Christoph Hein, Das indische Bargeld-Experiment

FAZ vom 15.12.2016 (ohne Links)

Umtausch von heute auf morgen Das indische Bargeld-Experiment

Im Hauruckverfahren schafft Indien einen Großteil seines Bargeldes ab, um die Korruption zu bekämpfen. Nun herrscht Chaos im Land. Und wieder einmal leiden die Armen.
Der Teeplantagenbesitzer im indischen Darjeeling kann seinen Zorn kaum zurückhalten. Voller Wut platzt es aus ihm heraus: „Dank unserer angeblich so wirtschaftsfreundlichen Regierung müssen wir um unser eigenes Geld betteln. Ich fühle mich, als sei ich mitten in einer Art Sowjet-Albtraum gelandet.“ Was den Mann so aufbringt, ist die veritable Geld-Revolution, die in diesen Wochen Indien durcheinanderwirbelt. Vor einem Monat hatte Indiens Ministerpräsident Narendra Modi die größte Wette seines politischen Lebens gewagt: Über Nacht ließ er 86 Prozent des Papiergeldes Indiens für wertlos erklären. Die beiden gängigsten Banknoten im Wert von 500 Rupien (6,90 Euro) und 1000 Rupien (13,80 Euro) müssen bis zum 30. Dezember in neue Scheine getauscht werden. Der Austausch der Banknoten soll die grassierende Korruption verbannen. Jeder, der nun größere Summen wechselt, muss sich registrieren lassen. Modi will außerdem fälschungssichere Banknoten einführen. Und auf lange Sicht sein Land als erstes in der Welt zu einer bargeldlosen Wirtschaft machen.
Aber das ungeheuerliche Experiment, das von der Regierung als Schritt in ein neues Zeitalter beworben wird, hat zunächst zu Chaos und Betrug in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft geführt. Es lässt ausgerechnet jene leiden, die ohnehin schon am wenigsten haben. Die allerdings sind das Leiden so gewohnt, dass sie – zumindest für indische Verhältnisse – noch nicht lautstark protestieren.
Wie geht es zu in diesem Land? Vor den Bankfilialen und Geldautomaten haben sich über Wochen riesige Schlangen gebildet. Rund 70 Menschen verloren in dem Chaos vor den Schaltern bereits ihr Leben. Der Tausch geht nur in winzigen Portionen oder über die Registrierung der Einzahlung auf das eigene Konto vonstatten – damit wird der bisherige Barbesitz offengelegt für die Behörden.

Minimaler Erfolg, maximales Leid“

Im Alltag wurschteln sich die Inder in jahrzehntelang erprobter Art durch, Gemüsehändler lassen Zwiebeln anschreiben und Autohäuser vergeben nach wie vor länger währende Kredite. Dass das von Modi verkündete Ziel, die Korruption mit seinem Bargeld-Experiment auszumerzen, aufgeht, wird rund um die Welt freilich immer lauter bezweifelt. Was dagegen sicher erscheint, ist ein Rückgang des Wachstums in Indien.
Dass trotzdem noch nicht im ganzen Land protestiert wird, hat auch mit Regierungschef Modi selbst zu tun, der ein großer Demagoge ist. Er ruft den Menschen zu: „Durch diese Entscheidung haben wir das Leben einiger völlig ruiniert – so habe ich sie bestraft. Weil sie die Armen geplündert haben, die Mittelschicht. Sie haben euer Geld gestohlen, um ihre Geschäfte zu machen. Deshalb habe ich diese Schlacht begonnen.“ Anders gesagt: Modi tut so, als richteten sich seine Maßnahmen vor allem gegen die Reichen des Landes. Die Menschen scheinen ihm zu glauben, und die Last des teilweise tagelangen Schlangestehens vor den Geldautomaten auf sich zu nehmen. Hier liegt die Perfidie: Die Armen im Lande glauben, der Austausch des Geldes komme ihnen zugute. Dafür werden sie Modi vielleicht sogar ihre Stimme geben.
Wie die Dinge wirklich liegen, sagen aber Oppositionspolitiker und Ökonomen ganz offen. Von „monumentalem Missmanagement“ spricht beispielsweise Manmohan Singh, der frühere Wirtschaftsreformer und indische Ministerpräsident. „Jene, die sagen, die Maßnahme schmerze kurzfristig, sei aber im langfristigen Interesse unseres Landes, seien an die Worte des Ökonomen John Maynard Keynes erinnert: Langfristig sind wir alle tot“, ätzt Singh.
Er bekommt Rückendeckung von zwei Nobelpreisträgern. „Ich verstehe die Idee, aber sie bringt die Wirtschaft fast zum Stillstand. Ich kann kaum langfristige Gewinne erkennen, aber es gibt ganz sicher hohe, wenn auch zeitlich begrenzte Kosten“, kritisiert Paul Krugman das Vorhaben Modis. Sein indischstämmiger Kollege Amartya Sen bezeichnet die Regierungspolitik schlicht als „despotisch und autoritär“. Sen wettert: „Diese Entscheidung bringt minimalen Erfolg, aber maximales Leid.“ Die Analysten von Deutscher Bank und Credit Suisse kamen unabhängig voneinander zu der Einschätzung, dass das Trockenlegen des Bargeldbestandes Indien rund einen Prozentpunkt Wachstum kosten werde.

