Christoph Herwartz, Nach dem zweiten Silvester in Köln

Als die Stimmung kippt

Aggressive Männergruppen, ein heikler Polizeieinsatz und offene Fragen. Was in Köln genau geschehen ist und wie Betroffene die Nacht erlebt haben.

Polizeibeamte und männliche Besucher stehen sich in der Silvesternacht in Köln gegenüber

Noch eine Woche später wird heiß diskutiert: Wer war warum in Köln, und musste die Polizei rassistisch kontrollieren? Foto: dpa

KÖLN taz | Die Idee, nach Köln zu fahren, hatten Mohammed O. und seine Freunde auch ohne die Ereignisse des letzten Jahres. Aber interessant fanden sie schon, was dort passieren würde: der Polizeieinsatz, die Lichtkunst. Der 20-jährige Syrer wohnt seit drei Jahren in Aachen. Zusammen mit einem Deutschtürken und einem Iraker mischt er sich unter die Leute auf dem Roncalliplatz neben dem Dom, wo ein Chor die Weltoffenheit der Stadt besingt. Gegen 22.30 Uhr zünden sie abseits der Menge Böller. „Das hatten viele dort gemacht“, sagt O. „Aber ausgerechnet wir bekommen Ärger mit der Polizei und einen Platzverweis.“

Wohin jetzt? Die Shishabars sind zu voll, draußen ist es kalt. Sie wollen zurück nach Aachen fahren. Doch am Bahnhof lässt man sie nicht rein. Es sei zu voll, sagt ein Polizist. Weiße würden aber reingelassen, sagt O. Sie seien keine Deutschen, sagt der Polizist. Die Männer irren durch die Stadt, landen wieder an der Bühne, an der sie eigentlich nicht mehr sein dürften.

Es ist jene Zeit in der Silvesternacht, von der der Kölner Polizeipräsident Jürgen Mathies später sagen wird, die Lage habe sich zugespitzt. Schon in den Zügen Richtung Köln habe die Bundespolizei aggressive Männergruppen ausfindig gemacht. Ein Zug wird auf seiner Fahrt in den Hauptbahnhof gestoppt. Im Bereich des Hauptbahnhofs sei es zu Menschenansammlungen und aggressivem Verhalten gekommen.

Mathies’ Eindruck ist, die Situation könne „kippen“. Deshalb wird über diese Nacht so viel gesprochen und geschrieben. Hatte die aggressive Stimmung mit den Nordafrika- nern zu tun, von denen laut Polizei wieder viele nach Köln kamen – oder eher mit der Polizei und damit, wie sie agiert? Menschen wie Mohammed O. fühlen sich diskrimi- niert.

Das Muster war eindeutig

Die Polizei versucht in der Stunde vor Mitternacht, möglichst viele zu kontrollieren, die den Bahnhof verlassen wollen. Bundespolizisten stehen an den Ausgängen und weisen alle einer Tür zu. Weiße und Gruppen, zu denen Frauen gehören, dürfen die linke Tür nehmen. Von dort kommen sie zum Dom, ans Rheinufer, zum Roncalliplatz. Männer anderer Hautfarbe oder mit südländischem Aussehen, müssen nach rechts. Das Muster ist eindeutig. Dort landen sie in einem von einer Kette aus Landespolizisten abgetrennten Bereich. In einer Ecke kann man seinen Ausweis vorzeigen und wird durchgelassen, wenn alles in Ordnung ist. Davor bildet sich eine Menschentraube.

Auf die Frage, wie entschieden wird, wer in den abgetrennten Bereich geschickt wird, sagt eine Sprecherin noch in der Nacht, die Menschen an der Tür würden ihre Klientel kennen. Im Nachhinein sagt die Bundespolizei, dass nur solche Menschen dort hingeschickt worden seien, die eine aggressive Grundstimmung gezeigt hätten, stark alkoholisiert gewesen seien oder Feuerwerk dabei gehabt hätten.

Weiße und Gruppen, zu denen Frauen gehören, dürfen die linke Tür nehmen. Männer anderer Hautfarbe müssen nach rechts. Das Muster ist eindeutig

Um Mitternacht öffnet die Polizei ihre Kette. Alle können gehen. Mohammed O. und seine Freunde kriegen das nicht mit. Sie sind in einer Shishabar und versuchen, das Beste aus dem Abend zu machen. Zum Bahnhof trauen sie sich erst wieder um 6 Uhr früh.

Die vorläufige Bilanz der Nacht in Köln: Rund 2.000 Personen hatten Silvester mit der Polizei zu tun. Die Kölner Beamten erteilte knapp 200 Platzverweise und überprüfte bei 650 Menschen die Personalien. Die Bundespolizei berichtet von etwa 900 Platzverweisen und 170 Identitätsfeststellungen, darunter ein Drittel Deutsche, 23 Syrer, 22 Algerier und 17 Marokkaner.

