2004 Erinnerungen an ein schönes Fest

aus Anlaß meiner Priesterweihe vor 25 Jahren

Das Fest
Der Weg der Toleranz
Meine Familie
Ökumene
Meine Geschwister
Islam
Mein Volk der Fremden
Konkurrenz- und Sicherheitswahn
Mein gesellschaftl. Umgang
Solidarität – Initiativen
Studium
Amnestie 2000
Arbeiter
Wagenburgräumung
Wohngemeinschaft
Mahnwachen
Krisen
Gefangenenbesuche
Mauerfall
Freude an Befreiungswegen
Und jetzt?
Erinnerung braucht Zukunft
Begegnung mit JEV
Am Rand die Mitte suchen

Liebe Freundinnen und Freunde, Kollegen, Bekannte und noch nicht Bekannte!
Zum 26. Mai 2001 hatte ich zu einem Fest nach Berlin-Kreuzberg eingeladen. Es stand unter dem Motto: An Befreiung erinnern. Schon im Vorfeld war ich von den Briefen überwältigt, die ich zu diesem Thema erhalten habe. Wie vielfältig sind die Wege der Befreiung und ist der unerfüllte Hunger danach.
Daraufhin habe ich mich kurz vor dem Fest daran gemacht, zwölf Befreiungsschritte auszuwählen, die ich erlebt habe. Auf großen Tafeln habe ich diese Aspekte mit Bildern, Plakaten, Texten und den damit verbundenen Namen angesprochen und diese Tafeln in dem riesigen Veranstaltungsraum verteilt. Die Feier fand in einer der größten Kirchen von Berlin statt: die St. Thomaskirche am Mariannenplatz in der Nähe vom Ostbahnhof. Ich kenne diese Kirche gut; und doch war ich überrascht von dem schönen Festsaal, als Detlef die Tische und Stühle hergerichtet hatte.

In der Apsis standen Tische für das Buffet bereit. Es soll – von vielen herbeigeschafft – sehr reichhaltig gewesen sein. Ich selbst muss mir die Einzelheiten des Festes erzählen lassen, weil ich mit der Begrüßung der etwa 300 Gäste voll beschäftigt war. Dabei wurde mir überraschend deutlich, wie vielfältig auch mein Leben ist, denn es waren Menschen aus den unterschiedlichsten Lebensabschnitten gekommen: Brüder, Schwägerinnen, ihre Kinder, Menschen, mit denen ich in der Familie zusammengewohnt habe, Schulfreunde, Menschen aus Frankreich, Belgien, England, Österreich, Obdachlose, Kranke, ehemalige Gefangene – die Gefangenen fehlten weiter – Leute von dem sozialen Jahr JEV (Jesuit European Volunteers), von der IG-Metall, Arbeitskollegen von Siemens, aus den ev. und kath. Kirchengemeinden, Ordensleute, Nachbarn und die vielen, die ich nicht zusammenfassend nennen kann.

In der Vierung der Kirche steht ein großer Altar mit einem Baldachim, das von vier Pfosten getragen wird. Dieser Bezirk war ein unbetretener Raum in der Mitte des Festes.
An den Säulen hatte Angelika eine Wäscheleine befestigt und ihre Bilder aufgehängt: Darauf sind Gefangene so eindrücklich in ihren Zellen dargestellt, dass ihr Hunger nach Leben spürbar wird.
Alfred brachte die Interessierten mit der Installation seiner Bilder auf einen Weg, der zu einem Spiegel mit der Frage führte: Schau Dich an! Von was kannst Du Dich befreien?!? Anschließend stand eine Leinwand, auf der Anliegen und Wünsche festgehalten werden konnten.
Katja malte ein großes mitreißendes Bild zum Thema Befreiung, das einer ausbrechenden Blumenzwiebel gleicht.
Gigi brachte einen ihrer Krüge mit, der mit einer besonderen Technik am offenen Feuer gebrannt wurde. In Südamerika und Afrika hat sie ihre Techniken und Ausdrucksmöglichkeiten verfeinert. In dem Gefäß sammelt sich für mich viel von ihrem grenzüberschreitenden Leben.
Die Kirche war schon einen Monat geschmückt mit Bildern von Menschen, die in einem Kreuzberger Wohnprojekt leben. Ihre Ausstellung und auch die zu dem Thema Kirche und Zwangsarbeiter passten gut zu den Themen, die von den FreundInnen mitgebracht wurden:
Anni hatte große Fotos von den Notunterkünften im Gepäck, in denen ich sie vor 25 Jahren zusammen mit Zigeunern in Toulouse kennenlernte.
Die Berliner JEV-Kommunität hängte ein Transparent auf: Christus hat uns befreit und er will, dass wir auch frei bleiben. Daran haltet fest und lasst euch nicht wieder zu Sklaven machen.
Daneben hängte Eva aus Köln Plakate vom Bündnis „Kein Mensch ist illegal“.
Mit Stelltafeln erläuterten ihr Engagement:
der Arbeitskreis Internationalismus in der IG-Metall,
der Jugend- und Kinderzirkus Cabuwazi,
die Gemeinde Michael/ Liebfrauen,

das Nachbarschaftszentrum „Regenbogenfabrik“.Das Projekt „schwul und katholisch“
in der Gemeinde Maria Hilf in Frankfurt hängte ihr Programm aus.
Vor der Kirche sang Gerd mit Gitarrenbegleitung von Jens eigene Lieder, Leonore Birlner – eine ältere vielseitig begabte Künstlerin – komponierte von meinem Vornahmen ausgehend eine Motette und trug sie auf der großen Orgel vor, anschließend spielte Manfred Unterhaltungsmusik auf dem selben Instrument. Julia hatte Gedichte geschickt. Ein Höhepunkt war der Auftritt einer Vierergruppe von Cabuwazi, die großartig mit Keulen jonglierte. Die Jugendlichen brachten ihre Fertigkeiten so zur Perfektion, dass sie sich rückwärts die Keulen zuwarfen. Zum Schluss luden sie mich ein – und später zusammen mit meinen Brüdern – uns in die Mitte des Raumes zu stellen. Da flogen die Keulen dicht vor und hinter unseren Köpfen vorbei. Einfach fantastisch.
Für viele war das Fest ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Trotzdem gab es bald viele Querverbindungen: Bekanntschaften beim Essen oder vor einer der Tafeln: Woher kennst du denn Christian? Ach, da geh doch mal an die Tafel dort hinten. Da steht beim Engagement für die Politischen Gefangenen oder die Abschiebehäftlinge oder die Wagenburgler auch mein Name dabei. Und schon waren die beiden auf dem Weg.