Schwarzgeld waschen geht immer noch

Trotzdem gelingt es Modi, seine Maßnahmen als Erfolg zu verkaufen, weil jeder im Lande weiß: Die Bestechung floriert in Indien, weil die Voraussetzungen dafür stimmen. Indien ist nämlich eine Bargeld-Gesellschaft. Bislang werden rund 90 Prozent des Handels in Asiens drittgrößter Volkswirtschaft in bar abgewickelt. Von rund 15 Millionen Geschäften gibt es nur 1,4 Millionen mit Lesegeräten für Kreditkarten. Rund eine Viertelmilliarde Inder haben kein Bankkonto.
Da der Barverkehr kaum überwacht werden kann, und weil auch Politiker traditionell ihre Stimmen kaufen lassen und Steuerhinterziehung und Schwarzgeldbesitz bislang kaum geahndet wurden, hat sich ein ganz eigenes Model herauskristallisiert: In dem Land mit fast 1,3 Milliarden Einwohnern zahlen nur 20 Millionen (und damit nur 1,6 Prozent der Menschen) überhaupt Einkommensteuer. Die Steuereinnahmen Indiens liegen bei weniger als sechs Prozent des Bruttoinlandsproduktes. Ein Prozent der Inder hält 58,4 Prozent des gesamten Wohlstands des Landes, die obersten zehn Prozent 81 Prozent – nur in Russland ist die Verteilung noch ungleicher.
Könnten Modis Pläne also nicht doch etwas bringen? Es sieht nicht danach aus.
Denn Indien wäre nicht in dem Zustand, in dem es ist, hätten die Inder nicht Wege gefunden, die von der Regierung geschaffenen Hürden zu umschiffen. In Singapur beispielsweise, wo eine große indische Diaspora lebt, tauschen Geldwechsler die 1000-Rupien-Scheine für einen Wert von 40 Prozent – über ihr Hawala-Netzwerk (eine Art informelles, nicht immer legales Überweisungssystem) lassen sie das Geld dann in Indien in kleinen Portionen zum vollen Preis in neue Scheine tauschen und streichen 60 Prozent Gewinn ein. „Es ist überhaupt nicht einfach, Indien vom Schwarzgeld zu befreien. Die wirklich großen Spieler sind schwer zu bekommen“, kritisiert C. H. Venkatachalam, der Generalsekretär der Vereinigung der indischen Bankangestellten, das Vorgehen Modis.
Ein anderer Weg, sein Schwarzgeld auch unter den neuen Bedingungen reinzuwaschen, funktioniert so: Ein Fabrikant von Gasflaschen für den Haushalt erzählt im vertraulichen Gespräch, wie er seinen Bargeldbestand in Höhe von sieben Millionen Rupien (gut 960.000 Euro) los wird. Eine halbe Million Rupien konnte er bei Banken unterbringen, die ihm zurückdatierte Quittungen ausstellten. Der Priester eines Hindu-Tempels wechselte ihm 350 00 Rupien in großen Scheinen in 100-Rupien-Noten. Damit zahlte er 40 Angestellten, Fahrern und Wachen die Löhne für die nächsten Monate in bar aus. So können diese das Bargeld auf ihre Konten einzahlen, was aufgrund der geringeren Summen wenig Aufsehen erregt. Manche Fabrikanten geben ihren Arbeitern sogar frei, damit die nun die rasch in alten Geldscheinen vorausbezahlten Löhne auf ihre Konten legen. „Jeder Arme in Indien ist derzeit heiß begehrt bei Schwarzgeldbesitzern, deren Geld sich ohne dessen Einsatz in Luft auflösen würde“, sagt Prashant Thakur, ein Steuerbeamter in Kalkutta.

Notenbanker behalten kühlen Kopf

Modis Partei gibt an, dass Inder 250 Milliarden Dollar unversteuert auf Schweizer Konten versteckten – das aber sind eben nicht die kleinen Leute, die nun vor den Geldautomaten Schlange stehen. Umso unverständlicher, wieso Modi nun mit den neuen 2000-Rupien-Scheinen eine noch größere Banknote hat einführen lassen. Rund um die Erde werden, um Schwarzgeld zu bekämpfen, die großen Scheine gestrichen. „Wenn jetzt ein Beamter Geld von mir will, dann verlangt er halt die großen Banknoten. Das ist das einzige, was sich ändert“, sagt ein Geschäftsmann in Delhi. Scheinheilig wirkt auch, dass die Regierung den Kampf gegen Schwarzgeld zum Beginn der bargeldlosen Wirtschaft deklariert. Gemeinsam mit Beratern und SoftwareKonzernen will sie das gesamte System umstellen – oder propagiert dies zumindest. Die treibende Kraft dahinter ist Nandan Nilekani, der Gründer des Datenkonzerns Infosys. Nilekani installierte mit riesigem Aufwand das Datenerfassungssystem Aadhaar, das jedem Inder einen Personalausweis und damit Zugang zu Sozialhilfen sichern sollte. Indien aber ist in Wahrheit nicht bereit für das bargeldlose Zeitalter: Das Land zählt bislang nur 250 Millionen Nutzer, die Smartphones besitzen, die für die Geldübertragung oder Bezahlung geeignet wären. Auf der anderen Seite gibt es rund 400 Millionen Menschen, die überhaupt kein Mobiltelefon benutzen. Einen kühlen Kopf behalten haben in dem Chaos wenigstens die indischen Notenbanker: Sie entschieden am Mittwoch, den Leitzins von 6,25 Prozent entgegen Modis erklärten Willen nicht weiter zu senken. Zugleich senkte die Reserve Bank of India ihre Wirtschaftserwartungen: Der Bargeldentzug werde das „Wachstum nach unten drücken“.
Wann sie vom Einzug des Geldes gehört hatten, wollten die Banker freilich nicht sagen. Es wäre interessant gewesen. Denn es hält sich das Gerücht, der weltweit anerkannte Notenbank-Präsident Raghuram Rajan sei im September deswegen zurückgetreten, weil er sich der Modi-Reform entgegengestellt habe.

Ein gut gehütetes offenes Geheimnis: Washington steckt hinter Indiens brutalem Bargeld-Experiment

Norbert Haering – norberthaering.de

Mit einem Schlag erklärte die indische Regierung am 8. November 2016 die beiden größten Geldscheine und damit über 80 Prozent des indischen Bargelds mit sofortiger Wirkung für ungültig. Worüber erstaunlicher Weise niemand zu reden oder zu schreiben scheint, ist die entscheidende Rolle, die Washington dabei spielte. Dabei wurde sie nur sehr oberflächlich verborgen.
Präsident Barack Obama hat die „strategische Partnerschaft“ mit Indien zu einer außenpolitischen Priorität erklärt. Schließlich gilt es China einzuhegen. Im Rahmen dieser Partnerschaft hat die Entwicklungshilfeorganisation der US-Regierung, USAid, ein Kooperationsabkommen mit dem indischen Finanzministerium geschlossen. Dabei geht es auch darum, in Indien und weltweit die Bargeldnutzung zugunsten digitaler Bezahlverfahren zurückzudrängen.
Am 8. November erklärte die indische Regierung überraschend mit einem Schlag die beiden größten Banknoten und damit über 80 Prozent des umlaufenden Bargelds für ungültig. Diese konnten nur begrenzte Zeit auf Bankkonten eingezahlt werden, bevor sie ungültig verfallen. Die Bargeldabgabe durch Banken wurde streng limitiert. Fast die Hälfte der Inder hat kein Bankkonto und sehr viele keine Bank in der Nähe. Die Wirtschaft läuft ganz überwiegend auf Bargeldbasis. Folgerichtig gab es eine extreme Geldknappheit und große Härten vor allem für die ärmeren und ländlichen Bevölkerungsgruppen. Auch im Dezember litten die Menschen noch erheblich unter Geldmangel und den damit einhergehenden Schwierigkeiten, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und Essen, sowie nötige Dienstleistungen, etwa von Ärzten und Krankenhäusern zu bezahlen. Allgemein wird davon ausgegangen, dass das Wirtschaftswachstum im vierten Quartal erheblich niedriger gewesen ist, als in den Vorquartalen. Chaos und Betrug regierten auch noch im Dezember.