„Seit Köln“

Um zu verstehen, was in dieser Nacht passiert ist, muss man sich an die Szenen erinnern, die sich ein Jahr zuvor am selben Ort abspielten. Hunderte Männer, alkoholisiert oder unter Drogeneinfluss, ein arabisches Stimmengewirr. Frauen waren den Gelüsten der Aufgeputschten ausgeliefert, sie spürten Hände überall. Ein Mann leckte einer Frau durchs Gesicht, ein anderer drohte ihrem deutschen Begleiter: „Give the girls, give the girls, sonst Tod.“ Infolge dieser Nacht wurden Gesetze geändert und internationale Abkommen geschlossen. Der Umgang mit Flüchtlingen ist „seit Köln“ ein anderer. „Seit Köln“ – dass sich dieser Begriff festgesetzt hat, verletzt die Kölner, die ihre Stadt so lieben. Und es rührt an der Berufsehre der Polizisten, dass sie es nicht schafften, all das zu verhindern.

Die Polizei antwortete in diesem Jahr mit einem Großaufgebot. Zehnmal so viele Beamte sollten für Sicherheit sorgen. Dazu Mitarbeiter von Ordnungsamt, Bahn und Sicherheitsdiensten. In Dreierteams patrouillierten sie durch die Innenstadt. Die Bundespolizei achtete schon in den Zügen darauf, wer nach Köln reiste. Dieses Mal sollte alles perfekt laufen. Das Fahndungsmuster, das sagte Polizeipräsident Mathies später: Rechtsradiakale, Hooligans, Rocker. Außerdem im Fokus: Nordafrikaner. Auch das sagte Mathies unumwunden.

„Nordafrikaner“ ist in Köln und Düsseldorf ein besetzter Begriff. Spätestens seit 2012 hat sich hier eine Taschendiebszene entwickelt. Viele stehen unter Drogen. Polizisten berichten, diese Männer würden auch schnell mal ein Messer ziehen, wenn sie beim Klauen erwischt werden. Seit 2013 gibt es darum den Warnbegriff „Nafri“.

Das Fahndungsmuster, das sagte Polizeipräsident Mathies später: Rechtsradiakale, Hooligans, Rocker. Außerdem im Fokus: Nordafrikaner. Auch das sagte Mathies unumwunden

Seit der Silvesternacht 2015 bekommt die Polizei zumindest mehr Anerkennung für ihre oft riskante Mission, die Szene im Zaum zu halten. Aber es gibt auch Kritik. Die Razzien in den von Nordafrikanern bewohnten Vierteln bekommen auch ehemalige Gastarbeiter und ihre Nachkommen zu spüren. Die Ergebnisse bleiben dürftig. Dabei bietet die maghrebinische Gemeinde ihre Mitarbeit an, um die Kriminellen loszuwerden. Auch konsequentere Abschiebungen würden sie unterstützen, sagt Rachid Amjahad von der Gesellschaft für Kultur und Wissenschaft des Maghrebs in Düsseldorf.

Eine Justizangestellte sagt, kriminelle Nordafrikaner hätten eine entspannte Einstellung zum Reisen. Dass sie zum Feiern weit fahren, hält sie für plausibel. Sie seien für die Staatsmacht nicht zu fassen, fühlten sich mächtig. Gleichzeitig wüssten sie, dass sie hier keine legale Zukunft haben, keinen Anspruch auf Asyl. Das erzählten auch die Täter der Silvesternacht 2015 vor dem Kölner Amtsgericht.

„Ihr seht aus wie Täter“

Mimoun Berrissoun, in Köln aufgewachsenes Kind marokkanischer Eltern, besucht für sein Projekt namens 180°-Wende jugendliche Straftäter im Gefängnis. Dem WDR sagte er kürzlich, es sei möglich, dass die Gruppen in der aktuellen Silvesternacht „gelenkt“ wurden. Der CDU-Politiker Armin Schuster machte daraus eine „Machtprobe“ ebenso wie die Feministin Alice Schwarzer. Berrissoun fühlt sich falsch verstanden. Der taz sagt er, eher handle es sich um ein „Schwarmverhalten“. Möglicherweise gebe es Wortführer und Mitläufer. Eine echte Struktur und die Absicht, ein Zeichen zu setzen oder gar den Staat „herauszufordern“, hält er für unwahrscheinlich.

Warum auch in diesem Jahr wieder viele Nordafrikaner in Köln waren, ist ein Rätsel. Die Polizei hat eine Arbeitsgruppe gegründet, die das nun herausfinden soll. Unklar ist, wie groß die Zahl der Nordafrikaner wirklich war und wie ungewöhnlich diese Zahl ist. Immerhin kommen Menschen vieler Herkunft zum Feiern nach Köln.

