Christian Herwartz Erinnerungen an David

DAVID KÖCKENBERGER
*12. 11. 1983 + 04. 06. 1995

Einige Jahre kamen Bernhard und Winfried aus der Sorauerstraße, Karl und Johanna aus der Lausitzerstraße regelmäßig zum Kommunitätsabend in die Oppelnerstraße. Karl hatte einmal kurz bei uns gewohnt und dann mit anderen die Häuser in der Lausitzerstraße besetzt. Nun wohnten beide dort in einem sehr lebendigen Kollektiv. In den Jahren wurde Johanna schwanger, David wurde geboren und kam auch mit. Als dann Leila geboren wurde, riss diese Form des Kontaktes ab. Es gab weiter vielfältige Beziehungen besonders mit Bernhard, der lange in der Naunynstraße wohnte, und zu Karl und Johanna über die Gruppe der Arbeitergeschwister. Ein besonders schöne Brücke entstand über Franz, der lange bei der Renovation ihres Hauses in der Lausitzerstraße mitarbeitete. David fuhr dann – er war damals 11 Jahren alt – mit dem Kinderladen über Pfingsten ins Wendland. In einer Sandgrube baute er mit seinem Freund Höhlen. Eine stürzte ein und verschüttete David. Jede Hilfe kam zu spät.

Liebe Geschwister,

heute möchte ich Euch von einem Einschnitt in unserem Leben vor neun Monaten erzählen und von unserem Weg danach. Mit 11 Jahren ist David am Pfingstsonntag 1995 auf einer Ferienfahrt beim Spielen in einer Sandgrube verunglückt. Mit seinem Freund hatte er die dort vorhandenen Höhlen in der Steilwand vergrößert. Plötzlich kam das Erdreich ins Rutschen. David war nicht mehr zu sehen. Sein Freund Tobias holte Hilfe, aber David konnte nur noch tot geborgen werden.

David ist in Berlin-Kreuzberg aufgewachsen. Er wohnte mit seinen Eltern und seinen beiden Geschwistern in einem ehemals besetzten Hinterhaus, das von den Bewohnern mit viel Eigeninitiative saniert wurde. In der Gemeinschaft dieses Hauses ist David aufgewachsen. Und hier wurde sein Leichnam zwei Tage später aufgebahrt, unten im Gästezimmer neben dem Gemeinschaftsraum und der Küche. Der Raum war geschmückt mit vielen Erinnerungsstücken: seinem Musikinstrument, dem Einrad, Zirkuskostümen, aber auch mit Blumen, Lichtern und Bildern.

Viele Nachbarn, Freundinnen und Freunde kamen, setzten sich, wurden still, verloren die Angst, sahen den aufgebahrten David inmitten der Blumen, sahen sich um, blätterten in den Fotoalben und erinnerten sich an diesen Jungen. Auch viele Kinder aus der Umgebung, aus der Schule, aus dem Kinderzirkus kamen und wurden von den Eltern und den anderen Bewohnern des Hauses aufgenommen. Die Besucher konnten schweigen oder reden, so wie es für jede und jeden dran war.

Für mich war dieser Ort der Aufbahrung zwei Tage lang ein Ort, an dem ich herausgefordert wurde, auch ein Ort der Hilflosigkeit, aber ebenso ein Ort der Geborgenheit in einer Gemeinschaft, ein Ort des Friedens – trotz aller Aktivitäten, um die Beerdigung am folgenden Freitag vorzubereiten.
Einige kamen oft in diesen zwei Tagen des Abschieds. Davids Mutter hörte ich sagen, dass nicht jeder, der mit 60 stirbt, ein erfüllteres Leben hatte als David. Dieser Satz fiel in mein Herz.

In den Tagen habe ich mich aber oft fast versteinert, sachlich, routiniert erlebt. Und ich habe in diesem Zimmer nicht lange verweilt. Mit der einen oder dem andern habe ich gesprochen, gehört und oft nicht verstanden. Zu sehr war ich wohl mit Gedanken bei Peter, einem 60jährigen Mann, mit dem ich viele Jahre zusammengewohnt habe. Er war krank und fand keine Arbeit mehr. Voriges Jahr sollte er in sein Heimatland nach Sri Lanka abgeschoben werden. Das Klima für Asylbewerber war in Deutschland rauer geworden.

Eine Kirchengemeinde versteckte Peter dann ein Jahr (Kirchenasyl) und versuchte eine Einigung mit den Behörden. Das hatte keinen Erfolg. Auch Indien, wohin seine Frau und die Kinder Anfang der 80er Jahre geflohen waren, nahm ihn nicht auf. Wir sprachen in diesen Tagen mit Peter über die Chancen, in Deutschland als sogenannter Illegaler zu überleben. Doch ein Leben ständig auf der Flucht traute er sich nicht zu und so willigte er – nach vierzehn Jahren Aufenthalt in Berlin – in den Rückflug nach Colombo ein, trotz aller Gefahren dort für einen Tamilen und besonders für einen Rückkehrer.

Wir verabschiedeten Peter am Freitagmorgen auf dem Flughafen. Vor dem Flugsteig beteten wir mit und für ihn und sein Land. Würde ich von Peter nochmals eine Nachricht bekommen? Vom Bürgerkrieg in Sri Lanka stand in dieser Zeit fast täglich Grausames in der Zeitung. – Später hörten wir: Peter wurde am Flughafen in Colombo nicht verhaftet; er hat uns zweimal über seine Situation geschrieben und von seinen Hoffnungen, mit einer kleinen Schneiderei zu überleben. Noch aufgewühlt von dem Abschied auf dem Flughafen Tegel fuhr ich nach Kreuzberg zurück.
„Gibt es eine Beziehung zwischen dieser Abschiebung in ein Land mit einem Bürgerkrieg und dem Abschied jetzt von David?“ fragte ich mich. Ich fand keine Antwort.
Menschen werden durch Abschiebung in den möglichen Tod geschickt; jetzt die Trauer um einen Jungen, der verunglückte; außerdem sehe ich die uns oft verschwiegenen Toten an der Grenze nach Polen, keine 100 km entfernt: Flüchtlinge nach Deutschland; und da sind auch noch die Abgeschobenen in den Gefängnissen ihrer Herkunftsländer, oft Gefolterte, Gebrochene ….

