Ordensleute gegen Ausgrenzung

Siehe auch Mahn- und Gebetswache

Gebets- und Mahnwache vor der Abschiebehaft

in Berlin-Köpenick, Grünauerstr. 140, nahe Haltestelle Rosenweg Tram 68
(Verbindung zwischen S-Bahn Grünau und S-Bahn Köpenick)

Die wieder neue Frage: WARUM STEHEN WIR AN DIESEM ORT?

Im vorbereitenden Gespräch stießen wir auf diese Frage. Einige Erfahrungen verwirren uns; sie sind schwer auszudrücken. Der Unterschied zwischen „gut“ und „böse“ ist nicht immer so leicht auszumachen, nach dem Motto: „gut“ sind die, die drinnen sitzen, „böse“ sind die, die einsperren. Aus Gesprächen erfahren einige von uns auch, dass Menschen das Risiko der Abschiebehaft schon in ihrer Heimat genau kennen und trotzdem nach Deutschland kommen. Das „Spiel“ mit dem eigenen Leben und mit der Inhaftierung hat einen verzweifelten Charakter. Wie viel Verzweiflung, muss da sein, um ein solches „Spiel“ zu spielen?

Aber eben auch: Wie viel Not und wie viel Lebenswille ist im Spiel? Wir stehen mitten in einer neuen Völkerwanderung. Die Globalisierung, die Beschleunigen der Zeiten und die Verkürzung der Räume auf unserem Planeten, die wir selbst gemacht haben, ermöglicht Bewegungen von Völkern über den gesamten Globus. Flugzeug, Schifffahrt und Eisenbahn bringen eben nicht nur Touristen an ferne Traumstrände, sondern auch Flüchtlinge und Einwanderer zu uns. Das ist ein unaufhaltsamer Prozess des Zusammenkommens von Menschen und Völkern. Wir stehen mitten in dieser Flut von Menschenströmen. Die Abschiebehaft zeigt uns diese andere Seite der Globalisierung, den vergeblichen Versuch, Menschen und Völker durch Mauern an der Einreise zu hindern.

So verschob sich im Laufe des Gespräches die Eingangsfrage: Auf welchem Fundament stehen wir mitten in dieser Völkerwanderung über den Globus? In einigen Jahrzehnten wird sie das Gesicht unseres Landes grundlegend verändert haben. Daran wird auch die Abschiebehaft und die politische Strategie, für die sie steht, nichts ändern, im Gegenteil: Sie erschwert – und wird erschweren – die Begegnung der Völker auf dem Globus in Menschlichkeit.

Seit September 1995 trifft sich die Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ regelmäßig vor der ehemaligen Frauenhaftanstalt der DDR. Sie wurde für 26 Millionen DM zur Abschiebehaftanstalt für 350 Personen umgebaut und im Oktober 1995 eröffnet. Für manche Menschen ohne deutschen Pass ist der Aufenthalt nur von kurzer Dauer, andere können dort – und zwar nicht wegen eines kriminellen Delikts – bis zu 1,5 Jahren inhaftiert werden. Menschen aus allen Kontinenten – vorwiegend aus Afrika, Asien und Osteuropa – befinden sich in Abschiebehaft. Auch Jugendliche, Schwangere, Eltern von kleinen Kindern, psychisch und physisch Kranke sind unter ihnen. Die Bedingungen, unter denen sie untergebracht sind, entsprechen weitgehend denen einer Strafhaft. Hinzu kommt ein extremer psychischer Druck durch die Unsicherheit, wann und wie die Haft enden wird: mit Abschiebung oder Entlassung.

Gegen die unwürdige Behandlung dieser Menschen in Not protestieren wir und denken an diesem herausfordernden Ort – also vor den Mauern des reichen Europas – über unsere Gesellschaft nach. Die Inhaftierten sollen aus Europa verschwinden, sollen vor den Mauern Europas leben. Die Grenze nach Polen ist nahe. Wir wissen, dass dort immer wieder Menschen beim Grenzübertritt sterben, ähnlich wie an der alten Berliner Mauer.

