Misereor Kreuzweg 2011 – erweiterte Fassung

Weg der Liebe Gottes unter uns

Den Auferstandenen Jesus unter uns sehen lernen:

Liebe Schwestern und Brüder,
mit diesem Kreuzweg möchte ich anregen, den Blick des Glaubens in unseren Städten einzuüben. Wir dürfen mitten in der Welt sehen und hören, wie Gott uns entgegen- kommt. Die Begegnungen in unserem kleinen, überschaubaren Lebensbereich ermutigen uns, ihn auch weltweit wahrzunehmen. Ja, wir dürfen das Leben mit den Menschen über alle Grenzen hinaus teilen. Dazu lädt uns MISEREOR mit der Fastenaktion 2011 auch in diesem Jahr wieder ein: „Menschenwürdig leben. Überall!“ Alle gehören wir ja zu der einen Familie in Christus.
– Jesus ist uns nahe. Wir dürfen ihn wie in einer Familie mit „Du“ ansprechen. Schon in den Psalmengebeten lernen wir: Gott schreckt nicht vor uns zurück, auch dann nicht, wenn wir schlecht drauf sind, ihn gar beschimpfen oder fragend beiseite stehen. In Jesus kommt Gott uns ganz nahe. Direkt neben, ja in uns dürfen wir ihn ent- decken. In gläubiger Verbundenheit fallen wir geradezu in ein „Selbstgespräch“ mit ihm, unserem Menschenbruder, und können uns geschwisterlich von ihm leiten lassen. In diesem Sinne wagt der Kreuzweg durchgängig das „Du“, spricht Christus direkt an, sucht seine Nähe und so auch die Nähe unserer Schwestern und Brüder, die irgendwo auf der Welt heute den Kreuzweg gehen.
– Tatsächlich lässt sich Gott häufig in den Lebensbereichen entdecken, mit denen wir uns nicht gern beschäftigen. Die Not in der nahen und ferneren Umgebung in unse- rem Herzen zu spüren, schmerzt kräftig. Darum gehen wir dieser Not eher aus dem
Weg. Wir verschließen unsere Augen – und bleiben im Tiefsten doch nicht unberührt von dem, was uns an Armut, Verzweiflung, Ungerechtigkeit, Ausbeutung und (verdeckter) Not in der Welt begegnet. Diese Sensibilität wollen wir im gemeinsamen Gehen des Kreuzwegs zum Leben kommen lassen.
– Im Kreuzweg gehen wir den Spuren der Not Gottes in unserer Welt nach. Heute. Wir sehen, wie Jesus ungerecht verurteilt wird, ähnlich etwa den Fischern, die
44 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot retten und dafür zu Unrecht verurteilt werden (vgl. Station 1). Ja, Jesus wurde nicht nur vor 2000 Jahren ausgegrenzt und getötet, sondern er wird auch heute noch Opfer menschlicher Hartherzigkeit. Er lebt als Auferstandener auch in den Opfern heutiger Ungerechtigkeit. So reiht sich eine Kreuzweg-Station an die andere. Damals wie heute.
– Die Bilder für den vorliegenden Kreuzweg weisen auf einige ausgewählte Situationen unseres Alltags hin: um die Ecke und weltweit. In einer geteilten Welt
des Nordens und des Südens können wir Jesus begleiten und sehen, wie er das Kreuz mit den Menschen trägt. Das geschieht erschreckend nahe: in unseren Straßen und in den Hinterhöfen unserer Häuser; in der Fußgängerzone und in den sozialen Einrichtungen, an denen wir täglich vorbeikommen; im Gefängnis oder an Gedenk- stätten, die uns an unsere gemeinsame Verantwortung für das Leben der Welt
erinnern.
Kreuz-Wegbegleitung mit Jesus ruft uns auch weit in die Welt hinaus: in die Armuts- viertel der Städte; auf die ungewissen Wege der Flüchtlinge; in die Familien der Armen, deren Kinder hungern; zu den Kranken, die an vermeidbaren Krankheiten leiden; zu den verlassenen Kindern und Jugendlichen, die sich auf unseren Straßen durchschlagen oder „einfach“ weggesperrt werden, weil sie so schlecht ins Bild eines
guten Lebens passen, das wir uns alle wünschen. Überall dorthin führt uns der Kreuzweg – für den andere vielleicht andere Motive ausgewählt hätten, die hier zum Teil in ganz einfachen, alltäglichen Bildern gezeigt werden, die jede/r von uns hätte
machen können. Und genau darum geht es:
– Der Kreuzweg will den gläubigen Blick auf unsere Welt unterstützen, so dass wir die Not Jesu unter uns entdecken. Wir können wegsehen. Doch wir können auch aus der Zuschauerrolle heraustreten und mit Jesus gehen. Dies ist nicht nur in besonderen Situationen möglich, sondern alltäglich. Jede/r von uns ist auf eigene Weise einge- laden, das Leid Jesu in sich und im Nächsten anzunehmen und mitzutragen.
– Seit einigen Jahren begleite ich in verschiedenen Städten Deutschlands Geistliche Übungen auf der Straße. Dort hat sich Jesus uns in Flüchtlingen, Drogenabhängigen,
Bettlern, Bauarbeitern, Prostituierten, Kindern und vielen andern Menschen gezeigt.
Wir pilgern und meditieren einzeln den Tag über auf den „Straßen“, tragen abends unsere Erfahrungen zusammen und fragen, wie Gott sich uns heute zeigen wollte. All diese Begegnungen mit der oft versteckten Armut entdecke ich auf dem Kreuzweg Jesu. Er ist die Straße zu allen Menschen und zum Ursprung des Lebens im Vater (Joh 14,6). Diese Erfahrung möchte ich im hier vorliegenden Kreuzweg weitergeben und öffnen: dass es möglich ist, Jesus in Menschen aus unterschiedlichen Ländern zu begegnen, wenn ich im Gebet den Kontakt mit ihnen suche und mich ihrer Not stelle. Wenn sie mir nicht mehr egal sind, ich aus der Resignation, nichts tun zu können, aufwache, werde ich hungrig nach Gerechtigkeit und nach einer echten Begegnung mit den Menschen, die ich nun neu wahrnehme (www.con-spiration.de/exerzitien).
– Unser unterschiedliches Sehen und Hören ergänzt sich und kann im Mitgehen des Kreuzweges zu einem gemeinschaftlichen Wahrnehmen der weltweiten Wirklichkeit werden. Um einen Austausch darüber zu ermöglichen, habe ich für den MISEREOR-Kreuzweg 2011 einen Blog eingerichtet: https://nacktesohlen.wordpress.com
Dort hat jede/r Gelegenheit, Erfahrungen mit dem vorliegenden Kreuzweg, Unver- ständnis, Rückfragen, Anregungen und Hinweise (z.B. auf ergänzende Bilder aus dem eigenen nahen und fernen Alltag) festzuhalten und sich mit anderen darüber auszutauschen. Der Blog ist bereits ab November 2010 eingerichtet, da schon seine Entstehung zu ersten intensiven Gesprächen geführt hat.

