Hinführung zum Kreuzweg

Weg der Liebe Gottes unter uns

Den Auferstandenen Jesus unter uns sehen lernen:

Liebe Schwestern und Brüder,
mit diesem Kreuzweg möchte ich anregen, den Blick des Glaubens in unseren Städten einzuüben. Wir dürfen mitten in der Welt sehen und hören, wie Gott uns entgegen- kommt. Die Begegnungen in unserem kleinen, überschaubaren Lebensbereich ermutigen uns, ihn auch weltweit wahrzunehmen. Ja, wir dürfen das Leben mit den Menschen über alle Grenzen hinaus teilen. Dazu lädt uns MISEREOR mit der Fastenaktion 2011 auch in diesem Jahr wieder ein: „Menschenwürdig leben. Überall!“ Alle gehören wir ja zu der einen Familie in Christus.
– Jesus ist uns nahe. Wir dürfen ihn wie in einer Familie mit „Du“ ansprechen. Schon in den Psalmengebeten lernen wir: Gott schreckt nicht vor uns zurück, auch dann nicht, wenn wir schlecht drauf sind, ihn gar beschimpfen oder fragend beiseite stehen. In Jesus kommt Gott uns ganz nahe. Direkt neben, ja in uns dürfen wir ihn ent- decken. In gläubiger Verbundenheit fallen wir geradezu in ein „Selbstgespräch“ mit ihm, unserem Menschenbruder, und können uns geschwisterlich von ihm leiten lassen. In diesem Sinne wagt der Kreuzweg durchgängig das „Du“, spricht Christus direkt an, sucht seine Nähe und so auch die Nähe unserer Schwestern und Brüder, die irgendwo auf der Welt heute den Kreuzweg gehen.
– Tatsächlich lässt sich Gott häufig in den Lebensbereichen entdecken, mit denen wir uns nicht gern beschäftigen. Die Not in der nahen und ferneren Umgebung in unse- rem Herzen zu spüren, schmerzt kräftig. Darum gehen wir dieser Not eher aus dem
Weg. Wir verschließen unsere Augen – und bleiben im Tiefsten doch nicht unberührt von dem, was uns an Armut, Verzweiflung, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und (verdeckter) Not in der Welt begegnet. Diese Sensibilität wollen wir im gemeinsamen Gehen des Kreuzwegs zum Leben kommen lassen.
– Im Kreuzweg gehen wir den Spuren der Not Gottes in unserer Welt nach. Heute. Wir sehen, wie Jesus ungerecht verurteilt wird, ähnlich etwa den Fischern, die
44 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot retten und dafür zu Unrecht verurteilt werden (vgl. Station 1). Ja, Jesus wurde nicht nur vor 2000 Jahren ausgegrenzt und getötet, sondern er wird auch heute noch Opfer menschlicher Hartherzigkeit. Er lebt als Auferstandener auch in den Opfern heutiger Ungerechtigkeit. So reiht sich eine Kreuzweg-Station an die andere. Damals wie heute.
– Die Bilder für den vorliegenden Kreuzweg weisen auf einige ausgewählte Situationen unseres Alltags hin: um die Ecke und weltweit. In einer geteilten Welt
des Nordens und des Südens können wir Jesus begleiten und sehen, wie er das Kreuz mit den Menschen trägt. Das geschieht erschreckend nahe: in unseren Straßen und in den Hinterhöfen unserer Häuser; in der Fußgängerzone und in den sozialen Einrichtungen, an denen wir täglich vorbeikommen; im Gefängnis oder an Gedenk- stätten, die uns an unsere gemeinsame Verantwortung für das Leben der Welt
erinnern.
Kreuz-Wegbegleitung mit Jesus ruft uns auch weit in die Welt hinaus: in die Armuts- viertel der Städte; auf die ungewissen Wege der Flüchtlinge; in die Familien der Armen, deren Kinder hungern; zu den Kranken, die an vermeidbaren Krankheiten leiden; zu den verlassenen Kindern und Jugendlichen, die sich auf unseren Straßen durchschlagen oder „einfach“ weggesperrt werden, weil sie so schlecht ins Bild eines
guten Lebens passen, das wir uns alle wünschen. Überall dorthin führt uns der Kreuzweg – für den andere vielleicht andere Motive ausgewählt hätten, die hier zum Teil in ganz einfachen, alltäglichen Bildern gezeigt werden, die jede/r von uns hätte
machen können. Und genau darum geht es:
– Der Kreuzweg will den gläubigen Blick auf unsere Welt unterstützen, so dass wir die Not Jesu unter uns entdecken. Wir können wegsehen. Doch wir können auch aus der Zuschauerrolle heraustreten und mit Jesus gehen. Dies ist nicht nur in besonderen Situationen möglich, sondern alltäglich. Jede/r von uns ist auf eigene Weise einge- laden, das Leid Jesu in sich und im Nächsten anzunehmen und mitzutragen.
– Seit einigen Jahren begleite ich in verschiedenen Städten Deutschlands Geistliche Übungen auf der Straße. Dort hat sich Jesus uns in Flüchtlingen, Drogenabhängigen,
Bettlern, Bauarbeitern, Prostituierten, Kindern und vielen andern Menschen gezeigt.
Wir pilgern und meditieren einzeln den Tag über auf den „Straßen“, tragen abends unsere Erfahrungen zusammen und fragen, wie Gott sich uns heute zeigen wollte. All diese Begegnungen mit der oft versteckten Armut entdecke ich auf dem Kreuzweg Jesu. Er ist die Straße zu allen Menschen und zum Ursprung des Lebens im Vater (Joh 14,6). Diese Erfahrung möchte ich im hier vorliegenden Kreuzweg weitergeben und öffnen: dass es möglich ist, Jesus in Menschen aus unterschiedlichen Ländern zu begegnen, wenn ich im Gebet den Kontakt mit ihnen suche und mich ihrer Not stelle. Wenn sie mir nicht mehr egal sind, ich aus der Resignation, nichts tun zu können, aufwache, werde ich hungrig nach Gerechtigkeit und nach einer echten Begegnung mit den Menschen, die ich nun neu wahrnehme (www.con-spiration.de/exerzitien).
– Unser unterschiedliches Sehen und Hören ergänzt sich und kann im Mitgehen des Kreuzweges zu einem gemeinschaftlichen Wahrnehmen der weltweiten Wirklichkeit werden. Um einen Austausch darüber zu ermöglichen, habe ich für den MISEREOR-Kreuzweg 2011 einen Blog eingerichtet: https://nacktesohlen.wordpress.com
Dort hat jede/r Gelegenheit, Erfahrungen mit dem vorliegenden Kreuzweg, Unver- ständnis, Rückfragen, Anregungen und Hinweise (z.B. auf ergänzende Bilder aus dem eigenen nahen und fernen Alltag) festzuhalten und sich mit anderen darüber auszutauschen. Der Blog ist bereits ab November 2010 eingerichtet, da schon seine Entstehung zu ersten intensiven Gesprächen geführt hat.

