Michael Walzer * 28. 5. 1948 + 29. 1. 1986

raetorius

Eine Begegnung auf einem Weg

In den 70iger Jahren engagierte ich mich für die Vorbereitung des Konzils der Jugend von Taizé. Zu zweit oder zu dritt wurden wir von den Brüdern von Taizé auf Reisen geschickt, um in östlichen und westlichen Ländern Gruppen, Gemeinden, einzelne Menschen zu besuchen, eventuelle Treffen zu organisieren und mit ihnen über Fragen des Glaubens, Erfahrungen von Kirche und Gemeinschaft zu reden.

Auf einer dieser Reisen war ich mit Michael Walzer unterwegs. Wir besuchten in Süddeutschland verschiedene Kirchen und Gemeinden und wurden überall sehr gastfreundlich aufgenommen. Ohne uns vorher zu kennen, (wir waren Studenten) verstanden wir uns bestens auf dieser Reise und ergänzten uns gegenseitig. Es war eine Begegnung auf einem Weg, auf dem jede/r von uns seinen eigenen Weg weiter gehen und suchen sollte.
Viele Jahre später besuchten mich Michael und Christian in Berlin, als sie als Jesuiten und Arbeiterpriester in Kreuzberg eine Wohnung gemietet hatten. Ich war inzwischen als Sozialarbeiterin berufstätig, wir erzählten uns gegenseitig von unseren Aufgaben, Fragen, von unserem Engagement. Dann ging jede/r wieder seinen eigenen Weg weiter, wir trafen uns ab und zu auf Demonstrationen oder Veranstaltungen.
Während der Phase seiner schweren Krankheit begegnete ich Michael einige wenige Male. Worte wurden unwichtiger… wir gingen noch auf dem gemeinsamen Weg, auf dem jede/r seinen eigenen Auftrag hatte, fragend, suchend, überzeugt von etwas, mit dem Blick auf ein Ziel.
Berlin 2003

 

Michael Walzer
Brief aus Toulouse

Die Zeit vergeht zu schnell. Und bevor ich es recht begreife, rückt der neuerliche Abschied näher. Die Wochen sind angefüllt mit zahlreichen Ereignissen, von denen viele für mich neu und noch schwer zu verstehen und einzuordnen sind. Es gäbe einiges zu erzählen von der Arbeit, den Verhältnissen zwischen Vorgesetzten und den Arbeitern; vom Umgang der Arbeiter miteinander, der manchmal sehr hart und gefühllos ist; von kleinen Streitereien und persönlichen Feindschaften unter ihnen, die vieles an Einigkeit und gegenseitiger Achtung zerstören; von den Zeichen der Anerkennung und Freundschaft, die sie mir geben; von den zaghaften Versuchen, sich zu organisieren und die eigenen Angelegenheiten in die Hand zu nehmen; von dem praktischen Materialismus in ihrem Leben, über den ich noch in keiner Weise zu urteilen wage, weil ich sie noch zu wenig kenne. Wenn man davon ausgeht, was sie erzählen, dann sind die Ereignisse, die zählen in ihrem Leben, das Essen und der Sex; sie stellen die Höhepunkte dar, von denen her sie leben und den Alltag der Arbeit überleben – selbst die Verheirateten; von der Hoffnung, die ich manchmal in ihren Augen entdecke, wenn wir miteinander sprechen, oder einander grüßen.
Langsam beginne ich zu ahnen, dass das Evangelium hier nur mit dem Leben verkündigt werden kann, in Tat und Wahrheit. Es gäbe zu erzählen von der Kommunität der Jesuiten, einem echten Interesse füreinander, dem Mitfühlen und Mitdenken der anderen; von den gemeinsamen wöchentlichen und monatlichen Treffen; von den Schwierigkeiten, die es natürlich auch gibt, von den sehr unterschiedlichen persönlichen Schwerpunkten der einzelnen, die das gemeinsame Leben manchmal schwierig machen; von den Wochenenden, die ich immer wieder für Besuche nutze, bei Arbeitskollegen und Jesuiten.
Vor zwei Wochen zum Beispiel war ich in Paris. Am kommenden Wochenende (Ostern) fahre ich mit Vincent nach Barcelona, um spanische Arbeiterpriester (Jesuiten) kennenzulernen. Er hat gute Freunde unter ihnen, da er ein Jahr in Spanien gearbeitet hat, bevor er hierher nach Toulouse gekommen ist. Wenn ich weiterfahren würde und Einzelheiten erzählen wollte, würde der Brief zu lang werden.

Toulouse März 1978

 

Michael Walzer
Besinnung – Hungern und Dürsten nach Gerechtigkeit

Ich lade Dich ein, einen Augenblick nachzudenken! Kennst Du so etwas wie Hunger oder Durst nach Gerechtigkeit? Gibt es dieses Gefühl einer alle Sinne beherrschenden Sehnsucht nach der Gerechtigkeit in Dir?

Ich selbst kann nur zögernd und mit einem eingeschränkten „Ja“ auf diese Frage antworten. Im großen und ganzen habe ich bisher die Sonnenseite des Lebens genossen. Am eigenen Leibe habe ich kein schmerzliches Unrecht erfahren. Aber ich begegne immer wieder Menschen, die von solchem Unrecht gezeichnet sind. Ich denke an einige Mitglieder unserer kleinen, noch jungen Berliner CAJ, die weder einen Ausbildungsplatz noch einen Arbeitsplatz haben. In ihnen ist dieser Hunger nach einer gerechteren Verteilung der Arbeit lebendig. In ihrem Reden ist die Hoffnung zu spüren auf eine andere, gerechtere Welt.

