Christian Herwartz teilt

Berlin Radikaler Bruder – in der WG eines Jesuiten
VON DOROTHEE KRINGS (TEXT) UND ANDREAS KREBS (FOTOS)

Berlin (RP). Christian Herwartz teilt seine Wohnung, sogar sein Zimmer mit Menschen in Not – seit 34 Jahren. Für ihn ist das Nachfolge Jesu.

Einer dieser Berliner Hauseingänge: Holztür mit Graffitis auf dem braunen Lack, überklebte Schildchen an der Klingelleiste. „WG Herwatz“ steht auf einem. Wer dort klingelt, muss zwei Etagen hinaufsteigen, betritt einen engen Flur. Gleich rechts liegt das Wohnzimmer. Dort haben sich die Spuren vieler Bewohner abgelagert, lauter Dinge, die nicht zueinander passen: Auf dem Kachelofen stehen simpel geformte Tonfiguren und ein grell bepinselter Flamingo. An einer Wand hängt eine lebensgroße Figur aus Pappmaschee, die andere ist bemalt. In diesem bunten, verwohnten Raum wird später eine Frau auf dem Sofa sitzen, die oft zu Gast ist in der Wohngemeinschaft Herwartz. Sie wird die Beine auf das Sofa legen, wie eine, die sich hier zuhause fühlt, seufzen und dann wird sie diesen Satz sagen: „Dies ist ein himmlischer Ort.“

Christian Herwartz lebt seit 34 Jahren in Berlin-Kreuzberg in dieser Drei-Zimmer-Wohnung, die rümpelig ist und renovierbedürftig und ein utopischer Platz. Aber das versteht man erst, wenn man länger dort am Tisch sitzt, sich nicht mehr von den naiven Wandbildern, der verstaubten Pappmascheekunst ablenken lässt, sondern Bruder Christian zuhört, dem Mann mit den abgewetzten Jeans und dem Rauschebart, der so selbstverständlich von Jesus spricht, als wohne der gleich um die Ecke, hier im Kiez. „Jesus hat keine Krankenhäuser gebaut, keine Kirche gegründet“, sagt Herwartz, „er hat überhaupt nichts für die Menschen getan, er ist Mensch geworden.“

Für Herwartz ist das der Schlüssel zum Christentum: Distanz aufgeben, nicht Wohltäter sein, sondern Bruder. „Die meisten Leute haben Angst, in Obdachlosen oder Drogenabhängigen Geschwister zu sehen“, sagt er. „Aber wenn sie sich mal ein paar Stunden zu Obdachlosen auf die Straße setzen, ihre innere Abwehr überwinden, dann können sie in ihnen die Gegenwart Jesu erleben.“ Herwartz hat keine Angst vor Drogenabhängigen oder psychisch Erkrankten oder Heimkehrern aus dem Knast. Er lebt mit ihnen in dieser WG.

Jetzt holt er erst mal eine Kanne Kaffee aus der Küche. „Ist übrig vom Frühstück“, sagt er und schenkt ein. Bruder Christian ist Jesuit. Mit 25 Jahren hat er sich dieser Ordensgemeinschaft angeschlossen, die keine Klöster unterhält, keine festen Gebetszeiten, keine Ordenstracht verordnet. Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam schon. Jesuiten folgen dem Ordensgründer Ignatius von Loyola, der im 16. Jahrhundert als Soldat in Spanien lebte. Nach einer schweren Verwundung gab er seinem Leben eine radikale Wende, wurde Bettler und übte sich darin, den Ruf Gottes in seinem Inneren zu hören. Darüber schrieb Ignatius ein Exerzitienbuch, das denen, die ihm heute folgen, noch immer Wegweiser ist.

Auch Christian Herwartz pflegt die Tradition der Exerzitien – auf seine Art. Er lädt ein zur inneren Suche mitten im ruppigen Berlin-Kreuzberg und nennt das Straßenexerzitien. An diesem Morgen sind drei Frauen für einen Besinnungstag zu ihm gekommen. Beim Kaffee erzählt Herwartz ihnen, wie Jesus kurz vor Beginn seines Leidensweges seine Jünger nach Jerusalem aussendet „wie Schafe unter die Wölfe“. Ohne Geldbeutel, ohne Vorratstasche, ohne Sicherheiten habe er sie losgeschickt und ihnen aufgetragen, unterwegs niemanden zu grüßen. „Sie sollten sich auch nicht hinter Konventionen verstecken“, sagt Herwartz. Er erzählt in einfacher, alltäglicher Sprache, als sei das alles gestern passiert.

