. Sehr gefreut sah ich Willi Does und seine Frau wieder, die die Gemeinschaft immer noch leiten.         Ein Fimbericht

Ich schlief noch eine Nacht bei Marita und meinem Bruder Michael, von wo ich am nächsten Tag zurück nach Berlin fuhr. Wieder an einem Ort zu wohnen ist ein eigen-tümliches Gefühl. Das Reisen machte mir viel Freude und ließ nicht nur meine Seele gesunden. Viele Menschen hätte ich noch gerne aufgesucht und ihnen gedankt.

Einmal machte ich mich noch auf und besuchte Stefan in Dresden, ein Mitbruder der einige Zeit mit uns in Kreuzberg wohnte. Seit vielen Jahren lebt er mit Vietnamesen zusammen in deren Kultur er sich integrierte. Bald wird er nach Leipzig ziehen. Unter uns war ein Verstehen ohne viele Worte.
Außerdem besuchte ich in Dresden-Hoheneichen Willi Lambert in dem Exerzitienhaus Franz Xaver. Er ist einer der Herausgeber der Reihe Ignatianische Impulse, in der die ersten beiden Bände zu Exerzitien auf der Straße erschienen. Wird das Team der Herausgeber einen dritten Band zu den Straßenexerzitien mit der Frage befürworten: Wie können Übende nach einer intensiven Zeit des Ausstiegs die Früchte dieser Zeit mit in den Alltag nehmen? Oder soll ich mich diesmal an einen anderen Verlag wenden? Verständlicherweise bat er um einen kurzen Text, damit der mein Anliegen mit den Verantwortlichen besprechen könne. Den schrieb ich unterdessen.
Auch der nun schon ältere ehemalige Mitbruder Godehard wohnt mit seiner Frau in Dresden. Sie halten mit großer Treue den Kontakt nach Kreuzberg. Godehard entdeckte damals die Wohnung in der Naunynstraße, in der wir dann einige Jahre zusammen wohnten. Es war eine Freude die beiden wieder zu sehen.

Dann stand am 2.2.17 der jährlich von der CAJ angemahnte Gedenkgottesdienst für Michael Walzer (30. Todestag) in St. Michael (Kreuzberg) auf dem Plan, der mich 1971 nach einer Philosophievorlesung fragte, ob ich mit ihm in der Fabrik eine manuelle Arbeit suchen wolle. Ihm war der Graben zwischen Hand- und Kopfarbeiten sehr bewusst und er brachte Erfahrungen aus der Versöhnungsarbeit zwischen Frankreich und Deutschland mit. Mein spontanes Ja gab meinem Leben seine Richtung. Auch Franz Keller, mit dem ich 34. Jahre zusammenlebte, gedachten wir an seinem dritten Todestag. Nach seinem Tod wurde mir klar, jetzt ist ein Generationswechsel dran. Es gab auch noch Tom, der vor Kurzem von der Fazenda da Esperança kommend für wenige Tage in der Naunynstraße lebte und morgens tot aufgefunden wurde. Ihn zu betrauern kamen einige aus der Gemeinschaft ehemaliger Sucht-kranker aus Nauen. Viele von den Gottesdienstbesuchern standen auf und erzählten nicht nur von den drei Verstorbenen. Anschließend runden wir das Gedenken im Saal ab.
Einige Einladungen in Berlin folgten und ich setzte mich an die Abrechnung, die zum Jahresende fällig gewesen war. Keine einfache Übung. Doch ich will den Blick nach vorn frei bekommen. Mit diesem Anliegen schreibe ich auch diesen letzten Reisebericht. Wohin wird mich das Leben nun führen?
Ankommen. Neues probieren und an Altem anknüpfen: Am ersten Sonntag im Monat ging ich wieder um 15 Uhr zum interreligiösen Gebet auf dem Gendarmenmarkt und auch zur Vorbereitung des nächsten. Die gelungene Einladung ist schon verschickt.
Doch vorrangig lebe ich still. Nur wenige besuchte ich oder kommen hier vorbei.
Mein Zimmer liegt neben dem Schulhof ebenerdig. Ich erfreue mich an den Kindern.

Für die Karwoche kündigten sich wieder Freiwillige an, die als Missionare auf Zeit (MaZ) zu Steyler und Hiltrupper Missionsschwestern nach Übersee fahren. Wie in den letzten Jahren engagierte ich mich bei ihrer Vorbereitung. Oft stand ich mit ihnen vor der Abschiebehaft und lud sie zu einem Tag Exerzitien auf der Straße ein. Die Abschie- bungen von Schutzsuchenden nahmen dramatisch zu, aber das Gefängnis wurde ge- schlossen. Nun finden sie ohne Vorankündigungen aus den Heimen in der Nacht statt. Die „Herrn im Morgengrauen“, wie sie im III. Reich genannt wurden, sind wieder unterwegs. Daran anküpfend verlegen wir den Mahnwacheingottesdienst am Karfrei- tag an das Mahnmal der Sinti und Roma, die heute leicht abschiebbar sind, weil sie aus „sicheren“ Herkunftsländern kommen, wie es in der Sprache der Abschiebung heißt. Spanned wird sein, was wir an diesem Ort in der Nähe von Reichstag und Bran- denburger Tor von der Aktualität der Ermordung Jesu spüren, der ja sterben musste, damit das Volk und ihre Verantwortlichen ihre Ruhe fanden.             Die Einladung

Ich grüße Euch alle am Ende meiner Reise von Berlin aus und bin ganz zuversichtlich gespannt, wohin und wozu ich von Gott noch gerufen werde. Jetzt ist zuerst einmal das Buchprojekt dann, über das ich schon zu vielen neuen Einsichten geführt werde.

Herzliche Grüße Euch allen und vielen Dank für all die Begegnungen und das Teilen von vielen Lebenssituationen

Christian

Fotos von den beiden Jungen in Stendal

2-jubgen-4

Josef Freises Abschied in Köln

Text im befreiunstheologischen Rundbrief Seite 4

Der TAZ-Artikel von Christoph und die folgende Reflexion

Einladung zum Karfreitagsgottesdienst am Mahnmal für Sinti und Roma

Nachtrag

Film der obdachlosen Rompilger aus Frankreich 
und aus Hamburg