Ich habe mein Leben immer neu zusammen mit anderen Menschen geschenkt und erweitert bekommen. Manche mögen das Wort Befreiung nicht so gerne hören. Und es ist ja wahr: wir Deutsche erinnern und feiern die wichtigen Befreiungen in unserer Geschichte nicht gern. Ich habe erst in Frankreich gemerkt, ein wie wichtiger Jahrestag der 8. Mai ist. Die Befreiung vom Faschismus möchte ich immer wieder feiern und auch die vielen kleinen heute, um Kraft und Mut für die nächsten Schritte zu finden. Dieser befreiende Weg ist trotz aller Mühe im Kern ein Geschenk, das wir blos annehmen und leben müssen. Die eigenen Widerstände und die erschwerenden Lebensumstände gegen das Annehmen dieses Geschenkes kennt jede/r von uns.

Das Thema An Befreiung erinnern war lebendig, mitten in allen Unfreiheiten, in denen wir stecken.
Ludger hat diese Situation dargestellt: einen Pflasterstein schlitzte er kreuzförmig auf und steckte eine kleine Figur aus hellem Holz mit erhobenen Armen hinein; umgeben ist sie von Ästen mit Dornen; der ganze Stein ist mit Stacheldraht umwickelt. Die helle Figur, die vielleicht an die Auferstehung erinnern soll, zieht den Blick an, mitten in der oft lebensbedrohenden Realität voll von Dornen und Stacheldraht.
Ja so ist es; deshalb war für einige die Rückkehr von diesem frohen, befreienden Fest schmerzlich. Sie konnten ihre eigenen Unfreiheiten und schmerzlichen Lebensumstände deutlicher sehen. Andere hatten dieses Fest als Chance genutzt, einen Lebensabschnitt hinter sich zu lassen oder mit einer verborgenen Wahrheit an die Öffentlichkeit zu kommen.

Gäste gab es für jede dieser kleinen Feiern genug.

Über einen Aspekt des Festes freue ich mich besonders: Menschen, die sonst am Rande stehen, wurden ganz selbstverständlich von der Straße zum Essen eingeladen. Ganz konkret und nicht nur als Willenserklärung.
Ankündigungsreden gab es keine. Wir konnten sofort handeln. Dieses selbstverständliche Einladen bewegt mich, wenn ich an den 26. Mai zurückdenke.

Am nächsten Tag versammelten sich etwa fünfzig Menschen in dem kleinen Dorf Neuhof bei Jüterbog. Wir feierten einen Gottesdienst auf der Wiese hinter dem Josefshof. Anschließend bewirteten uns die Emmausleute großartig. Sie hatten eine Ziege geschlachtet. Das Fleisch wurde nun gegrillt.
Auf dem Hof leben Aussteiger aus Drogen und Alkohol. Sie haben etwas vom Leben mitbekommen und hören nun mit diesen Erlebnissen die in der Bibel beschriebenen Erfahrungen neu. Sie kennen den steinigen Weg im Leben und freuen sich über ihre

Chance in der Arbeits- und Lebensgemeinschaft auf dem kleinen Hof. Kamillo lebt auch dort; er hat im Gottesdienst gepredigt; zum Schluss kam er auf den Punkt: Jede Freiheit, jede Unangepasstheit, jeder mutige Widerstand zu mehr befreitem Leben muss eine Wurzel, eine andere Seite haben: das Nichtübergehen der Menschen am Rande, ja den Gehorsam ihnen gegenüber. Andernfalls würden wir nur Dampf ablassen oder unsere eigene Freiheit suchen und die anderer beiseite schieben. Der Gehorsam Gott gegenüber zeigt sich im Gehorsam den Menschen gegenüber, die wir als seine Boten erkennen können. Diese innere Bindung lässt uns auch gegenüber den staatlichen, betrieblichen, familiären Autoritäten – trotz all ihrer Gewaltandrohungen – mutiger werden.
Es war ein besonderes Geschenk, daß Ramon – ein muslimischer Freund – beim Gottesdienst dabei war und in unserer Mitte auf Arabisch einen Lobpreis Gottes gesprochen hat. Der Koran kennt ja viele Namen Gottes. Ramon hat einige davon aufgezählt. Diese Namen beschreiben Eigenschaften, die auch in uns schlummern. Sie nicht brachliegen zu lassen, sondern sie entsprechend der Situation zum Heil aller zu nutzen, ist jeder Mensch gerufen. Doch wie oft verbergen wir diese Talente?

Befreiung zum Handeln heißt für mich: unsere Menschlichkeit nicht mehr zu verbergen, sondern mit der nötigen Klugheit offener zu werden. Das passt den Mächtigen oft nicht. Wir haben Angst vor ihnen. Wenn wir uns dann neu verwurzeln in unserem Wunsch nach Gerechtigkeit, in der uns geschenkten Offenheit und Liebe, im Gehorsam dem Leben gegenüber, dann verlieren Mächtige ihre Macht, selbst wenn sie mit ihren Quälereien beginnen. Freiheit muss immer damit rechnen, verleumdet und kriminalisiert zu werden. Alles andere wäre blauäugig.

Spätestens durch das Zeugnis der Profeten und des ganzen Lebens Jesu ist uns diese Konsequenz aller Lebenswege deutlich, die nach Frieden, Einheit und Liebe suchen. Vielleicht haben wir uns oft an das Tötungsinstrument Kreuz so sehr gewöhnt, dass wir diese Botschaft nicht mehr wahrnehmen. Und wie viele Schritte der Verachtung gibt es vor diesem letzten Schritt der Ausgrenzung und der Lebensvernichtung? Deshalb ist es mir wichtig, mich erinnernd in den geschichtliche Befreiungsschritten zu verwurzeln, um das uns allen anvertraute Leben in Konfliktsituationen nicht leichtfertig zu verraten. Kamillo, ich bin Dir dankbar für Dein Erinnern. Alleine wäre ich schnell sehr alleine. Und so freue ich mich über die vielen Menschen, unter denen ich leben darf, besonders unter denen, die von anderen für nicht so wertvoll gehalten werden.