Wir stehen vor diesen Gefängnismauern mit unseren Grenzerfahrungen, mit unserem Ärger und Schweigen. Sind wir nun vom europäischem Festungsdenken starr geworden? Oder bereiten wir uns darauf vor, diese Mauern zu sprengen, und alle anderen unsichtbaren Mauern in unserer Gesellschaft? Die Mauern des Rassismus, der Ausbeutung, der Verachtung, der Besitz- und Einflusssicherung, …?

Bei den Mahn- und Gebetswachen

  • hören wir die Geschichten der Gefangenen und sehen das Gefängnis;
  • stellen wir uns der Not der Inhaftierten, aber auch unserer eigenen Not angesichts des Unrechts deutscher Behörden, politischer Richtlinien, „Volksmeinungen“, … und unserer Hilflosigkeit, darauf angemessen zu reagieren;
  • singen wir und lesen aus der Bibel;
  • dann werden wir still und hören auf unser inneres Verlangen;
  • wir tauschen uns über die biblische Hoffnung aus;
  • nennen unsere Gefühle, suchen nach Symbolen unserer Klage und unseres Gebetes;
  • singen und bitten um Gottes Segen gegen das Vergessen und für den Mut, das zu tun, was jeder und jedem an seinem Ort möglich ist, damit unser Land einmal wegen seiner Gastfreundschaft gepriesen wird und wegen seines Einsatzes für mehr Gerechtigkeit zwischen den Völkern und Nationen ohne Rücksicht auf Rasse und Geschlecht.

Wir haben eingeladen etwa eine Stunde vor diesen Mauern zu stehen.
Die Abschiebehaft ist zum Glück geschlossen worden.
Jetzt wird ohne diesen Zwischenschritt abgeschoben.

Unsere Gruppe läd nicht mehr zu Mahnwachen vor dem alten Gefängnis ein.

Training im Hinsehen Franziskanermission Seite 18/19

Grenzgänge in Berlin: Ordensleute auf den Spuren der Ausgegrenzten

Wege mit Franziskus 2/2008 Seite 24 – 27

Reisebericht mit Mahnwache vor der Abschiebehaft

Sven Schlebes – „Das Leben hier ist reich.“

Christian Herwartz
Mahnwachengottesdienste – ein Training im Hinsehen
In allen Bundesländern stehen versteckt Haftanstalten, in denen Männer und Frauen bis zu 18 Monaten einsitzen, die wegen keiner Straftat angeklagt sind. Die Ausländerbehörde möchte sie außerhalb der Grenze fliegen, welche die im Schengener Abkommen zusammengeschlossenen Länder Europas um sich gezogen haben. Sie wird militärisch gesichert. An ihr sterben jedes Jahr tausende von Flüchtlingen, die sie aus unterschiedlichen Gründen passieren wollen.

Ein großes Polizeigewahrsam für Frauen und Männer steht in Berlin-Köpenik. Die Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ lädt seit 1995 regelmäßig zu einem Mahnwachengottesdienst vor dieser Abschiebehaftanstalt ein. Das Gebäude ist ein ehemaliges DDR-Gefängnis am Stadtrand.

Wir stehen vor den Mauern, die für uns ein Teil der Mauer um Europa ist. Denn die hier festgehaltenen Menschen sollen außerhalb dieser Mauern leben. Am Anfang unserer Zusammenkunft informieren wir über die Situation in der Haftanstalt und aller Flüchtlinge in unserer Stadt, besonders aber der Menschen ohne Pässe. Sie leben in der Angst, deshalb inhaftiert zu werden. In Berlin sind es etwa 100.000 Mitbürger und Mitbürgerinnen, bundesweit etwa eine Million. Wir erfahren von Menschen in der Haft, die nicht abgeschoben werden können, weil die Heimatländer grundsätzlich keine Abschiebungen dulden. Sie sitzen dort – wie die Behörde sagt – zur Abschreckung. Sie will damit die Fluchtbewegungen eindämmen. Die Ursachen sehen wir in politischen Notlagen und dem Reichtumsgefälle. Die Einreiseverweigerung soll diese Abhängigkeit zementieren. Gleichzeitig wird ungehinderter Geld- und Warenfluss gefordert und für uns Europäer Reisefreiheit. Vor diesen Widersprüchen stehen wir im Gebet vor der Haftanstalt, singen und hören meist einen biblischen Text.

