Der Straße verbunden

Vierzig Jahre nach dem Studium in Sankt Georgen von Christian Herwartz

Das Ende meines Theologiestudiums in St. Georgen fiel 1975 im Jesuitenorden mit dem Ende der 32. Generalkongregation zusammen. Mit ihren Impulsen folgte der Orden nach dem Abbau einiger Verkrustungen durch die 31. GK und nach vielen Neuaufbrüchen weltweit den Inspirationen des II.Vatikanum. Dabei fand die Kurzformel „Einsatz für Glaube und Gerechtigkeit“, der auch jeden Jesuiten auszeichnen soll, im deutschsprachigen Lebensraum wenig Resonanz. Uns fehlten Aufbrüche wie die in der Christliche Arbeiterjugend („sehen, urteilen, handeln“), bei den Arbeiterpriestern (vom „FÜR“ zum „MIT“), in den Basisgemeinden (die Einheit aller Lebensbereiche) und viele mehr.

Michael Walzer SJ lernte ich im Philosophiestudium kennen. Er setzte sich besonders für die deutsch-französische Versöhnung im engen Kontakt mit Taizé ein. Im Anschluss an die weltweiten Befreiungsbewegungen suchten wir beide regelmäßig Kontakte zu Arbeitern. In meiner Frankfurter Zeit entdeckte ich (donnerstags wartete ich morgens regelmäßig mit vielen anderen als Tagelöhner vor einer Frankfurter Umzugsfirma) ähnliche Aufbrüche in anderen europäischen Ländern. Daraufhin brachen wir am Ende unseres Studiums nach Frankreich auf, fanden in Toulouse als Ungelernte Arbeit und in einer neuen Arbeiterpriesterkommunität Mitbrüder, mit denen wir die vielen neuen Erfahrungen hinterfragen durften. 1978 kehrten wir nach Deutschland zurück. Zu dritt suchten wir in Berlin Arbeit in verschiedenen Firmen der Elektroindustrie und gründeten eine neue Jesuitenkommunität in dem damals schon längst abgeschriebenen Stadtteil Kreuzberg.

Blicke ich jetzt auf unser Grundanliegen zurück, so sehe ich: In den zurückliegenden 40 Jahren bemühten wir uns, Schritte der Menschwerdung in einer auf vielfache Weise in Gegensätzen lebenden Welt zu gehen. Wir stießen auf der Arbeit und im Stadtteil täglich auf die überall vorhandenen Gegensätze: Politische, wirtschaftliche, geschlechtlich begründete, religiöse, nachkolonial rassistische und andere Gegensätze, die sich hinter vielerlei Privilegien versteckten und verstecken. In der Kommunität lebten wir zunehmend mit einer offenen Tür. Viele der Fragestellungen in unserer Umgebung wurden Teil unseres Lebens, und wir wollten zuhören und uns darauf liebend und reflektierend einlassen.

Nach und nach blieben wir nicht beobachtend am Rande der Arbeitskämpfe und der Vertreibungen im Stadtteil stehen, sondern wurden Teil der Auseinandersetzungen. Wir erlebten die stärkende Kraft der Solidarität mit den Kollegen und Kolleginnen oder den Nachbarn. Ebenso setzten wir uns mit den vielen Menschen auseinander, die ihre Solidarität verweigerten, und auch mit all jenen, die in diesen Kämpfen gar nicht in den Blick kamen. Dazu gehörten mehr und mehr auch Flüchtlinge, mit denen wir in der Kommunität zusammen wohnten und deren Abschiebebedrohung uns besonders bei Mahnwachen vor der Abschiebehaft vor Augen geführt wurde. Diese Praxis sollte über Jahrzehnte zur ständigen Ermahnung werden, unseren Lebensstil als eine der Ursachen für die weltweite Vertreibung wahrzunehmen und zu hinterfragen. Wirtschaftskraft und eigene Arbeit bei uns basieren auf der menschenverachtenden Ausbeutung vieler Menschen weltweit. Wir gehen nicht fair mit ihren Bedürfnissen um. Dieses unsolidarische Verhalten hinterfragt auch unser solidarisches Bemühen im Stadtteil und am Arbeitsplatz.

Die Besuche bei den Ausgesonderten im Gefängnis wurden mit der Zeit immer wichtiger. Wir bekamen Kontakt mit politischen Gefangenen und ich machte selbst kurze Erfahrungen als Gefangener, aber auch mit anderen Aussteigern wie Drogenabhängigen und mit vielen Obdachlosen. Wichtig waren ebenso bis zum Mauerfall 1989 die Kontakte über die Grenze nach Ost-Berlin und Polen und in die vielen ökumenisch verbundenen Gemeinschaften. Dann weiteten sich unsere Kontakte und wurden immer mehr zu interreligiösen Begegnungen, auch weil wir in unserer offenen Kommunität mit Menschen verschiedener Religionen zusammen lebten – gerade sind es fünf unterschiedliche Lebensausrichtunge, Christen, Muslime, Juden, Buddhisten und sekulare Denkende. Wir laden mit einer interreligiösen Gruppe von Friedensbewegten aus

verschiedenen Religionen jeden ersten Sonntag im Monat zu einem interreligiösen Gebet auf einem großen Platz in Berlin ein. Später wurden wir durch die Offenlegung der sexuellen Übergriffe auf Jugendliche auch in den Schulen und Internaten des Ordens herausgefordert und dem erneuten Versuch, ihn schweigend zu übergehen. Doch wir fanden Mitstreiter und wehrten uns gegen diese Bemühungen öffentlich, auch wenn dieses Engagement wieder mit Ausgrenzungen verbunden war.