Vier Wochen vorher

Nur knapp vier Wochen vor dieser überfallartigen Aktion verkündete USAid die Gründung von„Catalyst: Inclusive Cashless Payment Partnership“ um bargeldloses Bezahlen in Indien entscheidend voranzubringen. In der Pressemitteilung vom 14.10. heißt es, diese Initiative „markiert die nächste Phase in der Partnerschaft zwischen USAid und dem indischen Finanzministerium um universelle finanzielle Inklusion voranzubringen“. Die Mitteilung taucht in der Liste der Pressemitteilungen von USAid nicht (mehr?) auf – auch nicht, wenn man speziell nach „Indien“ filtert. Man muss wohl wissen, dass es sie gibt, oder zufällig beim Googeln darauf stoßen. Diese und andere Pressemitteilungen, die damals langweilig erschienen und kaum jemand interessierten, sind nach dem 8. November sehr viel interessanter – und verräterischer – geworden.
Im Nachhinein wird erkennbar, wenn man die entsprechenden Verlautbarungen liest, dass die Catalyst-Initiative und die Partnerschaft von USAid mit dem indischem Finanzministerium, aus der sie hervorging, nichts anderes waren als Tarnprojekte zur Vorbereitung des NovemberÜberfalls auf die Bürger Indiens. Schon der Name Catalyst lässt im Nachgang die Programmatik deutlich erkennen.
Direktor für Projekt-Inkubation von Catalyst wurde Alok Gupta, bis dahin Chief Operating Officer des World Ressources Institute in Washington, zu dessen größten Geldgebern USAid gehört. Er war Mitglied des ursprünglichen Teams der Unique Identification Authority of India, die das – unter Big-Brother-Aspekten gruselige – biometrische Identifikationssystem Aadhaar entwickelt hat. Nach einem Bericht der indischen Economic Times hat USAid sich verpflichtet Catalyst für drei Jahre zu finanzieren. Wie viel Geld dabei fließt, werde geheim gehalten.
Badal Maluick, CEO von Catalyst war zuvor Vizepräsident des größten indischen Online-Marktplatzes Snapdeal. Er sagte zur Gründung von Catalyst:
Die Mission von Catalyst ist es, multiple Koordinationsprobleme zu lösen, die die Durchdringung von digitalem Bezahlen unter Händlern und unter Konsumenten mit niedrigem Einkommen blockiert haben. (…) Die Regierung hat zwar (…) in einer konzertierten Aktion digitales Bezahlen gefördert, aber es gibt noch das Problem der letzten Meile, wenn es um Akzeptanz bei Händlern geht, und Koordinationsprobleme. Wir wollen diesen Problemen mit einem holistischen Ökosystem-Ansatz begegnen.“

Noch zehn Monate vorher

Das hier angesprochene Problem der multiplen Koordination und des robusten Bargeld-Ökosystems wurde zuvor in einem Report herausgearbeitet, den USAid 2015 im Rahmen der Anti-Bargeld-Partnerschft mit dem indischen Finanzministerium in Auftrag gegeben und im Januar 2016 vorgestellt hat. Die Pressemitteilung dazu ist ebenfalls nicht (mehr?) in der Liste der Pressemitteilungen von USAid enthalten. Titel der Studie war „Beyond Cash”.
„Händler und Konsumenten sind in einem Cash-Ökosystem gefangen, das ihr Interesse an (bargeldlosen Verfahren) hemmt“, heißt es darin. Mit anderen Worten: Weil wenige Händler bargeldloses Bezahlen anbieten haben wenige Kunden Interesse daran und weil wenige Kunden Karten haben und damit bezahlen wollen, haben wenige Händler Interesse daran. Hinzu kommt: Banken und Zahlungsdienstleister stellen Händlern für die erstmalige Teilnahme Gerätekosten in Rechnung, sodass diese sich scheuen, digitales Bezahlen anzubieten, solange die Nachfrage danach gering ist. Es brauche also einen Impuls von außen, um zu einer Durchdringung mit Karten zu kommen, die gleichzeitig Angebot und Nachfrage nach digitalen Bezahlmöglichkeiten auf ein höheres Niveau hebt.
Der vom Catalyst-CEO angekündigte „Ökosystem-Ansatz“ um diesen Impuls zu schaffen, bestand, wie erst im November offenkundig wurde, darin, mit einem Schlag für eine begrenzte Zeit das Bargeld-Ökosystem zu zerstören und danach allmählich trocken zu legen, u.a. über Begrenzung der Bargeldauszahlung. Da die Aktion überfallartig durchgeführt werden sollte, um ihre volle katalytische Wirkung zu entfalten, konnten natürlich weder die veröffentlichte Studie, noch die Catalyst-Gruppe offenlegen, was geplant war. Der raffinierte Trick, mit dem die wahren Pläne getarnt wurden, bestand darin, immer nur regionale Feldversuche anzukündigen. Dies erlaubte es, in aller Offenheit Forschungs- und Vorbereitungsarbeiten voranzutreiben und sogar Expertenanhörungen durchzuführen.
„Das Ziel ist es, eine Stadt zu nehmen, und dort die digitalen Bezahlvorgänge innerhalb von einem Jahr zu verzehnfachen“, sagte Maluick noch am 14. Oktober bei der Vorstellung von Catalyst. Damit sie sich bei ihren Untersuchungen und Vorbereitungen nicht auf eine einzige Stadt beschränken mussten, taten der Beyond-Cash-Bericht und Catalyst so, als würden sie verschiedene Regionen und Städte untersuchen, um dann die für den Feldversuch am besten geeignete Stadt oder Region auszusuchen. Im November stellte sich dann heraus, dass ganz Indien die Versuchsregion für eine globale Initiative sein sollte. „Indien ist an vorderster Front der globalen Bemühungen, Volkswirtschaften zu digitalisieren“, hatte US-Botschafter Jonathan Addleton, der Mission Director von USAid in Indien, bei der Vorstellung von Catalyst vier Wochen vorher verklausuliert verkündet.