Doch jetzt unterbricht er. Sein Mitbruder Franz hat seinen Tee ausgetrunken, nun steht er mühsam auf. Bruder Franz ist 87 Jahre alt, und aus seinem Körper ist schon viel Lebenskraft gewichen. Aber er schaut freundlich in die Runde, wünscht einen guten Tag, trippelt mit Christian ins Nachbarzimmer. Da steht das Bett des alten Mannes hinter einem Schrank. Den haben die anderen aus der WG quer ins Zimmer gerückt, um Bruder Franz ein wenig Rückzug zu ermöglichen. In dem Raum stehen noch sechs weitere Betten, alle sind belegt.

1978 haben Bruder Franz, Bruder Christian und ein weiterer Jesuit die Kommunität, eine offene christliche Gemeinschaft, in Kreuzberg gegründet. Sie selbst sagen lieber WG. Damals arbeitete Christian als Dreher in einem Siemenswerk, lebte als Arbeiter unter Arbeitern, engagierte sich in der Gewerkschaft. Für ihn ist das gelebtes Christentum. An der Werkbank gepredigt hat er nie. „Ich hab‘ in den Betriebsversammlungen Forderungen gestellt“, sagt er, „das ist Predigt.“

Kreuzberg sei damals ein abgeschriebener Stadtteil gewesen. „Wer hier lebte, sollte die Häuser kaputt wohnen“, sagt Herwartz. Es dauerte nicht lange, bis Menschen aus dem Kiez in der WG der Jesuiten um Hilfe baten, auch um Unterschlupf. Wer in Not war, den nahmen die Brüder auf. Bald räumten sie immer mehr Betten in ihre Wohnung. „Wenn man Zimmer nicht nach dem üblichen Standard einrichtet, ist viel Platz für Matratzen“, sagt Bruder Christian.

Auch er schläft in einem Sieben-Mann-Zimmer, teilt sein Leben mit Menschen, die gerade aus dem Gefängnis kommen, psychische Probleme haben, mit einer Sucht ringen oder Asyl suchen und in Deutschland keines finden. Die Namen dieser Menschen sollen nicht in der Zeitung stehen, ihre Geschichte auch nicht. Herwartz urteilt nicht über seine Mitbewohner und will auch nicht, dass es andere tun. Er weist auch niemanden ab. „Wenn jemand an die Tür klopft, und es ist ein Bett frei, dann soll er es haben“, sagt er. Und dass Wohnungen mit abgeschlossener Tür etwas sehr Bürgerliches seien. „Dahinter darf alles passieren, was man draußen nicht sehen darf. Das Leben zu teilen ist viel schöner.“

Herwartz schenkt Kaffee nach. Die drei Frauen, die heute zu ihm in die WG gekommen sind, um Exerzitien zu machen, wissen noch nicht recht, wie ihr Tag verlaufen soll. Doris und Bärbel sind Lehrerinnen, Franziska arbeitet an einer Hochschule, der Besuch bei Herwartz ist für sie ein Fortbildungstag. Doch der Jesuit erklärt nicht viel. Er wolle nicht bevormunden, sagt er, und, dass diese Exerzitien etwas „sehr Erwachsenes“ seien. Herwartz empfiehlt den Frauen nur, Geld und Handys zurückzulassen, einfach loszulaufen, den inneren Impulsen zu folgen.

Die Frauen stehen noch unschlüssig im Zimmer, als das Telefon klingelt. Herwartz organisiert gerade eine Demo gegen Abschiebung von Asylbewerbern auf dem neuen Berliner Flughafen. Er will dort eine Mahnwache halten, der Flughafen hat das verweigert, nun spricht Bruder Christian mit einem Anwalt. Die Frauen stapeln schon mal ihre Taschen neben dem Sofa. „Komisch, alles hier zu lassen“, sagt Bärbel. Dann laufen die Frauen los, jede für sich.