Ich denke an einen Nachbarn, einen griechischen Bauschlosser, der seit über zwei Jahre keine Arbeit mehr hat. Immer wieder erlebte er es in dieser Zeit, wie unter den zahlreichen Bewerbern für eine angebotene Stelle einem der Deutschen der Vorzug gegeben wurde. Selbst in der Verbitterung noch, die ihn immer mehr auffrisst, entdecke ich diesen Hunger nach mehr Gerechtigkeit.

Ich denke an die Jugendlichen unseres Stadtteils, Berlin-Kreuzberg. Etwa zwei Drittel von denen, die zwischen fünfzehn und zwanzig sind und Ausbildungs- oder Arbeitsplatz suchen, finden weder das eine noch das andere. In ihrer Ratlosigkeit und Ungewissheit, in ihrer Sorge und manchmal schon Hoffnungslosigkeit ist dieser Hunger spürbar, lebt die Hoffnung, dass es einmal anders, besser und gerechter werden wird.

ARBEITSLOSIGKEIT MACHT HUNGRIG NACH EINER GERECHTEREN WELT – das stimmt, auch dann, wenn dieser Hunger unter Gleichgültigkeit oder Betäubung, unter Verzweiflung oder Wut begraben ist.

Keiner von uns wünscht sich solch ein Schicksal. Denen, die davon betroffen sind, gehen wir oft lieber aus dem Weg. Die Bibel aber preist diese Menschen, die den Hunger nach Gerechtigkeit kennen, selig. Im Matthäusevangelium, am Beginn der Bergpredigt heißt es in der vierten der acht Seligpreisungen:

„SELIG, DIE HUNGERN UND DÜRSTEN NACH DER GERECHTIGKEIT, DENN SIE WERDEN SATT WERDEN“:

Hier wird denen, die nach der Gerechtigkeit hungern und dürsten, die auf eine Welthoffen, in der wir alle als Schwestern und Brüder, als Kinder Gottes miteinander leben, ihnen wird verheißen, dass ihr Hunger und ihr Durst einmal gestillt sein werden. Bis diese Verheißung in Erfüllung geht, das hat uns Gott in Jesus zu verstehen gegeben, hungert und dürstet er selbst, hofft er in diesen von Unrecht betroffenen Menschen auf mehr Gerechtigkeit.

Und wenn wir diesem Hunger nicht verdrängen, nicht totschweigen, sondern beim Namen nennen, von ihm reden und ihn hinausschreien, dann wird darin Gott beim Namen genannt.

Indem wir unsern Hunger Raum geben, geben wir ihm Raum in unserer Welt. Der Hunger, den wir mit Gott teilen, wird uns die Kraft schenken zu handeln, für die Gerechtigkeit einzustehen, für sie zu kämpfen auch unter Opfern. Hier, das ist meine Überzeugung, liegt der Ursprung einer gerechteren Zukunft und die Quelle all unserer Kraft im Dienst und Kampf für sie.

Michael Walzer, Diözesankaplan der CAJ in Berlin Aktion –
Monatszeitung junger Arbeiter, Juli/August 1983

Michael Walzer
Liebe Freundinnen, liebe Freunde!

Seit 10 Tagen bin ich mit einem Rezidiv meines im Oktober operierten bösartigen Hirntumors in medizinischer Behandlung. Erst hat man in Stuttgart eine Notaufnahme veranlaßt, um den Verdacht auf Rezidiv zu erhärten. Dann haben die Ärzte in Stuttgart empfohlen, zur Weiterbehandlung nach Berlin zu fliegen. Auf der alten Station 25 des Clinicums Charlottenburg habe ich dann am Abend ein Bett bekommen, und am folgenden Tag begannen die Untersuchungen. Frau Skotzek, die Stationsärztin, bemüht sich vorbildlich um mich. In langen Gesprächen hat sie mir meine Situation klar gemacht: Eine Operation ist nach Meinung der Fachleute nicht mehr vertretbar. Chemotherapie scheidet aus. Also bleibt nur noch Bestrahlung!

Mit der Entscheidung für oder gegen die Bestrahlung habe ich mir vier Tage Zeit gelassen. Am Beginn meiner Überlegungen standen noch stark von Resignation und verzweifeltem Aufgeben geprägte Gedanken. Aber sie traten immer mehr in den Hintergrund. Heute steht mein Entschluß, um mein Leben, meine Existenz zu kämpfen, fest, und eine ruhige Sicherheit macht sich in mir bemerkbar. Die vergangenen Monate bedeuten mir viel. Vieles hat sich in meiner Einstellung zum Leben positiv geändert. Mehr Vertrauen ist gewachsen; meine Bereitschaft zu vergeben hat zugenommen; mein Glaube, daß der Mensch aus Liebe von Gott geschaffen ist, hat mehr an Realitätsbezug erhalten, gerade auch, was meine eigene Existenz angeht.