Ein Freund aus Bogota sagte mir: „Ich kann nicht mehr um einen Menschen trauern; ich sehe jede Woche Tote in meinem Stadtteil, erschossen für ein paar Dollar. Viele von den Toten und den Mördern kenne ich.“ Ein anderer Freund in Kreuzberg sagte mir ähnliches: „Etwa alle sechs Wochen stirbt ein Bekannter von mir an Drogen.“ Da bleibt keine Zeit zum Trauern.

Nehmen wir uns heute am Beerdigungstag, in den nächsten Wochen, im kommenden Jahr Zeit zum Trauern!?
Mit diesen Gedanken kam ich in Kreuzberg an. Wie mag es den anderen Menschen auf dem Weg zur Beerdigung gehen? Von welchem Alltag reißen sie sich los und nehmen ihn doch mit?
Vor dem Wohnhaus von David füllte sich am Freitagmorgen die Straße mit Jungen und Alten. Besonders die Kinder, Jugendlichen und Erwachsenen vom Kinderzirkus
Cabuwazi fielen in ihren Kostümen auf; manche waren auf Einrädern gekommen, andere auf Stelzen. Wir alle wollten David auf dem Weg zum Friedhof begleiten. Die von weiter her angereisten Familienangehörigen konnten noch einmal in das Gästezimmer gehen und den Aufgebahrten sehen. Dann wurde der Sarg geschlossen und hinausgetragen.

Wir waren ein bunter Zug im Nieselregen zum etwa 4 km entfernten Friedhof durch die Straßen von Berlin. Würden wir uns angemessen benehmen, war die Frage der Friedhofsverwaltung. Clowns, Einradfahrerinnen, Stelzenläufer, Trommler bei einer Trauerfeier, konnte das gut gehen? Und außerdem, die meisten waren Kinder, die einen der ihren begleiten wollten. Kinder werden auf den Friedhof meist eher mitgeschleppt, jetzt wurden wir von ihnen mitgenommen.

Wir zogen also los, einige gingen vor, andere nach dem Leichenwagen. Die Großeltern von David machten den Weg mit der U-Bahn und erwarteten uns auf dem alten St. Thomas Friedhof. Wir waren viele und die Kirche wird nicht groß genug sein für uns alle, schoss es mir durch den Kopf. Wo sollten wir zusammen singen, beten, Ruhe finden für den letzten Weg zum Grab? Doch der Weg zum Friedhof war noch lang und es tat gut zu gehen. Was passiert da alles unterwegs? Schön, kein Autofahrer hupte; sie machen uns den Weg nicht streitig. Ich sehe manche verdutzte Passanten. Manche sagten: „Ach ja, das hat in der Zeitung gestanden: da ist ein Junge beim Spielen verunglückt.“ Ich sehe die Mitlaufenden, … grüße und rede noch mit einigen, aber ich will nichts mehr aufnehmen, was mich ablenkt von diesem Weg mit David, mit seinen Eltern, seinen beiden Geschwistern, Freunden und Freundinnen. Oder doch? Es ist auch ein Durcheinander in mir.

Der Taufpate von David war mit seiner Frau gekommen. Er hatte damals versprochen, David in Krisensituationen zu begleiten. Das wollte er bis zum Ende tun. Bei der Trauerfeier wird er einiges zum Leben von David, aber auch zu seinem Weg mit Davids Familie sagen. Und er wird uns das Evangelium vorlesen. Es ist fast selbstverständlich der Text, in dem von Jesus erzählt wird, wie er die Jünger auf seinen Tod vorbereitet und ihnen sagt, dass er zur Quartiersuche vorausgeht, also um uns einen Platz in den Wohnungen des Vaters vorzubereiten (Joh 14,2-6).

Der Akkordeonlehrer von David war mit auf dem Weg. Er wollte uns einige Lieder vorspielen, die er David beigebracht hatte. Und Kinder vom Zirkus hatten das Zirkuslied eingeübt, mit dem sie an das Leben von David erinnern. Wir alle waren auf dem Weg durch Neben- und Hauptstraßen, zum Schluss sogar mit Polizeibegleitung. David habe ich mit seinen Eltern mehrmals auf Demonstrationen gesehen, z.B. zum 1. Mai oder gegen Rassismus. David hat sich für die Arbeit seines Vaters als Betriebsrat interessiert und der hat ihn auch mitgenommen auf Brückenbaustellen, um ihm einiges von seiner Arbeit zu zeigen. In den letzten Jahren war David oft mit dem Einrad dabei. Es wurden immer mehr Einradfahrer. Ihre Geschicklichkeit wurde bestaunt.

Später entstand mit diesen Kindern der Kinderzirkus Cabuwazi mit vielen hundert Kindern. David war dabei, trainierte verschiedene Nummern …. Heute nahmen seine Zirkusfreunde, Schulkameraden, … Abschied von ihm auf dem Weg zum Friedhof.