Hinweise zur Nutzung des Kreuzweges
– Die Motive der einzelnen Kreuzweg-Stationen finden sich auf der DVD zur MISEREOR-Fastenaktion 2011 unter: Liturgische Bausteine/Kreuzweg.
– Die Motive, die aus der Nachbarschaft des Autors für einzelne Stationen ausgewählt wurden, könnten durch eigene Fotos aus dem Gemeindegebiet oder umliegenden Stadtvierteln ersetzt werden und dem Kreuzweggebet eine noch größere Nähe geben.
– Der „Weg“ von einer Kreuzweg-Station zur nächsten wird immer wieder von einfachen Taizé-Gesängen begleitet. Jede Gruppe sollte sehen, ob die vorgeschlage- nen Lieder „stimmen“ oder ob sich andere, vertrautere Lieder oder nur ein immer wiederkehrender Gesang besser eignen.

0. Station Begrüßung

Treten wir näher

Eingang zum Jüdischen Museum in München – mitten in der Fußgängerzone
Gott finden, den ich begrüßen kann.

Jesus Christus, wir begrüßen Dich in unserer Mitte: Grüß Gott!
Als Auferstandener lebst Du unter uns. Oft bemerken wir Dich nicht.
Durch Deine Frohe Botschaft, die Du selbst bist, willst Du uns die Augen öffnen.
Jesus, in deiner Rede vom Weltgericht sagst Du uns (Mt 25,31-46), wie Du uns in jedem Durstigen, Hungrigen oder Nackten begegnest, dem wir das Notwendige geben oder wie wir Dich besuchen, wenn wir zu einem kranken oder gefangenen Menschen gehen. Diese Beispiele lassen sich durch viele andere ergänzen. Denn in jedem Armen, Fremden oder für unmündig Erklärten können wir Dir begegnen.
Jesus, Du überschreitest unsere Grenzen, die wir ängstlich ziehen. Du hast mit denen zusammen gesessen, von denen man eigentlich Abstand zu halten hatte. Darum wurdest Du zum Tod verurteilt. Auch Frauen, die in der Gesellschaftsmitte oft nicht sichtbar waren, schenktest Du Achtung und ermahntest Deine Zuhörer, auf sie zu hören. Die abgelehnte Frau, die mit ihren Tränen Deine Füße wusch und Dich salbte, stelltest Du als Lehrerin vor (Lk 7,44-47), mit der Frau am Jakobsbrunnen teiltest Du das Leben spendende Wasser (Joh 4,4-26), die klugen jungen Frauen nahmst Du in Schutz vor den geizigen, die das Geld für das notwendige Öl sparen wollten (Mt 25,-13).
Jesus, Du eröffnest uns die Verbindung zur befreienden Geschichte deines Volkes, das Gott aus der Sklaverei in Ägypten herausgeführt und sicher durch die Wüste geleitet hat: in ein Land voll Milch und Honig (Ex 3,8).
S T I L L E
Jesus, Du gehst unter uns den Weg der Liebe, der uns in die Offenheit zu all unseren Geschwistern ruft. Deine Liebe in uns öffnet unsere Verschlossenheit. Sie befreit uns zum Sehen der Realität und zum Handeln aus Deiner Liebe heraus. Sie ist ja in uns verborgen. Wenn wir in Kontakt mit Dir kommen, dann wird jede Blindheit von uns abfallen. Öffne uns für die Begegnung mit Dir in jedem Menschen.
Jesus, wir spüren in uns viele Widerstände, Deinen Weg unter uns mitzugehen. Ängste stellen sich ein. Gern fliehen wir mit unseren Gedanken. Lange trainierten wir eine innere Distanz zum Leben und konnten Dich unter uns nicht bemerken. Nimm endlich die Binde von unseren Augen und befreie uns von unserem Versteckspiel vor dem Leben.

Das folgende Lied wird nach der Melodie von GL 113 Text gesungen:

Von Gott will ich nicht lassen

1. Von Gott will ich nicht lassen, denn er lässt nicht von mir,
führt mich durch alle Gassen, da ich sonst eilte sehr.
Er sieht mich täglich an, in Armen und in Fremden,
mit ausgestreckten Händen, bis ich sie greifen kann.

2. Auf Gott will ich vertrauen, weil er so menschlich ist.
Er will auf Menschen bauen, die man sonst oft vergisst.
Für ihn sind Schiefe schön, die Ausgegrenzten wichtig,
Und die Verwirrten richtig, die Lahmen werden gehn.

3. Vor Gott habe ich nichts mehr, als meine bloße Hand,
nicht Geld, nicht Stolz, nicht Abwehr und auch nicht den Verstand.
Die Hand, die offen bleibt, wird Wunder miterleben
und Segen weitergeben,  und spür’n der Menschen Leid.

4. Gott hält dich in den Armen, wenn Dunkel dich umgibt,
dir gilt all sein Erbarmen, weil er dich so sehr liebt,
Er schenkt dir Wasser ein, er singt dir seine Lieder,
Erscheint dir immer wieder In Licht und Brot und Wein.

5. Von Gott will ich erzählen mit Herzen, Mund und Hand.
Sonst würde es ja Fehlen, was ich von ihm verstand.
Gott lebt!, das ist nun klar. Wie es Maria hörte,
wie Thomas es auch spürte, es ist noch heute wahr.

Text: Marita Lersner, Jugendpfarrerin Berlin-Neukölln, Juli 2007.

Fotos von Andrea Stölzl, München

1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt

Afrikanisches Flüchtlingsboot im Mittelmeer.

Im August 2007 retteten sieben Fischer aus Tunesien auf ihren beiden Booten kurz vor der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa 44 afrikanische Flüchtlinge aus Seenot und brachten sie bei bewegter See an Land. Dort angekommen wurden den Fischern von den italienischen Behörden die Boote abgenommen; inzwischen sind sie unbrauchbar geworden. Sie selbst wurden verhaftet und für ihr lebensrettendes Tun vor Gericht gebracht. Über zwei Jahre saßen sie auf der Anklagebank. Sie wurden als Schlepper diffamiert. Dann wurden die beiden Kapitäne unter ihnen von einem modernen Pilatus zu 30 Monaten Haft und 440.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Unter Beifall der Europäischen Union hat Italien mit dem Gerichtsurteil deutlich gemacht: Hilfe für Flüchtlinge ist unerwünscht, ist politisch nicht gewollt.