Ruhig und aufmerksam werden, das sei die erste Phase von Exerzitien, sagt Herwartz. Dann erst könne die Heilung beginnen. Er habe mal einen Mann begleitet, der auf der Straße eine seltsame Abwehr gegen Obdachlose empfunden habe. „Da hat er sich zu einem auf die Bank gesetzt, kannte am Ende dessen Namen“, sagt Herwartz, „das war heilsam.“ Erst nach dieser Phase habe man dann die Freiheit, „nach vorne zu gucken“, wahrzunehmen, was man mit dem eigenen Leben anfangen sollte. Mit Selbsterfahrung hat das für Herwartz nichts zu tun. Es gehe gerade darum, „aus dem eigenen Dunstkreis auszusteigen“. Erst dann finden sich Perspektiven für den eigenen Weg.

Bei der Suche hilft Bruder Christian – indem er zuhört. Die entscheidende Phase seiner Straßenexerzititen beginnt, wenn die Teilnehmer nach Stunden aus der Stadt zurückkehren und erzählen, was sie erlebt haben. Dann fragt Herwartz nach, bittet auch die anderen in der Gruppe, sich in die Erzählungen einzufühlen, gemeinsam auf bedeutsame Momente zu achten.

Es dämmert schon, als die drei Frauen an diesem Tag in die WG zurückkehren. Eine hat ihr Weg in eine Moschee geführt, eine hatte das Gefühl, eine alte Freundin besuchen zu sollen. Die dritte erzählt, dass sie sich erst mit einer Straßenzeitungsverkäuferin unterhalten wollte. Doch die Frau habe sich brüsk abgewandt. Also sei sie in die nächste Bahn gestiegen. Da habe eine Frau neben ihr gleich losgerattert und ihren gesamten Lebensweg erzählt. Irre sei die Frau gewesen, darum habe sie die Bahn schnell wieder verlassen.

Herwartz fragt nach: „Erst wollte jemand nicht mit dir reden, dann hat dir Gott einen Menschen gesandt, der mit dir reden wollte und du bist geflohen?“ Bärbel nickt. „Ja, stimmt, so kann man das sehen.“ Sie nickt wieder, hängt ihren Gedanken nach. Der Abend sickert ins Zimmer, es wird wohlig dunkel. Nun sollen die anderen sagen, was sie in Bärbels Bericht gehört haben. Ein paar Mal klingelt das Telefon. Diesmal nimmt Bruder Christian nicht ab. Diese Minuten sind ihm heilig.

Fragt man Herwartz, wie man Gottes Willen erkennt, sagt er: „Wenn etwas nicht für mich ist, sondern für Menschen, die anfragen, dann geh‘ ich dem nach.“ Fragt man ihn, wovor er sich fürchtet, sagt er: „Nicht zu erkennen, was in Zukunft dran ist. Man bleibt so leicht im Bewährten hängen.“ Viel später erst erzählt er, dass Ärzte vor ein paar Monaten Parkinson bei ihm diagnostiziert haben. Angst macht ihm das nicht. „Ich werde bald 70 und nun weiß ich, dass ich wie alle 70-Jährigen eine Krankheit habe“, sagt er, „das hat etwas sehr Solidarisches.“ Die Diagnose sei ein Wink gewesen, die bleibenden Jahre zu nutzen. Er sagt das ganz ruhig.

Auch an diesem Abend wird Herwartz sein Zimmer mit sieben anderen Menschen teilen und am nächsten Morgen sein Frühstück. Er versteht nicht, warum Leute ihn manchmal fragen, wie er so arm leben kann. „Ich lebe nicht auf niedrigem Niveau“, sagt er, „in dieser Wohnung gibt es ein sehr hohes Niveau – an Freundschaft.“ Sie entsteht, wenn Menschen ohne Vorbehalte miteinander leben, wenn sie einander tatsächlich als Bruder und Schwester erkennen. Daran glaubt Christian Herwartz. Dieses Miteinander gibt ihm Kraft – und macht aus einer engen WG in Kreuzberg einen himmlischen Ort.