Der Friedhof liegt in der Einflugschneise des Flughafens Tempelhof. An diesem Tag waren die Flugzeuge oft tief im Landeflug über unseren Köpfen. Auch durch den Lärm der großen Straßen war der Friedhof keineswegs ein stiller Ort.
Weil in der Kirche 200 bis 300 Leute keinen Platz gefunden hätten, stellten wir den Sarg auf eine Wiese in der Nähe des Friedhofseingangs und schmückten den Platz mit Kränzen und Blumen. Auch ein Kreuz wurde herbeigeholt. Mit diesem Zeichen wurde David als kleines Kind getauft und es wurde ihm dabei gesagt, dass er als Mensch in seiner Einzigartigkeit von Gott angenommen ist. David wurde also eingeladen, aus dieser Liebe Gottes heraus zu leben. Können wir David nun in diese Liebe Gottes loslassen?

Eine Bank war von den Friedhofsarbeitern neben den Sarg gestellt worden und ich habe mich darauf gestellt, denn ich sollte mitten in dem äußeren Lärm und der inneren Sprachlosigkeit angesichts des Todes von David etwas sagen. Die Kinder standen um den Sarg dichtgedrängt. Sie spielten nicht, waren nicht abgelenkt, sondern ganz aufmerksam. Die Erwachsenen standen weiter weg. Sie würden mich wohl schon auf Grund der Entfernung nicht verstehen. „Vergiß Peter auf dem Flug nach Sri Lanka ein wenig und sieh die Augen der Menschen vor dir,“ sagte ich mir. „David, pass mit auf, wenn ich jetzt zu Deinen Freunden spreche. Sei bei uns während dieses Haltes auf dem Weg zum Grab.“

Nun, die Feier begann. Und der Pate von David, dessen Name ich leider vergessen habe, hat zu uns gesprochen und uns das ausgesuchte Evangelium vorgelesen:

Dann sagte Jesus zu allen: „Beunruhigt euch nicht! Vertraut Gott und vertraut mir! Im Hause meines Vaters gibt es viele Wohnungen, und ich werde eine für euch bereitmachen. Ich würde euch das nicht sagen, wenn es nicht so wäre. Zuerst werde ich fortgehen und eine Wohnung für euch bereit machen. Dann werde ich zurückkommen und euch zu mir nehmen, damit auch ihr seid, wo ich bin. Ihr kennt ja den Weg zu dem Ort, an den ich gehe.“

Thomas sagte zu ihm: „Wir wissen nicht einmal, wohin du gehst!“ Jesus antwortete: „Der Weg bin ich und das Ziel bin ich auch, denn in mir habt ihr die Wahrheit und das Leben. Nur durch mich könnt ihr zum Vater kommen. Wenn ihr mich kennt, werdet ihr auch meinen Vater kennen.“

Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen und Jesus ist uns vorausgegangen, um für uns einen Platz vorzubereiten. Was mögen das für Wohnungen sein? Iglus, Bootshäuser, Höhlen, Baumhäuser, ganz unterschiedliche Orte einzukehren, zu bleiben und auch wieder zu gehen. Sicherlich ist keine dieser Wohnungen verschließbar. Alle Türen können geöffnet werden, denn es herrscht Respekt voreinander. Keiner wird abgedrängt, keine wird für nicht so wichtig erklärt. Es gibt kein Geld. Jeder kann neben jeder sitzen, auch wenn zehn neben einem sitzen wollen.

Ja, woher sollen wir denn wissen, wie es in den Wohnungen des Vaters zugeht? Wie sollen wir wissen, wie sie aussehen und wie wir darin leben können? Wie sollen wir überhaupt den Weg dorthin finden? fragte Thomas Jesus im Evangelium, das wir gerade gehört haben.
Und Jesus antwortet ihm: Sieh doch hin auf mein Leben, auf meine Hoffnungen und Wünsche, wie ich mich entscheide, was mir wichtig ist, dann weißt du, wohin ich
auf dem Weg bin; ich lebe doch schon ein Leben auf dem Weg zu den Wohnungen des Vaters. Kommt und seht! Ich sehe, wie die Füchse Höhlen haben, die Vögel Nester; und Jesus hat keine Bleibe, d. h. auch keine Schlüssel. Er hat keinen ein- oder ausgesperrt. In die Wohnungen des Vaters können wir wohl nur als Nichterwachsene einziehen. Unbezahlbar sind die Wohnungen des Vaters; Arme können in sie einziehen. Wenn ihr in das Leben von David seht, ahnt Ihr dann, wohin David auf dem Weg war?

Auf der Pfingstfahrt mit dem Schülerladen ist David mit zwei Rucksäcken gefahren. Der eine war gefüllt mit Kleidung, Waschzeug usw. und der andere leer. „Ja,“ hat er gesagt, „der zweite Rucksack wird bei der Rückkehr voll sein; denn ich werde so vieles finden, was ich dann mit nach Hause bringen will.“ Oft hat David etwas gefunden. Er hat auf dem Weg Schönes gesehen und mitgebracht. David ist auf dem Weg zu einer Gesellschaft des Findens, ohne Banken und Sicherheitsanlagen. In der Bibel heißt es: „Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist,“ – nämlich das Geld mit dem Kopf des Kaisers draufgeprägt – „und gebt Gott, was Gottes ist“ – nämlich die Freiheit des Findens, also die Freiheit des Einkaufens ohne Geld, wie sie der Prophet Jesaja besingt. Er ruft allen zu: „Auf, all ihr Durstigen, kommt zum Wasser; auch wer kein Geld hat, soll kommen! Kauft Brot und esst, kommt und kauft ohne Silber, ohne Bezahlung Wein und Milch.“ (Jes 55,1)

Euer Köcki, wie ihr ihn in der Schule nennt, kam eines Tages aus dem Schülerladen zerknirscht vom Streit nach Hause. „Jetzt streiten sie sich, wer neben mir sitzen darf. Bald säge ich ein Loch mitten in die Tischplatte und setze mich da hinein. Dann kann jeder neben mir sitzen,“ sagte David zuhause. Solchen Streit kennen wir auch im Leben Jesu. Die beiden Apostel Jakobus und Johannes wollten Jesus kurz vor seinem Tod überreden, dass sie in den Wohnungen des Vaters rechts und links neben ihm sitzen dürfen. Welch ein Quatsch. Ich sehe dort, wohin Jesus uns vorausgegangen ist, eine Gemeinschaft, wo jeder neben jedem sitzt und keiner neben dem anderen zu sitzen braucht. Wie kann das geschehen? Sind denn dort in alle Tischplatten runde Löcher geschnitten und jeder sitzt in einem Tisch? Das weiß ich auch nicht.