Die Fischer aber hatten vom Standpunkt der Mit-Menschlichkeit aus das einzig Mögliche in ihrer Situation getan: Sie hatten nicht von der Not der Ertrinkenden
weggesehen.
Die EU-Behörde Frontex (Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen) dagegen drängt die oft unzureichend ausgestatteten Flüchtlingsboote nach Möglichkeit schon in internationalen Gewässern zur Umkehr und nimmt damit in Kauf, dass jedes Jahr etwa 3.000 Menschen im Mittelmeer ertrinken. Jeder innerlich freie Kapitän aber, der schiffbrüchige Flüchtlinge rettet, muss mit seiner Verurteilung rechnen.

Für den 6. und 7.April 2011 ist in Berlin eine internationale Konferenz unter dem Titel: „Grenzen der EU – Grenzen der Menschenrechte?“
anberaumt, bei der wir als Komitee zu den Veranstaltern gehören. Bei dieser Konferenz werden auch die beiden tunesischen Kapitäne anwesend sein und über ihre Geschichte und den aktuellen Stand des Revisionsverfahrens berichten. Weiter auf sos-mittelmeer.de
weiter Informationen unter www.borderline-europe.de

Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst hat in Malta eine sehr eindrucksvolle Dokumentation zusammengestellt, in der Flüchtlinge erzählen, was sie in Libyen erlebt haben. Der Bericht gibt erstmals den Betroffenen selbst eine Stimme. Darin erzählen Betroffene, die aus ihren Heimatländern wie Eritrea und Somalia geflohen und über Libyen nach Malta eingereist waren, wo sie einen Flüchtlingsstatus erhielten, von ihren Erlebnissen auf der Flucht. In Libyen werden Flüchtlinge immer wieder unversorgt in der Wüste ausgesetzt, wo sie verhungern oder verdursten. weiter im Bericht des Jesuitenflüchtlingsdienstes

Vor der Verurteilung wird Jesus gefoltert – Acat Aktion der Christen für die Abschaffung der Folter e.V.


Deutschland ist nur noch sehr schwer erreichbar, denn es ist eingebettet in andere europäische Länder, die sich im Schengener Abkommen zur Abweisung von Flüchtlingen zusammengeschlossen haben. Flüchtlinge werden von Deutschland aus sofort in die Länder zurückgeführt, durch die sie eingereist sind, wie Österreich, Frankreich, Dänemark, Polen, Tschechien, Belgien, Niederlande etc. Die Folge ist: Sie können rein rechtlich gesehen hier gar nicht um Asyl ersuchen. Deshalb bleiben hier bei uns viele Flüchtlinge ohne Antrag im Land und werden „Illegale“ genannt. Zurzeit leben in Deutschland circa eine Million Menschen ohne Papiere. Auch wer die Möglichkeit hat, um Asyl zu bitten, hat kaum eine Chance, erhört zu werden. Anerkannter Grund für ein politisches Asyl ist nur, wenn jemand von einer Regierung Unrecht erfahren hat. Alle anderen Asylsuchenden stehen ohne Möglichkeiten da, egal, ob sie von politischen Gruppen verfolgt werden oder Opfer einer Situation sind, die von ihrer eigenen Regierung toleriert wird, wie zum Beispiel Zwangsheirat oder Militärdienst in einem Krieg.

Bildnachweis: 1. Foto KNA-Bild. Die anderen sind von Judith Gleitze borderline-europe nach einer Reise zu Flüchtingen in Lampedusa und Pozzallo an der Südküste Siziliens.
Das vorletzte Foto stammt von Kapitän Schmidt (Cap Anamur). Das Letzte von Andrea Stölzl, München

2. Station Jesus nimmt das Kreuz an

„Verborgener“ Eingang zum FKK-Club, irgendwo im Hinterhof unserer Wohngebiete.

Jesus Du trägst heute das Kreuz mit Menschen am Rande unserer Aufmerksam- keit. Wir schauen auf den versteckten Eingang zu einem FKK-Club. Wir können
auf dem Bild nicht sehen, was hinter den Mauern geschieht. Wer eintreten will, kann klingeln und mit seiner EC-Karte „anonym“ bezahlen. Die Reklame mit
einer liegenden, nackten Frau hängt dort – wie zufällig.
Jesus, Du bist in den abertausenden Frauen – und auch Kindern – anwesend, die in solchen Clubs, in Bordellen und in Privatwohnungen gegen ihren Willen zur sexuellen Befriedigung der Kunden festgehalten werden. Kommen sie aus den armen Ländern des Südens, müssen oft ganze Familien die Schulden der „Reisekosten“ für eine versprochene Arbeit im vermeintlich reichen Norden der Welt abarbeiten. Die Missbrauchten selbst leben unter dem Druck, mindestens bis zur „Schuldenfreiheit“ aushalten zu müssen – und werden doch abgeschoben, sobald sie ihren „Arbeitgebern“ unerwünscht sind. Ganz still „entsorgen“ wir dann die Entwürdigten durch die Ausländerbehörde in ihre Heimatländer.
Weiter im Misereorkreuzweg


Jesus, Du grenzt Dich nicht von den Menschen ab, die in einer solchen Situation Widerstand leisten oder in eine Fluchtwohnung ausweichen. Oft genug gehst Du gewaltlos mit und nimmst solidarisch mit uns das Kreuz der Verachtung auf.

SOLWODI ist ein Verein, der Frauen in Notsituationen hilft. Die Organisation ist Anlaufstelle für ausländische Frauen, die durch Sextourismus, Menschenhandel oder Heiratsvermittlung nach Deutschland gekommen sind. Die Migrantinnen, sowohl illegale wie auch legale, sind sie in die Fänge von Verbrechern des Menschenhandels geraten und erleben ausweglose Situationen. Der Verein ist überparteilich und überkonfessionell.
Weitere Informationen: www.solwodi.de

Ich erlebe es, dass eine Grenzüberschreitung stattfindet. Uns wird suggeriert: Alles ist käuflich, Sex ist käuflich, und es ist ganz normal, alles von dieser Seite aus zu betrachten. Frauenkörper – und auch die von Männern – werden dafür benutzt, die Attraktivität von allen möglichen Produkten zu verbürgen und die Kauflust zu steigern. Die glatten, perfekten Körper scheinen allzeit bereit, sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen. Ein Ergebnis dieser Werbestrategie kann sein, dass ich gefangen bin in meinen Trieben. Dann sehe ich gar nicht mehr, dass zur Freude an der liebenden Einheit immer zwei Pole, nämlich die beiden beteiligten Menschen gehören, und nicht nur ein Pol, mein Bedürfnis. Ich ordne meinem Trieb alle anderen Werte unter, ähnlich wie beim Rasen auf der Autobahn vergesse ich meine Bedürfnisse nach unversehrtem, gesundem Leben und nach einer intakten Umwelt. Bei diesen Fixierungen auf nur ein Interesse wird das nötige Zusammenspiel verschiedener Aspekte des Lebens unterbrochen, die für ein geglücktes Leben nötig sind.

