Wohngemeinschaft Naunynstraße * Jesuitenkommunität Berlin-Kreuzberg

Kontakt:
Naunynstraße 60
10997 Berlin
Tel/fax ++49-30-6149251
Wer wohnt in der WG?
Abbas (Pakistan), Christian (Deutschland), Farouk (Afghanistan), Franz (Schweiz), Kenn (England), Phillipe (Kamerun), Peter (Vietnam), Ramon (Syrien), Stefan (Deutschland/Vietnam), Vera (Schweiz), wohnten vor einigen Jahren hier. An der Belegung ändert sich schnell mal etwas. Außerdem gehören zu der WG noch viele Menschen, die hier ein- und ausgehen, hier einmal wohnten oder nur kurz hereingeschaut haben. Eine starre Grenze zwischen Gästen und Bewohnern/Nachbarn ist zu unserer Freude schwer auszumachen und nicht gewollt. So können hier noch viele genannt werden: André, Angelika, Bernhard, Camillo, Christian, Dörthe, Helma, Hanns, Johanna, Karl, Katja, Klaus, Maria, Miriam, … und viele andere.

Wir sind ganz normale Leute in einer ganz normalen Wohnung mit ganz normalen Nachbarn. Aber was ist normal? Afrikanische, asiatische, orientalische, … Gastfreundschaft? Durch die internationale Mischung der Abstammungen der Bewohner und Gäste und durch die internationalen Beziehungen der jetzt noch zwei Jesuiten in der Wohngemeinschaft ist von allem das Gefühl da: Hier sind wir zuhause und auch frei, weiter zu ziehen, wenn es dran ist.

Die Bewohner der Naunynstraße und Freunde

Am 1. April 2008 ist in der Rubrik ‚Feature‘ im Deutschlandfunk unter dem Titel
‚Soldat Gottes im Kiez‘ von Peter Kessen über unsere Kommunität berichtet worden. http://www.dradio.de/download/82514/
Das Manuskript ist beim Sender erhältlich.

Artikel von Vera Rüttimann in Neue Wege
http://www.veraruettimann.com/pub/artikel_39.pdf

Buchbesprechung „Gastfreundschaft“ von Ewart Reder
http://www.poetenladen.de/ewart-reder-fremd-im-eigenen.htm

Radiosendung der Deutschen Welle 12.1.2011
Aus dem Alltag der Wohngemeinschaft
zu finden im 2. Teil der Sendung (nach 5:15 Min.)

Ignorieren ist keine Toleranz – Sendung des SWR2 vom 5.2.2012 | 12.05 Uhr
Jantje Hannover – Der Jesuitenpater Christian Herwartz und seine ungewöhnliche Wohngemeinschaft

 

Arbeitergeschwister
Im Zweiten Weltkrieg sind Menschen aus ganz Europa zur Arbeit in Deutschland gezwungen worden. In dieser schwierigen Zeit durfte kein Priester aus dem Heimatland die Arbeiter und Arbeiterinnen begleiten. Seelsorge war verboten; zuwiderhandelnde Priester wurden nach Dachau ins Konzentrationslager gebracht.

Trotzdem meldeten sich französische Theologiestudenten und Priester als Arbeiter nach Deutschland. Sie waren in unterschiedlichen Betrieben beschäftigt und teilten das oft sehr harte Leben ihrer Landsleute, suchten sie in ihren Unterkünften auf, organisierten Hilfe und feierten mit ihnen im Verborgenen Gottesdienst. Einer von ihnen war Henri Perrin. Seine Aufzeichnungen aus den Jahren 1943/44 sind auf deutsch unter dem Titel „Tagebuch eines Arbeiterpriesters“ veröffentlicht und von vielen gelesen worden. Wir können ahnen, wie Christen in dieser urchristlichen Situation inmitten der Katastrophe das Geheimnis des Glaubens neu entdeckt haben.

Auch schon vor dem Krieg versuchten in Frankreich Intellektuelle, das Leben der Arbeiter zu teilen, um es besser zu verstehen und um für eine gerechtere Welt zu kämpfen. Ein Beispiel dafür ist die Philosophin Simone Weil, deren „Fabriktagebuch“ ebenfalls auf Deutsch herausgekommen ist.

Nach dem Krieg wollten einige Priester das Leben als Arbeiter fortsetzen, weil sie so denjenigen Menschen näher bleiben konnten, deren Stimmen in der Gesellschaft nicht hoch geschätzt wurden. Sie organisierten sich mit den Kolleginnen und Kollegen in den christlichen Organisationen der jüngeren und älteren Arbeiter und ihren Familien – der CAJ und KAB in gewissem Sinn vergleichbar -, in den Gewerkschaften und den dazugehörigen Parteien, nämlich vor allem der sozialistischen und der kommunistischen.

Da bekamen einige der christlichen Arbeitgeber und Verantwortliche in der Kirche Angst, dass diese Priester kommunistische Agitatoren würden und nicht mehr das Evangelium so verkünden, wie sie es gewohnt waren. Die Lebenssituation verändert ja immer das Hören auf die Frohe Botschaft Gottes und lässt in ihr Neues entdecken. Der Ruf nach Gerechtigkeit wird entschiedener und die Anwesenheit des Heiligen Geistes wird im Alltag unter vielen Namen deutlicher erfahren. – 1953 wurde dieser Weg der Arbeiterpriester vom Papst weitgehend verboten.

Doch die ermutigenden Erfahrungen waren nicht mehr beiseite zu schieben. Viele Ordensleute und andere Menschen waren ähnliche Wege gegangen und hatten ihren Glauben und ihre soziale Verantwortung neu entdeckt. Manche Priester arbeiteten weiter in der Industrie oder anderswo; viele unterstützten die Aufhebung des päpstlichen Verbotes. Es wurde immer deutlicher, wie sehr das eigene Land ein Missionsgebiet ist, wo es menschliche Werte unter den „Kirchenfernen“ zu entdecken und zu achten gibt. Die Solidarität im menschlichen Suchen war als einigendes Band zwischen allen Menschen entdeckt.

Während des II. Vatikanischen Konzils wurde 1966 das Verbot aufgehoben und hunderte von Priestern nahmen mit Zustimmung ihrer Bischöfe und Ordensoberen eine manuelle Arbeit ganztags auf. Dazu kamen viele, die halbtags arbeiten gingen. Einer von ihnen wurde zum Bischof geweiht. Mindestens 800 Priester haben in Frankreich einen solchen Schritt getan. Eine ähnliche Entwicklung gab es in Spanien, Italien und Belgien. Viele Ordensschwestern und andere engagierte Menschen gingen ähnliche Wege.

Heute sind die meisten dieser Priester mit ihren Kolleginnen und Kollegen auf Rente. Jüngere gehen diesen Weg der Inkulturation unter den von der Gesellschaft beiseitegeschobenen und abgeschriebenen Menschen an unterschiedlichen Orten weiter, indem sie ihr Leben mit ihnen teilen. Weil sich in den letzten vierzig Jahren die Arbeitsplätze, die Rolle der Gewerkschaft und der Kirche geändert haben, mussten Jüngere oft neue Wege gehen. Aber es bleibt wichtig, jede Überheblichkeit, jeden Paternalismus abzulegen und die Gleichheit mit allen Menschen zu suchen, um so der Menschwerdung Gottes unter uns nachzugehen und sich auf den Weg Jesu einzulassen.

Auch in Deutschland haben einige aus religiösen und sozialen Gründen ihren gesellschaftlichen und kulturellen Standort verlassen und eine manuelle Arbeit aufgenommen. Sie treffen sich seit fast 30 Jahren zweimal jährlich zum Austausch ihrer Erfahrungen. Der Kreis nennt sich Arbeitergeschwister und beherbergt evangelische und katholische Christen, Alleinstehende und Verheiratete, Priester und Ordensleute.