Die Kraft zum Weitergehen fand ich immer neu in den überraschenden Begegnungen mit dem Auferstandenen hier und jetzt und vor allem dort, wo ich alle Abschottungen fallen lassen musste, nämlich auf der Straße. Deshalb übersetze ich mir heute die Selbstaussage Jesu „Ich bin der Weg“ mit „Ich bin Straße“. Dadurch entdeckte ich erstaunt, dass Ignatius von Loyola die Exerzitien, von denen ich mich so zentral zur Lebensausrichtung auf Gott eingeladen fühle, in seiner Zeit als Obdachloser auf den Straßen von Manresa entdeckte. Von mir selbst lange unbemerkt begann ich Menschen bei ihren Übungen im Offenen, auf der Straße zu begleiten, besonders nachdem ich wegen Betriebsschließung meine Arbeit Anfang 2000 verlor. Über das Begleiten von Menschen bei den Exerzitien auf der Straße habe ich einige Male berichtet und ein kleines Exerzitienbuch geschrieben: „Brennende Gegenwart“.

Dabei blieben die Mahnwachen vor der Abschiebehaft für mich weiter wichtige Gottesdienste und die anschließenden Besuche in der Haft wichtige Kontakte, die Realität in unserem Land nicht zu vergessen.

Als 2012 ein neues Abschiebegefängnis auf dem Flughafengelände Berlin-Schönefeld eröffnet wurde, wollte unsere Gruppe „Ordensleute gegen Ausgrenzung“ auch dort zu einer Mahnwache einladen. Sie wurde von der Flughafengesellschaft verboten. Diese erklärte das zum Flughafen gehörige Industriegebiet, das zu 100 % in staatlichem Besitz ist, als privat. Ähnlich wie in der Industrie wurde ein Teil – hier sogar ein hoheitlicher Bereich – aus der Verantwortung des Besitzers ausgelagert. Nach drei Jahren Klage durch alle Instanzen gab mir der Bundesgerichtshof Recht: Das Industriegebiet ist öffentlich zugängliches Straßenland auf dem Kundgebungen möglich sein müssen.

Seit einiger Zeit träume ich von dem Christusfest 2017, dem 500. Jahrestag der Reformation, bei dem die Einheit unter uns Christen deutlich werden soll. Für mich wäre es ein Schritt auf alle religiösen Menschen hin, denen die wichtige Aufgabe in der Welt anvertraut ist, die Hoffnung auf die Befreiung von der Herrschaft der Geldmärkte und vieler anderer Fremdbestimmungen wach zu halten. Sie dürfen auf die Straße dieser Freiheit treten und beginnen diese Freiheit zu leben.

Nun steht nach 40 Jahren ein Generationswechsel in der kommunitären Mitverantwortung an. Der Orden hat sich entschieden, keine jüngeren Jesuiten nach Kreuzberg zu schicken. Andere werden hoffentlich diesen Platz der Begegnung, zu dem die Kommunität wurde, weiter führen. Die Tür zur Straße soll weiter offen bleiben, sodass Menschen mit ihren Fragen, mit ihren Freuden und Nöten eintreten können – ohne nach ihrer Herkunft gefragt zu werden. Dies geschieht besonders am Samstag beim offenen Frühstück.

Auch die Begleitung der Übenden soll an diesem Entstehungsort der Exerzitien auf der Straße weiter gehen. Die Kommunität hat in den Jahren schon viele Etappen erlebt, Menschen aus über 70 Nationen beherbergt, Menschen sind gestorben, Kinder wurden geboren. Die Zukunft wird weiter für Ungeplantes sorgen, damit die Kommunität der Straße verbunden bleibt.
Christian Herwartz
Zum Weiterlesen: http://www.strassenexerzitien.de/, https://flughafenverfahren.wordpress.com/ und

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Über Christian Herwartz

Arbeiterpriester auf Rente - arbeitergeschwister.wordpress.com Jesuit - http://www.jesuiten.org/jesuiten-in-deutschland.html geb. 1943 wohnhaft in Berlin allerlei - nacktesohlen.wordpress.com, Begleitet Übende bei Exerzitien auf der Straße siehe: strassenexerzitien.de, nacktesohlen.wordpress.com Schmerz: sexueller Missbrauch - unheiligemacht.wordpress.com, an schmerzhaften Orten stehen bleiben und sich berühren lassen flughafenprozess.wordpress.com
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