So blicke ich zurück auf die vergangenen Monate, in Dankbarkeit gegenüber den Menschen, denen ich begegnen durfte; in Dankbarkeit Gott gegenüber, der mit mir durchs Leben ging, auch wenn ich ihn nicht immer wahrnahm. Für die Monate, die mir von Gott noch zugedacht werden, will ich versuchen so voller Hingabe und Liebe zu leben, wie es mir möglich ist. In den letzten Tagen mache ich die Erfahrung, daß im Angesicht des Todes viele Konflikte, die das Leben geprägt haben, an Bedeutung verlieren! Für die kommenden Monate stehen noch weitere Schritte an, sollte ich gesundheitlich überhaupt dazu fähig sein. Da ist einmal die Körpertherapie mit der Selbsthilfegruppe und – möglicher Weise – eine intensivere Zusammenarbeit mit dem Therapeuten. Da ist zum anderen, die die Schulmedizin ergänzende Behandlung beim Heilpraktiker; und da ist zum Schluß – aber sicher nicht am unwichtigsten – die konsequente Arbeit an meiner Person, die der Liebe, die Gott in mich gelegt hat, immer freiere Entfaltung möglich machen und die Angst, die so oft hindert, immer weiter abbauen soll.

Es war mir ein Bedürfnis, Euch allen mitzuteilen, daß meine Situation für mich kein Anlaß zur Verzweiflung ist, sondern daß ich eher Kraft und inneren Frieden spüre.

Seid alle in Liebe gegrüßt

Berlin, im August 1985

 

Familie Walzer/Jesuitengemeinschaft Kreuzberg
Todesanzeige

Michael Walzer

* 28.5.1948 in Karlsruhe
+ 29.1.1968 in Berlin

Michaels Bereitschaft zum Dienen ist uns Herausforderung.

Seine Wachheit für die Benachteiligten und
Unterprivilegierten macht ihn zum Nachfolger Jesu.

Sein stilles Leiden an sich selbst und an unserer Welt
macht uns betroffen und fragend.

Michaels Leben hinterläßt bei uns Brüche und Zeichen.

 

Christian Herwartz
Begleitbrief zur Todesanzeige

Liebe Freundinnen und Freunde von Michael!

Heute morgen kurz nach acht Uhr ist Michael in Berlin-Kladow friedlich gestorben. Ich möchte Euch – sicherlich im Namen vieler, die wir neben ihm leben durften und von ihm reich beschenkt wurden – einen Gruß des hat er zum Beispiel vor 15 Jahren den Weg in die Welt der Arbeit gewiesen, in der wir in den letzten acht Jahren zusammen gearbeitet, diskutiert, an der wir uns gerieben und gefreut haben. Wir beide sind sehr verschieden; wir haben uns ergänzt und vieles habe ich sicherlich bis heute nicht verstanden. Oft habe ich staunend vor ihm gestanden; er hat mich – trotz meiner Eigenheiten – als Bruder angenommen.

Michael ist vielen Menschen Bruder geworden, der zuhört, sie achtet, auch wenn er nicht gleich ihre Meinung teilt; der Brücken schlägt, in der Hoffnung, daß sich Zellen des Verstehens, des Friedens, des Widerstandes gegen Unrecht und Ausbeutung bilden, in denen Wunden heilen können.

Schon in der Jugend hat er Kontakt gesucht zu jenen, von denen sich die anderen Oberschüler trennten, weil sie eine Lehre absolvierten. Er wollte etwas ändern: er wurde Schulsprecher, fuhr zu deutsch-französischen Begegnungen in Maria Laach, wollte Politik studieren; er ist einer der 68er Generation.

Michael hat das Leben mit beiden Händen genommen: er liebte Musik, Tanz, Beziehungen. In seiner Krankheit, als er sein Leben nochmals neu annehmen mußte, ist aber auch die ihn treibende Liebe zum Jesuitenorden deutlicher geworden, in der er 1968 – unerwartet für Familie und Freunde – eintrat. Dieser Weg führte ihn von Marxell bei Karlsruhe weg nach Neuhausen, Nürnberg (Einführung und Prüfung des Lebens in einer religiösen Gemeinschaft), München, Innsbruck (Studien der Philosophie und Theologie), Ravensburg (Begleitung von Jugendlichen). 1977 wurde er in München zum Priester geweiht.

Michael wollte mit seinem Leben helfen, an einer Gesellschaft zu bauen, die keinen ausschließt. Dies führte ihn nach Toulouse und Berlin (Transportarbeiter, Warenannehmer, Gießereiarbeiter). Der Jesuitenorden ist sein Rükkhalt geworden. Michael war beliebt, auch wenn seine Meinungen abgelehnt wurden: er, der selbst einer Familie mit fünf Geschwistern entstammte, suchte Geschwisterlichkeit; auch eine geschwisterliche Kirche, die nicht in vielerlei Konfessionen gespalten ist; er suchte einfach den Menschen, ohne ihn vereinnahmen zu wollen. Immer mehr sah er auch Ungerechtigkeiten in der Welt. Doch wer wollte ihn hören? Sollten wir deutlicher sprechen oder behutsamer vorgehen? Da waren wir oft unterschiedlicher Meinung.

Michael hat sich aufgemacht, türkisch zu lernen und Kontakte zu knüpfen; dann hat er stärker mitgeholfen, eine Gruppe junger christlicher Arbeiter (CAJ) zu gründen – eine alte Liebe schon aus der Innsbrucker Zeit. Er kandidierte zum Betriebsrat, er hatte viele Kontakte in der Nachbarschaft.