Die beteiligten Organisationen sind alte Bekannte

Wer sind die Beteiligten an dieser Initiative? „Über 35 wichtige indische, amerikanische und internationale Organisationen haben sich der Initiative von USAid und dem indischen Finanzministerium angeschlossen“, schrieb USAid bei der Vorstellung des Beyond-Cash-Berichts. Auf der treffend benannten Website http://cashlesscatalyst.org/ kann man lesen, wer das ist. Es sind im Wesentlichen IT- und Zahlungsverkehrsunternehmen, die am digitalen Bezahlen und mit den dabei anfallenden Nutzerdaten Geld verdienen wollen. Es sind viele alte Bekannte aus dem „Krieg interessierter Finanzkreise gegen das Bargeld“ (Bundesbank) dabei, unter anderem die Better Than Cash Alliance, die Gates Foundation, Omidyar Network (eBay), die Dell Foundation, Mastercard, Visa, PMB Metlife Foundation.

Die Better Than Cash Alliance

Die Better Than Cash Alliance, der auch USAid selbst angehört, steht nicht zufällig ganz vorne. Seit 2012 gibt es sie. Ihr Sekretariat stellt der United Nations Capital Development Fund (UNCDP) in New York, was damit zusammen hängen dürfte, dass diese arme kleine UN-Organisation in den beiden Vorjahren einmal die Gates-Stiftung und einmal die Master-Card-Stiftung als größte Spender nennen durfte.
Mitglieder der Gruppe, die für die weltweite Zurückdrängung des Bargelds eintritt, sind die großen US-Institutionen, die am meisten von der Abschaffung des Bargelds profitieren würden, also Visa und Mastercard, sowie die US-Organisationen, die in Büchern über die Geschichte des US-Geheimdienstes besonders häufig vorkommen, wie die Ford Foundation und natürlich USAid, außerdem die US-Großbank Citi, sowie ganz vorne die Bill and Melinda Gates Foundation (Microsoft). Auch das Omidyar Network des eBay-Gründers Pierre Omidyar ist bei den Sponsoren. Fast alle diese Organisationen sind – ebenso wie die Alliance insgesamt – Partner der aktuellen USAid-Initiative gegen das indische Bargeld. Im Grunde ist diese Initiative und das daraus hervorgegangene Tarnprogramm Catalyst nicht viel mehr als eine um indische und sonstige asiatische Unternehmen mit starkem Geschäftsinteresse an Bargeldzurückdrängung erweiterte Better Than Cash Alliance.

Eminenz im Hintergrund: IWF-Chicago Boy Raghuram Rajan

Die Partnerschaft zur Vorbereitung der (vorübergehenden) Bargeldabschaffung in Indien fällt weitgehend zusammen mit der Amtszeit des letzten Präsidenten der indischen Notenbank, Raghuram Rajan von September 2013 bis September 2016. Rajan (53) war vorher und ist jetzt wieder Ökonomieprofessor an der Universität Chicago. Er war von 2003 bis 2006 Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF) in Washington. (Das hat er gemeinsam mit Ken Rogoff, einem anderen profilierten Kämpfer für die Bargeldabschaffung.) Er ist Mitglied der in Washington angesiedelten Group of Thirty, einer sehr fragwürdigen Organisation, in der sich Vertreter großer privater Finanzinstitute hinter verschlossenen Türen mit dem Spitzenpersonal der wichtigsten Notenbanken abstimmen. Meine schon länger gehegte und formulierte Vermutung, dass die Group of Thirty eine zentrale Steuerungsinstanz des weltweiten Krieges gegen das Bargeld ist, bestätigt sich immer mehr. Die Mitgliedschaft in der illustren Gruppe hat Rajan gemein mit anderen zentralen Figuren der Anti-Bargeld-Kampagne, darunter Rogoff, Larry Summers und Mario Draghi.
Rajan hat alle Aussichten, noch etwas ganz Großes zu werden und daher allen Grund, das Spiel Washingtons gut zu spielen. Er war bereits Präsident der American Finance Association und erster Preisträger von deren Fisher-Black-Preis für Finanzforschung. Auch die hochdotierten Ehrungen Infosys Preis für Wirtschaftswissenschaften und Deutsche-Bank-Preis für Finanzökonomie, sowie den Financial Times/Goldman Sachs-Preis für das beste Wirtschaftsbuch sammelte er bereits ein. Außerdem wurde er zum globalen Inder des Jahres gekürt (NASSCOM), sowie zum Central Banker des Jahres 2015 (Euromoney) und 2016 (The Banker). Er wird als möglicher Nachfolger der schwer angeschlagenen IWF-Chefin Christine Lagarde gehandelt, kann sich aber sicher auch begründete Hoffnungen auf eine andere globale Führungsposition in dieser obersten Preisklasse machen.
Rajan war als Notenbankgouverneur beliebt und angesehen in der Finanzbranche aber trotz seinem marktliberalen Deregulierungsmantra ungeliebt in der produzierenden und konsumierenden Wirtschaft. Das lag vor allem an seinem Hang zu einer restriktiven Geldpolitik mit relativ hohen Zinsen. Wegen zunehmender Kritik aus den Reihen der Regierungspartei hatte er im Juni verkündete, nach September keine zweite Amtszeit mehr anzustreben. Der New York Times sagte er später, er wäre gern noch länger geblieben, aber keine volle Amtszeit, doch darauf habe er sich mit Regierungschef Modi nicht einigen können. Der frühere Handels- und Justizminister Swamy sagte zu Rajans Abtritt, die indischen Industriellen würden sich freuen, und:
Ich wollte ihn weghaben, und ich habe das dem Premierminister gegenüber so deutlich gemacht, wie ich konnte. (…) Sein (Rajans) Publikum war im Wesentlichen westlich und sein Publikum in Indien war die transplantierte verwestlichte Gesellschaft. Die Leute kamen in Delegationen zu mir um mich zu drängen, etwas zu unternehmen.“