Ach jetzt bin ich wohl ins Schwatzen gekommen. Ich hatte versprochen einige Texte von den Tafeln mit den zwölf Befreiungsschritten in diesem Dankesbrief für Euer Kommen, Eure Briefe, Euer Mitdenken festzuhalten. Ich habe auf diesen Tafeln nur einige Aspekte andeuten können. Vieles fehlt; z.B. ein Hinweis auf die Freude, homosexuell und lespisch veranlagte Menschen zu kennen und darüber offener für die vielfältigen menschlichen Veranlagungen zu werden und so die notwendige Ergänzung der verschiedenen Sichtweisen wahrzunehmen. Oder viele gesellschaftliche Bereiche sind nicht angesprochen, wo strukturelle Veränderungen möglich sind. Häufiger als vermerkt, bin ich beim Beschriften der Tafeln auf die Beziehung zu Gefangenen gestoßen. Das hatte ich vorher nicht so klar gesehen.

Doch nun zu den Tafeln ohne die vielen Bilder, Dokumente, Plakate, usw. Ich halte mich weitgehend an die Überschriftentexte:
1. Entdecken, annehmen und gestalten der Zugehörigkeiten
a) Meine Familie
Sie ist mir mitziehende Heimat gewesen
an den vielen Orten, an denen wir immer neu anfangen mußten
in Mecklenburg-Vorpommern, wo ich in Stralsund geboren wurde,
in Niedersachsen, wo ich in Hildesheim drei Schulen besucht habe,
in Hessen, wo ich vom Dorf in die Stadt Kassel zur Schule fuhr,
im Rheinland, wo ich in Brühl und Köln zur Schule gegangen bin,
in Schleswig-Holstein, dort habe ich die Schule endlich geschmissen
und habe eine Ausbildung im Maschinenbau auf der Werft in Kiel begonnen.
Über fünf jüngere Brüder habe ich mich nach und nach freuen dürfen.
Viele schmerzhafte und sehr schöne Ereignisse fallen in diese Zeit.

Unterdessen wuchs die Familie, fünf Schwägerinnen mit 18 Kindern kamen dazu.
Meine recht wachen und liebenswürdigen Eltern feiern 2001 ihre diamantne Hochzeit und sind rüstig.
Mein Vater veröffentlichte gerade mit 86 Jahren sein erstes Buch.

b) Meine Geschwister
Das sind ja in der Tendenz alle Menschen.
An vielen Orten habe ich begonnen, sie zu entdecken:
– in den Kirchengemeinden und Jugendgruppen
– im Jesuitenorden, in den ich im Februar 1969 in Ascheberg/Westfalen eingetreten bin (weiter dann in Münster, Hamburg, Gütersloh, Pullach, München, Bottrup, Frankfurt/Main, Toulouse, Straßburg, Paris gelebt habe und seit 1978 in Berlin)
– in der Gruppe Arbeitergeschwister, Ordensleute für den Frieden, Ini für die politische Diskussion zusammen mit den Gefangenen, auf der Arbeit, in der Gewerkschaft IG-Metall, Kirchentagen, Ordensleute gegen Ausgrenzung, die europäischen Arbeiterpriester, in der Nachbarschaft, in Wagenburgen, bei Demonstrationen, in der DDR, in Polen, bei Begegnungen mit Menschen anderer Kontinente, JEV, Arche, ATD , Emmaus, …… Viele einmal entdeckten Geschwister habe ich wieder aus den Augen verloren, mit manchen habe ich mich auch im Streit getrennt, eine Reihe sind gestorben, wie Michael, Krüssel, Otto, Fritz, Horst, Yvonne, Bine, Lars, David ……. und viele andere
– sie alle bleiben entdeckte Geschwister.

c) Mein Volk der Fremden
Drei Jahre war ich in Frankreich Wanderarbeiter / Gastarbeiter.
Im dritten Jahr habe ich in Paris ein Fest mit Portugiesen, Algeriern, Spaniern, Marokkanern gefeiert. Es war wunderschön mitten in diesen vielen Kulturen. Da wurde mir plötzlich klar, zu welchem Volk ich mit meinem Herzen gehöre, nämlich zu diesem Volk der Ausländer, der Fremden, der – für die Ohren der Einheimischen – Stotternden, diesem Volk der vielfältigen Kulturen. Dann erinnerte ich mich, dass ich in Frankfurt auch schon häufig unter den ausländischen Studenten eingeladen war. Und so bin ich froh, dass ich in Kreuzberg leben darf.
In der Bibel steht: Du sollst vor deinem Gott folgendes Bekenntnis ablegen: Mein Vater war ein heimatloser Aramäer. Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder mit wenigen Leuten und wurde dort zu einem großen, mächtigen und zahlreichen Volk. (Dt 26,5)

d) Mein gesellschaftlicher Umgang
Menschen, die ausgegrenzt werden, sind für mich eine Herausforderung. Sie sollen nicht zu uns gehören, weil sie in (hierarchischen) Machtstrukturen, beim Verteilen des Reichtums, beim Kampf um unsere Rechte, bei der Betreuung von Schutzbedürftigen usw. stören. Wir kennen kein gesellschaftliches Leben ohne Ausgrenzung. Auch im persönlichen Leben ist vieles verdrängt. Heilung bedeutet, Ausgrenzungen zu überwinden und mit dem nicht Anerkannten zu leben.
Die entscheidende befreiende Entdeckung wurde für mich: Der letzte Platz auf der jeweiligen Skala der Ausgrenzung ist belegt.
Wenn ich an den Grenzen der herrschenden Welt stehe, finde ich mitten in unserem Alltag im Blick auf den letzten Platz die Begegnung mit dem menschgewordenen Gott. Auf diese ausgegrenzte Mitte hin möchte ich mich hinhörend / kontemplativ öffnen gegen alles Vergessen dieser stillen Mitte, die Quelle des Lebens ist, gegen alle Lockrufe und Drohungen der brutalen Ausgrenzungsgesellschaft.
2. Studium besonders der Theologie der Befreiung
In ihr wird der Auszug (Exodus) der Brüder und Schwestern aus den herrschenden Strukturen in Lateinamerika erzählt und reflektiert. Wir hören von den Erfahrungen in den Basisgemeinden und lernen die Mechanismen der Ausbeutung aus der Sicht der Unterdrückten zu sehen.
Ihr Weg der inneren und äußeren Befreiung ist ansteckend und fragt nach unserer Solidarität:
Wie können wir in den Ländern mit den Ausbeutungszentralen einen Weg der Befreiung solidarisch mit ihnen gehen?
Die dort erkannten Mechanismen zerstören auch unser Leben. Welche Antworten finden wir in unserer säkularisierten Welt und von welchen Erfahrungen her finden wir den Mut zum Widerstand?