Bildnachweis: Andrea Stölzel, München

3. Station Jesus fällt zum ersten Mal


Oft im Leben bleiben wir Zuschauer, die sich schwer zum Mit-Tun bewegen lassen.

Jesus, Du gehst mit uns Menschen auch durch unsere Krisen. In den letzten Monaten sehen wir Dich in einer solchen Zeit des Verlorenseins. Viele Kinder und Jugendliche erleben sie, wenn sie durch sexuelle Gewalt gedemütigt werden. Jede vierte Frau und jeder siebte Mann in unserem Land soll in jüngeren Lebensjahren solch eine Erfahrung in der Familie, in einer Jugendgruppe, im Sportverein oder in einer kirchlichen Einrichtung erlitten haben. Sehen wir in die Gesichter dieser Menschen: der Opfer und der Täter. Irgendwo stehen jene, die von diesen Verbrechen wissen und schweigen oder die Taten vertuschen. Missstände sollten oder sollen nicht öffentlich, Amtsträger in ihrer Autorität nicht beschädigt werden. Auch Du, Jesus, wirst mit den Betroffenen in ein Schweigen gedrückt, das das „Ich“ nachhaltig beschädigt. Die Betroffenen können oft erst dann wieder in menschliche Beziehungen zurückfinden, wenn ihnen geglaubt wird und sie ihre Geschichte ehrlich erzählen dürfen. Auch für die Täter beginnt der Heilungsweg dann, wenn sie ihr schuldhaftes Handeln einsehen und den Schmerz bei sich annehmen. Weiter im Misereorkreuzweg 2011

Dies ist die erste Krise auf dem Weg Jesu mit uns. Das Unrecht bleibt verdeckt. Wir ahnen nur die große Gruppe von innerlich verletzten Menschen in dieser Menschenansammlung. Wie können die verstummten Opfer der demütigenden Gewalt zu Sprechenden und damit zu Überlebenden werden und Heilung finden. Wird ihnen heute geglaubt oder müssen sie auch nach Jahren des Schweigens weiter schweigen?

Der Titel eines Theaterstücks, der seit vielen Jahren auf Plakaten in Berlin zu lesen ist, bringt die Geschichte auf den Punkt: „Ich bins nicht, Adolf Hitler ist es gewesen.“ Das ist faschistische Nährboden: Die Verantwortung weg schieben und sich so selbst entwerten. Es ist das gleiche Prinzip wie zu Hitlers Zeiten, aber um es heute zu finden, muss man sich nicht in rechten Kreisen bewegen. Es gibt Gesetze und Regeln für viele Situationen in unserer Gesellschaft. Da ist es leicht, solche überfordernden Schicksale von sich zu weisen mit dem Hinweis auf den „Zuständigen.“

Bildnachweis: 1. Foto Desmarowitz/MISEREOR, die anderen von Andrea Stölzl, München

4. Station Jesus begegnet seiner Mutter

Lomas de Carabayllo, ein Armenviertel am Stadtrand von Lima/Peru. Hierhin sind viele Menschen abgeschoben aus der Stadtmitte an den Rand. Hier bist Du, Jesus, zu Hause.

Jesus, auf Deinem Weg mit den Kreuz tragenden Menschen stößt Du auf Begleiter und Begleiterinnen, die hinhören und hinschauen. Sie fühlen in den Leidenden und Ausgestoßenen mit Dir, sie fühlen geradezu in ihrem eigenen Fleisch mit und harren etwa in einem Sterbehospiz oder in einem Armenviertel bei Dir aus und packen dort mit an.
Ähnlich wird damals Deine Mutter mit Dir gefühlt haben, als Ihr Euch am Kreuzweg begegnet seid. Menschen wie Maria, Deine Mutter, sind oft sehr still, sodass wir sie leicht übersehen. Doch die Begegnungen mit ihnen sind wie Oasen in den Wüsten des Lebens. Bei ihnen zeigen sich Solidarität, Freundschaft, Liebe bis in ihre Fundamente. Sie tragen das Leben auch noch an den Todesorten mit.

Jesus, es ist eine Freude, Dir in diesen mitfühlenden Menschen zu begegnen. In ihrer Nähe finden wir die Kraft, wieder aufzustehen und das Leben aus Deiner Hand neu anzunehmen. Sie sind wie Engel am Weg.
Manchmal entdecken wir an unseren eigenen Kreuzwegen unsere leiblichen Verwandten neu. Sie besuchen uns oft noch in schwierigen Situationen im Kranken- haus oder im Gefängnis, wenn sonst keiner mehr kommen mag oder wir keinen Fremden mehr ertragen können. Oder wir lernen Freunde, Kollegen, Nachbarn plötzlich als Boten der Mitmenschlichkeit kennen, die zum Beispiel über MISEREOR Menschen in den Armenvierteln der Welt unterstützen und uns die Welt mit neuen Augen sehen lassen.
Jesus, wenn wir die stillen Menschen in unserer näheren und weiteren Umgebung wahrnehmen und ihre Botschaft hören lernen, dann öffnet sich eine neue Dimension des Lebens. Die Mauern fallen, die zwischen der oft rauen Wirklichkeit des Lebens und uns selbst stehen. Mach Du uns bereit für die Begegnung mit dem Ursprung unseres Lebens. Du hast uns beigebracht, diesen Ursprung, diese Gerechtigkeit, diese Liebe „Abba“, „Vater“, zu nennen. Durch Dich ist ER für uns erlebbar. Unser Dank dafür wird im Begreifen immer wortloser und verbindet uns mit den Stillen in unserem Land und in der Welt.