Zu Anfang unserer gut siebenjährigen Berliner Zeit wohnten wir beide alleine; dann stießen immer mehr Gefährten dazu, so daß sich unsere Wohngemeinschaft nun auf zwei Wohnungen verteilte. Unser Glaube wurde herausgefordert von unserer Umwelt, aber wir wurden auch immer neu durch unsere Kollegen, Nachbarn und Freunde beschenkt.

Großen Rückhalt hatten wir bei der Arbeitermission in Frankreich gefunden, in deren Mitte wir ja beide eine Zeitlang gelebt haben. Der Kontakt war weiter lebendig. Ebenso zu der regelmäßigen Konferenz der Arbeiterpriester und Schwestern. Diese Begegnungen haben uns immer neu Mut gemacht. Im Oktober 84 bemerkte Michael, daß er nicht mehr schreiben konnte. Am Tage, be-vor der dann entdeckte Gehirntumor operiert wurde, kamen einige Freunde zu einem Gottesdienst zusammen; er wurde mit Krankenöl gesalbt; dort hat er uns gebeten, ihn auch als Behinderten wieder in unsere Runde aufzunehmen. Doch er konnte nach der Operation alle Glieder bewegen. Das war eine überwältigende Freude für ihn. Aber es war Krebs – in kürzester Frist wird der Tumor wieder gewachsen sein. Michael hat gekämpft, sein und oft auch unser Leben umgestellt, Naturheilverfahren angewendet. Und die Bemühungen hatten zunächst einmal Erfolg. Was soll uns seine Krankhei


Im Juli wieder erste Beschwerden. Einen Brief an alle Freunde schrieb er daraufhin; wir haben noch Kopien davon. Aufs Neue hat er gerungen: er wurde bestrahlt, um Zeit zu gewinnen. In Gries – Franz Jalics sollte ihn bei den Meditationen helfen – wollte er dann nochmals den Durchbruch zu sich selbst wagen. Doch im Dezember ließen die Kräfte deutlich nach. „Dein Reich komme“, das war die Bitte, die ich Silvester ganz deutlich von ihm gehört habe.

Michael hat sich im letzten Jahr auf den Tod vorbereitet und doch auch zäh mit ihm gekämpft. Am 9. Januar 86 haben wir Michael liegend nach Berlin zurückgeholt, wo er im Peter-Faber-Kolleg gute Pflege gefunden hat. Franz war die letzten Wochen bei ihm und noch viele andere haben ihm geholfen. Ihnen allen sei unser Dank. In den letzten Wochen wurde er schwächer und schwächer. Er konnte nicht mehr sprechen und gehen. Am 28. Januar trat Fieber auf; so mußte er den ersten Tag im Bett bleiben. Bis zum Schluß sind ihm große Schmerzen erspart geblieben.

Dankt mit uns für jeden Tag des Lebens von Michael und stützt einander, wie er es versucht hat: Ein Arbeiter der Aussaat, der die Ernte nicht mehr unter uns erlebt.

Berlin, den 29. Januar 1986

 

Ludwig Menkhoff
Gelobt sei der Name des Heiligen

Ich habe Deinen Brief, Christian, zum Tode Eures Bruders Michael mehrere Male gelesen, ich habe ihn nie persönlich kennen gelernt und habe ihn doch gekannt. Gekannt durch die Gespräche unter Euch, Du, Godehard, Hans, Franz und Bernhard, jetzt mehr noch durch Deinen Nachruf. Warum gibt es so wenige Menschen wie er, wie Euch. Ihr, die Ihr Christentum lebt, warum so wenige? Es stimmt schon, wenn man sagt, die wahren Frommen wirken im Verborgenen. Jesus würde schon auch so leben wie Ihr, auch er wäre nicht an Kreuzberg vorübergegangen. Solange es Menschen gibt wie Michael – wie Ihr – solange es zehn Gerechte auf dieser Welt gibt, wird der EWIGE die Welt nicht untergehen lassen.

Michael weiß mehr wie wir, die wir noch unsere Aufgabe zu erfüllen haben – gehen wollen und in allem, was wir tun, dem EWIGEN dienen und loben. Seine unendliche Liebe erwidern, indem wir IHM treu sind.

Ich weiß, dass es für Euch alle ein schmerzhafter Verlust ist, aber auch ein Gewinn, indem Euch Michael durch seine klaglose Annahme seines Schicksals seine Treue zu .OTT gezeigt hat. Er ruhe in Frieden, möge er uns allen ein Vorbild sein. Er hat klaglos sein Kreuz getragen, ein würdiger Nachfolger Christi – gelebtes Chris-tentum, so wie Ihr es lebt, das betone ich immer wieder, deshalb gehört Euch

Ich habe Kaddisch für Michael gebetet, ein uraltes jüdisches Totengebet, es wird am Grabe eines Verstorbenen vom ältesten Sohn gebetet; darum nennen noch heute fromme Juden ihren Erstgeborenen „mein Kaddisch“. Hat er keinen Sohn, betet ein Bruder, Verwandter oder Freund am Grab. Dieses Gebet wird auch immer am Schluss eines Gottesdienstes gebetet. Eigentlich hat es nichts mit Trauer oder Klage zu tun, wie man es hier gewohnt ist, es handelt sich mehr um preisende Anrufe …. Man muß eigentlich ja auch beim Tod eines Menschen .OTT in seiner Größe und Unendlichkeit loben, denn so, wie ER gibt, so nimmt ER auch in seinem unendlichen Ratschluß, welchen wir Menschen manchmal nicht verstehen – nicht verstehen wollen.