Aber der Streit, wer neben wem sitzen darf, ist vorbei. Jesus sagt nämlich nach dem Streit der Jünger: Bei euch soll es nicht so sein wie bei den Mächtigen, die ihre Völker unterdrücken und ihre Macht über Menschen missbrauchen (Mk 10,42). Die Mächtigen wollen für sich den ersten oder wenigstens den zweiten oder dritten Platz haben. In den Wohnungen des Vaters ist kein Platz für solche Machthaber und auf dem Weg dorthin – hier unter uns – dürfen wir dieses Spiel der Macht immer besser durchschauen und das Mitspielen verweigern.

David hat sich auch in der Schule über manches geärgert: Er fand es gar nicht schön, dass es ab der dritten Klasse Zeugnisnoten gab. Können wir nicht lernen und uns freuen, ohne dass wir immer miteinander verglichen werden und dass wir danach streben, der Bessere zu werden? Und aus derselben Abscheu heraus ist David nicht zu den Bundesjugendspielen gegangen. „Ich will doch gar nicht der Erste sein,“ sagte er kurz und klar.

Auch Jesus hat sich dagegen gewehrt, der Größte genannt zu werden. Nur einer war für ihn der Größte, nur einer gut, nämlich der Vater, in dessen Wohnungen er uns vorausgegangen ist. Dort kann auch keiner prahlen, die größere oder die schönere Wohnung des Vaters zu haben. Sie sind alle für alle.

David ist oft auf dem Einrad gefahren. Die Einradgruppe war der Grundstock für den Kinderzirkus Cabuwazi. Später ist David auch auf dem hohen Einrad gefahren, der Giraffe. Wenn er auch immer sicherer im Fahren wurde, ist er sicherlich auch oft genug mit dem Rad hingefallen. Und dann werden auch einige über ihn gelacht haben. Ob in den Wohnungen des Vaters noch jemand ausgelacht wird, weil er oder sie dies oder das nicht kann, weil er oder sie zu groß oder zu klein ist, weil sie eine weiße oder schwarze Haut hat oder weil er behindert ist? Nein? Woher wisst ihr das?

Ich sehe es daran, wie Jesus seine Jünger belehrt. Sie wollten die Kinder wegschicken, weil sie doch nichts von der Predigt Jesu verstehen würden. „Sie stören doch nur,“ meinten die Jünger. „Nein,“ sagte Jesus und stellte die Kinder in die Mitte. Die wir ausgrenzen wollen, sind doch unserer Lehrerinnen und Lehrer auf dem Weg zu den Wohnungen des Vaters. Wenn wir sie beiseiteschieben und wegschicken, weil wir Wichtigeres zu tun haben, dann blockieren wir uns selbst den Weg dorthin.
Jesus ist wohl auch als Erwachsener ein Kind geblieben und hat sich nicht als ein Wichtiger gefühlt. Erst recht nicht als einer, der auf andere spöttisch hinunter sah, um selbst als der Größere dazustehen.

David hat oft bunte, schöne Kleider angehabt, besonders natürlich im Zirkus auf dem Hochrad, als Clown oder Musikant. Und wie laufen die Leute in den Wohnungen des Vaters herum? Das können wir uns gar nicht so leicht vorstellen; jeder hat einen anderen Geschmack. Sicherlich sind sie nicht gekleidet wie Gefangene im Knast oder wie Aussätzige, die in Krankenhäusern oder Hinterzimmer abgeschoben wurden. Ich denke, die Menschen in den Wohnungen des Vaters haben schöne Kleider an; denn diese Menschen haben in ihrem Leben ja auch oft genug ihre Nächsten in Not bekleidet, gespeist und bei Krankheit oder Gefangenschaft besucht. Jesus sagt einmal, dass sie damit ihn selbst bekleidet, gespeist und besucht hätten. Und Jesus hatte ja ein ganz besonderes Kleid an. Es war nicht aus mehreren Stücken zusammengenäht, sondern aus einem Stück. Auch bei der Kreuzigung Jesu wurde dieses Kleid nicht zerschnitten. Das Kleid von Jesus war kostbar. Na, es fällt mir immer noch schwer zu sehen, was David jetzt an hat.

Im letzten Buch der Bibel beschreibt Johannes die Kleider in der Gegenwart des Vaters so: sie sind weißgewaschen im Blut. Wie können wir diese Aussage verstehen? Stellt euch das einmal vor: die Kleider jedes Menschen sehen wohl etwas anders aus. Und das ist gut so. Jeder ist einzigartig und ist unterscheidbar von jedem anderen. Aber, es gibt nichts Trennendes mehr, denn unsere Kleider sind alle sauber, weißgewaschen im Blut der Zeugen des Lebens, im Blut Jesu und aller anderen Menschen guten Willens. Blut ist Zeichen des Lebens. Und so weisen die im Blut gewaschenen Kleider auf das Leben hin und auch auf den Schöpfer des Lebens. Kleider machen Leute, dieser Satz gilt nicht mehr für wenige, denn keiner kann sagen, ich habe ein schöneres Kleid als du. Ich verstehe das so: die Kleider sind durchsichtig auf das geschenkte Leben hin. (vgl. Off 7,14)