Desaster mit Ansage

Wenn Rajan an der Vorbereitung der Bargeldbeseitigungskampagne maßgeblich beteiligt war, woran ich angesichts seiner persönlichen und institutionellen Washingtoner Beziehungen und der zentralen Rolle seiner Notenbank bei der Bargeldversorgung nicht zweifle, dann hatte er guten Grund, dabei im Hintergrund zu bleiben. Es war nämlich keineswegs überraschend, dass die Aktion ein schlimmes Desaster für die große Mehrheit der armen und ärmsten Inder werden würde, denen die vorgebliche finanzielle Inklusion angeblich helfen soll. Schließlich hatten USAid und Partner die Lage intensiv sondiert und zum Beispiel in dem Beyond-Cash-Bericht festgestellt, dass fast 97 Prozent der Transaktionen in Indien mit Bargeld ausgeführt werden und nur 55 Prozent der Bevölkerung ein Bankkonto haben. Selbst von diesen Bankkonten seien nur 29 Prozent „in den letzten drei Monaten“ genutzt worden. Nur sechs Prozent der Händler akzeptierten bargeldlose Zahlungen.
All das war also gut bekannt, sodass es nicht überraschen konnte, dass bei dieser Ausgangslage die arme Bevölkerungsmehrheit und die Mehrzahl der kleineren Produzenten und Händler große Probleme bekamen, als man auf einmal das meiste Bargeld für ungültig erklärte. Es zeigte sich deutlich, wie verlogen die Mär von der finanziellen Inklusion durch digitalen Zahlungsverkehr und Verdrängung des Bargelds ist. Gerade für die Armen und Ärmsten in den ländlichen Gebieten gibt es keine Technologie, die ähnlich einfach die Teilnahme aller am Wirtschaftsprozess ermöglicht wie Bargeld.
Aber für Visa, Mastercard und die anderen Zahlungsverkehrs-Dienstleister, die die oft lebens- und existenzvernichtenden Probleme der Bargeldbeseitigung nicht zu tragen hatten, lohnte sich die Aktion natürlich trotzdem. Denn nach dem schrecklichen Chaos, und den Geschäftseinbußen, die jeder erdulden musste, der kein digitales Geld annehmen und verwenden konnte, wird nun natürlich jeder Handeltreibende, der es sich irgendwie leisten kann, Kartenlesegeräte anschaffen. Und die Konsumenten, die nur noch begrenzt Bargeld bekommen, werden ihre Karten endlich benutzen, zur Freude von Visa, Mastercard und der anderen Mitgliedern der erweiterten Better Than Cash Alliance. Und das nicht nur in Indien, denn auch in anderen Ländern erfuhr jeder der Zeitung liest, wie schlimm es sein kann, allein auf Bargeld angewiesen zu sein, wenn die Regierung mit der Finanzbranche gemeinsame Sache gegen die Bevölkerung macht.

Das US-Interesse am der globalen Bargeldbeseitigung

Das Geschäftsinteresse der global dominanten US-amerikanischen Finanz- und IT-Dienstleister ist natürlich ein wichtiger Grund, warum die US-Regierung mit so viel Eifer die Zurückdrängung des Bargelds in anderen Ländern betreibt, aber nicht unbedingt der Wichtigste. Daneben gibt es auch das Überwachungsmotiv, da US-Dienste und US-Firmen den gesamten grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr und annähernd den gesamten Datenstrom mitlesen können. Hinzu kommt, vielleicht noch wichtiger, dass jede Zahlung, die über eine Bank oder einen Zahlungsverkehrsdienstleister abgewickelt wird, dank der internationalen Dominanz des Dollars, die Macht der US-Regierung stärkt, eigenes Recht weltweit anzuwenden. Das auszuführen muss einem späteren Beitrag vorbehalten bleiben. Hier soll zum Beleg der Link auf eine vor kurzem erschienene Reportage der FAZ genügen. Darin wird am Beispiel der Commerzbank und der Angestellten einer im internationalen Leasing-Geschäft tätigen Firma beschrieben, wie wenig es gegebenenfalls nützt, sich im internationalen Geschäft an die heimischen Gesetze und internationale Regeln zu halten, wenn die US-Regierung andere Vorlieben und politische Prioritäten hat. Dergleichen Beispiele gibt es viele. Jede international tätige Bank ist durch die USA erpressbar, weil der Lizenzentzug für das Dollar- und US-Geschäft dem Ruin gleichkommt. Man denke nur an die Deutsche Bank, die monatelang mit dem Finanzministerium der USA darüber verhandeln durfte, ob sie nun 14 Milliarden Dollar Strafe bezahlt und Pleite geht, oder mit sieben Milliarden davonkommt, und es überlebt. Wenn man die größten Banken jedes Landes in die Pleite treiben kann, dann kann man natürlich auch Macht über deren Regierungen ausüben. Diese große Macht über das (digitale) Finanzsystem gibt es schon heute. Je weniger Bargeld es gibt, desto größer und besser gegen Ausweichreaktionen abgesichert ist sie.
Weiterer Beitrag zum Thema: Mehr Evidenz zur US-Beteiligung an der Anti-Bargeld-Aktion in Indien

Mehr Evidenz zur US-Beteiligung an der Anti-Bargeld-Aktion in Indien
Norbert Haering – norberthaering.de

Mein Beitrag zur Hypothese, dass Washington hinter der spektakulären Aktion in Indien steht, bei der das meiste Bargeld für ungültig erklärt wurde, stieß auf großes Interesse. Er wurde etwa 200.000 Mal geklickt, zu zwei Dritteln die englische Übersetzung, und hunderttausende Inder dürften über einen Reprint bei Global Research oder über Times of India, die zwei Mal unter Rückgriff auf Global Research über meine These berichtete, davon gelesen haben. Deshalb habe ich in einem weiteren englischsprachigen Artikel die weitere Evidenz, auf die ich seither gestoßen bin, nachgeliefert und mich nochmal mit alternativen Erklärungshypothesen auseinandergesetzt.
Wer des Englischen hinreichend mächtig ist, liest am besten gleich den englischen Fortsetzungsartikel „More evidence of early US involvement in Indian demonetisation“. Für die anderen und die an einer kürzeren Version interessierten, will ich kurz das zusammenfassen, was über den Ursprungsartikel hinausgeht.