Es gibt viele gute Antworten entsprechend unserer Fähigkeiten und Möglichkeiten. Wichtig ist mir, die Welt aus der Sicht der Ausgebeuteten zu sehen und zu einem solidarischen Handeln zu kommen, in dem wir alle freier in dieser Welt atmen können.
Paul Schobel, Betriebsseelsorger in Stuttgart, schickte eine Leihgabe: Dieses Plakat aus Nicaragua ist mir bald zwanzig Jahre spiritueller Ankerplatz.

Thomas Schmidt aus Frankfurt sandte ein Plakat der Landlosenbewegung in Brasilien als seinen Beitrag zum Thema Befreiung. Er brachte es von einer Solidaritätsreise mit.

 

Meine Entscheidung, nach dem Studium eine manuelle Arbeit aufzunehmen.
Während des Theologiestudiums habe ich vor allem als LKW-Fahrer und Möbelträger in einer Umzugsfirma in Frankfurt/Main gearbeitet. Diese Tage waren Lesezeichen der Hoffnung in meinem Studentendasein. Ich konnte an den Arbeitstagen mit Gewinn in der Bibel lesen. In der Arbeitermission der Jesuiten in Frankreich durfte ich 1975 – 78 prüfen, ob dieser Weg der Inkulturation in die Arbeitswelt und unter gesellschaftlich Ausgegrenzten, ebenso das Leben in kleinen Gemeinschaften, mein Weg (religiös gesprochen: meine Sendung) war.
Neben vielem anderen durfte ich in Toulouse und Villejuif bei Paris an der Gründung kleiner Jesuiten-Kommunitäten teilnehmen und eine Umschulung zum Dreher in Staßburg absolvieren.
Die Idee zu diesem Weg in die Arbeitswelt kam 1971 von Michael Walzer während des

Philosophiestudiums in München. Nachdem sich in Frankreich für uns beide die Anfangsvermutung bestätigt hatte, gründete ich mit ihm und Peter Musto, der aber bald nach Kolumbien ging, im Herbst 1978 eine kleine Jesuitengemeinschaft in Berlin. Später kam Franz Keller, Bertram Dickerhof, Hanns Heim dazu und einige andere Jesuiten aus Deutschland, Frankreich, Belgien für kürzere Zeit. Arbeit fand ich sofort bei Siemens, Michael bei AEG und zwei Jahre später Franz bei Electrolux.
Anfangs wohnten wir in Berlin in einem Arbeiterwohnheim im Wedding, seit Ostern 1979 hatten wir eine Wohnung in Kreuzberg. Die Kontakte in der Gruppe der Arbeitergeschwister in Deutschland/Schweiz und zu Arbeiterpriestern in Westeuropa waren uns immer sehr wichtig. Ein eigener Text auf dieser Tafel: Das Suchen nach dem Weg der Menschwerdung Gottes

Hinweis:
In der DDR sind einige evangelische Pfarrer einen ähnlichen Weg wie die Arbeiterpriester im Westen gegangen. Der gesellschaftliche Ausgangspunkt war ein anderer. Doch ihre Begründungen waren ähnlich, warum sie manuelle Berufe ergriffen und sich in die Betriebe eingliederten. Der Weg vom Apostel Paulus war ein Ansporn. Im ökumenischen Weltbund heißt dieser Weg deshalb auch, der Weg der Zeltmacher, weil Paulus in diesem Beruf gearbeitet hat. Willibald Jakob u.a. haben in ihrem Buch Arbeiterpfarrer von Ihren Erfahrungen in der DDR berichtet.
3. Begegnungen mit Menschen, mit denen ich zusammenleben durfte.
Wir haben miteinander Raum, Not, Ärger, Essen und sehr oft viel Freude geteilt. Das ist eine reiche Geschichte, mit der ich weiter lebe.
Meine Mitbewohner – aber auch viele, die auf Besuch da waren – haben mir Hunger nach Veränderung geschenkt. Ohne diesen Hunger wäre ich tot. Ein grosser Teil der Namen meiner Mitwohner fallen mir nicht mehr ein.

Es folgt eine recht unvollständige Liste mit Namen und viele Bilder.

 

4. Schmerzhafte Krisen als geschenkte Zeit (der Reinigung) annehmen
Berufsfindung, Arbeitslosigkeit, Missachtung, Krankheit, Zeiten des Nichtwissens, Mid-life-crisis, Coming out, Tod eines Freundes, Depressionen,Beziehunsabbrüche, Knast.
Diese Zeiten sind keine Abschnitte des Wohlfühlens, aber Bremsen im andauernden Funktionieren. Sie können Zeiten des Besinnens werden, in denen wir neu nach unseren Lebenswegen fragen;
oft nach komplizierten Lebensverhältnissen zurück zur größeren Einfachheit und Direktheit;
eine Umkehr von Irrwegen und Meinungen, die sich als falsch herausgestellt haben;
ein Aussöhnen mit diesen Lebensabschnitten, also kein verdrängendes Totschweigen.
Der Fall der Mauer
Ab 1979 habe ich Menschen in der DDR besucht. Ihre Sprache wollte ich verstehen lernen: neue Worte, andere Bedeutungen mir bekannter Worte, Körpersprache und vor allem das vorsichtige, verarbeitende, hinsehende, fragende Schweigen. Es war ein Leben im Ausland – gleich nach Arbeitsschluss, für ein paar Stunden – eine ganz andere Welt. Nach der Sprachaneignung habe ich Gehübungen in dieser mir neuen Kultur gemacht und nach einigen Jahren empfand ich Heimatgefühle nach dem Grenzübertritt. Viele Reize – keine große Werbung, der Geruch von Braunkohle und 2-Takter-Gemisch, usw – waren hier anders.
Schon lange fragte ich mich, ob ich nicht in die DRR umziehen und dort Arbeit suchen sollte? Doch die Zeit war nicht reif dazu. Aber ich hatte schon einige Geschwister in der DDR entdeckt. Die Beziehungen zu ihnen waren ein Teil meines Lebens geworden.