Wir leben weltweit in einer großen, geschwisterlichen Gemeinschaft, die davon lebt, dass wir teilen. Zu schenken, loszulassen, nicht in etwas Käuflichem zu bleiben, sondern etwas ganz unbezahlbar zu schenken. Eine Blume, einen Kuss oder auch einen Verband oder was gerade nötig und für mich möglich ist. Ein gutes Essen gehört sicherlich auch immer wieder dazu.
Für mich ist dieser Schritt da möglich, wo ich etwas loslasse. Das kann sein, dass ich zum Beispiel alte Verletzungen verzeihe oder dass ich einen Besitz, den ich nicht teilen will, loslasse. Dann kann der nächste Schritt passieren. Dieser nächste Schritt ist nicht machbar, der ist dann wirklich ein Geschenk.

ein KNA-Bild und Fotos von Andrea Stölzl

5. Station Simon von Zyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Treppenaufgang zum Drogennotdienst in Berlin-Tiergarten. Es könnte auch in unserer Stadt sein. Oder in jeder anderen Stadt der Welt
Jesus, Du stehst oft an diesem Ort mit Menschen, die aus ihrer Sucht aussteigen, die ihr Kreuz ablegen wollen. Durch wie viele Ängste müssen sie gehen? Schnell noch eine Zigarettenlänge Zeit. Dann geht es die Treppe hinauf – hoffentlich in eine neue Etappe des Lebens hinein. Die einzige Hilfe ist ein schmerzhafter Entzug und ein sich anschließendes, lebenslanges Fasten. Es ist eine schmerzliche Wahrheit: Nie wieder das, was jetzt noch (fast) alles ist!
Jesus, Du hast die von den Soldaten erzwungene Hilfe durch Simon von Zyrene angenommen und Dein Kreuz auf seine Schultern gelegt. So stärkst Du auch uns, unsere Leben bedrohenden Abhängigkeiten abzulegen – und die nicht zu verurteilen, die in Abhängigkeiten leben. Mit einem offenen und ehrlichen Blick für die Abgründe des Lebens wollen wir versuchen, uns und auch fremden Menschen die nächsten
Schritte zu erleichtern.

Kontakte zu Anonyme Alkoholiker, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Fachverband Sucht, Hauptstelle für Suchtfragen

Fast jeder kann wohl süchtiges Verhalten in sich finden, einen inneren Diktator oder Kontrolleur, der sagt: Es muss sein, ich brauche den Kaffee, die Zigarette, die Sportschau, die Tablette… jetzt sofort. Diese beiden Befehle „Muss“ und „jetzt sofort“ sind typisch für die Sucht. Eine Korrektur durch den Verstand setzt aus. Typisch ist auch zu glauben, dass es möglich sei, sich mit diesem Diktator anzufreunden. In Wirklichkeit hat er das Kommando, und ein Aufkündigen dieser Beziehung fällt sehr schwer. Die Sucht ist umgeben von einer Sprachverwirrung und einer Beziehungslosigkeit. Ich kann mit Süchtigen nicht auf der Basis der Wirklichkeit reden, denn sie beziehen sich nur auf das, was die Sucht diktiert. Sie können die Wirklichkeit nicht mehr sehen und leben im Vergessen.
Von Menschen in ganz unterschiedlichen Selbsthilfegruppe – wie die Anonymen Alkoholiker (AA) – sagen uns klipp und klar, der Weg geht durch die Kapitulation eigener Leistungen in ein Vertrauen auf eine höhere Macht, auf Gott. Dort wo dies jeweils heute gelingt erleben wir mit ihnen Heilung, Befreiung, neues Leben.

1. Foto von Renè Hanke, Berlin, die anderen von Andrea Stölzl, München

6. Station Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Lachendes Mädchen in den Armenvierteln von Phnom Penh, der Hauptstadt Kambodschas.
Jesus, an Deinem Kreuzweg stand Veronika und sah Deine Not. „Machtlos“ wie alle anderen am Wegesrand wurde sie doch erfinderisch. Sie gab Dir ein Schweißtuch, damit Du Dir wenigstens das Gesicht abtrocknen konntest. Veronika hat in dem Tuch das Bild Deines Gesichtes als Dank von Dir bekommen. Ihr habt Euch angesehen und die schweißtreibende Angst war einen Moment unterbrochen.
In Kambodscha, einem der Länder, die im Mittelpunkt der MISEREOR-Fastenaktion 2011 stehen, hebt das Lächeln eines Mädchens in den Armenvierteln der Hauptstadt Phnom Penh plötzlich die Anonymität der großen Zahlen von Armut und Elend der Menschen auf. Ihr Lächeln bringt uns neu in Beziehung zu den Menschen der Welt: unseren Schwestern und Brüdern. weiter im Misereorkreuzweg

Ich kenne diese Nähe zu Gott im Gebet. Es gibt für mich eine Erotik des Betens, in der ich eine Intimität mit Gott erlebe. Dann spüre ich Energie und Nähe in mir, auch eine große Freude. Es geht nicht um Wissen, um richtig oder falsch, sondern um diese Zärtlichkeit in der Beziehung zum Leben. Die kann ich spüren, auch wenn Gott nicht greifbar ist. Sie erfasst mich manchmal unvermittelt und lässt mich die Wirklichkeit neu wahrnehmen.

1. Foto MISEREOR, Rest Andrea Stölzl, München

7. Station Jesus fällt zum zweiten Mal


Satellitenschüsseln für den Fernsehempfang an fast jeder Wohnung
einer Hochhaussiedlung – nebenan oder irgendwo auf der Welt.

Jesus, Du bist auf Deinem Weg Deiner Mutter, Simon, Veronika und vielen Menschen begegnet, die Dir Zuwendung geschenkt haben. Doch auch sie konnten Dich nicht vor einem weiteren Zusammenbruch schützen. Wir finden Dich erneut bei jenen, die den Kontakt zu dem Weg, den sie gehen, zu ihrem Leben verloren haben. In dieser Einsamkeit liegst Du mit ihnen am Boden.
Die vielen Satellitenschüsseln zeigen den Hunger nach Begegnung in jeder Wohnung. Alle wollen am Leben teilhaben. weiter im Misereor-Kreuzweg

Einsamkeit hat viele Gesichter. Meine eigene Einsamkeit ist dort, wo ich noch nicht teilen kann. ….
Aber auch, wenn ich mit vielen Menschen zusammen lebe und Teile meines Alltags gemeinsam mit Anderen verbringe, ist die Gefahr der Vereinsamung noch nicht gebannt. Es ist so einfach, zusammen in einer Wohnung zu leben, den Alltag zu meistern und sich doch gar nicht wirklich nahe zu sein. Denn Nähe und Austausch brauchen Raum und Zeit. Ich kann nicht einfach so nebenbei über etwas sprechen, was mich sehr belastet. Wenn ich auf der Arbeit nicht erfolgreich bin, weil ich die geforderte Leistung nicht bringe oder weil ich mich mit den Kollegen nicht wohl fühle, dann muss ich mich erst überwinden, davon zu erzählen.