1. Eine der ersten Aktionen von Notenbankchef Raghuram Rajan, als er von der University of Chicago 2013 kommend im September 2013 sein Amt antrat, war die Einsetzung einer Kommission zur Förderung der „finanziellen Inklusion“ unter Leitung des Bankers Nachiket Mor. Dieser wurde 2016 zum Chef der Bill and Melinda Gates Foundation in Indien berufen. Diese Stiftung ist Hauptfinancier der Better Than Cash Alliance und einiger weiterer Initiativen dieser Art. Das sogenannte Mor-Committee war massiv mit Personen mit engen US-Verbindungen und zur Better Than Cash Alliance durchsetzt.
2. Im Mai 2016 erwähnte die indische Notenbank Pläne zum Druck neuer Banknoten, im August verkündete sie, das Design für die neue 2000-Rupie-Note sei fertig und genehmigt.
3. Im September 2016 veröffentlichte das McKinsey Global Institute (New York) einen Bericht in dem die Vorteile bargeldlosen Zahlungsverkehrs in leuchtenden Farben geschildert werden. Noch im Dezember, nachdem längst klar war, was für ein Desaster die Anti-Bargeld-Aktion von Ministerpräsident Modi für die Mehrheit der Bevölkerung war, verbreiteten McKinsey-Partner Susan Lund und Laura Tyson basierend auf dieser Studie über die von George Soros finanzierte Plattform Project Syndicate in alle Welt die Verheißung, dass Ländern wie Indien ein um zehn Prozent höheres

Bruttoinlandsprodukt winkt, wenn sie mehr bargeldlos bezahlen. Die Studie wurde in Kooperation mit der Bill und Melinda Gates Foundation verfasst, und deren Indien-Chef Nachiket Mor bekam darin ein spezielles Dankeschön.
Ich stelle in dem Beitrag auch klar, dass die These, dass der US-Finanzsektor und die US-Regierung eine treibende Kraft hinter der Aktion in Indien waren, keinesfalls mit der These konkurriert, dass es einflussreiche Interessengruppen in Indien gab, die davon profitieren. Es ist sehr schwer, die wirtschaftliche und politische Elite eines Landes dazu zu bekommen, etwas zu tun, was gegen ihre eigenen Interessen ist. Es ist viel leichter, wenn es mindestens einflussreiche Gruppen gibt, die ebenfalls profitieren. Ob die Mehrheit der Bevölkerung Schaden leidet, spielt dann kaum eine Rolle. Zu den Profiteuren können gehören, der große indischen IT-Sektor, die indischen Banken, die sich über eine Schwemme von Zwangseinlagen freuen dürfen, die indischen Einzelhandelsketten, die sich über die Austrocknung des informellen Sektors freuen dürfen, und deren Geldautomaten einem Leserbrief zufolge, geheimnisvoller Weise viel besser mit den neuen Banknoten versorgt waren, als andere, außerdem natürlich der Online-Handel und die Landräuber, die ein wahres Bonanza erlebt haben dürften, weil viele Kleinbauern gezwungen waren, zu verkaufen, um zu überleben.

Wie Indien zum Versuchskaninchen von Bill Gates wurde – eine Verschwörung beschrieben von den Hauptakteuren
Norbert Haering – norberthaering.de

Auf einer Tagung des US-Finanzministeriums zu „Finanziellen Inklusion“ Ende 2015 hat Bill Gates verkündet, dass seine Stiftung bis Ende 2018 den Zahlungsverkehr in Indien, Pakistan und Nigeria komplett auf bargeldlos umgestellt haben will, und dass er daran gemeinsam mit der indischen Zentralbank bereits seit etwa 2012 arbeitet. Dabei geht es laut einer Executive Order des US-Präsidenten von 2012 um vitale Sicherheitsinteressen der USA.
Der CEO von Paypal definierte Finanzielle Inklusion als ein Buzzwort das bedeutet, die Leute in das System zu bringen. Im System können sie dann, wie Bill Gates es ausdrückte „beobachtet und bedient“ werden, und zwar nicht nur von den privaten Unternehmen und den nationalen Regierungen, sondern auch von den US-Diensten, die tunlichst verhindern sollten, dass Finanzströme auf ein digitales System gehen, mit dem die USA nicht verbunden sind, weil es dann nämlich viel schwieriger würde, die Transaktionen zu verfolgen, die man kennen oder blockieren will.
Entsprechend diesem Gedankengang hat der US-Präsident bereits 2012 einen Globalen Entwicklungsrat eingesetzt, der ihn dabei beraten sollte, wie man per Entwicklungspolitik und Förderung der Finanziellen Inklusion die „vitalen Sicherheitsinteressen der USA“ verteidigen und „die Macht der USA“ mehren kann. Eine Vertreterin der Bill & Melinda Gates Stiftung war natürlich dabei. Das war auch das Jahr, in dem USAID, die Entwicklungshilfeorganisation der US-Regierung und die Gates Stiftung die Better Than Cash Alliance gründeten.
Zu dieser Zeit begann die Gates Stiftung nach den Worten von Bill Gates auch, eng mit der indischen Zentralbank zusammenzuarbeiten, mit dem Ziel, den indischen Zahlungsverkehr bis Ende 2018 komplett auf bargeldlos umzustellen. Der Chef des indischen Ablegers der Gates Stiftung ist im Vorstand der indischen Notenbank für Finanzaufsicht zuständig. Die enge Kooperation der Gates-Stiftung mit der indischen Notenbank, offenbar im Auftrag der US-Regierung, begann danach schon eineinhalb Jahre bevor in Indien Narendra Modi an die Macht kam, und fast zwei Jahre, bevor er Barak Obama besuchte, diesem von seinem Plan erzählte, die Digitalisierung des Zahlungsverkehrs zu fördern, und die freudige Kunde vernahm, dass die USA dabei helfen könnten.
Am 8. November verkündete Narendra Modi völlig überraschend, dass mit sofortiger Wirkung die beiden größten Geldscheine, und damit über 80 Prozent des umlaufenden Bargelds ungültig würden und binnen kurzer Zeit gegen Bankguthaben eingetauscht werden mussten. Das verursachte riesiges Chaos und monatelange extreme Bargeldknappheit, die es den extrem vielen in der Schattenwirtschaft ihr Dasein fristenden Indern sehr schwer machte, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Zuständigkeitshalber hatte den Beschluss zur „Demonetarisierung“ die Notenbank gefasst. Diese verschärfte und verlängerte die Bargeldknappheit, indem sie vor allem neue 2000-Rupien-Noten druckte, die nicht in die Geldautomaten passten und für die meisten Transaktionen mangels Wechselgeld zu groß waren und daher nicht taugten.
Ein wichtiges Ziel auf dem Weg zur weltweiten Abschaffung von Bargeld ist für Bill Gates die Schaffung einer global harmonisierten biometrischen digitalen Identifikationsnummer für alle Erdenbewohner. Der Milliardärs-Club World Economic Forum (WEF), wo Gates ein sehr einflussreiches Mitglied ist, hat diese Zielsetzung übernommen und ein Programm dazu gestrickt. Praktischer Weise ist der Vorsitzende der IT-Branche auf dem World Economic Forum 2015 und 2016 ebenfalls im Vorstand der indischen Notenbank.
Damit auch die vielen Millionen Habenichtse auf der Welt sich der einheitlichen biometrischen Identifikationsmethode unterwerfen und den damit verbundenen digitalen Zahlungsverkehr nutzen, vertritt Gates die Philosophie, dass alle, die etwas von der Regierung haben wollen, gezwungen werden sollen, dies auf digitalem Weg entgegen zu nehmen und sich der biometrischen Identifizierung zu unterziehen. In Indien passiert das gerade in sehr großem Stil mit dem sogenannten Aadhaar-System. Auf entgegenstehende Entscheidungen des dortigen Verfassungsgerichts wird dabei keine Rücksicht genommen.