 

Und jetzt?
Diese Grenze zum sozialistischen Ausland ist nicht mehr da. Sie ist nicht mehr sichtbar.
Es gibt eine reiche Geschichte, an die ich (mich) erinnern möchte. Mit welcher Zukunft kann ich mich daran erinnern? Gibt es eine Zukunft für dieses Erinnern oder wird das erinnernde Erzählen zu Kriegserzählungen, wie ich sie aus meiner Jugend von den ehemaligen Soldaten kenne?
Dieses Reden wäre wieder eine gefährliche Sprachlosigkeit.

Sprachlosigkeit bemerke ich bei den Linken in der Politik, in der Gewerkschaft, überall:
Die Visionen, die Zukunft öffnen, werden häufig nicht mehr genannt. Aber ohne diese Impulse verharren wir oft im Selbstzweck ohne gesellschaftliche Idee. Genauso wichtig ist es natürlich, das wissen wir nun aufs Neue, diese Ideen in der Praxis zu überprüfen und zu korrigieren.
Sprachlosigkeit bemerke ich bei den Konservativen: Ihre Sprache, die auf Grundwerte verweisen soll, ist schal geworden. Kapitalisten und Faschisten haben ihnen ihren Platz oft streitig gemacht und verhindern meist das Erinnern. Sie leben im Vergessen und haben dann kein Interesse an der Zukunft aller Menschen.
Und bei mir? Zu welchen Visionen werde ich im Erinnern an den sozialistischen Versuch ermuntert, der die weiter bestehende Ungleichheit unter Menschen und Völkern überwinden wollte? Wie kann ich über das Scheitern trauern, damit die Hoffnung auf die gleiche Würde aller Menschen nicht in Resignation erstickt?
Auf der Tafel war noch Platz für die Dokumentation meiner 10tägigen Haft 1997 und wie es dazu kam.
5. Begegnung mit JEVlerInnen (Jesuit European Volunteers)
Es geht in diesem Sozialen Jahr mit seinen vier Grundlinien (Einsatz für Gerechtigkeit – Spiritualität – Gemeinschaft – Einfacher Lebensstil) um das Entdecken und Einüben von erwachsenen Beziehungen auch über soziale Grenzen hinweg, also um Beziehungen von gleich zu gleich. Wenn wir uns nicht mehr hinter helfenden Funktionen verstecken, kommen Infragestellungen und neue Sichtweisen über den Kontakt mit Betroffenen zustande – es werden Freundschaften mit unterschiedlichen Menschen möglich.

Dieser Weg, Neues zu entdecken – bei den eigenen Fähigkeiten und bei anderen Menschen -, ist trotz des damit einhergehenden Schmerzes an menschlichem Verhalten und Folgen von unmenschlichen Strukturen ein befreiendes Erlebnis im JEV-Jahr und danach. Stückweise darf ich an dieser Entwicklung junger Erwachsener teilnehmen und mich neu in Frage stellen lassen. Für dieses Geschenk bin ich sehr dankbar. Stellvertretend möchte ich die Namen derer nennen, mit denen ich die Berliner JEV-Kommunitäten begleitet habe: Ralf, Solveig, Ruth, Johanna.

Fotos aus Rumänien, Südamerika, Deutschland lockten in die Einsatzorte der
JEVler und einige ihrer Namen waren verschlüsselt als e-mail-Adressen zu lesen.

 

6. Den Weg von der Toleranz zur Achtung gehen wollen
Elemente von Menschenwürde bei sich selbst und anderen entdecken.
a) Die menschliche Würde wird in der Taufe mit drei Bildern umschrieben.
Der Täufling wird dabei mit Chrisam gesalbt, um diese Aussage zu unterstreichen. Das begleitende Gebet lautet: …Du wirst mit dem heiligen Chrisam gesalbt; denn du bist Glied des Volkes Gottes und gehörst für immer Christus an, der gesalbt ist zum Priester, König und Propheten in Ewigkeit. Amen.

Jeder Mensch hat die Würde der Autonomie, die Würde eines/r Königs/Königin.
Jeder Mensch hat die prophetische Grundfähigkeit, Konsequenzen des Handelns zu sehen.
Jedem Menschen wird in der Taufe gesagt, dass er / sie PriesterIn ist.
Die priesterliche Würde des Menschen meint vor allem die Fähigkeit des Erinnerns – also auf Erfahrungen zurückzugreifen und damit Widerstand gegen das Man-müsse-dies-oder-das-tun/haben/meinen zu leisten und um das Gute ansprechen, d.h. auch segnen, zu können,
des direkten Kontaktes zu Gott (ohne Vermittlung durch Tempelpriester)
der Fortsetzung des heilenden Handelns Jesu und seiner Barmherzigkeit, seines Verzeihens
des Abweisens jeder Begründung von Menschenopfern.
In der Kirche werden mit der Priesterweihe/Ordination Menschen ausgewählt, die besonders die Getauften an ihre priesterliche Würde erinnern sollen, damit eine Struktur gegen das Vergessen entsteht. Auch diese Amtsträger können das Erinnern an die Menschenwürde aller, besonders der Ausgegrenzten und Verachteten, vergessen und sich praktisch zwischen ihre Mitmenschen und dem Lebensursprung Gott stellen. Deshalb sind diese Menschen sehr angewiesen auf die Korrektur durch und den Rückhalt in der priesterlichen Fähigkeit aller – besonders gegen jede Form von Klerikalismus oder Paternalismus.

 

b) Ökumene – Hunger nach Einheit
Der Wunsch nach Einheit mit Jesus Christus drückt sich in der Suche nach Einheit und Freundschaft unter den Christen und weit darüber hinaus aus.
Die Befreiung von der Enge einer Gruppenzugehörigkeit zeigt sich im Entdecken des Felsens der einen Kirche unterhalb des Erfahrungsschatzes der einzelnen Konfessionen. Wenn sie nur an ihren Schätzen festhalten, verraten sie die befreiende Botschaft Jesu.
Deshalb ist der Schritt in die größere Einheit ein befreiender Schritt, den ich besonders in der Kooperation der ev. St. Thomas- und röm. kath. St. Michaelsgemeinde, aber auch bei Besuchen in der Potsdamer ev. ref. Gemeinde erlebe.