Wir Berliner haben traumatische Mauererfahrungen. Hier stehen wir wieder vor einer solchen Mauer. Der Wachturm der Haftanstalt ähnelt den Wachtürmen an der Berliner Mauer. Die realsozialistische DDR wollte sich von dem kapitalistischen Westen abschirmen. Diese Mauer ist gefallen. Wir bitten in unseren Gebeten um das Fallen dieser neuen Unrechtsmauer in unserer Stadt. Dabei sehen wir all die anderen gesellschaftlichen Mauern deutlicher, auch die Mauer zwischen den USA und Mexiko und anderswo. Wie oft rechtfertigen und unterstützen wir – vielleicht ungewollt – diese das Leben eingrenzenden „Bauwerke“?

Wenn diese Mauer fällt, dann ist unsere Gastfreundschaft neu gefragt, die im Moment durch staatliche Maßnahmen einschneidend behindert wird. Andere Staaten ahmen die Abgrenzungspolitik nach und grenzen uns aus. Die Freizügigkeit zu schützen, wäre eine gesellschaftlich Aufgabe und nicht sie zu verhindern. Diese Gedanken und Gebete kommen uns angesichts des Gefängnisbaues. Manchmal winken uns die Menschen von dort zu.

Bei dem Mahnwachengebet stellen wir ein Symbol in unsere Mitte. Einmal war es eine Liege und ein Stuhl. Wenn die Mauer fällt, dann brauchen die jetzt Inhaftierten Wohnraum und vieles mehr. Wünschen wir – auch mit diesem Eingriff in unseren Alltag – wirklich den Fall der Gefängnismauer hier in Berlin-Köpenik und rund um Europa, in der wir alle eingeschlossen sind? Mit dieser Frage verteilen wir uns auf dem Vorplatz, winken den Gefangenen zu und werden etwa eine Viertelstunde still. Oft ist diese Stille schwer aushaltbar. Einsichten tauchen auf, die wir sonst schnell beiseite schieben.

Dann kommen wir alle wieder zusammen, tauschen uns über die spontanen Gefühle und Einsichten aus, beten und bitten um den Segen Gottes. Einige von uns besuchen anschließend Gefangene. Doch bevor wir gehen, singen wir über die Mauer zu den Gefangenen mit unserer ganzen Hoffnung: „We shall over come“.

Zurück im Alltag erkennen wir die Illusion noch deutlicher, Reichtum mit einer Mauer sichern zu wollen. Die Trennung von reich und arm im Land wird deutlicher. Auch bei uns leben die Menschen in einer ersten und immer mehr in einer vierten Welt. Kinderarmut nimmt zu. Schutzrechte werden abgebaut und im Grundgesetz verankerte Menschenrechte durch Verwaltungsanweisungen begrenzt.

Viele Probleme unseres Alltags überfordern uns und wir sehen weg. Dann ist es gut, wieder an die Mauern der Abschiebehaft zurückzukehren und die Not der Opfer zu ahnen, biblische Erfahrungen zu hören und still zu werden vor dieser großen Monstranz, die ja jedes Gefängnis ist. Jesus hat uns vorausgesagt, dass er in den Gefangenen anwesend ist (Mt 25,36). Am Anfang seines öffentlichen Wirkens verkündete er in seiner Heimatstadt Nazaret, dass er gekommen sei, Gefangene und alle Zerschlagenen in Freiheit zu setzen (Lk 4,18).