Was sehen wir auf Grund unserer Erfahrungen neu in der Gesellschaft, in der Kirche und wie ändert sich unser Engagement? Das sind Grundfragen des Austausches dieser etwa 50 Menschen aus Deutschland und der Schweiz. Das Erzählen, Nachfragen und gemeinsame Feiern der Geheimnisse des Glaubens sind für alle wichtig zur Stärkung auf dem eingeschlagenen Weg, aber auch um sich Gott immer neu anzuvertrauen, jede und jeden dorthin weiterzuführen, wohin Gott vorausgeht und uns ruft.

Christian Herwartz, veröffentlicht in der Jugendzeitschrift „17“
Ordensleute gegen Ausgrenzung
Gebets- und Mahnwache vor der Abschiebehaft
in Berlin-Köpenick, Grünauerstr. 140, nahe Haltestelle Rosenweg Tram 68
(Verbindung zwischen S-Bahn Grünau und S-Bahn Köpenick)

Die wieder neue Frage: WARUM STEHEN WIR AN DIESEM ORT?

Im vorbereitenden Gespräch stießen wir auf diese Frage. Einige Erfahrungen verwirren uns; sie sind schwer auszudrücken. Der Unterschied zwischen „gut“ und „böse“ ist nicht immer so leicht auszumachen, nach dem Motto: „gut“ sind die, die drinnen sitzen, „böse“ sind die, die einsperren. Aus Gesprächen erfahren einige von uns auch, dass Menschen das Risiko der Abschiebehaft schon in ihrer Heimat genau kennen und trotzdem nach Deutschland kommen. Das „Spiel“ mit dem eigenen Leben und mit der Inhaftierung hat einen verzweifelten Charakter. Wie viel Verzweiflung, muss da sein, um ein solches „Spiel“ zu spielen?

Aber eben auch: Wie viel Not und wie viel Lebenswille ist im Spiel? Wir stehen mitten in einer neuen Völkerwanderung. Die Globalisierung, die Beschleunigen der Zeiten und die Verkürzung der Räume auf unserem Planeten, die wir selbst gemacht haben, ermöglicht Bewegungen von Völkern über den gesamten Globus. Flugzeug, Schifffahrt und Eisenbahn bringen eben nicht nur Touristen an ferne Traumstrände, sondern auch Flüchtlinge und Einwanderer zu uns. Das ist ein unaufhaltsamer Prozess des Zusammenkommens von Menschen und Völkern. Wir stehen mitten in dieser Flut von Menschenströmen. Die Abschiebehaft zeigt uns diese andere Seite der Globalisierung, den vergeblichen Versuch, Menschen und Völker durch Mauern an der Einreise zu hindern.

So verschob sich im Laufe des Gespräches die Eingangsfrage: Auf welchem Fundament stehen wir mitten in dieser Völkerwanderung über den Globus? In einigen Jahrzehnten wird sie das Gesicht unseres Landes grundlegend verändert haben. Daran wird auch die Abschiebehaft und die politische Strategie, für die sie steht, nichts ändern, im Gegenteil: Sie erschwert – und wird erschweren – die Begegnung der Völker auf dem Globus in Menschlichkeit.

Berlin, den 16.3.2007

 

Seit September 1995 trifft sich die Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ regelmäßig vor der ehemaligen Frauenhaftanstalt der DDR. Sie wurde für 26 Millionen DM zur Abschiebehaftanstalt für 350 Personen umgebaut und im Oktober 1995 eröffnet. Für manche Menschen ohne deutschen Pass ist der Aufenthalt nur von kurzer Dauer, andere können dort – und zwar nicht wegen eines kriminellen Delikts – bis zu 1,5 Jahren inhaftiert werden. Menschen aus allen Kontinenten – vorwiegend aus Afrika, Asien und Osteuropa – befinden sich in Abschiebehaft. Auch Jugendliche, Schwangere, Eltern von kleinen Kindern, psychisch und physisch Kranke sind unter ihnen. Die Bedingungen, unter denen sie untergebracht sind, entsprechen weitgehend denen einer Strafhaft. Hinzu kommt ein extremer psychischer Druck durch die Unsicherheit, wann und wie die Haft enden wird: mit Abschiebung oder Entlassung.

Gegen die unwürdige Behandlung dieser Menschen in Not protestieren wir und denken an diesem herausfordernden Ort – also vor den Mauern des reichen Europas – über unsere Gesellschaft nach. Die Inhaftierten sollen aus Europa verschwinden, sollen vor den Mauern Europas leben. Die Grenze nach Polen ist nahe. Wir wissen, dass dort immer wieder Menschen beim Grenzübertritt sterben, ähnlich wie an der alten Berliner Mauer.

Wir stehen vor diesen Gefängnismauern mit unseren Grenzerfahrungen, mit unserem Ärger und Schweigen. Sind wir nun vom europäischem Festungsdenken starr geworden? Oder bereiten wir uns darauf vor, diese Mauern zu sprengen, und alle anderen unsichtbaren Mauern in unserer Gesellschaft? Die Mauern des Rassismus, der Ausbeutung, der Verachtung, der Besitz- und Einflusssicherung, …?

Bei den Mahn- und Gebetswachen

hören wir die Geschichten der Gefangenen und sehen das Gefängnis;
stellen wir uns der Not der Inhaftierten, aber auch unserer eigenen Not angesichts des Unrechts deutscher Behörden, politischer Richtlinien, „Volksmeinungen“, … und unserer Hilflosigkeit, darauf angemessen zu reagieren;
singen wir und lesen aus der Bibel;
dann werden wir still und hören auf unser inneres Verlangen;
wir tauschen uns über die biblische Hoffnung aus;
nennen unsere Gefühle, suchen nach Symbolen unserer Klage und unseres Gebetes;
singen und bitten um Gottes Segen gegen das Vergessen und für den Mut, das zu tun, was jeder und jedem an seinem Ort möglich ist, damit unser Land einmal wegen seiner Gastfreundschaft gepriesen wird und wegen seines Einsatzes für mehr Gerechtigkeit zwischen den Völkern und Nationen ohne Rücksicht auf Rasse und Geschlecht.
Wir laden ganz herzlich dazu ein, mit uns etwa eine Stunde vor diesen Mauern zu stehen:

2013
Karfreitag 29.3. 15 Uhr vor der Abschiebehaft Köpenick (Adresse oben)
Samstag 1.6. 15 Uhr vor der Abschiebehaft Köpenick (Adresse oben)
Donnerstag 3.10. 15 Uhr vor dem neuen Flughafengefängnis (Nähers unter http://flughafenverfahren.wordpress.com/)
Samstag 7.12. 15 Uhr vor der Abschiebehaft Köpenick (Adresse oben)

Nach den Mahnwachen besteht meist die Möglichkeit, Gefangene zu besuchen!
Bitte für die Besuche gültige Ausweispapiere und ggf. ein Geschenk mitbringen.
Zum Beispiel:

Pre-paid-Telefonkarte,
Obst,
verpackte Lebensmittel,
Zigaretten,
Kleidung
Kontakt: Christian Herwartz, Tel/Fax 030-6149251,
e-mail: Christian.Herwartz@jesuiten.org

 

Links
„Training im Hinsehen“ Franziskanermission Seite 18/19

Grenzgänge in Berlin: Ordensleute auf den Spuren der Ausgegrenzten

Wege mit Franziskus 2/2008 Seite 24 – 27

Reisebericht mit Mahnwache vor der Abschiebehaft

Sven Schlebes – „Das Leben hier ist reich.“

 

Christian Herwartz
Mahnwachengottesdienste – ein Training im Hinsehen
In allen Bundesländern stehen versteckt Haftanstalten, in denen Männer und Frauen bis zu 18 Monaten einsitzen, die wegen keiner Straftat angeklagt sind. Die Ausländerbehörde möchte sie außerhalb der Grenze fliegen, welche die im Schengener Abkommen zusammengeschlossenen Länder Europas um sich gezogen haben. Sie wird militärisch gesichert. An ihr sterben jedes Jahr tausende von Flüchtlingen, die sie aus unterschiedlichen Gründen passieren wollen.

Ein großes Polizeigewahrsam für Frauen und Männer steht in Berlin-Köpenik. Die Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ lädt seit 1995 regelmäßig zu einem Mahnwachengottesdienst vor dieser Abschiebehaftanstalt ein. Das Gebäude ist ein ehemaliges DDR-Gefängnis am Stadtrand.