Fotos von Andrea Stölzl, München

8. Station Jesus begegnet den weinenden Frauen

Straßenjunge in New-Delhi/Indien.
Jesus, Du bist ein Prophet und konfrontierst uns mit der beiseite geschobenen Wahrheit: „Weint nicht über mich, weint über euch und eure Kinder!“ (Lk 23,28), sagst Du. Wir sollen hinsehen in die kleine und große Welt, die uns umgibt. Darin werden weltweit auch die Kinder in die immer größer werdende Kluft von Arm und Reich hineingerissen – auch in unserem Land. Straßenkinder sind überall auf der
Welt das sichtbarste Zeichen dafür. Welche Mitverantwortung hinsichtlich ihrer fehlenden Lebenschancen tragen wir? Viele von ihnen werden früh sterben: an
vermeidbaren Krankheiten, an den Folgen von Drogenkonsum, durch Gewaltver-brechen, im Gefängnis. Sehen wir die Not, in deren Mitte Du anwesend bist?
Jesus, Du lehrst uns, Nein zu sagen zu allem, was Menschen Leben nimmt. Ohne dieses Nein finden auch wir nicht zum Leben. Wir wollen die traurigen Wahrheiten des Lebens nicht länger beiseite schieben. In dem dreimaligen Nein, das Du dem Teufel in der Wüste entgegenbringst (Mt 4,1-11), spiegelt sich Deine Entschiedenheit wieder, für die Würde jedes Menschen einzustehen.

1. Foto Misereor, die anderen von Andrea Stölzl

9. Station Jesus fällt zum dritten Mal

Ein „grauer“, leerer Hinterhof im Irgendwo unserer Städte.
Jesus, ist diese Erfahrung der Leere eine Etappe auf dem Weg des Glaubens, in dem wir Dir ähnlicher werden dürfen? Ja, Du schenkst uns Hoffnungen, die wir nicht für möglich hielten. Du bist bei uns, selbst wenn uns andere dafür verspotten.
Jesus, wir wollen oft den Schein wahren, dass alles in Ordnung ist und gut funktioniert. Überall ist aufgeräumt, die Fenster sind geputzt, der Hof ist sauber gefegt. Aber die Rollläden sind fast ganz herunter gelassen. Vor Dir müssen wir unsere Not und Verzweiflung nicht verstecken. Du zeigst uns, wie sie zu dem in uns wachsenden Leben dazu gehören.

Geschwisterlichkeit aufkündigen: Kirchenspaltungen
In der langen Geschichte der Kirche haben die Frage nach der Wahrheit und der Wunsch, sich zu erneuern, immer wieder zu Neugründungen geführt. Oft haben sich dann die bestehenden religiösen Gemeinden gespalten, und danach war es nicht mehr möglich, wieder zusammen zu kommen und die neu gewonnenen Einsichten als gemeinsamen Reichtum zusammen zu legen. In der Bibel heißt es „Und alle bildeten eine Gemeinschaft und hatten alles zusammen.“ (Apostel 2, 44) Ich meine, dass sich die wesentliche Botschaft von Jesus Christus in dieser Gemeinschaft des Zusammenlebens ausdrückt. Wichtiger als Texte sind Zeichen dafür, dass dies möglich ist. Aber diese Geschwisterlichkeit, einander zu achten, wird oft nicht mehr in einer das Leben ausrichtenden Weise, in einer existentiellen Weise gelebt. Sie ist zerbrochen. Für mich ist es kein Trost, dass auch andere Religionen diese Probleme haben, und dass auch Jesus eine Erneuerung wollte und eine Spaltung zwischen Juden und Christen eingetreten ist.

Fotos von andrea Stölzl

10. Station Jesus wird seiner Kleider beraubt


Abgestellte Plastiktüten unter einer Brücke – in München oder an jedem anderen Ort der Welt.

Jesus, Du bist der Weg zur Wahrheit und die Straße zum Leben (Joh 14,6). Du kennst das Leben unterwegs. Wir finden Dich auf unseren Straßen, wo Du nach einem Schlafplatz suchst. Könnte es hier sein? Einige Obdachlose haben ihr Hab und Gut unter einer Brücke abgestellt und werden am Abend wieder hierher zurück-kommen. Bist Du dort etwas von den abschätzenden Blicken anderer geschützt? Wird dort kein Spott mit Dir getrieben? Wirst du dort Deine Schuhe, Deine Plastiktüte am Morgen wiederfinden? Wenigstens für einige Zeit scheint es einen sicheren Platz für Dich zu geben. weiter im Misereor-Kreuzweg
Gegen Ende des Tages auf der Straße ließ ich mich mit Döner und Bier auf einer Steinbank in Sichtweite einer Gruppe von Pennern, Säufern, Fixern und Obdachlosen nieder. Da löste sich plötzlich aus der Gruppe ein junger Mann, kam zu mir und fragte, ob er sich setzen dürfe. Eingeladen zu bleiben, erzählte er mir ohne weitere Umstände sein Leben: …. Vor wenigen Tagen hatten ihm Ärzte gesagt, dass er, der HIV-Infizierte, höchstens noch drei Monate zu leben habe… Schau, sagte er und wies auf die Gruppe, aus der er herausgetreten war, das sind meine einzigen Freunde, die ich noch auf der Welt habe. Und das ist gut so, dass ich wenigstens sie habe. Aber: wenn ich in einigen Wochen tot bin, dann wissen auch diese Kumpels nach drei, vier Tagen nicht mehr, dass es mich je gegeben hat! Kein Mensch auf der Welt denkt noch an mich! Ich habe doch auch hier auf der Erde gelebt! Es muss doch wenigstens einen geben, der um mich weiß, mit meinen Lebensträumen und Hoffnungen! Ich bin doch ein MENSCH! Und er wollte mir zum Zeichen der Erinnerung einen silbernen Armreif schenken. Nach einigem Überlegen ließ ich mich darauf ein, und der Mann befestigte ihn an meinem rechten Arm. Spontan nahm mich dann der mir eben noch völlig unbekannte Mensch aus einer mir fremden und völlig anderen Welt in seine Arme, drückte mich so fest er konnte und sagte: „Jetzt habe ich wieder einen Bruder.“

Fotos von Andrea Stölzl, München

11. Station Jesus wird ans Kreuz genagelt

Jugendliche in einem Gefängnis in Lateinamerika – weggesperrt, weil unerwünscht.
Jesus, Dir wird nicht nur aller Besitz genommen, hinter dem wir uns gern verstecken. Dir wird durch und durch misstraut. Und bis heute wirst Du immer
neu an eines der vielen Mordinstrumente gefesselt. Du bist bei den Menschen, die von anderen als Sicherheitsrisiko angesehen werden. Über Dich haben Menschen gesagt: Besser es stirbt einer, als das ganze Volk (Joh 18,14). Dein Schlüsselwort heißt „Vertrauen“. Unseres heißt oft „Sicherheit“.
Sicherheitsgedanken fesseln uns. Kontrolle und Gewalt sind weltweit ihre Früchte.