Hinweise zur Nutzung des Kreuzweges
– Die Motive der einzelnen Kreuzweg-Stationen finden sich auf der DVD zur MISEREOR-Fastenaktion 2011 unter: Liturgische Bausteine/Kreuzweg.
– Die Motive, die aus der Nachbarschaft des Autors für einzelne Stationen ausgewählt wurden, könnten durch eigene Fotos aus dem Gemeindegebiet oder umliegenden Stadtvierteln ersetzt werden und dem Kreuzweggebet eine noch größere Nähe geben.
– Der „Weg“ von einer Kreuzweg-Station zur nächsten wird immer wieder von einfachen Taizé-Gesängen begleitet. Jede Gruppe sollte sehen, ob die vorgeschlage- nen Lieder „stimmen“ oder ob sich andere, vertrautere Lieder oder nur ein immer wiederkehrender Gesang besser eignen.

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Über Christian Herwartz

Arbeiterpriester auf Rente Meine Webseiten: http://christianherwartz.wordpress.com Arbeitergeschwister: arbeitergeschwister.wordpress.com Jesuit - http://www.jesuiten.org/jesuiten-in-deutschland.html geb. 1943 wohnhaft in Berlin allerlei - nacktesohlen.wordpress.com, Begleitet Übende bei Exerzitien auf der Straße siehe: strassenexerzitien.de, nacktesohlen.wordpress.com Schmerz: sexueller Missbrauch - unheiligemacht.wordpress.com, an schmerzhaften Orten stehen bleiben und sich berühren lassen flughafenprozess.wordpress.com
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