Wir stehen vor den Mauern, die für uns ein Teil der Mauer um Europa ist. Denn die hier festgehaltenen Menschen sollen außerhalb dieser Mauern leben. Am Anfang unserer Zusammenkunft informieren wir über die Situation in der Haftanstalt und aller Flüchtlinge in unserer Stadt, besonders aber der Menschen ohne Pässe. Sie leben in der Angst, deshalb inhaftiert zu werden. In Berlin sind es etwa 100.000 Mitbürger und Mitbürgerinnen, bundesweit etwa eine Million. Wir erfahren von Menschen in der Haft, die nicht abgeschoben werden können, weil die Heimatländer grundsätzlich keine Abschiebungen dulden. Sie sitzen dort – wie die Behörde sagt – zur Abschreckung. Sie will damit die Fluchtbewegungen eindämmen. Die Ursachen sehen wir in politischen Notlagen und dem Reichtumsgefälle. Die Einreiseverweigerung soll diese Abhängigkeit zementieren. Gleichzeitig wird ungehinderter Geld- und Warenfluss gefordert und für uns Europäer Reisefreiheit. Vor diesen Widersprüchen stehen wir im Gebet vor der Haftanstalt, singen und hören meist einen biblischen Text.

Wir Berliner haben traumatische Mauererfahrungen. Hier stehen wir wieder vor einer solchen Mauer. Der Wachturm der Haftanstalt ähnelt den Wachtürmen an der Berliner Mauer. Die realsozialistische DDR wollte sich von dem kapitalistischen Westen abschirmen. Diese Mauer ist gefallen. Wir bitten in unseren Gebeten um das Fallen dieser neuen Unrechtsmauer in unserer Stadt. Dabei sehen wir all die anderen gesellschaftlichen Mauern deutlicher, auch die Mauer zwischen den USA und Mexiko und anderswo. Wie oft rechtfertigen und unterstützen wir – vielleicht ungewollt – diese das Leben eingrenzenden „Bauwerke“?

Wenn diese Mauer fällt, dann ist unsere Gastfreundschaft neu gefragt, die im Moment durch staatliche Maßnahmen einschneidend behindert wird. Andere Staaten ahmen die Abgrenzungspolitik nach und grenzen uns aus. Die Freizügigkeit zu schützen, wäre eine gesellschaftlich Aufgabe und nicht sie zu verhindern. Diese Gedanken und Gebete kommen uns angesichts des Gefängnisbaues. Manchmal winken uns die Menschen von dort zu.

Bei dem Mahnwachengebet stellen wir ein Symbol in unsere Mitte. Einmal war es eine Liege und ein Stuhl. Wenn die Mauer fällt, dann brauchen die jetzt Inhaftierten Wohnraum und vieles mehr. Wünschen wir – auch mit diesem Eingriff in unseren Alltag – wirklich den Fall der Gefängnismauer hier in Berlin-Köpenik und rund um Europa, in der wir alle eingeschlossen sind? Mit dieser Frage verteilen wir uns auf dem Vorplatz, winken den Gefangenen zu und werden etwa eine Viertelstunde still. Oft ist diese Stille schwer aushaltbar. Einsichten tauchen auf, die wir sonst schnell beiseite schieben.

Dann kommen wir alle wieder zusammen, tauschen uns über die spontanen Gefühle und Einsichten aus, beten und bitten um den Segen Gottes. Einige von uns besuchen anschließend Gefangene. Doch bevor wir gehen, singen wir über die Mauer zu den Gefangenen mit unserer ganzen Hoffnung: „We shall over come“.

 

Zurück im Alltag erkennen wir die Illusion noch deutlicher, Reichtum mit einer Mauer sichern zu wollen. Die Trennung von reich und arm im Land wird deutlicher. Auch bei uns leben die Menschen in einer ersten und immer mehr in einer vierten Welt. Kinderarmut nimmt zu. Schutzrechte werden abgebaut und im Grundgesetz verankerte Menschenrechte durch Verwaltungsanweisungen begrenzt.

Viele Probleme unseres Alltags überfordern uns und wir sehen weg. Dann ist es gut, wieder an die Mauern der Abschiebehaft zurückzukehren und die Not der Opfer zu ahnen, biblische Erfahrungen zu hören und still zu werden vor dieser großen Monstranz, die ja jedes Gefängnis ist. Jesus hat uns vorausgesagt, dass er in den Gefangenen anwesend ist (Mt 25,36). Am Anfang seines öffentlichen Wirkens verkündete er in seiner Heimatstadt Nazaret, dass er gekommen sei, Gefangene und alle Zerschlagenen in Freiheit zu setzen (Lk 4,18).

Interreligiöses Friedensgebet auf den Straßen von Berlin

immer am 1. Sonntag eines Monates auf dem Gendarmenmarkt
Nähere Informationen unter
http://www.friedensgebet-berlin.de

INTERRELIGIÖSES GEBET BERLIN
ENTSTEHUNG UND VERLAUF
Das „Interreligiöse Friedensgebet Berlin“ geht auf eine Einladung zurück, die nach den Anschlägen vom 9.11.2001 in New York ausgesprochen wurde. Der Kreis, der sich daraufhin in den Räumen der Gemeinde deutschsprachiger Muslime und gelegentlich auch im Canisius-Kolleg traf, beriet lange über Fragen des eigenen Selbstverständnisses sowie über mögliche Formen und Orte eines Gebetes der Religionen in Berlin. Das erste Gebet fand im Mai 2002 statt. Nach einigen Experimenten und Erfahrungen ergab sich eine Struktur, in der wir nun seit Oktober 2003 regelmäßig beten:

Wir versammeln uns jeden ersten Sonntag im Monat auf dem Gendarmenmarkt in Berlin, und zwar vor dem Deutschen Dom. Manchmal sind wir eine sehr kleine Gruppe, manchmal sind wir 30 bis 40 Personen. Auf den unteren Stufen des Domes wird ein Plakat entfaltet, auf dem weithin lesbar steht: „Interreligiöses Friedensgebet Berlin – betend den Mut finden zu sprechen.“ Das Plakat bleibt während des ganzen Gebets, das etwa eine Stunde dauert, entfaltet. Eine Person aus dem Kreis verteilt an vorübergehende Passanten Zettel, auf denen die Gruppe sich und das Thema des Gebetes vorstellt. Die anderen Personen stehen in offenen Halbkreis, so dass Interessenten auch spontan hinzutreten und wieder weggehen können.

Das Gebet wird von einem Teilnehmer eröffnet und am Ende auch von diesem abgeschlossen. Zwischendurch gibt es keinen festen Verlauf oder geplante, vorbereitete Texte. Vielmehr sind alle Teilnehmenden eingeladen, ein Gebet zu sprechen, das ihnen auf dem Herzen liegt oder das sie mitgebracht haben. Nach jedem Gebet – oder auch nach jeder längeren Phase gemeinsamen Schweigens – wird ein Lied angestimmt, das textlich offen ist, so dass alle oder doch möglichst viele es mitsingen können, zum Beispiel eine Melodie mit dem einfachen Wort „Shalom/Salam“ oder andere, ähnlich offene Gesänge. Wenn größere Gruppen von Passanten stehen bleiben, kann es auch sein, dass einer die Gruppe mit lauter Stimme vorstellt: „Wir sind eine Gruppe von Menschen aus verschiedenen religiösen Traditionen: Juden, Christen, Muslime, Hindus, Buddhisten, Sikhs, und auch religiös suchende Menschen ohne spezielle Religionszugehörigkeit.“ Manchmal stellen sich Passanten hinzu. Aber ansonsten bleiben die Betenden vor allem dem Gebet zugewandt und nicht der Wahrnehmung dessen, was auf dem Platz passiert.