Das lesenswerte Dokument –
Charta Oecumenica , Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa Straßburg 22. 4. 2001 hing aus.
c) Islam
Das Leben in Kreuzberg ist ein Leben unter Muslimen. Ihre Glaubensformen wirken erst einmal fremd und sind eine Herausforderung, neu nach dem einen Gott zu fragen. Wie können wir mit unseren unterschiedlichen Erfahrungen so miteinander sprechen, dass wir die Anliegen der Anderen wahrnehmen, sie respektieren lernen, und dass wir nach und nach zu gemeinsamem Handeln angesichts der vielfältigen Herausforderungen unserer Umwelt finden?
Über die Aussagen der Mystiker in allen Religionen existieren Brücken, über die wir die Einheit unter uns Menschen benennen und finden können. Dort sehe ich mich mit meinen oft noch unausgesprochenen Hoffnungen ausgedrückt.

Die Quelle des Lebens / Gott beschreiben oder darstellen zu wollen ist gefährlich. Sie ist nicht verfügbar und darf kein Argument in unseren Beweisen und Handlungsbegründungen werden. Die Bilderverbote bei Juden und Muslimen wollen dieser Gefahr begegnen. Unsere Vorstellungen bleiben Projektionen. Sie sind nur Etappen auf dem Weg, uns dem Unfassbaren zu öffnen. Wenn sie diesem Ziel nicht mehr dienen, müssen wir sie als nun unnütz gewordene Krücken zurücklassen.
Die Fülle der Namen Gottes, die im Koran stehen, sind keine Besitzergreifung Allahs; sie können Hilfestellungen sein, dem von ihm ausgehenden Leben nachzuspüren. Im Zusammenleben habe ich den befreienden Dialog entdeckt, in dem das Recht-haben-Wollen zurücktritt.
7. Sich vom Konkurrenz- und Sicherheitswahn nicht ganz zerfressen lassen
Diese Tafel war geschmückt mit vielen Fotos der ArbeitskollegInnen im Betrieb und bei Aktionen mit der IG-Metall: Infostände, Warnstreiks.
Ich konnte noch keinen Überschriftentext für diesen wichtigen Teil meines Lebens schreiben. Viele Begegnungen und Einzelaspekte kommen mir in den Sinn. Meine Sprachlosigkeit ist mir auch eine Anfrage. Nur einige unvollständige Sätze standen auf dieser Tafel:

Ein sehr wichtiger Schritt ist für mich: sich nicht für besser – und auch nicht für weniger wertvoll halten – als jeden anderen Menschen.
Die Erinnerung an viele gemeinsame Arbeiten, Gespräche, Feiern, Betriebs- und Gewerkschaftsversammlungen, Warnstreiks im Betrieb und das Schreiben und diskutieren darüber mit vielen Menschen.
Viele Aktionen und die Stille irgendwo im Getümmel oder in der Natur, in den Bergen oder im Gottesdienst.
Das JA in dem notwendigen NEIN spüren und es leben.
Es gibt einen Artikel, in dem ich einige Arbeitserfahrungen festgehalten habe, in: Horst Czock u.a. Arbeit ist das halbe Leben, Berlin 1995

 

8. Solidarität mit den hungerstreikenden Gefangenen aus RAF und Widerstand im Frühjahr 1989 und die weitere Geschichte mit ihnen
Initiative für die politische Diskussion zusammen mit den Gefangenen
Initiative Freiheit 2000
Wie bei vielen anderen fängt auch diese Geschichte ganz klein an. Die Kreuzberger Jesuitenkommunität konnte sich mit den vier Hungerstreikforderungen der Gefangenen aus RAF und Widerstand gut solidarisieren. Wir schrieben Postkarten an die Bundestagsfraktionen und verfolgten den Fortgang des Streiks auf Soli-Veranstaltungen, usw. Dann fragte man uns um einen Redebeitrag bei der bundesweiten Demo (10 000 Leute) in Bonn und anschließend baten uns die Angehörigen um einen Besuch bei uns in Kreuzberg.

Es folgten Kontakte mit Gefangenen und eine Veranstaltung auf dem Kirchentag in Berlin, usw. Eine Hungerstreikforderung lautete: die Diskussion mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Wir sahen, dass diese uns sehr wichtige Forderung, wie weitgehend auch die anderen, unerfüllt blieb, und machten ein halbes Jahr später – nun schon nach der Maueröffnung – einen Vorstoß: wir verschickten im Januar 1990 einen Brief mit 30 Unterschriften – die spätere Initiative für die politische Diskussion zusammen mit den Gefangenen – an alle etwa 50 Gefangene. Alle antworteten positiv. Wir wurden von ihnen eingeladen, beteiligten uns an Veranstaltungen, z.B. auf den Kirchentagen, schrieben Briefe und hielten vor allem Kontakt zur Angehörigengruppe, von deren Solidarität mit den Gefangenen ich viel lernen durfte.

 

Amnestie 2000
Die Kontakte mit Gefangenen, Angehörigen, unterschiedlichen politischen Gruppen, unter uns, mit Kirche und Politikern waren herausfordernd und frei von karitativen Beziehungen. Ich lernte viele Aspekte von Staat und Gesellschaft neu sehen. Meiner eigenen Generation begegnete ich neu. Der Konflikt, in dem wir standen und stehen, ist nicht gelöst: die internationalen Herrschafts- und Unterdrückungssituation und der Umgang mit der faschistischen Vergangenheit.
In Fortsetzung unseres Engagements mit den politischen und anderen Gefangenen haben wir unserer Initiative einen zweiten Namen gegeben: Amnestie 2000. Dafür gab es auf Grund der biblischen Tradition vor dem Jubeljahr 2000 ja einen besonderen Anlass. Ähnlich wie wir haben die Initiativen zur Entschuldung von 3 Mose 25 her argumentiert. Mir wurde klar, wie zentral in der Botschaft Jesu die Mahnung ist, das Jobeljahr zu begehen.

Von den Gefangenen aus der RAF sind noch einige in Haft. Ihre Entlassung ist schon lange überfällig. Die Aufarbeitung der Geschichte, die zum Kampf der RAF geführt hat, ist auch nach der Wende nicht erfolgt. Sie bleibt verdrängt. Die Gefangenen werden meist vergessen.
Mit Nachdruck nenne ich ihre Namen und fordere ihre Freilassung: Birgit Hogefeld und Eva Haule in Frankfurt, Brigitte Mohnhaupt in Aichach, Christian Klar in Bruchsal, Rolf Heißler in Frankental (Seine Entlassung ist für den Herbst geplant), Rolf-Clemens Wagner in Schwalmstdt.