Ich sehe das Gefängnis als Spiegel unserer Gesellschaft. Es zeigt uns, wo unsere Grenzen sind und spiegelt uns unsere Angst vor Menschen, mit deren Problemen wir nicht mehr umgehen können. Und es konfrontiert uns mit den kriminellen Energien, die wir von uns selbst kennen. Wer hat nicht schon einmal in Gedanken damit gespielt, sich heimlich zu bereichern? Nichts anderes ist für mich Kriminalität: Sich zu bereichern, und dabei nicht gesehen werden zu wollen. Das ist nicht sehr fern von uns, aber wie gehen wir mit dieser Schattenseite um?

Gebet:
Jesus, du lebst auch dort, wohin keiner gerne sieht. Du lebst mit uns in den Gefängnissen, wie hier in einer abgeschiedenen Gegend der USA. In diesem Land der großen Freiheit sollen Prozentual mehr Menschen eingesperrt sein als in China. Der Film zeigt eine Stadt mit 36.000 Seelen und 13 Gefängnissen. In diese Gefängnisstadt leben selbst die,  die draußen sind, drinnen. Ist die Situatotion dort ein Vorgeschmack auf die Welt von morgen? Wird doeser ;ossbraicj der Freiheit Schule machen? Schon ein paar Bilder können eine Brücke zu dir dort werden. http://prisonvalley.arte.tv/?lang=de
Nicolaus schreibt am 10. Februar 2011:
Hier ein Gegenentwurf zu dem Strafsystem in USA oder auch in Deutschland. Circa ein Drittel der Gefängnisse in Norwegen sind ähnlich offen wie die Gefängnisinsel Bastøy. Das Parlament hat beschlossen, dass es mehr werden sollen. Nach einer Zeit im normalen Gefängnis, können norwegische Gefangene einen Aufenthalt in solch einem liberalen Gefängnis beantragen. Was würden wohl die Opfer der Straftaten dazu sagen? Immerhin besteht eine weitaus geringere Rückfälligkeit in die Straffälligkeit.
Vgl. Nicola Abé, “Gefangen in Freiheit”, der aktuelle SPIEGEL 6/2011 v. 7.2.2011, S.50ff.
ODER
“Darf Strafe so schön sein?” http://www.zeit.de/2009/13/Die-Insel-13

1. Foto Misereor, die folgenden von der JVA Plötzensee in Berlin von René Hanke, das letzte von Andrea Stölzl, München

Wir setzen uns leidenschaftlich dafür ein, dass Menschen, die straffällig geworden sind, einen Weg finden, von Sucht und Kriminalität frei zu werden und ein ganzheitliches, verantwortungsbewusstes und selbstbestimmtes Leben zu führen. Weiter auf der Seite vom Netzwerk für Gefangene SET-Free

Zum Weiterlesen: http://www.engagiert-in-nrw.de/aktuelles/engagement_des_monats/engagement-des-monats/2010_08/index.php

12. Station Jesus stirbt am Kreuz

Durch das Stacheldrahtkreuz des Konzentrationslagers Dachau sehen wir auf die orthodoxe Gedächtniskirche mit dem hohen Standkreuz.

Jesus, hinter dem Stacheldraht vom KZ Dachau steht neben der orthodoxen Gedächtniskapelle eine Erinnerung an Deinen Tod am Kreuz vor 2000 Jahren. Die Geschichte der Gewalt und Vernichtung setzt sich immer weiter fort. Über fünfzig Kriege werden weltweit zurzeit geführt. Sie fördern auch Deutschlands Wohlstand: als einer der größeren Waffenexporteure in der Welt. Doch die Kriegsbilder sind uns unerträglich. Wir sehen lieber weg und loben andere Qualitäten: unsere gute „deutsche Wertarbeit“ zum Beispiel und das hohe Lohnniveau in vielen Branchen.

Das Kreuz hat viele Formen

und der Tod viele Gesichter

Fotos von Andrea Stölzl und von Judith Gleitze borderline-europe

13. Station Jesus wird in den Schoß seiner Mutter gelegt

Ein vom Tod bedrohtes Kind im Schoß seiner Mutter im ländlichen Indien.

Im Angesicht der Toten bleiben wir oft als Traumatisierte zurück. Der Schrecken Deines unnötigen Todes unter uns wird lebendig, wenn wir vom Tod durch Hunger,
Krieg, Vertreibung, vermeidbare Krankheit, Ausbeutung oder Folter hören. Den Älteren unter uns, die nahe stehende Menschen in einer Bombennacht verloren
haben, oder den Menschen, die vor einem Bürgerkrieg zu uns geflüchtet sind, kommt der Tod immer neu in Albträumen gespenstisch nahe. Traumata brechen in ihnen auf. Grausam ist die Verzweiflung, wenn die Angst vor einer Abschiebung neue, ganz konkrete Todesängste weckt.  weiter im Misereor-Kreuzweg

Jesus, die meisten Deiner Freunde sind angesichts Deines Leides weggelaufen. Sie ertrugen diese Realität der Verlassenheit nicht. Nur wenige trauten sich zu bleiben, auch Deine Mutter. Sie ist Dir in diesem Verhalten ganz nahe, zu dem auch wir uns ermutigen lassen wollen. Getragen von Deiner Barmherzigkeit führt es uns zum Leben und in die Gemeinschaft der Menschen zurück.
weiter im Misereor-Kreuzweg

Die schmerzhafte Realität zuzulassen, ist ein erster Schritt auf dem Weg der Trauer.

Unfrieden setzt sich fest: Traumata

Hier denke ich an einen jungen Mann, der vom Bürgerkrieg im Kosovo traumatisiert zu uns gekommen ist. An ihm habe ich einige der Symptome von Extrem-Traumatisierten hautnah erlebt: Alpträume, Flash-Backs, in denen Teile des traumatisierten Erlebnisses unvermittelt und wie real erlebt werden, ein Vermeidungsverhalten gegenüber Reizen, die direkt oder indirekt mit dem Trauma verbunden sind, Konzentrationsschwierigkeiten, Angstschweißausbrüche und vieles mehr. Nachts konnte er nicht schlafen oder ist schreiend wieder aufgewacht. Er konnte nicht vertrauen und ist immer wieder in Schweiß gebadet gewesen. Lange Zeit ist er vor seiner Traumatisierung geflohen. Wenn die Sprache darauf kam, hat er die Kommunikation abgebrochen und ist weggelaufen. Von ihm kenne ich auch den Satz: „Das ist etwas ganz anderes, das kann keiner verstehen, das ist nicht bearbeitbar.“…
Sehr häufig werden Extrem-Traumatisierte gar nicht erkannt. Viele Faktoren kommen da zusammen: Die Betroffenen fühlen sich an dem Ereignis mit schuldig, schämen sich und vermeiden es, darüber zu reden. Behandelnde Ärzte oder Therapeuten schrecken zurück und reagieren mit Angst und Abwehr, wenn klar wird, dass ihr Patient Schreckliches durch Menschenhand erlebt hat. Sie fühlen die eigene Überforderung und haben nicht genug Zeit, die für eine Behandlung nötig wäre….
Traumata sind wie Zwangsjacken. Man entwickelt Vermeidungsstrategien, um dem Schmerz zu entgehen.