Auch eine fünfköpfige Gruppe Schwarzer will in Köln Silvester feiern, auch sie werden durch die rechte Tür geschickt, obwohl zwei Frauen dabei sind. Die Männer gehen auf die Polizeikette zu und versuchen zu verhandeln. Sie werden abgewiesen. Dann versuchen es die Frauen – mit Erfolg. Ein Afghane ist mit zwei Minderjährigen unterwegs, die keinen Ausweis dabeihaben. Keine Chance, bis zum Dom zu kommen. Also dreht er ab.

Murat Ünal filmt mit seinem Handy diese Szene und postet sie später mit einem langen Bericht bei Facebook. Er habe einen Polizisten gefragt, warum er festgehalten werde. Der habe geantwortet: „Weil ihr ausseht wie die Täter im letzten Jahr.“ Ünal habe gefragt: „Aufgrund meiner dunklen Augen und Haare bin ich also ein potenzieller Sexualstraftäter?“ Der Polizist habe geantwortet: „Haargenau.“

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Die Diskussion wird in der taz nach kräftigen Angiffen am 9.1.2017 fortgesetzt:

Debatte um Nazi-Vokabular in der taz

Vom Sagen und Meinen

Der taz wurde in der Debatte über den Kölner Polizeieinsatz die bewusste Verwendung von Nazi-Vokabular unterstellt. Eine Replik.Die Polizei umringt eine Gruppe Männer vor dem Kölner Hauptbahnhof

Rassistisch? Ja. „Sonderbehandlung“ sicher nicht Foto: dpaUnter der Überschrift „Selektion in Köln?“ legte Michael Wuliger am vergangenen Donnerstag in der Jüdischen Allgemeinen dar, „wie die Berliner Tageszeitung ,taz die Schoa bagatellisiert“. Er bezog sich auf einen Bericht und einen Kommentar eines taz-Autors, in denen von „Sonderbehandlung“ und „Selektion“ die Rede war. Als sei dieser Vorwurf nicht heftig genug, unterstellte Wuliger in seiner Kolumne „Wuligers Woche“ Absicht. Kann man das so stehen lassen? Nein, das kann man nicht.Die taz hatte vom Polizeieinsatz in der Silvesternacht berichtet. Anders als viele, die sich später dazu äußerten, war Korrespondent Christoph Herwartz selbst am Kölner Hauptbahnhof. Er schrieb auf, was er sah, und ordnete es ein. Hunderte junge Männer wurden festgehalten, die der Polizeikategorie „Nafri“ entsprechen: Leute, die „nordafrikanisch“ aussehen und als Wiederholungstäter gelten.

Nun kann die Polizei nicht wissen, wer in einer Gruppe junger Männer ein Wiederholungstäter aus Nordafrika ist, weshalb sie sich anscheinend an Äußerlichkeiten orientierte. „Am Ausgang des Hauptbahnhofs sortierte die Bundespolizei nichtweiße Männer durch eine gesonderte Tür in einen abgeriegelten Bereich des Bahnhofsvorplatzes“, beschrieb Herwartz den Vorgang.Nicht angebrachte BegriffswahlIm Rechtsstaat muss bei jeder staatlichen Maßnahme, die Grundrechte von Menschen einschränkt, gefragt werden, ob der Zweck die Mittel heiligt. Wuliger sieht das anders: „Weil diesmal nicht deutsche Hooligans, sondern Angehörige einer ethnischen Minderheit betroffen waren, reagierte das linke politische Spektrum reflexhaft mit Rassismusverdacht“, schreibt er. Und weiter: „Den Vogel schoss dabei die Berliner Tageszeitung ‚taz ‘ ab. Deren Korrespondent Christoph Herwartz bezeichnete das Vorgehen der Polizei in seinem Bericht als ‚Selektion ‘ . In einem Kommentar sprach er von ‚Sonderbehandlung ‘ .“Wuliger hat recht, an diesem Vokabular Anstoß zu nehmen. „Sonderbehandlung“ war das Codewort der SS für die Ermordung der europäischen Juden. „Selektion“ ist vielleicht kein „offizieller“ NS-Terminus gewesen (Germanisten und Historiker streiten darüber), aber seit den sechziger Jahren der gängige Begriff, um zu beschreiben, was SS-Männer an der Rampe von Auschwitz taten, wenn sie Menschen aussortierten: Die einen wurden in die Gaskammer geschickt, die anderen der „Vernichtung durch Arbeit“ zugewiesen. Es ist nicht angebracht, mit solchen Begriffen den Polizeieinsatz in Köln zu beschreiben.Wuliger belässt es aber nicht bei einer Kritik der Wortwahl. „Redaktion und Autor haben bewusst mit Vokabeln hantiert, die selbst bei kritischster Beurteilung der Kölner Polizeiaktion deplatziert in jedem Sinne waren – sachlich, semantisch und moralisch“, unterstellt er.