Die Bundesregierung macht auch mit

Das mit der engen Verbindung von Sicherheitsinteressen (wessen?) und Finanzieller Inklusion sieht die Bundesregierung offenbar ebenso wie der ehemalige US-Präsident und Bill Gates. Vor wenigen Tagen hat Entwicklungshilfeminister Gerd Müller auf der Münchener Sicherheitskonferenz (!) mit Bill Gates ein Memorandum of Understanding zur Zusammenarbeit mit der Bill & Melinda Gates Stiftung unterzeichnet. Darin geht es prominent auch um die Förderung der Finanziellen Inklusion, die als Entwicklungspolitik deklariert wird. „Entwicklungpolitik ist die beste Friedenspolitik“, sagte er dazu in nur leichter Abwandlung der offeneren Ausdrucksweise von Barack Obama 2012, für den Entwicklungshilfe und Finanzielle Inklusion dem Ziel dienen, die Sicherheitsinteressen und die kommerziellen Interessen der USA zu fördern.
Müller versprach auch, dass Finanzielle Inklusion bei den anstehenden G20-Treffen in Deutschland im Sommer ein zentrales Thema sein werde. Eine vom US-Präsidenten eingesetzte Kommission hatte dem Präsidenten empfohlen, die Weltbank und die G20 noch stärker in die den US-Sicherheitsinteressen dienende Kampagne zur Digitalisierung des Zahlungsverkehrs in den Entwicklungsländern einzuspannen. Check.

Finanzielle Inklusion und der Krieg gegen das Bargeld

Auf einem „Forum Finanzielle Inklusion“, das 2015 vom US-Finanzministerium und USAID veranstaltet wurde, sagten drei Teilnehmer in leichter Abwandlung den Satz: „Bargeld ist unser Gegner, Bargeld wollen wir eliminieren.“ Es waren dies der Chef von PayPal, der Chef eines großen afrikanischen Telekom-Unternehmens und Königin Màxima der Niederlande, die UN-Beauftragte für Finanzielle Inklusion. Letztere berief sich dafür auf den letzten US-Finanzminister Tim Geithner.
Dieser Text ist die Kurzfassung eines auf Englisch verfassten, deutlich längeren Beitrags, der die Zitate und Links zu den (meist englischsprachigen) und Quellen enthält: How India became Bill Gates‘ guinea pig: A conspiracy as recounted by the main actors

Ein Brief aus Kerala

Ein Deutscher, der im indischen Bundesstaat Kerala in einer Kleinstadt lebt, berichtet per E-Mail seinem Freund in Deutschland davon, wie sich für ihn und andere in der täglichen Praxis die „Demonetarisierung“ darstellt, die Ministerpräsident Narendra Modi am 8. November 2016 verkündet hat. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Adressaten drucke ich die Mails hier ab.
Anonymus, Kerala, 14. 11. 2016: So eine indische Währungsreform ist schon sehr aufregend! Alle 500,- und 1000,- Rupien Scheine, die 86% der umlaufenden Geldmenge ausmachen, wurden über Nacht für ungültig erklärt. Für ahnungslose Touristen besteht die Möglichkeit einmalig Rs. 5000,- in neue Scheine umzutauschen, allerdings wie für alle anderen auch, nur bis zum 30. Dezember. ( 1000,- Rupien sind ca. 13,80 Euro ) Blöd ist dabei, wenn manche Reisende sich für ganz schlau hielten und für ihre geplante Fahrt günstig vielleicht auf einmal 30.000,- umtauschten… Pech. Wohl auch mit Umtauschbescheinigung. Da sind sie jetzt ganz hart. Auch die tausenden Wanderarbeiter aus Orissa, Bihar und West-Bengal, die hier in Kerala ohne Papiere als Sklaven in den unmenschlichen Sperrholzfabriken z.B. Perumbavoors arbeiten und ihr Geld bis zur Heimfahrt verstecken, haben ganz schlechte Karten! Es gibt deshalb schon kleine Unruhen.
Es gelten zum Teil sehr komplizierte Regelungen, die sich auch täglich ändern können, um seine alten, nun ungültigen Scheine in neue umzutauschen. Das Land befindet sich in einem völligen Chaos, Aufstände drohen und finden teilweise schon statt.
Unter bestimmten Voraussetzungen, die für uns zum Glück zutreffen, können wir bis zu 2,5 Lakh (Rupien 250.000,-) aber nur Rs. 49.000,- pro Tag bar auf’s Konto einzahlen, ohne Herkunftsnachweise vorlegen zu müssen, was an einer von drei Schlangen in unserer völlig verstopften Bank geschieht. Wir hatten wider Erwarten doch über zweihundert Tausender im Hause, was ich gar nicht mehr genau wußte, muß also mindestens fünf Mal in diesen Malstrom.
Man steht stundenlang an, es wird geschubst, gedrängelt und immer sind alle ganz eng aneinandergequetscht. Es stinkt, ist furchtbar heiß, zum Schneiden dicke Luft und lärmt noch mehr als sonst, weil keiner weiß wo er sich nun anstellen soll. Platziert sich einer zwei Stunden falsch, wie mir prompt passiert, muß er wieder auf „Los“. Eine Schlange ist zum Einzahlen größerer Beträge, die nächste nur zum Umtausch und die dritte für das Einzahlen kleinerer Werte sowie das Abheben frischen Geldes. Man bedenke, Frauen bilden an jedem Schalter separate Schlangen, es winden sich letztlich 6(!) Menschenreihen kreuz und quer durch den relativ kleinen Raum, vorbei an nur halboffenen mit dicken Ketten fixierten Scherengittern in den Gang die enge Treppe runter – Entsetzlich!

