8.1.15 Tagebucheintrag

Heute jährt sich der Todestag von Franz Keller das erste Mal. Wir feierten einen Gottesdienst St. Michael (Kreuzberg), ihm zum Gedenken und ebenso für unseren Mitbruder Michael Walzer, dem er vor seinem Tod Ende Januar 1986 beistand.
Im zurückliegenden Jahr haben wir einige Monate um Franz nicht trauern können, weil die Dankbarkeit über sein – sich unter uns fortsetzendes – Leben alle Schmerzen vertrieben hat. Im Sommer wurde der Verlust aber deutlicher und ich reagierte auf die veränderte Lage. Besonders schmerzhaft wurde mir das Fehlen des Rückhaltes durch ihn, während der Krankheit einer jungen Frau in der Kommunität. In dieser Phase war ich einige Male zur Exerzitienbegleitung unterwegs. Ich staunte über die Umsichtigkeit der Kommunität. Dieser Engpass durch meine Abwesenheit öffnete mir die Augen. Ein Generationswechsel in der Kommunität Naunynstraße steht an. Wer will in den Reichtum, der hier vorhandenen Gemeinschaft ziehen und den Alltag mit Menschen in prekären Situationen teilen?

Menschen mit intensiven menschlichen Kontakten tagsüber sind meist überfordert, sich einem so dichten Zusammenleben, wie wir es praktizieren, in der Freizeit zu stellen. So sehr sich Jesuiten das auch wünschen mögen, die bisherigen Versuche haben diese Einsicht bestätigt. So denken die Verantwortlichen im Orden eher über eine Neugründung an einem anderen Ort nach. Außerdem muss jede Generation ihre eigenen Schwerpunkte und Vorgehensweisen finden. Manchmal ist dies an einem neuen Ort leichter.
Aber aus meiner Sicht ist zuvor eine Auswertung der Erfahrungen in den letzten 36 Jahren sinnvoll. Besonders wichtig waren bei der Gründung für uns die Aussagen im Dekret 4 der 32. Generalkongregation des Ordens (GK) „Unserer Sendung heute – Dienst am Glauben und Förderung der Gerechtigkeit -vor allem die Aussagen im Abschnitt „Die Solidarität mit den Armen“:
49. Oft schon unsere Herkunft, dann unsere Studien und unsere Bindungen schirmen uns vor der Armut ab, selbst vor dem einfachen Leben und seinen täglichen Sorgen. Wir haben Zugang zu Wissen und Macht, wie ihn die meisten Menschen nicht haben. Es wird darum nötig sein, dass eine größere Zahl der Unsrigen das Los der Familien mit bescheidenem Einkommen teilt, das heißt das Leben derer, die in allen Ländern die Mehrzahl bilden und oft arm und unterdrückt sind. Aufgrund der Solidarität, die uns Glieder der Gesellschaft Jesu sein lässt, und aufgrund unseres brüderlichen Austausches müssen wir alle durch die Mitbrüder, die unter den Ärmsten leben und arbeiten, dafür empfindsam gemacht werden, welches die Schwierigkeiten und Sehnsüchte der Besitzlosen sind. So werden wir lernen, uns ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen zu eigen zu machen. Nur so wird uns mit der Zeit wirkliche Solidarität gelingen.

50. Wenn wir geduldig und bescheiden unseren Weg mit den Armen gehen, werden wir entdecken, wie wir ihnen helfen können. Das wird nur dann gelingen, wenn wir uns eingestehen, dass auch wir von ihnen zu empfangen haben. Ohne geduldige, nicht übereilten Schritte stünde der Einsatz für die Armen und Unterdrückten im Widerspruch zu unseren eigenen Absichten und würde verhindern, dass diese ihre eigenen Erwartungen zu Gehör bringen und sich selbst die Voraussetzungen schaffen, um ihr persönliches und kollektives Schicksal wirksam in die Hand zu nehmen. Durch einen demütigen Dienst können wir sie dazu führen, inmitten der Schwierigkeiten und Kämpfe Jesus Christus zu entdecken, der in der Kraft seines Geistes wirkt. Dann können wir zu ihnen von Gott, dem Vater, sprechen, der die Menschen mit sich versöhnt, indem er sie zu einer geschwisterlichen Gemeinschaft führt.