Es folgte eine lange Liste mit Namen von den Menschen, mit denen ich in diesem Zusammenhang um das Sehen der Wirklichkeit ringen und mich öffentlich engagieren durfte:
9. Widerstand gegen die Räumung der Wagenburg am Engelbecken und die Mahnwache vor dem Roten Rathaus im Oktober/November 1993
Als die Wagenburg am Engelbecken Anfang Oktober 1993 von 1000 Polizisten geräumt wurde, konnten sich einige Bewohner an einem großen Kreuz festketten und noch drei Tage auf dem Platz mit Unterstützung vor allem der Gemeinden St. Michael und St. Thomas Widerstand leisten. Ich war ein Unterstützer vor Ort, weil ich noch in den Polizeikessel hineinschlüpfen konnte. Die Wagenburg um uns herum wurde abgeräumt. Ein Zaun wurde um uns herum aufgebaut. Dann besuchte uns Kardinal Sterzinsky und hat sich an die Zeit des Mauerbaus erinnert gefühlt. Kurz darauf wurden auch wir weggeräumt. Wenige Stunden darauf begannen wir mit einer Mahnwache vor dem Roten Rathaus.
Ein ereignisreicher Monat hatte begonnen, der mir ein großes Geschenk der Solidarität wurde.

Obdachlose kamen und zeigten ihren Beistand, aber auch Menschen anderer Bevölkerungsgruppen unterstützten unseren Kampf gegen die Vertreibung der Armen aus der Stadt.
Das Kommen der Regierung wurde vorbereitet.
Die Stadt hat sich seitdem stark verändert. Das Wachpersonal und die Beobachtungskameras haben gewaltig zugenommen.

Andere außerordentliche Zeiten wurden mir geschenkt:
Zwei längere Gefängnisbesuche,
15 Tage Pilgern mit Maria und Kamillo,
Mitleben in der Arche,
Besuche bei Anni unter den Zigeunern in Toulouse,
Exerzitien, …
Mahnwachen für das Sehen der Verschwundenen in unserer Gesellschaft vor dem Abschiebegefängnis in Köpenick mit den Ordensleuten gegen Ausgrenzung.
Etwa 25 Mal haben wir Ordensleute gegen Ausgrenzung in den letzten Jahren Mahnwachen vor dem Abschiebegewahrsam in Köpenick gestaltet und durchgeführt.
Von diesem Standort aus lernten wir neu auf unsere Gesellschaft zu sehen:
Wir haben uns erinnert an unsere Mauererfahrungen in Berlin.
Wir stehen vor der Mauer um Europa. Hinter ihr sind die Menschen, die in diese Burg nicht vordringen dürfen. Sie sollen keinen Zufluchtsort bei uns haben.
Wir stehen an der bewaffneten Grenze unserer Gastfreundschaft.
Wir sehen wie Menschen in diesem Gefängnis in Käfigen gehalten werden.

Wir hören, dass Menschen als illegal bezeichnet werden, weil sie keine Papiere haben.
Wir wissen, dass etwa 100000 Menschen in Berlin ohne Papiere leben.
Wir freuen uns, dass 1400 versteckte Juden in Berlin die Hitlerzeit überlebten.
Wir freuen uns über jeden Riss in der Mauer der Abschirmung, jede Besuchsgelegenheit, jede riskierte Gastfreundschaft.
Wir freuen uns über jede Möglichkeit, trotz aller Angst, Mensch sein zu dürfen.

Die nächsten
Mahnwachentermine in Köpenick vor der Abschiebehaft (Grüntalerstr. 132)

Gerade kam am 21. Mai 2001 eine lesenswerte Schrift zu diesem Thema von der Deutschen. Bischofskonferenz heraus:
Leben in der Illegalität in Deutschland – eine humanitäre und pastorale Herausforderung.

Gefangenenbesuche
Jeder Besuch bei einem/r Gefangenen ist eine Chance, die Gnade dieser Besuche zu entdecken

hinter einer Glasscheibe- unter Einzel-Bewachung- im Zellentrakt
im großen Besuchsraum als Gruppe- als Mitgefangener für kurze Zeit Begegnungen im Rachen der Unmenschlichkeit,
eine Chance sich die Freiheit zum Handeln trotz angedrohter Repression schenken zu lassen,
eine Chance die Angst vor eigener Gefangenschaft ein wenig loszulassen.
Namen von Gefangenen, die jemand von uns kennt und an die er oder sie erinnern will: Hans, Rene, Frank, Harald, Torsten, Alexander, Heinz Günter, …….

 

Befreundete Gruppen:
JRS-Jesuitenflüchtlingsdienst
Pax Christi
Ordensleute für den Frieden
vor allem mit ihren regelmäßigen Mahnwachen
vor der Deutschen Bank in Frankfurt
Brot und Rosen in Hamburg
11. Die Freude an allen Befreiungswegen
Eine große Freude ist es für mich, wenn ich sehen darf, wie einzelne Menschen, Gruppen oder Völker Wege der Befreiung gehen – zumal wenn ich auf irgendeine Weise Anteil nehmen kann -,
also wenn sie Wege des Vergessens verlassen:
der Droge, des Geldes, der Macht, des Ansehens, des Besitzes, des Paternalismus, des Klerikalismus, der Co-Abhängigkeit, der Hierarchie, der Mutlosigkeit …und Wege der Heilung, des Erinnerns, der Umkehr, des Coming-outs gehen können, wenn sie mitten in ihrer Geschichte neu anfangen, hin zu hören und zu handeln. Das heißt für mich auch, leben zu lernen mit den Seiten und mit den Menschen, die nicht so geachtet werden, weil sie keine anerkannte Leistungen vorzuweisen haben.