Wenn man darüber nachdenkt, sieht man, daß ER uns liebt, auch dann wenn ER uns einen nimmt, welcher IHM gehört. Nicht uns, uns gehört gar nichts. Das sollten wir alle wissen und bedenken, ER nimmt auch uns, wenn unsere Stunde gekommen ist. Diese Stunde brauchen wir nicht zu fürchten, wenn man IHN liebt und SEINE Wege geht. Ich habe viel erlebt, gesehen, gelitten, aber eines kann mir niemand nehmen, mein Wissen und meine Liebe zu dem, der unser aller .OTT ist – der EWIGE, gelobt sei ER.

Lieber Christian, ich glaube, dass Du mich verstehst, wie gesagt, ich habe Michael nicht persönlich gekannt und kenne ihn doch, durch Dich – durch Euch. Der Friede und der Segen .OTTES sei mit ihm.

Dies ist mein Wort zum Tode Eures Bruders, Du, Godehard, Hans, Franz und Bernhard, sowie alle, welche ihn gekannt und geliebt haben – er war ein Arbeiter im Weinberg des EWIGEN. Ich sage es auch im Namen Volkers, welcher es am Telefon von mir erfuhr.

Euer Ludwig

 

Kaddisch!

Erhaben und geheiligt werde sein großer Name,
Amen.
In der Welt, die er nach seinem Willen erschaffen,
Amen.
Und sein Reich erstehe
In eurem Leben und in euren Tagen
Und dem Leben des ganzen Hauses Israel
Schnell und in naher Zeit,
Sprechet: Amen!
Sein großer Name sei gepriesen
In Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten!
Gepriesen sei und gerühmt und verherrlicht
Und hocherhoben und gepriesen
Und erhoben und erhöht und gefeiert
Der Name des Heiligen, gelobt sei er
Noch über jedes Lob

Ludwig Menkoff wohnte in der Naunynstraße 60 im vierten Stock. Bald nach unserem Einzug ist Michael gestorben.

 

Die Gemeinschaft der Jesuiten
Danksagung

Vielen Dank Euch allen
Euch, die Ihr die Nachricht
von der Krankheit und dem Tod
unseres Bruders Michael
gehört habt,
die Ihr betroffen ward,
die Ihr sein Sterben angenommen
und Euch dagegen gewehrt habt,
die ihr davon gesprochen habt,
Euch, die Ihr gebetet habt,
das Leben Michaels noch einmal
durchgegangen seid, Euch gefragt habt,
was es Euch zu sagen hat,
die Ihr seiner Familie
oder unserer Gemeinschaft in Kreuzberg
davon einiges mitgeteilt habt,
die Ihr Euch den Tag der Beerdigung
freigehalten habt
und manchmal von weither
nach Berlin gereist seid,
die Ihr Grüße mitgegeben habt,
Euch, die Ihr an diesem Tag Trauer
und Hoffnung mitgetragen und den
Dank für sein Leben ausgedrückt habt;
Euch von St. Michael, in deren Mitte wir
uns zur Eucharistie versammeln konnten.
Vielen Dank Euch allen,
die Ihr uns die Augen
noch mehr geöffnet habt,
dieses Leben mit seinen vielen Aspekten,
dieses Geschenk Gottes zu sehen
und darin Ihn selbst.

Viele fühlten sich von Michael persönlich angenommen. So wird es aus den Briefen deutlich, die viele von Euch geschrieben haben. Dabei können manche nur von einer kurzen Begegnung berichten. Es gibt auch einige, die nur die Anzeige mit dem Begleitbrief oder die Worte auf dem Friedhof als Nachricht vom Leben Michaels hatten und glaubten, ihm mit seiner anteilnehmenden Lebenshaltung lebendig begegnet zu sein. Andere sehen noch offene Fragen, die Michael für sie vor allem in seiner Krankheit aufgeworfen hat. Sie warten auf eine Antwort.

Das Leben von Michael ist vielschichtig; doch er ist eins; und diese Einheit sollten wir nicht zerreißen: sein Suchen und Verstehenwollen, sein Mahnen und Stärken gehen in die unterschiedlichsten Richtungen.

Dies wurde am Beerdigungstag auf dem St. Hedwigsfriedhof in Reinickendorf deutlich, als Menschen verschiedenster Gruppen beieinander standen, die sonst im Leben oft wenig gemeinsam haben: die Familie Walzer, die Arbeitskollegen von AEG Holländerstraße, die Christliche Arbeiterjugend, die Nachbarn – Deutsche und Ausländer -, Vertreter der Kirchen, Ordensleute und besonders die vielen Jesuiten, die Bekannten von den einzelnen Lebensabschnitten, die Arbeiterpriester, Brüder und Schwestern aus Frankreich und Deutschland, jene, die ihn in ihre Arme geschlossen und jene, die ihn nie leiblich gesehen haben.