Zwischen den Gebeten trifft sich die Vorbereitungsgruppe ebenfalls monatlich – in der Regel in der Gemeinde der deutschsprachigen Muslime -, um über die Erfahrung des letzten Gebetes zu sprechen und auf Grund der aktuellen privaten oder politischen Ereignisse nach Themen zu suchen, die beim nächsten Gebet im Mittelpunkt stehen könnten. Die Einladung zu diesem Auswertungs- und Vorbereitungsgespräch ist offen. Am Ende wird ein Gesprächsprotokoll verfasst, das auf dem Zettel abgedruckt wird, der beim nächsten Gebet verteilt wird. Die meisten dieser Protokolle sind einsehbar auf einer Homepage: www.friedensgebet-berlin.de

 

PROZESSE
Das erste Gebet fand anlässlich des Besuches des amerikanischen Präsidenten nach dem 11. September 2001 in Berlin statt. Es folgten die Anti-Irak-Krieg-Demonstrationen im Oktober 2002 und Januar 2003. Unsere Gebete fanden auf der Bühne des Gendarmenmarktes statt: Im Anschluss an die offiziellen Demonstrationsredner stiegen wir auf die Bühne, einige von uns an der Kleidung erkennbar als Amtspersonen unserer jeweiligen Religionsgemeinschaften. Die äußere Erkennbarkeit hielt noch einige Zeit bei weiteren Gebeten an; sie war auch ein Blickfang für Journalisten. Einmal wurde sogar ein Artikel veröffentlicht mit dem Titel „Heilige Männer …“ Auf die Dauer nahmen wir aber Abstand von der offiziellen Kleidung. Alle stehen jeweils für sich als Christ, Hindu, Jude oder Muslim im Gebet und bringen das auf die Weise zum Ausdruck, die ihnen am angemessensten erscheint.

Von Anfang an war klar, dass es beim interreligiösen Gebet nicht darum gehen kann, von den Beteiligten einen kleinsten gemeinsamen theologischen Nenner im Gebet zu erwarten, auf den sie sich dann im Gebet zu beschränken haben. Schon der Begriff des „interreligiösen Gebets“ oder die Möglichkeit eines gemeinsamen Gebetes ist ja in einigen Religionsgemeinschaften umstrittenen. Aus christlicher bzw. katholischer Perspektive war der Bezug auf das Weltgebetstreffen in Assisi hilfreich, “ … das Gebet im Rahmen einer multireligiösen Begegnung, bei der Gebete verschiedener Glaubensgemeinschaften neben- oder nacheinander vollzogen werden. Während die Vertreter einer Glaubensgemeinschaft ihr Gebet vollziehen, hören die anderen Teilnehmer in respektvollem Schweigen zu.“ „Respektvolle Gegenwart“ ist möglich, auch wenn die Unterschiede, die nicht nur nebeneinander, sondern auch gegeneinander stehen, im Gebet des jeweils anderen hörbar oder spürbar werden.

So entschieden wir uns relativ zügig für den Vorrang der Praxis des Gebets vor einem theoretischen Konsens über theologische Fragen. Unser Ziel ist weniger der Dialog als vielmehr das Gebet selbst sowie die Offenheit dafür, dass in dem Gebet etwas wächst, was dann gemeinsam benannt werden kann. Zwar riskiert die Erklärung zum eigenen Selbstverständnis, die in den letzten fünf Jahren jedes Mal auf der Rückseite des aktuellen Handzettels stand und ausgeteilt wurde, auch eine gemeinsame theologische Sprache über den Begriff „des Heiligen“ (Neutrum), aber die Zustimmung zu diesem Text ist nicht einfach die Basis der Gemeinsamkeit der Betenden. Vielmehr ist das Gebet selbst zusammen mit der respektvollen Gegenwart die eigentliche Basis.

 

1. Gebet und Predigt
Schon bald zeigte sich, dass die einzelnen Mitglieder des Kreises für sich und vor der Gruppe einige Dinge klären mussten. Eine erste Frage betraf das Verhältnis von Gebet und Predigt. Einige waren der Meinung, dass das Gebet in den sakralen Raum gehört und die Predigt in den öffentlichen Raum; somit müssten wir mit einer Botschaft an die Öffentlichkeit treten, wenn wir auf Straßen und Plätzen interreligiös präsent seien. Die Gegenposition bestand auf dem Gebetscharakter der Zusammenkunft: Die Betenden sprechen nicht zu Passanten oder zu einer als präsent vorgestellten Öffentlichkeit, sondern zum Himmel; selbst wenn das Gebet in seiner faktischen Wirkung etwas im Umfeld der Betenden und für diese bewirkt, so treten doch die Betenden absichtslos vor Gott, absichtslos in Hinblick auf etwas, was sie bei den Umstehenden erreichen wollen.

Diese erste Meinungsverschiedenheit führte dazu, dass uns einige verließen, die dieser Konzeption nicht zustimmen konnten. Umgekehrt klärte sich in dieser Anfangsphase ein erster Punkt für alle. Christlich ausgedrückt: Gebet ist Umkehr des Betenden zu Gott. Es ist nicht die Aufforderung an die anderen, zu Gott umzukehren. Es kann einem Betenden auch der Auftrag gegeben werden, anderen die Umkehr zu predigen. Aber das Hören dieses Auftrages setzt das Gebet voraus, und um dieses geht es zuerst einmal.

 

2. Loyalitäten
Ein nächste Klärung bzw. Scheidung ergab sich aus der Loyalitätsproblematik „nach hinten“, in der alle, die an dem Gebet teilnehmen, auf die eine oder andere Weise stehen. Besonders eklatant und schmerzlich brach sie einmal auf, als der jüdische Rabbi und der palästinensische Scheich ihre Teilnahme an dem Gebet in der Beziehung zu ihren Herkunftsgruppen „nach hinten“ nur dadurch rechtfertigen konnten, dass sie jeweils Stellung nahmen zum israelisch-palästinensischen Konflikt. Die Situation drohte daraufhin innerhalb der Gebetsstunde zu eskalieren.

In langen Gesprächen wurde deutlich, dass einzelne Teilnehmer sich der Loyalitätsfrage „nach hinten“ nicht entziehen konnten. Es fielen Sätze wie: „Wenn dieser oder diese geht, dann kann ich nicht bleiben,“ oder: „Wenn diese oder jener zu der Gruppe gehört, dann kann ich nicht mehr kommen.“ Es war uns wichtig, die Loyalitätskonflikte ernst zu nehmen und zu respektieren, zumal es aus allen religiösen Gruppen und Gemeinschaften die Erfahrung gibt, dass Grenzen der Loyalität nach allen Seiten hin existieren, die mit Lebensentscheidungen und Zugehörigkeiten zu tun haben. So kann etwa ein Seelsorger, der einen Täter begleitet, nicht zugleich als Tröster des Opfers auftreten – und umgekehrt. Damit ist die Hoffnung auf Versöhnung und Einheit zwar nicht verloren, aber sie kann jetzt noch nicht durch das eigene Verhalten vorweggenommen werden. Einige verließen uns dann schließlich wegen dieser für sie höheren Loyalitäten.

Für das Gebet selbst blieb aus diesem Konflikt eine wichtige Konsequenz: Wir unterscheiden in unserem Gebet und in unseren Fürbitten nicht zwischen Opfern und Opfern – denen, die erwähnt werden dürfen, und denen, über die man schweigen muss; denen, die beklagt werden, und denen, die gerechtfertigt werden. Die Opfer terroristischer Gewalt dürfen ebenso genannt werden wie die Opfer staatlicher, militärischer oder schlicht krimineller Gewalt. Die einen Opfer zu erwähnen mag von der „anderen Seite“ als Provokation verstanden werden, aber diese Provokation muss dann eben ausgehalten werden.