Durch David habe ich aber noch etwas anderes sehr Wichtiges über das Leben in den Wohnungen des Vaters erfahren: Vor knapp zwei Jahren wurde die Wagenburg am Engelbecken geräumt. 1000 Polizisten waren gekommen, um 30 Leute zu vertreiben. Diese Gemeinschaft von Menschen, die auf dem alten Grenzstreifen zwischen der Michaelskirche Ost und der Michaelskirche West wohnte – also zwischen Berlin-Mitte und Kreuzberg -, sollte zerstört werden. Die christlichen Gemeinden der Umgebung hatten dagegen protestiert, dass diese Menschen mit staatlicher Gewalt obdachlos gemacht werden. Sie hatten in den letzten Jahren versucht, ihr Leben miteinander zu teilen und Freundschaften geschlossen. Und so war am Räumungstag auch David mit seiner Mutter vor Ort. Johanna musste nach einiger Zeit gehen. Doch David blieb inmitten dieses Polizeikessels bei uns. Einige Wagenburgler hatten sich an ein Kreuz angekettet und sich so der Räumung widersetzt. Ich habe David etwas vom Leben auf einer Wagenburg gezeigt und ihm die Situation erklärt. Abends kam eine Frau und nahm David wieder mit nach Hause.

Wir blieben wie Gefangene bewacht und eingezäunt noch zwei Tage auf dem Platz. Jeder, der mit uns Kontakt aufnehmen wollte, wurde von der Polizei kontrolliert; viele wurden von ihr abgewiesen. So auch Johanna, die am nächsten Tag nochmals nach uns sehen wollte. Ein Jahr später war ein Feiertag in der Gemeinde St. Michael und die Kinder wurden für verschiedene Spiele in Gruppen eingeteilt. Eine Gruppe sollte auf den Sportplatz gehen, der auf dem alten Gelände der Wagenburg vorübergehend errichtet worden war.

„Ihr könnt mich in jede Gruppe einteilen, aber in die Gruppe, die auf den Platz geht, wo die Wagenburgler vertrieben wurden, dorthin gehe ich nicht!“ Das war für David klar. Und das kam oft vor, dass für ihn Situationen einfach klar waren. Diese Klarheit ist sicherlich auch typisch für das Leben in den Wohnungen des Vaters. Alle Verschleierungen und Lügen werden durchschaut. Wir sind doch alle das, was in der Taufe von jedem Menschen gesagt wird, wir sind Königinnen und Könige, wir haben Würde und keiner führt uns mehr hinter das Licht.

David hat den Namen eines Königs von Israel. Dieser König David, er lebte vor etwa 3000 Jahren, war ein Sänger, der viele Lieder gedichtet hat, nämlich die Psalmen, die in einem Buch der Bibel gesammelt sind. An eines von Davids Liedern erinnert Petrus bei seiner Predigt am Pfingsttag, also einige Zeit nach dem Tod und der Auferstehung Jesu. In diesem Lied von David geht es um das Leben auch über den Tod hinaus, also um die Auferstehung, sagt Petrus.

Wir hören den Text: Apg 2,22-36.
Anschließend war Stille.
Wir haben gebetet und es war wieder Stille, bis Leila kam, die Schwester von David, und sagte: Wir wollen jetzt etwas singen. Wir haben ein Tauflied gesungen, Davids Lieder auf dem Akkordeon gehört und eine Erinnerung an Davids Leben unter uns:
Davids Zirkuslied.

Nun war es Zeit. Nach diesem Verweilen am Eingang des Friedhofs haben wir uns wieder auf den Weg gemacht mit dem Kreuz, mit den Kränzen und Blumen und mit dem Sarg. Er wurde von einigen Leuten aus dem Zirkus getragen. Glocken und Trommeln waren zu hören auf diesem letzten Gang – die Jüngeren vorweg, anschließend die Älteren. Ans Ziel angekommen wurde der Sarg über dem Grab auf zwei Balken abgesetzt. Einige Stühle standen in der Nähe. Sie wurden gebraucht für die Pantomime, die David mit seinen Freunden im Zirkus gespielt hatte. Ihr Trainer spielte nun die Rolle von David. Ich weiß nicht recht, worum es in der Pantomime ging, aber ich bemerkte, wie es uns gut tat, nochmals zu verweilen, nochmals Luft zu holen und etwas von David zu sehen, bevor dann der Sarg in die Grube hinuntergelassen wurde.

Das Grab von David war gegenüber dem Grab seines Onkels Stefan ausgehoben worden, der ein Jahr zuvor in ihrer Gemeinschaft nach längerer Krankheit gestorben war. Auch das Grab von Otto, mit dem ich über zehn Jahre zusammengewohnt habe, liegt nur weinige Meter entfernt.

Nach einiger Zeit der Stille beteten wir zusammen nochmals für David, seine Familie und Freunde, aber auch für den oder die unter uns, die oder der von uns als nächster sterben würde.
Dann begannen die Kinder, Blumen und Erinnerungsstücke in das Grab zu werfen. Und wir versuchten, uns gegenseitig in der Trauer beizustehen, der eine zusammen mit einer Bekannten, die dort hinten einsam stand, oder der andere einfach mit dem Menschen, den er neben sich entdeckte. Dann gingen einige; andere blieben, bis das Grab ganz zugeschaufelt war, womit Karl und einige Freunde begonnen hatten. Blumen wurden auf das Grab gepflanzt und die Kränze darum gelegt.