In der Kirche St. Michael in Kreuzberg haben sich im Gottesdienst Menschen aus den verschiedensten Gruppen versammelt zum Lob Gottes und das Wort ergriffen. Noch bis zum späten Nachmittag haben wir zusammengesessen, gegessen und getrunken und gesungen.

Wir alle sehen einen Teil von Michaels Leben und sind angewiesen, uns andere Seiten zeigen zu lassen. Das ist Loslassen und Neu-Geschenktbekommen. Dafür wollen wir Euch allen danken, die Ihr – nah und fern – Anteil daran habt. Der Tod trennt, die Auferstehung führt uns zusammen; dies haben wir am Beerdigungstag deutlich gesehen.

 

CAJ-Berlin
Nachruf

Michel Walzer SJ

28. 5. 1948 Karlsruhe + 29.1.1986 Berlin
Aufgewachsen in Marxzell
1968 Eintritt in den Jesuitenorden
Theologiestudium und CAJ-Arbeit in Innsbruck
1977 Priesterweihe
Arbeiterpriester in Toulouse
Seit 1978 AEG-Arbeiter in Berlin
Neugründung der CAJ Berlin

„Von guten Mächten treu und still umgeben“. Dieses Lied haben wir für Michael gesungen, bevor er zu seiner Operation ins Krankenhaus musste. Es gab keine Heilung und trotzdem bewahrte Michael bis zuletzt die zuversichtliche Grundstimmung, wie sie diesem Text, der unter so unglücklichen Umständen entstand, zugrunde liegt.

Uns hat Michael ein Lebensgefühl nähergebracht, das einer unserer CAJler so umschrieb: „Eine Revolution ohne Liebe kann keine guten Veränderungen bringen“. Wir wollten und wollen die Welt verändern und in diesen Kampf hat uns Michael gestärkt. Als Arbeiterpriester war er den Arbeiterjugendlichen sehr nah, weil er ihre Situation aus eigener Erfahrung kannte. Er hat uns eine christliche Lebenshaltung nicht vorgetragen, er hat mit uns gelebt. Michael hat sich auf den Tod vorbereitet und hat uns an seinen Erfahrungen teilnehmen lassen. Er hat uns immer wieder vermittelt, dass wir über die Trauer um seinen Zustand die Zukunft nicht vergessen sollen. Wir werden die Impulse, die uns Michael in unserer Arbeit und im privaten Leben gegeben hat, weitertragen und bei allen unseren Anstrengungen, Enttäuschungen und Erfolgen den Glauben an das „Gute“ nicht verlieren

März 1989
veröffentlicht in: Aktion – Monatszeitung junger Arbeiter

 

Gottesdiensteinladung zum Todestag

Bis heute treffen sich die CAJler am Todestag von Michael in der St. Michaelskirche zu einem Gottesdienst – und laden andere dazu ein -, um danach zu suchen, was ihnen zu dem Impuls des Lebens von Michael in diesem Jahr neu einfällt. Anschließend wird dieses Gespräch beim Essen noch vertieft.

29.1.2004 Christian Herwartz

 

Ludger Hillebrand
Leidenschaft, die Leiden schafft

Eine Weiterführung des Gottesdienstgespräches in St. Michael/Kreuzberg:
Erinnerung an Michael Walzer zum Thema Leiden an Gerechtigkeit

Leidenschaft
die Leiden schafft

die Liebe zum Lebendigen
schafft
da sie noch nicht voll kommt
der Traum der Vollkommenheit
schafft
da er noch nicht recht zeugt
das Zeugnis der Gerechtigkeit
schafft
da es noch nicht ganz wandelt
die Wandlung durch Gottes Himmel
erleidet
wer leidenschaftlich schafft

in Liebe

Göttingen 3. 3. 2000

Werner Herbeck
Nachruf auf Pater Michael Walzer S.J.

Zu Beginn des Jahres 1986 haben wir in Berlin zwei Mitbrüder zu Grabe getragen, die manches gemeinsam hatten: Sie waren Jesuiten der Oberdeutschen Provinz, Priester, sie liebten das Evangelium und gaben die frohe Botschaft Jesu Christi an die Menschen weiter, mit denen sie lebten und für die sie lebten. Der eine stand kurz vor seinem 88. Geburtstag, der andere vor seinem 38. Geburtstag. Beide verstanden sich gut und schätzten einander, obwohl sie nicht nur Jahre, sondern auch die Welten trennten, in denen sie lebten und arbeiteten. P. Georg Strassenberger S.J. hatte jahrzehntelang das Wort Gottes in das katholische Milieu seiner Zeit hinein verkündet.

P. Michael Walzer S.J. verbrachte Jahre der Ausbildung und seiner priesterlichen Tätigkeit in einem vorwiegend nichtchristlichen, atheistischen, mit Sicherheit aber kirchenfremden Milieu. Dieses unterschiedliche Milieu zeigte sich auch in den Teilnehmern bei den zwei Beerdigungen in Berlin: Bei P. Strassenberger kamen Gläubige, vorwiegend aus St. Canisius, wo er bis drei Wochen vor seinem Tod regelmäßig gepredigt hatte.