Die zentralen Aussagen der 32. GK (1974/5) wurden von den nächsten GKen bestätigt und 1995 um die Stichworte Kultur und Interreligiöser Dialog erweitert.
Unsere Engagement durchlief einige Etappe. Auch der Hl. Geist griff einige Male in das Geschehen ein. Keiner von uns konnte die jetzt sichtbaren Früchte der Solidarität ahnen. Uns prägte zuerst die Zeit in den Betrieben. Es war ein Prozess der Menschwerdung für uns (vgl. Phil 2,6). Die manuelle Arbeit setzte uns frei, abends viele Gruppen aufzusuchen und später in der Kommunität auf besondere Weise gastfreundlich unsere Tür offen zu halten. Darüber wurden wir z.B. nach und nach zum „Hinterhaus“ des Jesuitenflüchtlingsdienstes, als wir Menschen beherbergten, die dort in der Härtefallkommission begleitet wurden und die bei einer Ablehnung im Schutz der Kommunität blieben. Aber auch Menschen in anderen Notlagen fanden bei uns eine Herberge, von der sie später wieder aufbrachen. Sie zeigten uns die täglich erlebten Schwierigkeiten in unserer Gesellschaft. Menschen aus über 70 Nationen lebten zeitweise bei uns.

Aber auch eigenen Schmerzen mussten wir uns stellen. Krankheiten, dem Tod von Michael Walzer und vieler anderer Menschen, der Teilung der Stadt, Arbeitslosigkeit und vieles mehr. Doch wir erlebten auch viel Erfreuliches, wie die Solidarität in (betrieblichen Konflikten, eine große Hilfsbereitschaft oder den Mut vieler Menschen.
Zu unserer Geschichte gehören folgende Erfahrungen:

– Mit unseren Mitbrüdern begleiteten wir junge Erwachsener in ihrem sozialen Jahr (JEV) und auch bei den MissionarInnen auf Zeit (MAZ) oder in der CAJ.

– Zusammen mit anderen Mitbrüdern unterstützten wir das regelmäßige Gebet vor der Abschiebehaft. Ebenso das interreligiöse Gebet auf einem zentralen Platz der Stadt jeden ersten Sonntag im Monat.

– Besonders bekannt wurde das Engagement „Exerzitien auf der Straße“, das in unserer Wohnung begann und jetzt schon in mehreren Ländern praktiziert wird. Damit nehmen wir in unserem Umfeld mit viel Zuspruch darüber hinaus die Praxis auf, die Ignatius in Manresa entdeckte und deren Früchte im Exerzitienbuch und Pilgerbericht festgehalten sind. Es ist unser spiritueller Weg des Gottfindens in allen Lebenssituationen: im Alltag, der Versenkung und im Pilgern. Darüber sind zwei Bücher und einige Artikel entstanden.

– Heute versammeln sich in unserer Kommunität nicht nur Menschen in materiellen oder aufenthaltsrechtlichen Notlagen sondern auch in religiösen, die mit den Exerzitien in unserer Mitte Unterstützung finden und unserem eigenen Suchen eine neue Ernsthaftigkeit schenken.

– Häufig begleite ich Exerzitien in evangelischen Kirchen, auch von Menschen anderer Religionen. Das Buch über unser Engagement „Brücken bauen“ ist in einem buddhistischen Verlag erschienen.

– Auf vielfältigen Wegen fanden wir Kontakt und richteten samstags ein offenes Frühstück ein. Dort treffen sich ungeplant Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern. Sie finden zu einem grenzüberschreitender Austausch.
Soll ich die Kommunität beschreiben, dann fällt mir eine Erfahrung der Jüdischen Gemeinschaft im Mittelalter ein, die Wohnungen oder Häuser vor den Toren für Menschen unterhielten, die in die Stadt nicht eingelassen wurden: Hedesch.

Auch wir leben manchmal am Rande der staatlichen Legalität. Wir kommen Fragestellungen außerhalb des Main-Street nähe. So setzten wir uns für den Kontakt mit Gefangenen ein – auch mit jenen aus der RAF – oder für die Betroffenen des sexuellen Missbrauchs, worüber im Zusammenspiel mit Mitbrüdern das Buch „Unheilige Macht“ entstand.

Heute suche ich Männer und Frauen, die mit neuen Ideen das begonnene Engagement fortsetzen wollen, nämlich das Leben auch mit ihnen fremden Menschen immer wieder neu zu teilen, also ggf. mit offener Tür zu leben. Ich suche bei Ordensleuten und anderen Menschen, die wenigstens zum Teil einen tragenden Hintergrund haben. Dieser gibt Rückhalt in schwierigen Situationen. Eine Verantwortliche aus der Bewegung ATD-Vierte Welt meldete Interesse an, das aber leider nicht weiterführte.
Einge Mitdenkende und am Leben unserer Kommunität Interessierten wollen sich erstmalig am 30. Januar 15 treffen und mit uns über einen Weg in die Zukunft nachdenken.

Ich bitte um Euer Gebet für diesen lebendigen Ort des Teilens, wie er von vielen Menschen erlebt wird.

Christian Herwartz

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