Die beiden Zelte vom Kinderzirkus in Kreuzberg und in Treptow waren in diesen Tagen mit Bildern und Blumen geschmückt. In Kreuzberg gab es nach der Beerdigung einen Imbiss. Dabei konnte ich noch mit einigen aus dem Haus sprechen und wurde getröstet. Ganz zum Schluss kamen zwei Freunde von David zu mir. Sie hatten viele Fragen. „Warum wurde das hohe Einrad – die Giraffe – nicht mit begraben? Die gehörte doch zu David.“ Und dann wollten sie Einzelheiten über die Verwesung eines Menschen hören. Sie redeten mit großem Ernst und Wissenshunger. Irgendwann musste ich passen und sie an ihre Biologielehrerin verweisen.
Diese Jungen habe ich später noch einige Male getroffen. Einen sollte ich bald bei einer Beerdigung auf dem St. Thomasfriedhof wiedersehen, weinend am Grab von Jean Marie.

Jean Marie, der mit Karl, dem Vater von David, oft von einem Kinderzirkus im Stadtteil geträumt hatte, den es nun gab, dieser Jean Marie wurde bald nach der Beerdigung von David krank und starb zwei Monate später mit 48 Jahren. Er hatte im Zirkus oft riesige Seifenblasen gezogen. Dazu gehört viel Erfahrung, z.B. entsprechend der Temperatur draußen die richtige Seifenwassermischung anzusetzen und dann mit viel Geduld und Fingerfertigkeit die Blasen größer werden zu lassen. Jean Marie hat dann oft gesagt:

„Die Welt ist eine Seifenblase
und ein Menschenleben nur ein Hauch.“

Dieser Satz stand nun auch auf der Erinnerungskarte an das Leben von Jean Marie. Und wieder ging der Zug der Kinder vom Zirkus Cabuwazi zum Friedhof. Auch Artistenfreunde von anderen Zirkussen waren in ihren Kostümen gekommen. Seifenblasen wurden in der Kirche und über das Grab gepustet und gepredigt wurde vom Regenbogen, dessen Farben auch in den Seifenblasen sichtbar wurden. Jean Marie liebte den Regenbogen. Sein Traum war ein Leben unter diesem Zeichen des Friedens zwischen Gott und den Menschen. Mit diesem Traum hat er sich für den Kinderzirkus eingesetzt. Nun liegt sein Grab einige Meter neben dem von David, eines der ersten Kinder in diesem Zirkus. Und wieder habe ich gesehen, wie die Kinder sich am offenen Grab gegenseitig trösteten und auch Blumen für das Grab von David mitgebracht hatten.

Ein halbes Jahr nach dem Tod von David, also im Herbst 1995, fand ein Fest im Treptower Zirkuszelt statt: „1. Zirkusfest für David mit seinen Freunden“. Zweieinhalb Stunden dauerte die Aufführung an einem Sonntagnachmittag. Anschließend gab es im Zelt etwas zu essen und zu trinken; Videofilme wurden gezeigt, in denen David zu sehen war; und noch vieles mehr. Einige Kinder vom Zirkus hatten das ganze Wochenende auf dem Zirkusgrundstück verbracht: Training, Lagerfeuer, Schlafen, Essen, …

Einige Tage vor diesem Fest riefen mich die Eltern von David an und sagten: „Der Kinderzirkus war für David wichtig. Aber David war nicht nur ein Zirkuskind. Das sollte bei dem Fest auch deutlich werden. Kannst du während der Vorstellung noch einmal das Evangelium von der Beerdigung vorlesen und einige Worte dazu sagen?“ Die beiden hatten mir ein wichtiges Anliegen anvertraut und hofften, dass ich zwischen Trapez-, Ballett-, Clown- und Trampolinvorführungen darauf hinweisen könnte.

Die Vorführung fing an. Es war einfach schön, was uns von den Kindern gezeigt wurde. Schon bald kam dann als sechste Einheit Davids Zirkuslied, was wir ja auch bei der Beerdigungsfeier gesungen hatten. Dann wurde mir das Mikrofon gegeben und ich stand mitten in dieser hellerleuchteten Zirkuswelt. Geblendet von den Scheinwerfern habe ich die Menschen gesucht, zwischen denen ich eben noch staunend und klatschend gesessen habe.

„Wir haben gerade Davids Zirkuslied gehört,“ begann ich. „Und viele von uns kennen David. Er ist hier im Zirkus mit seinen Freunden aufgetreten. Vor einem halben Jahr ist David gestorben und er wurde auf dem St. Thomasfriedhof in Neukölln beerdigt. Bei der Trauerfeier haben wir damals eine Geschichte aus der Bibel gehört, in der erzählt wird: Jesus ist uns vorausgegangen, um Wohnungen für uns vorzubereiten. In diesen Wohnungen hat sich David sicherlich unterdessen umgesehen. Nun ist auch Jean Marie gestorben, den ja auch viele von euch kennen. Er ist hier oft aufgetreten und ihr könnt euch vielleicht noch an die großen Seifenblasen erinnern.

Als Jean Marie nun David wiedersah und David Jean Marie, da haben sie sich sicherlich lange begrüßt. Es gab ja einiges zu erzählen. Aber dann wird David ihm alles gezeigt haben, was er in der Zwischenzeit entdeckt hat. ‚Jean Marie, sieh dich um,‘ wird er wohl gesagt haben; ‚hier gibt es viele Häuser, große und kleine, Zelte, Höhlen, Hausboote und vieles mehr, wo wir wohnen können. Alles ist offen. Menschen ganz verschiedener Hautfarben wohnen zusammen. Aber dir wird sicherlich gleich aufgefallen sein, dass hier viele gar nicht in Häusern, sondern auf der Straße wohnen. Weißt du, hier lebt keiner unterdrückt. Keiner muss etwas tun, was er oder sie nicht will; keiner tut hier etwas gegen seinen Willen, also etwa nur deshalb, weil der Nachbar das so will, oder weil sonst jemand über uns lachen würde. Früher haben wir oft unterdrückt – oder manche sagen entfremdet, also fremd von uns selbst – leben müssen. Wir haben uns dies oder das, was uns wichtig war, nicht getraut zu tun. Manche hätten damals gern einmal ausprobiert, obdachlos zu sein, um mit anderen zusammen auf der Straße zu leben. Sie fühlten sich als Sesshafte in ihren vier Wänden verhaftet. Jetzt probieren sie ein solches Leben in Gemeinschaft aus.