Zu Michael Walzer kamen die Menschen, zu denen er nicht nur irgendwie gepredigt hatte, sondern mit denen er vor allem gelebt hatte: Die Arbeitskollegen der AEG, ausländische Arbeitsnehmer, Ausländer, mit denen die Mitglieder der Kommunität in Kreuzberg über viele Jahre Freundschaft geschlossen hatten und die sich in der langen Zeit der Krankheit von Michael erst allmählich daran gewöhnen konnten, ohne diesen unaufdringlichen, freundlichen und nachdenklichen Kollegen und Mitmenschen leben zu sollen.

Da waren vor allen Dingen junge Leute aus der Christlichen Arbeiterjugend, die mit Michael zusammen die Berliner CAJ aus der Taufe gehoben hatten und daran gegangen waren, in einem Arbeiterviertel der Stadt einen Laden anzumieten, einen Treffpunkt für die Anliegen der Dritten Welt zu schaffen, für junge Arbeitslose (Deutsche und Ausländer) tätig zu werden. Hans Werner Spiess, ein engagierter Mann aus der CAJ, in dessen Familie sich Michael für einige Wochen in seiner schweren Krankheit aufhielt, hatte das alles mit ,,seinem“ CAJ Kaplan Michael bewerkstelligt, mit ihm und anderen Hand in Hand zusammengearbeitet.

Nicht von ungefähr fanden sie dann den Namen für ihr Arbeitslosenprojekt: Kollektive Hand. Und nicht zuletzt erwiesen ihm die letzte Ehre jene Paare und Familien, die in ihm einen großen Bruder gefunden hatten, der sich daran freute, dass es sie gab, und dass er ihre Zuneigung akzeptieren durfte. Nicht von ungefähr auch fühlte Michael Walzer sich mit ihnen verbunden, die der alternativen Szene angehörten. Und schließlich haben sich von ihm viele Mitbrüder aus der Oberdeutschen und Norddeutschen Provinz verabschiedet, solche, die mit ihm studiert hatten, andere, die ihn einmal auf einer Tagung okennen gelernt hatten, die sich ihm und seinem Anliegen verbunden fühlten.

Die Menschen, die sich da von ihm verabschiedeten, geben dem Sprichwort recht: Zeige mir mit wem du umgehst; ich sage dir, wer du bist. Er wandte sich vielen und durchaus unterschiedlichen Menschen mit sehr unterschiedlichen Interessen zu. Er blieb offen für sie und ihre Anliegen, bemühte sich, ihre Welt, ihre Ängste und Sehnsüchte zu verstehen. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, als Besserwisser erscheinen zu wollen oder Antworten bereitzuhalten, ohne sich intensiv auf den oder die Fra-genden einzulassen. Unter dieser Gabe hat Michael zugleich gelitten: er fand sich zwischen verschiedenen Fronten oder Interessen. Er litt darunter, wenn ihm jemand sagte, dass er vor lauter Verständnis für alle möglichen Leute uneindeutig und unentschieden sei; er war gelegentlich hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, sich im Sinne der Parteilichkeit des Evangeliums und den Optionen der Generalkongregationen für die Armen einzusetzen und der Angst, sich klassenkämpferisch zu fixieren. Er blieb bis zuletzt ein Suchender nach Gott, nach der Erkenntnis des Willens Gottes, nach Menschen, die ihm etwas von ihrem Leben mitteilen konnten, nach Freunden, bei denen er entspannen durfte, nach Gegnern, mit denen er argumentieren wollte und die ihn zugleich respektierten, nach Mitbrüdern, die mit ihm zusammen Jesuiten sein wollten und die ihm die Vielfalt von Fühlen und Denken im Orden erschlossen.

So blieb es nicht aus, das er überall Vertrauen gewann: Michael Walzer erledigte in seiner Firma während der Arbeitspausen telefonische Botengänge zwischen seinen Arbeitskollegen und verschiedenen Ämtern. Er vermittelte zwischen den draufgängerischen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der CAJ einerseits und den eher betulichen Umgangsformen in den Gängen des Bischöflichen Ordinariats andererseits. Er hatte ein besonderes Vertrauen des Berliner Kardinals und konnte gerade dadurch diesem manche Vorstellung vermitteln vom Leben und Leiden nicht nur der ausländischen Arbeitnehmer sondern auch der jungen Arbeitslosen. Mitbrüder im Ignatiushaus, im Peter Faber Kolleg und im Canisius Kolleg freuten sich, wenn er kam, weil sie den Eindruck hatten, er fühle sich in ihre besondere Lebensweise ein.

In der Zeit der Krankheit besuchte mich Michael Walzer wiederholt in der Offenen Tür Berlin. Sein Kommen vollzog sich jedes Mal in einem gewissen Ritual: Er stellte sein Fahrrad vor dem Haus ab, sicherte es gegen räuberischen Zugriff, griff sich seine sehr abgegriffene Aktenmappe, brachte die eine oder andere Plastiktüte in Sicherheit und strich sich über das Kinn, wo vorher lange ein mächtiger Bart gesessen hatte. Mag sein, das die Krankheit seine Bewegungen etwas verlangsamt hatte, aber dieses Ritual gehörte eben auch zu ihm: Er war sorgfältig, bedacht bis bedächtig, konzentriert auf das, was er gerade tun wollte und mit einem Anflug von Verlegenheit, dass es nun um ihn und seine Probleme ging. Schon längere Zeit vor seiner Krankheit hatte er auf den so schön anzuschauenden Bart mit der Bemerkung verzichtet: Ich brauch mich jetzt nicht mehr hinter einem Bart zu verstecken.