Dazwischen im stockdunklen Flur noch ein improvisiertes Tischchen, an dem vor Schweiß triefendes Personal sitzt, um des Schreibens Unkundigen zu helfen die Formulare auszufüllen. Durch das ganze Gedrängel schieben sich ab und zu Leute mit großen offenen Körben, gefüllt mit frischen Geldbündelhaufen die Treppen in den Bankraum hoch, erstaunlicherweise gehen, obwohl eigentlich physikalisch unmöglich, die Massen auseinander um die „Heiligkeit“ passieren zu lassen. Ist der Transport vorüber, batscht die Menge unter Geschrei, wer nun vor wem an welcher Schlange stand, wieder zusammen.
Gestern versuchte die Filialleitung Blechmarken zur Reihenfolgeregelung zu verteilen, die Menschen sprangen wie Hühner übereinander her um eine zu ergattern, – Gekreisch, Gebuffe, abgerissene Taschen, runtergefallenes, nicht wiederzufindendes Zeug… – ich kann Dir sagen! Und dann! – Die Kassierer sitzen in den Banken immer in so kleinen extra Drahtkäfigen mit vorne einem handgroßen Loch und nur einer winzigen Tür hinten. Die Bude sah nach nur zwei Tagen aus wie Dagobert Ducks Geldspeicher, nur auf indisch! In Kartons, Schüsseln, Eimern und lose die Drahtwände hochgestapelt die alten Geldscheinbündel. Manchmal rutscht alles zusammen, wird dann mit den Füßen irgendwie weggeschoben, die Menge draußen drängt auf Abfertigung. Vollkommen überforderte Bankangestellte kommen zitternd in den Verschlag zu Hilfe und versuchen dem Geldgebirge wieder notdürftig Form zu geben und nebenbei, mit einer stotternden alten Geldzählmaschine, Ordnung in die Bleistift-und-Ratzel-Buchführung zu bringen.
Es ist nebenbei eine, wenn auch ziemlich brutale Methode, den Menschen das elektronische Bezahlen und Kreditkartenleben schmackhaft zu machen. Ich sage nur: langfristig geplante Bargeldabschaffung! Offiziell will man mit der äußerst aufwendigen Aktion das Schwarz-, Bestechungs- und Falschgeld eindämmen… Derartige Aktionen können natürlich überall auf der Welt vollzogen werden, auch in Deutschland – Vorwände finden sich immer…!

Einige Tage später, Teil II

Mittlerweile hat sich die Bankensituation, zumindest bei uns im Dorf, etwas beruhigt, ist aber dennoch angespannt und von Normalität kann keine Rede sein. Andernorts geht es jetzt erst richtig los, da ganze Geschäftszweige infolge von Bargeld- und Wechselgeldknappheit zusammenbrechen, was natürlich Kettenreaktionen auslöst und Tausende ins Elend stürzt. Hunderte Leute setzen ihrem Leben ein Ende, nicht wissend, wie sie das alles überstehen sollen; Haben sie z.B. kürzlich ihr gesamtes Land für die Behandlung einer Krankheit oder eine geplante Hochzeit verkauft, wird dieses Geld plötzlich als illegal eingestuft und erfordert ungeheure Anstrengungen es zu legalisieren, wenn überhaupt möglich. Andere, besonders Ältere und Gebrechliche brechen während des manchmal tagelang dauernden Anstehens vor und in den Banken zusammen, oft mit Todesfolge.
Zunehmende Demos, Streiks und teilweise gewalttätige Aufstände sind an der Tagesordnung, so manche Landesregierung opponiert vehement gegen die Entscheidungen und Vorgehensweise der Zentralregierung in Delhi.
Gestern, nachdem ich in unserer Bank für mich alles soweit erledigt hatte, gab ich dem sichtbar überarbeiteten Filialleiter ein Zeichen, ihn gern persönlich sprechen zu wollen. Er zuckte zusammen, fürchtete wahrscheinlich irgendeine Beschwerde meinerseits, bat mich aber dennoch in sein Büro. Ich hatte keine Klage vorzubringen, sondern ganz im Gegenteil, versicherte ihm und seinem Kollegium meine höchste Bewunderung. Hatte ich nun fünf Tage die Gelegenheit, über jeweils mehrere Stunden Zeuge der unglaublichen Belastung, welcher er und die Angestellten ausgesetzt sind, zu erleben. Unflätige Worte, Beleidigungen bis hin zu Handgreiflichkeiten gegenüber dem Personal sind keine Seltenheit. Die Mitarbeiter kommen täglich in aller Herrgottsfrühe in die Filiale, sortieren und zählen Berge von Scheinen, kommen während der radikal verlängerten Öffnungszeiten kaum zum Wassertrinken, geschweige denn Mittagessen und wenn dann gegen 20:00 der letzte Kunde widerwillig das Haus verläßt, fangen sie wieder an Geld zu sortieren und, viel wichtiger, sämtliche zehntausende Überweisungs-, Abhebungs- und Einzahlungsscheine, die auf riesigen Spießen lauern, in das Computersystem einzugeben, wozu tagsüber keine Zeit war. Vor 1:00 früh kommen sie nie nach Hause…
Er nahm das Paket Marzipan-Leedus für ihn und die Mitarbeiter entgegen, wurde ganz still und Tränen rannen ihm aus den Augen. Niemals hätte bisher ein einziger Kunde ein Wort der Anerkennung oder auch nur des Dankes für diese Mordsarbeit übrig gehabt, nun muß erst ein Ausländer kommen um dies zu tun. Er schäme sich für sein Volk mir gegenüber. Selten habe ich so tiefe emotionale Momente erlebt.

Kerala, 13. 12. 2016.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag, – es gibt immer noch kaum Bargeld von den Banken, man mußte ja alles einzahlen und bekommt davon wöchentlich nur lächerlich wenig (Rupien 24000,- /ca. 300,- Eu) in riesigen Rs. 2000,- Scheinen, die keiner wechseln kann, ausgezahlt. Man treibt die Menschen dadurch mit Zwang zu Konteneröffnungen und bargeldlosem Geldtransfer. Dies ist aber auf Grund fehlender Infrastruktur, speziell auf dem Lande kaum durchsetzbar. Es brodelt gefährlich und nun kommt noch dazu eine Goldkonfiszierung. Wo doch der Inder Gold so liebt… Ende