 

3. Abgrenzungen
Doch es gab und gibt auch die umgekehrte Fragestellung: Wen lassen wir zu unserem Gebet nicht zu? Der Begriff „Sekte“ schien uns nicht auszureichen, um eine Ausgrenzung zu rechtfertigen. So wird zum Beispiel die in China verfolgte Falung-Gong-Bewegung gerne und unreflektiert als „Sekte“ bezeichnet. Wir haben sie hingegen gerne zu unserem Gebet eingeladen. Ein anderes Mal trafen wir uns zu einem Gebet im Zusammenhang mit dem Konflikt um den Bau der Ahmadiyya-Moschee in Pankow; hier war es immerhin wichtig, den Schein der interreligiösen Harmonie dahingehend zu durchbrechen, dass auf die schmerzlichen Erfahrungen hingewiesen wurde, die Menschen in Pakistan mit der Ahmadiyya-Bewegung gemacht haben und machen. Schließlich kam es zu einer Auseinandersetzung in unserer Gruppe, als sich einer der Teilnehmer zu einem interreligiösen Treffen einladen ließ, das von der „Vereinigungskirche“ des Sang Myung Mun, umstritten auch als „Mun-Sekte“ bekannt, organisiert wurde.

Im interreligiösen Gespräch war für die Frage der Zulassung zum Gebet das Thema der Opfer wichtig. Das Ausgrenzungskriterium ergibt sich aus dem Ausgrenzungsverbot: Wenn es nicht gestattet ist, Opfer gegen Opfer auszuspielen, so gilt andererseits, dass die in unserem Gebet vertretenen Religionen vereint sind in der Hoffnung auf eine opferfreie Welt. Wo Menschenopfer im Gebet oder anders religiös gerechtfertigt werden, ist eine Grenze, die uns als Gruppe des interreligiösen Gebets unterscheidet. Dies gilt sowohl für Grenzziehungen gegenüber religiöse Gruppen als Ganzen wie auch für Grenzziehungen innerhalb der religiösen Gemeinschaften, zu denen wir selbst gehören.

Ein weiteres Unterscheidungskriterium betrifft das Verhältnis zu Menschen, die religiöse Autorität beanspruchen. „Autorität“ kann auch positiv verstanden werden: Religiöse Schriften haben Autorität, Propheten haben Autorität, Amtsträger haben Autorität. Doch diese Autorität muss abgegrenzt werden gegenüber jenen Formen von Autoritätsansprüchen, die Menschen in Abhängigkeitsverhältnisse zu anderen Menschen führen. Autorität soll der Freiheit dienen. Das Gebet ist ein von außen unverfügbarer Ort, in dem sich die Seelen öffnen gegenüber einer Wirklichkeit, über die kein anderer Mensch eine Verfügungs- und Definitionsmacht hat. Das Gebet ist also ein Ort der Freiheit. Wer meint, diese Freiheit im Namen einer höheren Autorität aussetzen und in diesem Sinne „Gehorsam“ verlangen zu dürfen, muss beim „interreligiösen Gebet Berlin“ mit Widerstand rechnen.

 

4. Mission
Die Teilnehmer am interreligiösen Gebet kommen zum Teil aus Religionen, die einen missionarischen Charakter haben. Gelegentlich traten während des interreligiösen Gebetes empörte Passanten heran und riefen: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben.“ Auch innerhalb der religiösen Gemeinschaften stieß die Konzeption der „respektvollen Gegenwart“ auf kritisches Echo im Namen einer aktiven Bekehrungsmission. Interreligiöses Gebet mache keinen Sinn; „unser“ Auftrag sei es, dass alle Menschen am Ende Christen/Muslime etc. werden. Diese Kritik forderte zu einer Stellungnahme innerhalb der Gruppe des interreligiösen Gebetes heraus.

Die Teilnahme am interreligiösen Gebet setzt voraus, dass die richtig-falsch-Logik in Bezug auf das Gebet des anderen losgelassen wird. Es ist nicht möglich, in respektvoller Gegenwart neben dem anderen zu stehen, und sein oder ihr Gebet zugleich nach den Kategorien richtig und falsch zu bewerten. Respekt ist mehr als nur das Verschweigen der Missbilligung, die man gegenüber den inhaltlichen Prämissen und Aussagen des Gebetes des anderen empfindet. Der Respekt, um den es uns geht, ist ein Respekt des Herzens, nicht nur ein äußerliches Tolerieren.

Daraus folgt aber auch, dass der Missionsauftrag, der in das Zentrum insbesondere der monotheistischen Religionen gehört, nicht richtig erfasst ist, wenn er von dem Schema ausgeht, dass die anderen im Falschen leben und „wir“ im Richtigen. Dies entspricht im übrigen auch nicht – aus christlicher Sicht gesprochen – dem Selbstverständnis der biblischen Texte und der kirchlichen Theologie von „Mission“ und der Begegnung mit Menschen anderen Kulturen und Religionen: Gott schließt mit Noah einen Bund, der die ganze Schöpfung einschließt; Abraham nimmt den Segen Melchisedeks an; Jesus kritisiert das aktive Proselytenmachen der Schriftgelehrten, und der Geist Jesu wirkt bei den Völkern und öffnet das Volk Gottes den Völkern. Manche Texte der jeweils eigenen Tradition und vor allem einige Praktiken der Geschichte müssten von diesem Hintergrund neu gedeutet und einer Kritik unterzogen werden.

Will ich, dass alle Menschen Christen werden? Diese Frage stellt sich mir als christlichem Teilnehmer des interreligiösen Gebetes. Ich kann den missionarischen Impuls jedenfalls nicht mit diesen Worten beschreiben. Doch das ist nicht zu verwechseln mit einer falschen Bescheidenheit bezüglich des Auftrags und der Vision, die mit dem Evangelium verbunden ist. Religion hat immer auch mit einer universalen Vision zu tun. Daraus ergibt sich die Frage: Was ist die mit meinem Glauben verbundene Vision für die Welt und die Geschichte als Ganze? Über diese Frage konnten und können wir sprechen.

 

REGENBOGENBUND
Eines Tages wurde ich eingeladen, als Christ bei einer abendlichen Versammlung von Muslimen zur Noah-Aschura über den biblischen Noah zu sprechen. Der Regenbogenbund Gottes mit der ganzen Schöpfung erschien mir der Schlüssel für die Vision Gottes mit der Schöpfung. Ich war froh, auf die Straße als Ort des interreligiösen Gebetes hinweisen zu können. Unter dem Himmel ist die Vision der gemeinsamen Umkehr zum Gebet „geerdet“.

P. Klaus Mertes SJ

Macht hoch die Tür, die Tor‘ macht weit
Immer rein mit euch: Die Kreuzberger Wohngemeinschaft zweier Jesuitenpater steht seit 25 Jahren offen für alle

 

Vor ein paar Jahren gab es eine Hausdurchsuchung. Am Ende sollte Christian Herwartz ein Formular ausfüllen, dass er einverstanden gewesen sei mit der Durchsuchung. Herwartz weigerte sich. Er fragte einen der Polizisten, was er sich habe zuschulden kommen lassen. Der Polizist schwieg. Herwartz fragte, wie er, der Polizist, das denn fände, wenn ihn nachts die Polizei aus dem Bett holen würde. Der Polizist sagte, sowas könne ihm nicht passieren. Warum nicht? „Ich lebe in geordneten Verhältnissen!“ Vielleicht hatte er ein ungutes Gefühl, jedenfalls hielt sich der Polizist an diesem Satz fest: „Ich lebe in geordneten Verhältnissen!“ Als Herwartz fragte, inwiefern er selbst denn in ungeordneten Verhältnissen lebe, sagte der Beamte: „Schauen Sie doch, wie viele Namen an Ihrem Briefkasten stehen! Das ist doch verdächtig.!

Momentan kleben am Briefkasten in der Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg 21 Namen. 21 Schilder, nicht gerade akkurat angebracht, sie schwimmen eher über den Briefkasten, das Ganze sieht aus wie ein beschwipster Patchworkteppich. Und? Ist hier jemand verdächtig?

Ramon ist 76 Jahre alt. Es kommt aus Syrien und lebt seit 14 Jahren hier. Oder sind es zehn? So genau weiß das keiner mehr.Jedenfalls kam er eines Tages Anfang der Neunziger, wollte eine Woche bleiben, und jetzt ist dann bald 2005. Auf die Frage, warum er kam, sagt Herwartz, er habe es vergessen, aber die interessantere Frage sei doch, warum er zu ihnen kam und nicht zu jemand anderem.