Aber diejenigen, die früher obdachlos waren, die leben jetzt in Luxushotels. Das ist so wie vor einigen Wochen in Düsseldorf. Hast du davon gehört? In Düsseldorf sollte ein Konzert sein. Und für die Musiker wurden Zimmer in einem Luxushotel gebucht. Dann fiel aber das Konzert aus. Doch der Hoteldirektor hat gesagt: ‚Ihr könnt die Zimmer nicht zurückgeben; ihr müsst sie bezahlen.‘ Da sind die Konzertveranstalter auf die Straße gegangen und haben Obdachlose eingeladen, eine Nacht in diesem Hotel zu schlafen. Hinterher hat einer von ihnen in der Suppenküche erzählt:

‚Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Das war wunderschön. Ich habe geduscht, Fernsehen gesehen und vieles andere. Es wäre viel zu schade gewesen, dort einfach nur zu schlafen.‘ Verstehst du, Jean Marie, solche Freude haben die Obdachlosen von damals hier immer. Die vorher verdrängten und unterdrückten Menschen sind frei und auch das, was jeder Mensch in sich unterdrückt hatte, ist jetzt frei.

Jean Marie, wie soll ich dir die Freiheit hier erklären? Weißt du, hier brauchst du keine Angst haben. Wie oft haben Menschen Angst, wenn sie auf etwas Neues treffen, oder sie haben Angst vor fremden Menschen. Sie haben vielleicht schlechte Erfahrungen gemacht. Und es gibt ja auch viele gefährliche Dinge. Aber weißt du, hier kann nicht Schlimmes passieren. Ich habe jetzt schon einige Höhlen gebaut. Manche sind eingestürzt, so wie damals, als ich verunglückt bin. Aber dies ist hier keine Gefahr mehr.

Also, das ist die eine Seite der Freiheit hier, wie ich sie erlebe: keine Angst mehr. Deshalb sagen die Engel, die z.B. Weihnachen zu den Menschen gehen, immer wieder aufs neue: ‚Fürchtet euch nicht!‘ Das ist eine wichtige Botschaft von hier. Aber Jean Marie, das allein wäre ja noch nicht die ganze Freiheit. Hier gibt es die grenzenlose Freiheit zu finden. Kannst du dich noch erinnern? Als ich mit dem Schülerladen in die Pfingstferien gefahren bin, da habe ich einen leeren Rucksack mitgenommen. Ich wollte in den Tagen vieles finden, einpacken und nach Hause mitnehmen.

Weißt du, hier sind wir alle den ganzen Tag damit beschäftigt, vielerlei zu finden, zu entdecken, uns darüber zu freuen, miteinander zu teilen usw. Wir leben hier die Freiheit des Findens, ohne Scheuklappen, ohne Einengung. Keinem wird gesagt:
‚Jetzt aber Schluss, ab ins Bett, keine Fragen mehr!‘ Jeder und jede kann finden, solange und soviel er oder sie will. Und keiner braucht etwas nach Hause zu schleppen und wegzuschließen.

Jean Marie, hast du dich jetzt umgesehen und verstanden, wie wir hier leben?‘ So oder ähnlich wird David Jean Marie empfangen haben. David ist zwar viel jünger als Jean Marie; der ist ja schon lange ein Erwachsener; aber jetzt ist David doch sein älterer Bruder; David ist jetzt nicht nur wie bisher in der Familie für Mirko und Leila der ältere Bruder, sondern er hat auch noch Jean Marie als jüngeren Bruder in diesen neuen Wohnungen.
‚Sag mal, Jean Marie, was machen wir jetzt?‘ fragte David Jean Marie.“ Ich mache eine kleine Pause beim Erzählen; da höre ich ein Kind rufen: „Zirkus spielen“.
„Ja,“ sagt David, „das bietet sich an. Jean Marie du hast doch Erfahrung, wie man einen Zirkus gründet. Können wir nicht zusammen mit einem Zirkus beginnen und eine Aufführung machen, wie die von Cabuwazi jetzt im Treptower Zelt? Dann gibt es einen Zirkus dort und hier. Und es wird nach und nach noch viele geben, die mitspielen oder zusehen wollen.“
„Sagt mal, kann es einen Kontakt geben zwischen dem Zirkus hier und dem Zirkus von David und Jean Marie? Was meint ihr? Können sie uns z. B. einen Ball zuwerfen, so wie ich euch jetzt einen Ball zuwerfe?“

Ich hatte mir einen kleinen Jonglierball von einem Zirkusjungen ausgeliehen und warf ihn los gegen das Licht ins Dunkle. Er wurde gefangen und kam wieder zurück.
„Hat jemand von euch einmal einen Ball von David so zugeworfen bekommen?“ fragte ich.
Da rief ein Mädchen: „Ja, David hat mir schon mal einen Ball zugeworfen.“
Ich hatte nicht genau gesehen, wo das Mädchen saß, das eben diesen Satz gesagt hat. Ich hätte es gern gefragt, wo und wann das geschehen ist. Warum habe ich das Mädchen nicht gesucht? Hatte ich Angst, sie zu fragen? Oder habe ich nur noch daran gedacht, dass die Zirkusvorstellung mit den jungen Artisten bald weitergeht? In den Wohnungen des Vaters wäre ich sicherlich hingegangen und hätte das Mädchen gefunden und ihrem Bericht zugehört.