Aus den Gesprächen mit Michael Walzer über mehrere Monate hin sind mir drei Punkte erinnerlich, um die die Gespräche immer wieder gingen: Seit seiner Jugend war er immer gern im Kreise junger engagierter Katholiken, die eine intensive Gemeinschaft miteinander suchten. Michael konnte mit Sicherheit allein sein und für sich sein. Er hatte gelegentlich grüblerische Züge, kreiste immer wieder um die selben Gedanken und liebte einsame Momente. Aber wesentlich wichtiger waren ihm Gemeinsamkeiten mit anderen, Gespräche, einfühlendes Aufeinanderzugehen, gemeinsames Beten, gemeinsames Planen und Handeln. So hatte er es schon während der Schulzeit getan, das Christsein in Gemeinschaft ließ den Wunsch entstehen, sich einem Orden anzuschließen. Das seine Wahl auf den Jesuitenorden fiel, lag wohl mit daran, wie er Jesuiten erlebt hatte oder was er von Jesuiten gehört hatte: Sie waren ihm als Menschen erschienen, die sich der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet fühlten, die die Not der Menschen sahen und für Veränderungen in Gesellschaft und Kirche eintraten und eintreten. Daraus erklärt sich dann auch seine Option für die Armen, sein Aufenthalt in Frankreich, seine Wahl, Arbeiterpriester zu werden, sein besonderer Einsatz für die ausländischen Arbeitnehmer, sein Engagement für die CAJ und seine Teilnahme an Überlegungen im Orden, was Jesuiten für die Gerechtigkeit in der Welt tun müssen

Ich kann mich nicht erinnern, daß er besonders lautstark Kritik an solchen Mitbrüdern im Orden übte, die sich übermäßig viel mit Menschen aus der Oberschicht oder der bürgerlichen Mittelsschicht befassen. Aber er äußerte starke Vorbehalte über die Art und Weise der Auswahl unserer Arbeiten, wie viel, bzw. wie wenig die Basis der Arbeiterschaft den meisten Jesuiten aus eigenem Erleben bekannt sei. Wie seine Mitbrüder in der Kreuzberger Kommunität hat Michael Walzer erfahren müssen, was Arbeiter über die Kirche als „die da oben“ denken, wie viel Verachtung und Ablehnung der Kirche und damit leider auch dem Evangelium entgegenbracht wird und wie verständnislos Kirche in den Industriegesellschaften über diese Leute spricht, anstatt mit ihnen zu sprechen oder gar mit ihnen zu leben.

Und noch etwas suchte Michael für sich zu gewinnen und mit anderen zu teilen: Freude und Feiern. Christian Herwartz hat in seiner Ansprache beim Begräbnis hervorgehoben, daß Michael kurz vor seinem Tod öfters vom Tanzen gesprochen habe. Ich kann das aus meiner eigenen Erfahrung bestätigen: Angesichts des bevorstehenden Todes wurde ihm zunehmend deutlich, wie wenig er vom vielschichtigen Leben der Menschen eigentlich wahrgenommen hatte. In seinem Leben hatten Worte wie Pflichterfüllung, Ordnung, Treue und Zuverlässigkeit einen ihm wohlvertrauten Klang. Aber das, was man mit den Worten Muße, Ausgelassensein, überströmende Freude benennt, hatte sich noch nicht genug entwickeln können oder dürfen. Von daher kann ich selbst gut verstehen, daß er im „Wissen“ um seine tod-bringende Krankheit besprechen wollte, wie man trotz allem überleben kann, welche Methoden geeignet sind, Stärke zu finden gegen die Krankheit, was Leben, Liebe, Trauer und Sehnsucht eigentlich seien.

Michael Walzer wollte bis zuletzt nicht sterben, nicht gehen. Wie es gute Jesuitenart ist, hat er versucht, den Begriff und die Realität des Willens Gottes in dieser Situation zu verstehen und sogar anzunehmen. Ein Brief nach der ersten Operation an seine Freunde innerhalb und außerhalb des Ordens gibt davon Zeugnis. Zugleich war er im Tiefsten seiner Seele nicht damit einverstanden, daß sein junges Leben nun ein Ende haben sollte, schon gar nicht als Opfer einer sinnlos erscheinenden tückischen Krankheit. Aus einigen Träumen, die er beschrieb, war zu entnehmen, daß der Tod ihm wie eine graue Grenzmauer erschien, die es zu beseitigen oder zu überspringen galt.

Pater Walzer spürte immer mehr die Nähe von Menschen, die ihm zugewandt waren, die Zeit für ihn hatten, die ihm aus ihrer spirituellen Erfahrung Gott näher bringen konnten. Sein treuster Begleiter bis zuletzt wurde Franz Keller mit seiner unaufdringlichen Aufmerksamkeit. Michael dürfte ihm danken, daß er ihm das Sterben menschlicher und damit leichter machte. Wir können Michael für sein Leben und für sein Hiersein in Berlin am besten dadurch danken, daß wir das Eine oder Andere weiterführen, was er angeregt oder begonnen hat.

Berlin 1986, veröffentlicht im Rundbrief der Oberdeutschen Provinz SJ

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