 

Den anderen sehen
Was ist an Weihnachten eigentlich so toll? Dass der Hausbesitzerverein von Bethlehem samt der der knausrigen Mieter die Türen verrammelt hat? Christian Herwartz sitzt an diesem Abend bei einem Berliner Jugendradio und soll mit einem Moslem und einer Buddhistin über Religion reden. Wegen Weihnachten. Herwartz sagt, er verstehe nicht, dass alle diesen Tag so gern feiern, an dem alle Türen verschlossen waren. In der unterhaltsam chaotischen Sendung tauchte natürlich bald der Schlüsselbegriff allen Multikultigeredes auf, mit dem man einander versichert, dass man das schon okay finde, wie der andere so tickt: „Toleranz“. Was ist das? Ein Nebeneinanderherleben? Bloßes Ignorieren ist noch keine Toleranz“, schrieb Fontane, ohne je von Parallelgesellschaften gehört zu haben. Herwartz sagte im Radio, ihm sei der Begriff zu fade: Toleranz, das klinge nach einem gesetzlich festgeschriebenen Minimalkonsens. Stattdessen gehe es darum, „den anderen zu sehen.“

Die Sprecherin der tibetischen Buddhisten stellte ihren Orden so vor: „Wir zeichnen uns dadurch aus, dass wir einen echt authentischen tibetischen Geistlichen haben!“ Was sie nicht sah, war, dass eine Stunde lang vor ihr ein echt authentischer deutscher Geistlicher saß. Nun ist das auch leicht zu übersehen: Herwartz sitzt meist recht schlunzig da. Und bei dem Wort Jesuit denkt man ja auch erst mal an Geheimlogen. Spione Gottes. Die Elite unter den Mönchen. Hagere Gestalten mit bleistiftfeiner Miene, asketisch zentriertem Blick und drei Hochschulstudien. Herwartz sieht aus wie ein Seeman. Ein Lkw-Fahrer. Oder ein zeitgegerbter Sozialarbeiter. Alttestamentarisch wuchernder Bart, wilde Tätowierungen, die man aber unter dem roten Wohnpulli nicht sieht. Alle drei Assoziationen sind so verkehrt nicht: Herwartz‘ Vater war Seemann. Er selbst hat als Lkw-Fahrer gearbeitet. Und er hat ja auch was von einem Sozialarbeiter. Wobei er das leugnet: Wenn er Sozialarbeiter wäre, gäbe es die Hierarchie zwischen ihm als Aufpasser und Formularausfüller und dem zu betreuenden Klienten. „Meine Hauptarbeit besteht darin, dabeizusitzen und mich zu freuen.“

Herwartz hat angefangen als Arbeiterpriester. Was nicht heißt, dass er und die beiden anderen Jesuiten, mit denen er Ende der siebziger Jahre nach Berlin kam, als Priester in eine Arbeitergemeinde gegangen wären. Vielmehr haben sie selbst in Fabriken gearbeitet. Herwartz als Lkw-Fahrer, Möbelpacker und später, bis zur Abwicklung seiner Fabrik, als Dreher. Seine Arbeitskollegen wussten meist gar nicht, dass er Jesuit war.

Das mit der WG ging los über ein paar Kollegen, die vorübergehend eine Unterkunft brauchten. Dann kamen zwei Bangladeschi. Inzwischen haben hier mehrere hundert Leute gelebt. Jeder ist willkommen. Fragt man Herwartz, wie das gehe, mit all den Leuten in einer Wohnung, fragt er zurück: Warum geht das in anderen Wohnungen nicht?

Auf die Frage, ob er denn nicht Zeiten bräuchte, an denen er für sich sein muss, sagt Herwartz, nein, jeder Ort sei gleich heilig, Glauben, das heiße für ihn gerade, „aus dem Nicht-Planbaren heraus zu leben.“ Herwartz bietet aus diesem Gedanken heraus seit ein paar Jahren auch Straßenexerzitien an, mitten in der Stadt, im Lärm, im Kaufhaus, an einer Kreuzung, in der U-Bahn, egal wo, aber das wäre jetzt eine andere Geschichte.

Momentan ist es ziemlich ruhig. Was bedeutet, dass in den fünf Räumen außer Ramon nur zehn andere Leute leben. Zum einen natürlich Franz Keller, der zweite Jesuit, ein 79-jähriger Schweizer mit wunderbar ruhig schwingendem Humor. Keller hat als Ingenieur gearbeitet und später bei Elektrolux. Und er hat nach dem Ruhestand viele Häuser in Kreuzberg mitsaniert. Dann sind da unter anderem Faruk, ein Afgahne, der zu DDR-Zeiten nach Ostberlin kam und davon lebt, dass er kalligrafische Suren malt. Rainer hat Wagenburgen bewohnt, Essen für Arme ausgefahren, Kindertheater gemacht. Kürzlich hatte er einen Zusammenbruch. Ibrahim aus Sierra Leone studiert; einige kennen ihn gar nicht, er taucht meist nur nachts auf; Vera hat gerade keine Wohnung und ist wohl auch recht allein. „Die Einsamkeit ist die schlimmste Seuche in Berlin“, sagt sie. Als sie davon schwärmt, hier werde man völlig in Ruhe gelassen, sagt Rainer trocken: „Naja, vielleicht hast du günstigere Verkehrszeiten als andere.“

Es gibt auch Verkehrchaos. Ramon hat sich immer tiefer in den Koran versenkt. „Der trägt daran, dass er von uns aufgenommen wurde und wir in die Hölle kommen“, sagt Herwartz. „Mich hat er inzwischen aufgegeben, aber am Franz ist er noch dran. Und wenn’s da glaubenstechnisch ans Eingemachte geht, ist er nicht immer gutmütig . . .“ Auf der anderen Seite gibt es Klaus, der anscheinend eine etwas anstrengende Art hat und als Autodidakt kabbalistische Bibelauslegung betreibt. Wenn nun Klaus und Ramon mit ihren beiden Göttern aufeinander stoßen, qualmt es in der Küche.

Eine Nachbarin, die zum Frühstück vorbeikommt, sagt: „In dieser Wohnung wird etwas völlig Radikales gelebt: Jeder kann hier so sein, wie er will.“ Nun ist das einer dieser Sätze, die man an jeden Kinderspielplatz montieren könnte. Aber leben Sie das mal 25 Jahre lang. Mit Leuten aus 50 Nationen. Mit Drogenabhängigen. Mit verspulten Einzelgängern. Mit Spielern. „Zweimal wurden wir beraubt,“ sagt Herwartz. „Aber daraus lernt man ja auch. Irgendwann kauft man eben keinen Fernseher mehr.“

Klaus liegt momentan im Krankenhaus. Schlaganfall. Als Herwartz ankündigt, er gehe ihn besuchen, sagt Ramon überraschend, er komme mit. Ein Funkeln zieht durch Herwartz‘ Blick: „Oh, das freut mich.“ Kurz darauf sitzen in einer Krankenhaus-Cafeteria ein selbstgedrehter Christ und ein syrisch-kreuzbergischer Moslem nebeneinander wie ein altes Ehepaar und feiern auf ihre Art Ökumene.