So habe ich von meinen eigenen Erfahrungen erzählt: „Ja, David kann uns einen Ball zuwerfen. Und wir können uns darauf vorbereiten. Zuerst dürfen wir nicht versuchen, ihn festzuhalten, mit all unsern Erinnerungen, wie er einmal war. D.h. wir dürfen beginnen, uns zu freuen über sein Leben jetzt. Das ist gar nicht so einfach, weil wir ja erst einmal keine Nachricht von ihm haben. Uns fehlt David ja. Er lebt jetzt in einer Welt, die wir nur ahnen können. Eine Welt der Freiheit, so wie wir sie noch nicht kennen. Können wir uns trotz unseres Schmerzes, weil uns David fehlt, über sein Leben jetzt freuen? Wenn diese Freude größer wird, dann seid aufmerksam. Seit auf Überraschungen gefasst. David schreibt euch nicht erst einen Brief oder kündigt sich per Telefon an. Er zeigt sich da oder dort.

In dem Text aus der Bibel, den wir jetzt hören, bereitet Jesus darauf vor. Er sagt seinen Jüngern, dass er sterben wird, dass er Wohnungen für uns vorbereitet und dann sagt er, dass er wiederkomme. Unglaublich. Aber Jesus nimmt wieder mit uns Kontakt auf, sagt er; er kommt wieder. Und David auch. Hören wir noch einmal diesen Text aus der Bibel, in dem Jesus von seinem Weggehen und Wiederkommen spricht:
Johannesevangelium 14,2-6.

Nachdem wir also diese Geschichte von Jesus noch einmal gehört hatten, ging die Vorstellung der Kinder weiter: Clownerie, Trampolinspringen, Laufen auf großen Bällen, ….

Noch während der Vorstellung kam einer der Jungen, der mich auch nach der Beerdigung von David angesprochen hatte, an meinem Platz vorbei und sagte schnell, bevor er sich auf die nächste Nummer vorbereiten musste: „Das war schön, diese Erinnerung an David.“

Nachtrag:
Zwei Tage nach der Beerdigung von David hatte seine Schwester Leila ihre Erstkommunionfest in St. Michael. Nach dem Gottesdienst in der Kirche ging die Familie nachmittags mit Freunden zum Friedhof, um das Grab von David zu besuchen. Und auch die Freunde von David sind in der folgenden Zeit öfters auf den Friedhof gegangen, haben das Grab geschmückt, bepflanzt und Erinnerungsstücke zurückgelassen. Das Grab wurde auffällig und musste später wieder – wie so oft in unserer Welt – an die anderen Gräber angepasst werden. Eines Tages fragten die Kinder, wie es denn auf dem Friedhof in der Nacht sei. Das wollten sie erleben. Der Vater von David ging mit ihnen hin. Sie stiegen über den Zaun und suchten den Weg zu Davids Grab. Aber da hatten Leute aufgepasst. Die Polizei war mit einem Wagen zur Stelle. Karl erklärte den Beamten ihr Anliegen. Nun holten die Polizisten ihre großen Handscheinwerfer, reichten sie durch den Zaun und die Kinder gingen gut ausgerüstet zum Grab von David. Das war ein Erlebnis und gern hätten sie die Scheinwerfer behalten, haben sie später erzählt.

In den Monaten nach dem Tod von David habe ich mich einige Male gefragt: Nehme ich mir genug Zeit für den Weg der Trauer in mir und mit anderen zusammen? Um mich zu erinnern und zu merken, wer ich in diese Zeit geworden bin, war es nun gut, einmal einiges aufzuschreiben, und ich hoffe, dass Ihr, liebe Geschwister, so ahnen könnt, was mit mir und uns hier geschehen ist. Langsam wächst die Freude auf das Wiedersehen mit David und vielen Menschen, mit denen ich gute und auch schlechte Erfahrungen gemacht habe. Der Neuanfang mit all diesen Menschen hat leise, oft erst unbemerkt von mir, begonnen und noch gibt es viele Verweigerungen in mir.

Die Erinnerung an David hilft, diese Eisbrokken in mir zu sehen und auftauen zu lassen. Es wird wohl immer schwer vorstellbar bleiben, dieses Wiedersehen mit unseren älteren Geschwistern in den Wohnungen des Vaters. Aber wir kennen den Weg dorthin und können darauf schon vieles vom Ziel entdecken, auf das hin wir unterwegs sind.

Richard, ein Freund aus der Eifel, antwortete auf die Todesanzeige im letzten Jahr mit einer Clownkarte und schrieb:
„Es ist nicht üblich, mit einer Clownkarte Anteilnahme an Trauer zu bekunden. Aber es ist ja auch nicht üblich, von Toten zu sagen, dass sie leben.“ Dieses neue Leben Schritt für Schritt anzunehmen, ist unser Weg der Trauer. Von hier aus grüße ich Euch

Berlin Februar 1996,
teilweise veröffentlicht im entschluß 1/1997
Themenheft Naivität

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Über Christian Herwartz

Arbeiterpriester auf Rente Meine Webseiten: http://christianherwartz.wordpress.com Arbeitergeschwister: arbeitergeschwister.wordpress.com Jesuit - http://www.jesuiten.org/jesuiten-in-deutschland.html geb. 1943 wohnhaft in Berlin allerlei - nacktesohlen.wordpress.com, Begleitet Übende bei Exerzitien auf der Straße siehe: strassenexerzitien.de, nacktesohlen.wordpress.com Schmerz: sexueller Missbrauch - unheiligemacht.wordpress.com, an schmerzhaften Orten stehen bleiben und sich berühren lassen flughafenprozess.wordpress.com
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