Fotos von Misereor, Andrea Stölzl, München und Katharina Prinz, Neukirchen

14. Station Jesus wird ins Grab gelegt

Weit außerhalb unseres Alltags liegen in der Regel unsere Felder der Toten. Jesus, wir erleben in unserer Gesellschaft ganz unterschiedliche Weisen der Bestattung unserer Toten. Bei den einen wird an die Gestorbenen mit großer Hochachtung gedacht. Bei der Beerdigung anderer begleitet niemand den Toten. Es sind arme Menschen, die keine Reichtümer zurücklassen, mit denen eine Beerdigung bezahlt werden kann. Ihr Leichnam wird verbrannt, in unseren Städten anonym verscharrt und dem Vergessen überlassen. Blumen sind nicht vorgesehen. Bei Dir, Jesus, ist kein Mensch vergessen. Du bist den beiseite Geschobenen nachgegangen. Du hast mit ihnen gegessen und sie geachtet. Deshalb wurdest Du umgebracht. Diese Aufmerksamkeit Gottes sollte nicht Schule machen. weiter im Misereor-Kreuzweg Eine neue Etappe auf dem Weg der Trauer: Das öffentliche Teilen des Schmerzes Manche Beerdigung findet schon zu Lebzeiten statt: Was im Kapitalismus zählt, ist Geldvermehrung. Das Mittel Geld wird zum Selbstzweck, vor dem alles andere in den Hintergrund rückt. Jegliche Art von Ethik spielt beim Erreichen dieses Ziels „Umsatzsteigerung“ oder „Geldvermehren“ keine Rolle: Ob der Gewinn mit Schrauben, Drogen oder Prostitution erzielt wurde, spielt keine Rolle. Ich als Arbeiter werde zum Geldwert, denn nicht der gesellschaftliche Wert meine Arbeit an sich ist wichtig, sondern welchen Ertrag sie am Markt erzielt. Ebenso wenig entscheidend ist es, Qualität zu produzieren. Was zählt, ist möglichst hohen Gewinn zu erzielen. In dem Betrieb, in dem ich viele Jahre gearbeitet habe, galt zum Beispiel die Regel: 20 bis 25% Gewinn musste unsere Arbeit bringen. Alles, was darunter lag, lohnte sich nicht und die entsprechende Arbeit wurde eingestellt. Fotos von Misereor und Andrea Stölzl, München

15. Station Auferstanden von den Toten

Ein Rollstuhlfahrer kommt uns mit ansteckendem Lachen entgegen.
Jesus, brannte nicht unser Herz, als wir Dir im Fremden begegneten, als wir in Deine leuchtenden, ein andermal in Deine traurigen Augen sahen und Deine
zärtliche Berührung entgegen nahmen?
Den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus brannte das Herz, als Du mit ihnen redetest und ihnen als Fremder das Brot brachst (Lk 24,32). Auch wir bemerken Dich mit Deinen Wunden unter uns und erkennen Dich trotzdem oft nicht. Du sitzt in Deinem Rollstuhl und wir sehen über Dich hinweg wie über ein Kind oder einen Bettler, der am Boden sitzt. Wie oft haben wir Dich übersehen?

Der Auferstandene unter uns ist immer wieder neu schön

Fotos von Andrea Stölzl, München

Schlussbemerkungen

Gemeinsamer Gesang:
Halleluja (Troubadour 1079, Unterwegs 167, Himmelsklang 219)
L: Jesus, Du lädst uns ein, über unsere Dummheiten zu lachen, und unser Gefangensein in Strukturen, die unser aller Leben lähmen, sehen zu lernen. Wir wollen Dich anschauen und Dich nicht nur in dem sehen, was Dein Leben einschränkt, und nicht beim Mitleid über Deinen kleinen Aktionsradius stehen bleiben, sondern
die Fülle der Begegnung spüren – über die Rollstühle des Lebens hinaus.
Manche sehen Dich mit Deinem Rollstuhl nur als Verkehrshindernis. Andere würden Dir am liebsten Deine leere Wasserflasche füllen, trauen sich aber nicht in Kontakt mit Dir. Du weißt um unsere vielen hilflosen Kontaktversuche. Darum schenkst Du uns immer neu die Freude Deiner Gegenwart.
Gemeinsamer Gesang: Halleluja
Jesus, von den Wunden unserer Hartherzigkeit gezeichnet kommst Du uns entgegen. Auferstanden vom Tod bringst Du uns die Einladung zum Fest des Lebens und Friedens mit Dir und mit allen Menschen. Du lenkst uns nicht mit Konsumgütern ab, sondern wir dürfen eintreten in die alles durchdringende Freude an der Liebe zu Dir – in welchem Menschen auch immer Du uns morgen entgegenkommst.
Zum Abschluss gemeinsamer Gesang des Liedes von Gott, den wir nicht lassen wollen.
Anregung
Dieser Kreuzweg ist ein Angebot, einige Schritte mit Jesus auf seinem Weg der Liebe unter uns zu gehen. Für die Mitgehenden mag es gut sein, zu einer späteren Zeit gemeinsam auf jene Bilder und/oder Texte zurückzukommen, die ein Nachfragen-Wollen wachgerufen haben. Wenn es in kleinerer oder größerer Runde möglich ist, über die eigenen inneren Bewegungen zu sprechen und vielleicht ins spontane
Gebet zu kommen, dann wird ein neuer schritt ins Leben miteinander möglich. Das kann in verborgenen Bereichen der eigenen Person geschehen, in der Jugendgruppe, in der Familie, im Pfarrgemeinderat, unter Freunden – wo auch immer Gott auf uns wartet.

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Über Christian Herwartz

Arbeiterpriester auf Rente Meine Webseiten: http://christianherwartz.wordpress.com Arbeitergeschwister: arbeitergeschwister.wordpress.com Jesuit - http://www.jesuiten.org/jesuiten-in-deutschland.html geb. 1943 wohnhaft in Berlin allerlei - nacktesohlen.wordpress.com, Begleitet Übende bei Exerzitien auf der Straße siehe: strassenexerzitien.de, nacktesohlen.wordpress.com Schmerz: sexueller Missbrauch - unheiligemacht.wordpress.com, an schmerzhaften Orten stehen bleiben und sich berühren lassen flughafenprozess.wordpress.com
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