Ramon: „Jetzt hast du einen Schlaganfall und dann rauchst du diese Selbstgedrehten. Sagt dir keiner, dass du nicht rauchen darfst?“

Klaus: „Wieso? In dem Café hier ist Raucherzone. Außerdem – wenn du 30 Zigaretten am Tag rauchst, dann ist das schädlich, aber so . . .“

„Du rauchst 40 am Tag! Hör auf mit dem Kaffee und dem Rauchen.“

„Die Ärzte haben mir strengstens verordnet, Kaffee zu trinken.“

„Wer verordnet den sowas?“

„Strengstens! Die haben mich geradezu bekniet.“

Herwartz lacht laut über das grimmige Gestichel der beiden. Am Ende steht er auf, sagt, „Ich lass euch beiden noch ein bisschen alleine“ und geht. Als Klaus noch ruft, er müsse unbedingt Texte von Friedrich Weinreb lesen, sagt er: „Ach Klaus, jetzt wirste wieder ’n Missionar.“

 

Man kann überall einsam sein
Die Jesuiten waren immer ein Missionsorden. Ignatius schrieb, es gehe darum, aus Liebe zu Christus „den Seelen in Wort und Tat zu helfen“. Spricht man Herwartz auf den Missionsgedanken an, zuckt er mit den Schultern: „Wenn man unter Mission versteht, sich dem Anderen zu öffnen, dann kann man das was wir machen, als Missionsarbeit definieren. Ich möchte beim Anderen in die Schule gehen.“ Herwartz geht Tag und Nacht in die Schule. Er hat keinen eigenen Raum. Seit 25 Jahren nicht. In dem Zimmer, in dem er schläft, stehen sieben Betten. Dreht man da nicht durch? „Einsamkeit ist das Wichtigste. Aber man kann überall einsam sein.“ Rätselhaft. Warum gehen andere Menschen einander schon zu zweit in riesigen Lofts auf die Nerven, obwohl sie ausgeklügelte Auswahlverfahren durchlaufen haben?

Franz Kellers Rente und das Arbeitslosengeld von Christian Herwartz, mehr gibt es nicht an regelmäßigen Einkünften. Weder die Jesuiten noch sonst eine Organisation schießen Geld zu. Herwartz und Keller wollen das auch nicht. Von ein Mal Arbeitslosengeld und einer Arbeiterrente werden zehn bis zwanzig Leute mit durchgezogen? Herwartz muss lachen, so hat er sich das noch nie überlegt. „Wennde so willst, ja.“ Als dann am Abend Rainer ein leckeres Dreigänge-Menü kocht, zitiert Herwartz einen seiner jesuitischen Mitstreiter: „Wir sind keine Armengemeinschaft, sondern eine Reichengemeinschaft.“

 

Alex Rühle

 

aus: Süddeutsche Zeitung Nr. 299/Seite 13
(Weihnachten, 24./25. Dezember 2004)

 

{*} Franz Christian Naunyn
(* 29. September 1799 in Drengfurt in Ostpreußen, heute Srokowo; + 30. April 1860 in Berlin) war Jurist und Oberbürgermeister von Berlin.
Als Sohn des früh verstorbenen Bürgermeisters von Drengfurt begann Franz sein Rechtswissenschaftsstudium in Königsberg (heutiges Kaliningrad). Nach dem Studienabschluss arbeitete er als Syndikus bei mehreren preußischen Behörden und der Eisenbahn.
1844 ließ er sich zum Bürgermeister von Berlin wählen (unter dem Oberbürgermeister Heinrich Wilhelm Krausnick) mit der Hoffnung auf dessen Nachfolge. Seine liberale Haltung und sein Eintreten für eine Verfassung verhinderten jedoch die Unterstützung des Hofes und der Mehrheit der konservativen Stadträte.
Sein entschiedenes Auftreten während der Revolutionstage um den 18. März 1848 und die führende Teilnahme bei der Audienz beim König Friedrich Wilhelm IV. im Berliner Schloss machten ihn bei der Bevölkerung populär. So forderte er bei dieser Gelegenheit energisch den Rückzug der Truppen aus den Straßen Berlins. Nach der Abwahl von Heinrich Wilhelm Krausnick als Oberbürgermeister am 21. März 1848 wurde Naunyn amtierender Oberbürgermeister von Berlin von 1848 bis 1850. Mit der im Herbst an Macht gewinnenden Reaktion schwanden allerdings seine Chancen auf eine Wahl zum Oberbürgermeister. 1850 fiel die Wahl für einen neuen Oberbürgermeister wiederum auf den 1848 abgewählten Heinrich Wilhelm Krausnick.

Sein Sohn Bernhard Naunyn (1839-1925) war Arzt, Internist und Krebsforscher. Das Familiengrab findet sich auf einem der drei Kirchhöfe der Jerusalems- und Neuen Kirchengemeinde vor dem Halleschen Tor (Eingang Zossener Straße) in Berlin-Kreuzberg.
Ehrungen: Nach ihm benannt ist die Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg in Berlin SO 36, parallel zur Oranienstraße.

aus dem Lexikon wikipedia
„Das Leben hier ist reich.“
Der Jesuit Christian Herwartz wirkt unter den Armen Berlins. theo-Redakteur Sven Schlebes besuchte den Ökumenepreisträger 2013 auf der Suche nach dem theologischen Sinn und Unsinn von Armut.Es gibt Türen, durch die möchtest du nicht gehen, wenn du die Wahl hast. Sie sind unscheinbar und knorrig, unwirtlich, weit und breit kein roter Teppich, der dich einlädt. Manchmal musst du da durch, dann ist sie der einzige Ausweg aus deinem jetzigen Leben. Und du bist dankbar, dass sie da ist, diese Tür. Ich bin auf dem Weg nach Kreuzberg zu einer dieser Türen in einer Nebenstraße des Kottbusser Tors. Die kunstvollen Intarsien trotzen den Schmierereien, die hier in der Gegend üblich sind. Christian Herwartz, Jesuit und ehemaliger Arbeiterpriester, wohnt hier mit Menschen, die es eigentlich in modernen Gesellschaften nicht geben dürfte. Wohnungssuchende, Papierlose, Abhängige. Ein Mitbruder hatte mich zu ihm geschickt: „Wenn es einen gibt, der sich mit Armut auskennt, ist es der Christian.“

Der Dauerregen des Frühsommers nimmt Berlin jeden Glanz, die Straßen sind glitschig vom Blütenbrei. Wo bleibt er, der verlässliche kontinentalsommerblaue Himmel?

Irgendwie ist alles anders, nicht nur in Berlin. Es ist die Zeit der Jahrhundertflut in Mitteleuropa, der Unruhen in der Türkei und der mal wieder glänzenden Aktienkurse. Armut, so die Überzeugung von Christian Herwartz, ist dort, wo dein eigenes Leben endet, wo du stirbst und das Andere beginnt. Wer hierhin aufbricht, lässt seinen Reichtum, sein inneres Vermögen, sein Wissen und seine Sicherheit hinter sich und zeigt sich entblößt, nackt. Ist offen und verwundbar. Für Christian Herwartz der Ort der Menschwerdung Gottes und damit Heiliger Boden. Für bürgerliche Westberliner wie mich bleibt er trotzdem ein gefährliches Pflaster, dieser Szenekiez mit seinen arabischen Familienclans, 68er-Übrigbleibseln und 1.Mai-Auseiandersetzungen. Weswegen ich alle Wertgegenstände Zuhause gelassen habe. Mein Besuch in Sachen Armut soll mich schließlich nicht arm machen. Zwei Sicherheitsschlösser baumeln an meinem Fahrredlenker. Ängstlich und äußerst umständlich befestige ich mein Fahrrad an einem gut einsehbaren Zaun. Scheinsicherheit.

Ich weiß. Ein weißer Porsche parkt neben mir. Eine Spiegelsonnenbrille grinst mich an. Im Reflexpunkt blitzt kurz mein Spiegelbild auf. Mein Gott wie jämmerlich!

Den Weg zur Jesuitenkommunität kenne ich bereits. Vor sechs Jahren hatte ich mit einem Freund an einer der mittlerweile berühmten Straßenexerzitien teilgenommen. Einen Tag lang Straßenmeditation auf der Suche nach dem Erscheinen des Heiligsten im Alltag. Die Lightvariante für absolute Beginner, wie ich im Nachhinein feststellen musste. Die echten Streetrunner sind mindestens eine Woche lang unterwegs. Ohne Handy, Geld und Orientierung, dafür mit einem persönlichen Gottesnamen auf den Lippen.

Aus ganz Deutschland kommen die Menschen in die Jesuitenkommunität, um sich in entscheidenden Phasen ihres Lebens begleiten zu lassen. Moderne Ignatische Impulsreisen nennt das Christian Herwartz in Anlehnung an das Wirken seines Ordensgründers Ignatius von Loyola. Raus aus der persönlichen Komfortzone und rein ins Niemansland der Ängste, Sorgen und Dämonenfratzen. Eben dort, wo der andere Gott wohnt. Der, der nicht ich ist. Sondern die restlichen 99,9 Prozent der Welt. Und damit der wahre Reichtum des Lebens.