Jeder Mensch hat ein Recht auf Verdrängung oder Flucht aber auch auf Rückkehr, wenn die Zeit dazu reif ist.
Ich begreife die Wege der Befreiung als Wege der größeren Einfachheit oder der größeren Armut, der größeren Offenheit vor Gott – mit welchem Namen auch immer.
Eine besondere Freude ist für mich die Begleitung von Exerzitien, in denen verborgene Identität zutage treten kann. In dem beigefügten Artikel sind einige Erfahrungen festgehalten.
(auch zu finden unter http://www.jesuiten.de – im Sektor Spiritualität unter Grundhaltungen suchen)

 

12. Erinnerung braucht Zukunft
Das Kirchentagsmotto 1999 hieß: Zukunft braucht Erinnerung. Aktion Sühnezeichen hat das Motto kritisiert, weil es auch von den menschenverachtenden Denkweisen benutzt werden kann. Sie stellten die Frage: Welche Zukunft braucht Erinnerung? Um diese Frage zu unterstreichen, haben sie das Motto umgedreht: Erinnerung braucht Zukunft. Sie erinnern daran: Geschichte ist gegenwärtig, z.B.
– jede Generation des jüdischen Volkes erlebt bis heute den Exodus aus der Sklaverei in Ägypten. Vergangenheit steht also vor nicht hinter uns, wir lassen sie nicht zurück;
– in dem psychologischen Dreischritt Erinnern, wiederholen, durcharbeiten wird die unbewusste Geschichte in der Arbeit mit der Erinnerung angeeignet.

Erinnern setzt Fantasie frei, Zukunft zu gestalten. Die Fantasie wird nicht mehr geknebelt durch Denk- und Sprechverbote aus tabuisierten Geschichtsabschnitten im persönlichen und gesellschaftlichen Leben.
Welche Visionen werden in uns auf dem Weg des Erinnerns freigesetzt? Wie wollen wir von ihnen erzählen, sie vernetzen und korrigieren, damit wir uns gemeinsam auf den Weg der Umsetzung machen können? Auf dieser Wand ist Raum, viele Aspekte der in uns schlummernden Visionen zu notieren.
Im 19. Jahrhundert wurde der frühkapitalistischen Form der Ausbeutung durch gewerkschaftliche und sozialistische Ideen und Kämpfe Widerstand geleistet. Betroffene haben mutig in ihrer Verzweiflung eine Bresche in unmenschliche Strukturen geschlagen.

Der Neo-Kapitalismus heute ist eine ähnlich Menschenopfer fordernde, weltweite Struktur, die uns oft unveränderbar erscheint. Sie ist eine Sklaverei und bedeutet für viele Menschen Heimatlosigkeit und Tod.
Ich erinnere mich z.B. an den Beginn des Kapitalismus, aber auch an die Sklaverei in Ägypten und suche nach den Visionen, die uns heute aus der Resignation führen können. Visionen, die uns vorausziehen und mit denen wir offener werden für eine menschenwürdigere Zukunft.
Wir können hinter dem Annehmen eines Schmerzes oder eines wichtigen Mangels unsere Sehnsucht entdecken.
Ich möchte mich mit dem Schmerz über die kolonialistische Grenzziehung quer durch alle Völker zur Absicherung der Ausbeutung vieler nicht abfinden – mir erscheinen viele Menschen sogar ganz abgeschrieben (nicht mehr ausbeutbar) und des Lebensrechtes beraubt.
Mit ihnen will ich nach der Würde aller Menschen suchen und dafür kämpfen.
Meine Hoffnung ist nicht eindimensional, ich kann nicht auf eine Idee alleine setzen.
Doch sie wird angestachelt von dem Wunsch nach Einheit in mir, mit anderen und mit der ganzen uns bewusstwerdenden Geschichte.
Meine Vision heißt Heilung, Respekt vor Trauer, während Totes losgelassen und Lebendiges neu angenommen werden kann.

 

 

Am Rande die Mitte suchen
Beim Treffen der europäischen Arbeiterpriester Pfingsten 2001 entwarfen die deutschsprachigen Arbeitergeschwister den folgenden visionären Text und legten ihn den 500 TeilnehmerInnen vor:

AM RANDE DIE MITTE SUCHEN
Wir machen mit vielen Kolleginnen und Kollegen zusammen die Erfahrung des Outsourcing und immer neuer Fusionen. Dadurch entzieht die Wirtschaft einem großen Teil der Bevölkerung weltweit die materielle Grundlage. Gleichzeitig zerstört sie die Gemeinschaft unseres Arbeitens und unseres Wiederstandes. Für die Flexibilisierten schafft die gleiche Wirtschaft auf der einen Seite Jobs mit hoher Leistungsverdichtung und vielen Überstunden und auf der anderen Seite Halb- und Vierteljobs, die häufig befristet sind. Viele hat sie in Arbeitslosigkeit ganz abgeschrieben.
Widerstand gegen diese menschenverachtende Praxis der Abhängigkeit und Ausgrenzung muss sich neu von der Basis der Arbeitenden, der Konsumierenden, der Menschen unterschiedlichster Begabungen weltweit finden und organisieren. Bei diesem Prozess der Wiederaneignung und der Entdeckung unserer schöpferischen Fähigkeiten möchten wir Arbeitergeschwister zusammen mit anderen Verbündeten unsere Erfahrungen einbringen. Wir wollen am Rand die Mitte suchen.
Wir wenden uns gegen das Opfern von Natur und Menschen auf dem Altar des Götzen Mammon; das Opfern von Älteren, von Jüngeren, von Kranken, von nicht marktgerecht Ausgebildeten. Jeder Mensch hat eine eigenen Würde.
Wir leben aus der ermutigenden Tradition der biblischen Befreiungsgeschichte. An diese Befreiung wollen wir mit unserem Engagement, mit unserem Leben zusammen mit den beiseite geschobenen Menschen aller Länder erinnern. Solidarisch mit hnen, ermutigt durch dieses internationale Pfingsttreffen, wollen wir, auch im Bewusstsein unserer eigenen Widersprüche und Grenzen, einen Weg gegen das Vergessen dieser Befreiung gehen.

 

Ich danke Euch allen, die ich Euch auf so unterschiedliche Weise kennen gelernt habe. Viel frohe Rückmeldungen habe ich nach dem Fest bekommen. Vielen Dank.
Courage haben mir die Franzosen immer gesagt, als ich vor 26 Jahren – fast ohne französisch zu sprechen – auf Arbeitssuche gegangen bin. Nach einem Monat fand ich dann welche.
Courage auf allen Euren Wegen zu mehr Menschlichkeit für jede und jeden.

Ganz herzliche Grüße

Christian

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