Die Deutschen hantieren jeden Tag mit Nazi-Vokabeln wie „schlagartig“

Wie kamen diese Begriffe in Herwartz’ Texte? „Sonderbehandlung“ wurde dem Korrespondenten von einer Redakteurin in seinen Kommentar hineinredigiert. Ihr war die historische Bedeutung des Begriffs nicht bekannt. Sie ist nicht allein. „Sonderbehandlung“ sollte harmlos klingen, die Täter nutzten den Tarnbegriff vor allem intern. Seine Bedeutung im NS-Kontext kennen viele nicht, das Wort wird ständig benutzt. Über 400.000 Treffer listet Google. Die Welt etwa titelte unlängst: „Sonderbehandlung für Ribéry empört den BVB“.Die Lingua Tertii Imperii ist überallDie Deutschen hantieren jeden Tag mit Nazi-Vokabeln. Die beliebteste dürfte das Adjektiv „schlagartig“ sein, das Victor Klemperer in seinem Buch über die „Lingua Tertii Imperii“ dem „Blitzkrieg“ zugeordnet hat. Man hört es täglich, es findet sich in Büchern, die als Literatur gefeiert werden, und steht unkommentiert in historischen Abhandlungen. Mindestens so beliebt ist die Formel „im Endeffekt“.Nicht unwahrscheinlich, dass auch der „Polizeikessel“ auf die „Einkesselungen“ der Wehrmacht zurückgeht. Das Problematische am Fortwirken solcher Begriffe ist, dass sie meist ohne Nachdenken gebraucht werden – im sicheren Bewusstsein, sie seien ganz normal. Das heißt aber nicht, dass nicht ständig Nazi-Begriffe in polemischer Absicht und mit bagetellisierender Wirkung verwendet würden. „Friedensbewegte“ sprachen vom „atomaren Holocaust“, Erbischof Dyba vom „Kinderholocaust“, Neonazis vom „Bombenholocaust“.Im Bericht von Christoph Herwartz heißt es: „Einen Leitfaden für die Polizisten gab es bei der Selektion nicht. Eine Sprecherin der Bundespolizei sagte der taz, man habe nach der ‚Klientel ‘ Ausschau gehalten, die man aus der alltäglichen Arbeit kenne.“ In Herwartz’ Text erscheint „Selektion“ nicht in Anführungsstrichen, aber er hat das Wort, wie er versichert, nicht in polemischer Absicht benutzt.Es waren Polizeibeamte am Kölner Hauptbahnhof, die zuerst vom „Selektieren“ sprachen, um ihr Tun zu beschreiben. Im Live-Ticker des Kölner Stadt-Anzeigers vom Silvesterabend kann man um 21.32 Uhr lesen: „Die Polizei […] sortiert ganze Gruppen arabisch aussehender junger Männer und Jugendlichen aus. Anwesende Polizisten sprechen von ‚selektieren ‘ .“ Wenn die Vokabel vor allem in diesem Kontext unangemessen ist, dann muss der Vorwurf der Bagatellisierung auch die Polizisten treffen, die jene Maßnahmen, die Wuliger vehement gegen jede Kritik und „reflexhaften Rassimusverdacht“ verteidigt, selbst als „Selektieren“ bezeichnen.Falsche GleichsetzungWuliger rechtfertigt den Polizeieinsatz mittels der oft gehörten Gleichsetzung der Maßnahmen mit anderen, die die Polizei „regelmäßig vor Fußballspielen“ durchführe. Diese Gleichsetzung ist falsch. Denn während die einen ihre Fan-Klamotten zu Hause lassen können, ist es „nordafrikanisch“ aussehenden jungen Männern nicht vergönnt, sich mal eben ihrer Haut- und Haarfarbe zu entledigen.Haben Redaktion und Autor ihre Worte in der Absicht gewählt, die Arbeit der Polizei in Köln mit Nazibegriffen zu denunzieren? Nein, das haben sie nicht. Sollte die Jüdische Allgemeine der Polizei vorwerfen, sie bagatellisiere mit ihrer Wortwahl sachlich, semantisch und moralisch die Schoah? Nein, das sollte sie nicht. Der Vorfall zeigt aber einmal mehr, dass uns Denken und Sprache der NS-Verbrecher näher sind, als uns lieb ist. „Schlagartig“ treten sie uns immer wieder entgegen.

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