Ich bin wie immer zu spät. Diesmal sind es nur zehn Minuten. „Wer sich auf den Weg der Straßenexerzitien macht, sollte bedenken, dass zuerst Heilung geschieht und dann Berufung. Beides braucht seine Zeit.“ Als Christian Herwartz Mitte der Siebziger mit einem Jesuitenbruder nach Berlin Kreuzberg zog, galt der Kiez als Auffangbecken für Nonkonformisten. Besonders preisgünstig, ein wenig heruntergekommen, viele sogenannte Migranten, wenig Fragen nach der Herkunft, umso mehr Nischen fürs Dasein. Genau der richtige Ort, um das in den 70er Jahren entwickelte neue Selbstverständnis der Jesuitien als lebendige Experimentiergemeinschaft in die Realität umzusetzen: „Oft schon unsere Herkunft, dann unsere Studien und unseren Bindungen schirmen uns von der Armut ab, selbst von dem einfachen Leben und seinen täglichen Sorgen. Wir haben Zugang zu Wissen und Macht, wie ihn die meisten Menschen nicht haben. Es wird daher nötig sein, dass eine größere Zahl der Unsrigen das Los der Familien mit bescheidenem Einkommen teilt, das heißt das Leben derer, die in allen Ländern die Mehrzahl bilden und oft arm und unterdrückt sind.“ (4. Dekret der 32. Generalkongreation 1974/75)

Ein Lebensentwurf, der damals schon im schroffen Gegensatz stand zu vielen bürgerlichen Ordensexistenzen. Jenseits von Macht, Einfluss und Ansehen. Segensreich, aber mit Gefahrenpotenzial.

Denn wenn der Schatten zum Alltag wird, die Begegnung mit der Armut zur Routine, kann die Erinnerung an das Strahlen der Sonne verblassen. Und die Lebensfreude weichen. Als Christian Herwartz sein eigenes Leben in der Begegnung mit der Armut sah, verlor er den Kontakt zu Jesus Christus.

Hinter mir fällt die schwere Eingangstür ins Schloß. Dunkelheit breitet sich aus. Ein beklemmendes Gefühl, schon im Treppenhaus. In Gedanken suchte ich nach einem sichereren Abstellort für mein Fahrrad. Wenige Sekunden später geht das Licht an und eine Stimme ruft von oben: „Hallo. Sie sind hier richtig. Man wartet schon auf Sie.“ Irgendwie doch zu Hause?

An der Tür erwartet mich einer von Christians Mitbewohnern. Er sei hier nur mal so ab und zu. Er begleitet mich in den Gemeinschaftsraum der wg. Ein einfacher Holztisch in seiner Mitte, drumherum eine Bank und sechs Stühle. Kaffee kommt, dann Christian! Er hustet. Eine hartnäckige Grippe: „Hallo Sven. Herzlich willkommen. Lass uns loslegen. Dann kann ich wieder ins Bett. Was abgearbeitet ist, ist abgearbeitet.“

Sein Leben lang wollte Christian nicht über etwas reden, das er selbst nicht war, sondern erst einmal er selbst sein, um so zu wahrer Begegnung zu finden. In seiner ersten Lebenshälfte war es das manuelle Arbeiten, das ihn in Gemeinschaft mit den Benachteiligten führte. Erst der Kontaktverlust zu Gott in der Lebensmitte und die daraus enstandene Krise haben ihn zum Exerzitienorganisator und -begleiter reifen lassen. „Ein wunderbarer Weg, um sich noch intensiver auf die ursprüngliche Beziehung von Gott und Mensch einlassen zu können. Dies kann nur in totaler Armut geschehen, so wie Jesus auch vor Gott steht (Mt 5,3). Nichts steht zwischen ihm und dem Vater. Diese Art der Armut ist die Wurzel der Freiheit.“ Es klingelt. Eine Physiotherapeutin erscheint, kümmert sich um den Rücken des ältesten WG-Bewohners. Er hat, wie Christian Herwartz, Parkinson. „Geld spielt hier keine Rolle. Hier sind alle gleich. Diese Erfahrung ist unendlich wertvoll. Und sie heilt. Oder besser gesagt: Jesus Christus heilt in der Begegnung.“

Mächtige Worte. Ob es denn auch Menschen in der WG gegeben habe, die mal raus aus der Armut wollten. Kopfschütteln. „Das Leben hier ist nicht arm. Es ist in seiner Begegnungsdichte unendlich reich. Aber das sind andere Maßstäbe. Ihr denkt immer nur, im Leben gehe es darum, ausreichend versorgt zu sein. Doch das ist nicht der Sinn. Es ist die Befreiung des Menschen aus der Armut seiner eigenen Persönlichkeit. Es geht um Heimkehr. Um Heiligkeit. Vollendung.“

Schon lange habe ich niemanden mehr in einer so sanften aber deutlichen Bestimmtheit reden hören. Das Gesagte widerspricht meiner täglichen Arbeit, andere Menschen zu einem selbstbestimmten Leben zu befähigen. Mehr aus sich zu machen. Und doch gefällt mir der Generalangriff auf mein Lebenskonzept. „Ich nenne das die Spiritualität der Störung“, ergänzt Christian, als er meine Irritation wahrnimmt. „Du wirst sehen, dein Weltbild wird nach und nach erodieren und du wirst den Blick freibekommen für den auferstandenen Jesus Christus. Es ist ein zentraler Teil der sogenannten Herzensschulung der Straßenexerzitien.“ Christian hatte nicht vergessen, dass ich bereits vor Jahren bei ihm am Küchentisch gesessen habe auf der Suche nach meiner Berufung.

„Manche sind nur einen Tag lang unterwegs. Andere eine Woche. Manche Monate. Wenige Jahre oder sogar ihr Leben. Denk daran: Erst kommt die Heilung. Dann die Berufung.“

Nachdenklich steht ich vor einer Wand mit Photos. Ein kleines Mädchen von etwa fünf Jahren lächelt hinab. Was ist mit ihr, frage ich. „Sie ist gestorben. Umgekommen bei einem Wohnungsbrand zusammen mit ihrer Mutter. Sie stand eines Tages mit einem Mann vor meiner Tür. Er gab sich als ihr Entführer aus und bat um Einlass. Zwei Sozialarbeiterinnen hatten ihn geschickt. Es war der leibliche Vater auf der Flucht, der sein Kind vor dem Missbrauch durch den neuen Lebensgefährten der Mutter schützen wollte. Das Amt hat ihn trotzdem ausfindig gemacht und das Kind zurückgeschickt. Wenn du dich entscheidest, deine Tür aufzumachen, in deine eigene Armut zu gehen, passiert immer etwas. Du weißt nur nicht, was. Auf einmal bist du mitten drin im Leben. Und du musst dich dazu in Beziehung setzen. Das, Sven, das ist die Vervollständigung des eigenen Lebens durch die Hingabe an die eigene Armut. Dadurch bekommt es Substanz, dein Wirken Kraft und dein Sprechen Sinn.“

Der Husten wird stärker. Für dieses Benennen-was-ist hat Christian in diesem Jahr den Ökumenepreis 2013 erhalten. Nicht in Sachen Armut. Sondern für sein religionsübergreifendes Engagement gegen die Abschiebepraxis. Ein Leben in Entschiedenheit. Mit einem Mal sind mir alle meine schön ausgedachten Fragen entfallen. Für einen Moment bleiben das Bild des verstorbenen Mädchens, Christian, der Küchentisch und ich. Ein merkwürdiges Gefühl. Zunächst Angst, dann tiefe Ruhe.

Es gibt Türen, durch die möchtest du nicht unbedingt gehen, wenn du die Wahl hast. Manchmal musst du hindurch. Dann ist sie die einzige, die dir den Ausweg aus deinem jetzigen Leben offenbart.

„Das Leben hier ist reich.“